Lesedauer: 3 Minuten
Lesedauer: 3 MinutenWenn man älter wird, fällt es einem oft schwerer, sich für Neues zu begeistern – und so war ich im Falle von Betterov quasi „late to the party“. Als ich seinerzeit auf Empfehlung meines besten Freundes zum ersten Mal „Dussmann“ hörte, geschah das eher beiläufig. Ich nahm es nur am Rande wahr und vergaß es ebenso schnell wieder. Als ich es viele Monate später erneut hörte und mir diesmal mehr Zeit nahm, packte es mich sofort und ließ mich ratlos zurück, wie ich all das beim ersten Mal überhören konnte.
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Bei seinem nun vorliegenden zweiten Album gab es diese Verzögerung nicht: „In meinem Zimmer spielen sich Dramen ab“ traf mich sofort – und spätestens mit der Doppelveröffentlichung von „17./18. Juli 1989“ war es endgültig um mich geschehen. Ich, der ich „im Westen“ aufwuchs, konnte mich unmittelbar mit der Fluchtgeschichte identifizieren und fühlte mich zutiefst bewegt. Schon da war klar, dass in diesem Jahr Großes auf uns zukommen würde.
Und nun ist sie also da: „Große Kunst“. Passend dazu beginnt das Album mit einer klassisch instrumentierten „Ouvertüre“. Große Kunst zeigt sich hier aber nicht nur in klassischen Instrumenten, sondern auch darin, ein stringentes Werk zu schaffen und dennoch abwechslungsreich zu bleiben. Diesem Anspruch wird Betterov schon zu Beginn stilistisch voll gerecht. Vom melancholisch ruhigen „Alles nur ein Film“ über das aus der Stille immer wieder ausbrechende „Du hast in mein Herz gemalt“ bis hin zum treibenden „So High“ bildet der erste Akt eine starke, zusammenhängende Dramaturgie.
Zwischen zwei kurzen Intermezzi führt uns der Weg dann zur zuletzt veröffentlichten Single „Papa fuhr immer einen großen LKW“ – ein Paradebeispiel dafür, dass in Musik verpackte, persönliche Geschichten nicht immer in perfekter Reimform verpackt sein müssen, um Eindruck zu hinterlassen – Ein Phänomen, das insbesondere The-Smiths-Fans bestens kennen dürften. Und wie in Morrisseys Texten ist auch hier längst klar, dass es nicht um Fiktion geht, sondern um das Gefühlsuniversum des Künstlers – eines Menschen, der zwar nach der Wende geboren wurde, aber dennoch tief geprägt ist von der Teilung Deutschlands und ihren Nachwirkungen. Jemand, der „immer ein wenig anders war“ (Große Kunst) und dessen Gedanken zwischen Vergangenheit, Gegenwart und einem möglichen Morgen umherschwirren.
Mitte des Albums führt uns Betterov in die Vergangenheit: Mit dem Songduo „17. Juli 1989“ und „18. Juli 1989“ kommen die wohl beeindruckendsten Stücke des Albums zu Wort. Die Lyrics erzählen die Fluchtgeschichte seines Vaters aus der DDR – doch die musikalische Umsetzung ist es, die einen endgültig mitreißt. Man spürt, dass diese Ereignisse auch Jahrzehnte später nichts von ihrer Wirkung auf alle Beteiligten und auf den Menschen Manuel Bittorf verloren haben. Wie so viele findet auch er, wie wir in „Immer die Musik“ erfahren, einen steten Rettungsanker in der Musik – sie ist das, was ihn immer wieder zurückholt und rettet.
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Spannend bleibt auch, wie Betterov Inspiration nicht nur aus dramatischen Situationen zieht, sondern ebenso aus alltäglichen Beobachtungen, die er in treffende Allegorien verwandelt. So etwa im „Mücken Song“, wo das Herumschwirren und der drohende Stich der Mücke zur Metapher persönlicher Verletzlichkeit werden, was sich in den Lyrics „Mein Herz, das du nicht wolltest, pumpt das Blut durch mich. Wenigstens die Mücken um mich freuen sich.“ deutlich zeigt.
Der letzte Song im klassischen Sinne ist das bereits erwähnte „In meinem Zimmer spielen sich Dramen ab“, das noch einmal druckvoll daherkommt und beschreibt, wie vermeintlich sichere Räume und Gedanken sich zuweilen in persönliche Gefängnisse verwandeln können, aus denen man zeitweise entfliehen muss. Diese melancholische Stimmung findet ihre Auflösung schließlich im abschließenden „Epilog“ – einer ruhigen, nachdenklichen Coda, die das Album sanft beschließt.
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Betterovs neues Werk ist wahrlich „Große Kunst“. Das zeigt sich in der im Vergleich zum Vorgänger „Olympia“ nochmals ausgefeilteren Instrumentierung, der Vielfalt der Songs und vor allem im künstlerischen Anspruch des Storytellings. Hier findet jemand einen tief emotionalen Weg zurück in – und vor allem aus – der Vergangenheit, der einen fesselt und nicht mehr loslässt. Nur selten haben mich Alben so sehr berührt und mitgerissen. Für mich ist „Große Kunst“ das bisher wichtigste Album der 2020er Jahre – und das wohl beste deutschsprachige Album seit Caspers „Lang lebe der Tod“.
Tracklist BETTEROV – Große Kunst:
01. Ouvertüre
02. Alles nur ein Film
03. Du hast in mein Herz gemalt
04. So High
05. Intermezzo I
06. Papa fuhr immer einen großen LKW
07. Intermezzo II
08. Große Kunst
09. 17. Juli 1989
10. 18. Juli 1989
11. Sag nicht deinen Namen
12. Immer die Musik
13. Mücken Song
14. Intermezzo III
15. Hier wache ich
16. In meinem Zimmer spielen sich Dramen ab
17. Epilog
Im März 2026 hat man nach der gerade zu Ende gegangenen „Solo am Klavier“-Tour dann auch wieder die Möglichkeit, Betterov live zu erleben, denn dann geht er auf Große Kunst Hallen-Tour.
Termine BETTEROV Große Kunst Hallen-Tour 2025:
04.03.2026 Dresden, Club Tante JU
05.03.2026 Wien, WUK Halle
06.03.2026 Linz, Posthof
07.03.2026 München, Muffathalle
09.03.2026 Stuttgart, Im Wizemann (Club)
10.03.2026 Freiburg, Jazzhaus
12.03.2026 Bern, Gaskessel
13.03.2026 Zürich, Plaza
14.03.2026 Dornbirn, Conrad Sohm
16.03.2026 Nürnberg, Z-Bau Saal
18.03.2026 Köln, Carlswerk Victoria
20.03.2026 Dortmund, Junkyard
21.03.2026 Osnabrück, Botschaft Osnabrück
22.03.2026 Bremen, Kulturzentrum Schlachthof
23.03.2026 Hannover, Pavillon
24.03.2026 Jena, Kassablanca
26.03.2026 Leipzig, Felsenkeller
27.03.2026 Magdeburg, Factory
28.03.2026 Hamburg, Docks
29.03.2026 Berlin, Huxleys Neue Welt
Weblinks BETTEROV
Webseite: www.betterov.de/
Facebook: @BetterovOfficial
Instagram: @betterovmusik
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