“Die Kunst ahmt die Natur auf poetische Weise nach” – Interview mit KARL BARTOS

"Die Kunst ahmt die Natur auf poetische Weise nach" - Interview mit KARL BARTOS
Karl Batos © Philipp Rathmer
Geschätzte Lesezeit: 6 Minute(n)

Hallo Karl, wir hatten schonmal das Vergnügen, uns über dein Buch Der Klang der Maschine zu unterhalten. Das Werk ist auch in englischer Sprache erschienen. Wie war im Allgemeinen die Resonanz zum Buch?

In England war es überwältigend. Bei der deutschen Ausgabe hatte ich leider ein Problem die Deadline einzuhalten. Zum Schluss musste ich extrem viel Gas geben, um diesen Termin nicht zu schmeißen. Nach der Veröffentlichung hier habe ich meine Autobiografie nochmal gründlich überarbeitet und aktualisiert. Und durch die Übersetzung von Katy Derbyshire ins Englische und das Lektorat von David Buckley kam eine weitere Perspektive hinzu. Diese Version wurde von Omnibus Press 2022 im englischen Sprachraum veröffentlicht. Die Resonanz bei Leserinnen und Lesern sowie der Presse war wirklich positiv.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Der Stummfilm, Das Cabinet des Dr. Caligari von Robert Wiene, hat seit seinem Erscheinen 1920 schon einige Künstler inspiriert. Es gibt einige Alben, die das Werk behandeln wie Welcome to the Cabinet von EGOamp oder The Cabinet of Dr. Caligari von The Nursery. Wie bist du auf die Idee gekommen, einen neuen Soundtrack für den Film zu komponieren?

Der Film war bei seiner Premiere eine Sensation und wurde über die Jahre zur Legende. Ich weiß gar nicht, wie viele Doktorarbeiten über ihn geschrieben wurden, weltweit. Und die SZ fasste es neulich in einem Portrait über mich in der Überschrift zusammen: „Der Urknall der Popkultur“. Ich bin seit den 1970er Jahren an der Weimarer Traumfabrik interessiert. Immerhin hat sie Deutschland in aller Welt bekannt gemacht. Damals habe ich mit meinen Musikerfreunden in Düsseldorf Fritz Langs Metropolis in Musik umgesetzt. Dieser Film hatte für uns eine besondere Bedeutung, weil er eine Zukunftsvision der Gegenwart darstellt und ein unglaubliches Bilderbuch ist. Und bei dieser Recherche bin ich natürlich auch auf Das Cabinet des Dr. Caligari gestoßen. Auch dieser Film fasziniert mich, weil er in dieser verhängnisvollen Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg seinen Ursprung nahm. Der Erste Weltkrieg brachte die Industrie des Tötens hervor. Es wurden Maschinen entwickelt, die nur ein Ziel hatten: Menschen massenweise umzubringen. Auf einmal wurden Panzer gebaut, riesenhafte Kriegsschiffe, Unterseeboote, aus Flugzeugen warf man Bomben ab, Flammenwerfer, Maschinengewehre, Giftgas wurde in die Welt gesprüht und, und, und…

Richtig. Was dann später im Zweiten Weltkrieg von den Nazis natürlich leider perfektioniert wurde, muss man ja sagen.

Es ist die Generation meines Großvaters, die das erleben musste. Der Gefreite Adolf Hitler kämpfte ja auch im Ersten Weltkrieg. Da bildete sich sein Charakter. Und diese vom Krieg traumatisierten Menschen finden wir eben in Caligari wieder. Ganz deutlich wird das am Schluss der Geschichte in der Irrenhausszene.

Man sagt, soweit ich weiß, dass angeblich das Ende des Films nicht so geplant war, sondern von den Filmproduzenten gewünscht wurde, dass es doch nur ein Traum war. Wie siehst du das? Wie empfindest du das Ende des Films?

Im Drehbuch wird die Aufklärung eines Verbrechens erzählt und das Monster, der dämonische Dr. Caligari, ist am Ende gefasst. Aber was dann hinzukam, lässt sich nicht so einfach erklären und verstehen. Egal wie oft man ihn sich anschaut, er bewahrt sein Geheimnis. Wer hier wahnsinnig ist und wer nicht, ist eine Frage der Interpretation. Ich denke, das ästhetische Gelingen des Films hat vor allem mit dem Zusammentreffen der Kreativität aller Beteiligten zu tun. Und so brachte das neue Medium Film das erste Kunstwerk einer neuen Art hervor. Für die Massen gemacht, reproduzierbar.

Es ist das Meisterwerk des Expressionismus, das muss man sagen. Diese Kunstrichtung gab es auch in dieser Zeit nicht nur im Film, sondern natürlich auch vor allem in der Malerei. Wie hast du eigentlich versucht, die Atmosphäre und die Stimmung des Originalfilms in Musik einzufangen? Das stelle ich mir unheimlich schwierig vor. Wie bist du da vorgegangen? Hast du dir den Film angeschaut und dir schon Notizen gemacht oder direkt schon Noten beschrieben? Wie bist du an das Thema herangegangen?

Der Film wird seit 100 Jahren als ein Meilenstein gehandelt. Die Frage war – dieses Kunstwerk ist ja ein Stummfilm – wie verwandelt man Stille in Kunst? Ich habe mir zuerst ziemlich viele Gedanken darüber gemacht, wie ich dem Film akustisch begegnen soll. Es ist ja so, der Film ist ein Produkt des 20. Jahrhunderts. Seine Handlung spielt aber im 19. Jahrhundert und in einem Rückblick befindet man sich im 18. Jahrhundert. Also zu Lebzeiten von Johann Sebastian Bach. Das verbindende kulturelle Element dieser Zeiträume war für mich der zeitlose Klangkörper des Sinfonieorchesters. Aber natürlich lässt sich der Klang eines Sinfonieorchesters, das in einem Konzertsaal spielt, nicht mal eben so aufzeichnen. Um diese Musik wirklich zu erleben, muss man sie in Echtzeit in dem Raum hören, in dem sie aufgeführt wird. Was also tun? Wenn man bedenkt, dass die Geschichte eigentlich aus dem psychisch getrübten Geist eines Insassen einer psychologischen Klinik – eines Irrenhauses – entspringt, gelangt man unweigerlich zur Verwandlung. Also wurde das Sinfonieorchester von Mathias Black, meinem musikalischen Partner, und mir synthetisch hergestellt und wird bei der Aufführung über Lautsprecher wiedergegeben.

Wenn man die Musik anhört, hört man auf jeden Fall viele Violinklänge. Hast du dann beim Komponieren direkt über die Liveumsetzung nachgedacht, weil so viele klar orchestralen Elemente drin sind?

Es ist großartig, Stummfilme mit Livemusik vorzuführen. Dafür gibt es viele Vorgehensweisen. Bei uns ist es eben ein transformiertes Sinfonieorchester. Aber es geht weiter… Ein ganz entscheidender Moment war, dass mir das Programmheft „Illustrierter Film-Kurier“ in die Hände fiel. Darin berichtet Claus Groth von den Caligari-Dreharbeiten in den Decla-Ateliers in Berlin Weißensee. Er war gerade in eine Tumultszene geraten, nämlich im Atrium der Irrenanstalt, wo Dr. Caligari in eine Zwangsjacke gesteckt wurde. Es war ein Höllentheater. Alle haben durcheinander geschrien. In diesem Moment kam mir der Gedanke, dass es ja keine künstlerische Entscheidung war, einen Stummfilm zu drehen. Schließlich gab es ja schon seit 1877 die Tonaufzeichnung. Alle hatten damals Phonogramme. Aber seinerzeit waren Bild und Ton noch nicht auf dem Zelluloid vereint und man produzierte notgedrungen Stummfilme.

Genau, man konnte es nicht synchronisieren. Also musste man es dann, im Filmtheater, parallel zu einem Film abspielen.

Ja, und es dauerte noch bis 1927, bis es den ersten Tonfilm gab. Deshalb habe ich alle Sounds, die damals erzeugt wurden, wieder hergestellt und mit ihren ursprünglichen Quellen verbunden. In der Filmtheorie nennt man den Ton, der von Objekten oder Akteuren der erzählenden Welt erzeugt wird, diegetischer Ton. Also Fußtritte, Stimmen, Murmeln, Husten, wenn eine Drehorgel spielt und so weiter. Bei Filmmusik handelt es sich in der Theorie um nicht-diegetischen Musik. Allgemein dient Filmmusik dazu, die Handlung auf der Leinwand verständlicher zu machen, die Stimmungen der Figuren und Situationen mit Tönen zu interpretieren. Darüber hinaus soll sie der zweidimensionalen visuellen Ebene eine weitere, räumliche Dimension geben, die den Film umhüllt und durchdringt.

Oder man hat ein bestimmtes Thema, für Jane zum Beispiel, welches immer wieder vorkommt, um die Personen zu unterstreichen. Das kommt in deinem Soundtrack ja auch vor.

Genau. Das sind diese verschiedene Techniken, die man kennt, wenn man sich mit Filmsound beschäftigt. Aber das Entscheidende war wirklich, etwas zu machen, was ich für einen neuen Ansatz halte.

Ich habe mal eine Frage, die so ein bisschen off-topic ist. Im Moment gibt es da wirklich das große Thema künstliche Intelligenzen. Auch im Musikbereich gibt es da schon Werkzeuge, die Künstlern helfen, ihre Musik zu verbessern oder Vorschläge zu machen, z.B. vom Klang her. Man denkt an das Experiment mit dem Beatles Song Now and Then. Was denkst du, werden Künstliche Intelligenzen bald so weit sein, Komponisten wie dich zu ersetzen? Oder hast du sogar Angst davor?

Nein. Aber die kurze Geschichte des digitalen Universums macht mich schon ein wenig melancholisch. Was wir brauchen ist vor allen Dingen so etwas wie soziale Intelligenz, politisches Denken und künstlerische Empfindung. Das sind Fähigkeiten, die eigentlich gefördert werden müssen. Tja, aber die KI ist schon vor langer Zeit ausgebrochen. Weißt du, wenn ich die Gutenberg-Galaxis, Mona Lisa und Goldberg-Variationen digitalisiere und dann mit Copy & Paste im virtuellen Raum neu zusammensetze, was bringt das wirklich für unser kulturelles Leben? Klar ist, schon immer ahmt die Kunst die Natur auf poetische Weise nach. Die Digitalwirtschaft eignet sich die Werke der Kunstschaffenden an und verkauft es den Menschen in geschredderter und neu zusammengesetzter Form unter dem Etikett Fortschritt. Und was ich absolut unverständlich finde, ist dieser Digitalzwang, der jetzt überall herrscht. Öffentliche Verkehrsmittel oder Geldverkehr nur noch über ein Smartphone regeln zu können, finde ich befremdlich.

Ja, stimmt. Es gibt auch keine Rezepte mehr auf Papierbasis, sondern wenn du zum Arzt gehst, dann speichert dieser sofort ein Rezept auf deiner Krankenkassenkarte.

Genau, also das ist der Digitalzwang, den ich meine. Und diesen Zwang, der mittlerweile in den Schulen herrscht, finde ich höchst gefährlich. Dürfen wir wirklich ein paar Aktiengesellschaften in Silicon Valley die Zukunft überlassen? Das ist eine große Frage…

Und hier bin ich wieder beim Caligari angekommen. Denn oberflächlich ist der Film so etwas wie eine Detektivgeschichte, bei der es sich um die Suche nach der Wahrheit handelt. Dabei geht es vielmehr um das Verschwinden der Wirklichkeit. Auch heute befinden wir uns in einer Welt, in der die Wirklichkeit scheinbar verschwindet. Und die KI ist ein enormer Brandbeschleuniger! Wir erleben viele Wirklichkeiten, die parallel herrschen. Es existieren alternative Fakten. Welche Fakten sind nun echt? All das lässt sich bereits im Film Das Cabinet des Dr. Caligari erkennen.

Vielen Dank Karl für das interessante Gespräch.

Sehr gerne.

Lest hier unsere Rezension zu KARL BARTOS – Das Cabinet des Dr. Caligari (Soundtrack):

KARL BARTOS – The Cabinet Of Dr. Caligari (Soundtrack)

Making-of: Karl Bartos spricht über seinen Soundtrack, DE, 2023

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Termine – DAS CABINET DES DR. CALIGARI (Film und Musik)

10.02.24 Alsdorf, Energeticon (Voraufführung)
17.02.24 Frankfurt, Alte Oper (Uraufführung)
24.04.24 Berlin, Babylon Kino
25.04.24 Berlin, Babylon Kino
26.04.24 Dresden, Rundkino
05.06.24 Hamburg, Laeiszhalle (Schleswig-Holstein-Musikfestival)
06.06.24 Hamburg, Laeiszhalle (Schleswig-Holstein-Musikfestival)

Weblinks KARL BARTOS:

Homepage: https://www.karlbartos.com
Facebook: https://www.facebook.com/OriginalBartos
Instagram: https://www.instagram.com/karlbartosofficial

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