DE KREUNERS – B-Leuven, Heilige Drievuldigheidscollege (23.08.2020)

Fotos: DE KREUNERS
De Kreuners, (c) Nick Müller
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Dass deutschsprachiger Pop und Rock Ende der 70er und dann vor allem in den 80er-Jahren plötzlich so erfolgreich wurde, ist bemerkenswert. Bis dato sang man ja vor allem Schlager in der Muttersprache. Und etwas anderes wollte man wohl auch nicht echt hören. Udo Lindenberg gilt als Vater des deutschsprachigen Rock. Dabei war er nicht der erste. Vorher gab es noch Ihre Kinder, die 1969 ihr gleichnamiges Debütalbum noch selber produzieren mussten. Erst die Neue Deutsche Welle soll dann Tür und Tor geöffnet und das Interesse der Plattenfirmen geweckt haben. Aber wohl auch nur, weil da inzwischen eine Generation herangewachsen war, die auch hören wollte, was vorher Tabu war.

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Peter Maffay hat diese Entwicklung selber durchgemacht. Als junger Kerl sang er 1970 mit Du einen Schlagerhit, der sogar bis über die Grenzen erfolgreich war, und entwickelte sich dann über Country Ende der 70er weiter zum Rock. 1979 erschien sein Album Steppenwolf und verkaufte 500.000 Exemplare. Ein Jahr vorher wurde Marius Müller-Westernhagens Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz berühmt, eine Million Platten gingen über die Ladentheken. BAP konnte 1981 genauso viele Exemplare von Für usszeschnigge! verscherbeln, noch bemerkenswerter, denn im Dialekt gesungen. Und dann war da noch Herbert Grönemeyer, der 1984 mit 4630 Bochum den Durchbruch schaffte und fast drei Millionen davon verkaufte.

Vielleicht ist es viel bemerkenswerter, dass die englische Sprache im Pop und Rock in den ersten Jahrzehnten so dominant war, nachdem es mit Elvis Presley und The Beatles losgegangen war. Und dass sie immer noch so dominant ist. Da musste erst eine neue Generation Musiker kommen, die sich in der Sprache ausdrücken wollte, die ihr im Blut liegt, und eine Generation, die nicht nur Musik hören, sondern auch wirklich begreifen wollte, eine Generation, die sich wörtlich unmittelbar ansprechen lassen wollte, auch von Texten, die etwas anderes erzählten als die der Schlagerwelt. Ob banal oder tiefsinnig, Liedertexte sind doch die einzige Kunstart, die Verstand und Herz so direkt verbindet. Sie sind Gedichte, sind Botschaft, berühren, spiegeln, was man selber kennt, fallen nicht nur in Ohren, sondern auch in ein Herz, das die Musik bereits geöffnet hat, auch wenn elektrische Gitarren den Ton angeben.

“Die flämischen Stones”

Und genau das will man seit den 80ern. Hören, fühlen, begreifen. Und auch nicht nur in Deutschland. Auch die Nachbarländer hatten ihren muttersprachigen Boom in dieser Zeit. In Holland gibt es zum Beispiel Doe Maar. Und in Belgien De Kreuners. Nicht nur De Kreuners, aber vor allem die!

In Belgien werden sie gerne die Flämischen Rolling Stones genannt. Stolz sind die Belgier schon, und das zurecht, aber das ist nichtsdestotrotz ein großer Vergleich. Wir würden da eher an Status Quo denken, denn bei beiden Gruppen sind Spielfreude und Kameradschaft auf der Bühne die Konstante, die jedes Konzert zu einem freudigen Erlebnis machen. Den Spaß, den die Bandmitglieder bei einem Auftritt haben, das Kumpelhafte untereinander, das lassen sie alles raus beim Spielen der rockigen Songs zum Mitsingen. Schlechte Laune? Nerviger Tag? Geh auf ein Konzert von De Kreuners und alles ist wieder gut. Die Frage, ob sie die beste belgische Band sind, können sie selber nicht beantworten: “Aber wir haben mit Sicherheit das beste Publikum!”

Die Band um Sänger Walter Grootaers wurde 1978 gegründet und brachte 1981 ihre erstes Album ‘s Nachts Kouder dan Buiten heraus. Damals war Grootaers vor allem Fan von The Kinks und The Rolling Stones. Sowas in der Art wollte er selbst machen. Britisch klingender Rock, aber in der eigenen Muttersprache, keine Kopie natürlich, sondern mit eigener Identität. Er wollte als Sänger ein Ganzes mit der Gruppe bilden, nicht nach vorne gemixt werden, wie das damals gerne gemacht wurde, so dass man klang wie ein Solo-Artist mit Begleitband. Das große Publikum wurde schnell gewonnen und wuchs und wuchs die nächsten Jahre. Ihr größter Erfolg war Hier en Nu aus 1990, hierauf befanden sich sage und schreibe sieben Hit-Singles, für die Platte fuhr die Gruppe Vierfach-Platin ein.

Erste Auflösung 2012

2012 entschlossen sie sich dann ganz unerwartet dazu, aufzuhören. Den Abschied gab es mit drei ausverkauften Auftritte im Antwerpener Sportpaleis vor insgesamt fast 54.000 Zuschauern. Während diesen Konzerten verkauften sie T-Shirts mit dem Aufdruck “De Kreuners stoppen nooit”, zu deutsch: “Die Kreuners hören niemals auf …”

Schlussendlich entpuppte sich die “Auflösung” aber nur als längere Pause. Nach fünf Jahren Funkstille machten sie Ende 2017 bekannt, dass sie wieder Lust hätten und im nächsten Sommer auf mehreren Festivals spielen würden. Seitdem waren sie zur Freude ihrer großen Fangemeinde wieder unterwegs. 2020 sollte nun das 30-jährige Jubiläumsjahr ihres größten Hitalbums Hier en Nu werden, mit einer remasterten Neuausgabe auf CD und Vinyl, mit neuem Cover und unter dem Titel Nu en Hier. Mehr als 30 Konzerte waren geplant. Und dann kam Corona.

Das Album-Release im August hat geklappt, aber die Feiern für die Masse auf den Festivals und großen Podia fiel natürlich ins Wasser. Sie gingen trotzdem auf Tournee, die kürzeste aller Zeiten, witzelte Grootaers. Ein Auftritt am Samstagabend, einer am Sonntagnachmittag, der dritte am Abend, jeweils vor 200 Leuten, und dann war auch schon wieder alles vorbei. Diese “Anderhalvemetersessies” wie sie hießen, fanden in Löwen gemütlich auf einem Schulplatz statt. Tische und Bänke mit mindestens anderthalb Metern Abstand mit Platz für zwei bis fünf Leute, die sich kennen, eine Mundmaske war Pflicht, es sei denn, man möchte kurz am Getränk nippen, das einem von einem ebenso vermummten Kellner gebracht wird, Aufstehen war verboten. Eine Veranstaltung, die vor einem halben Jahr niemand gewollt und sich noch nicht einmal hätte vorstellen können, brachte an diesem Wochenende die größte Freude, nicht nur auf der Bühne sondern auch im Publikum, das sich sitzend genauso zu amüsieren weiß wie stehend und tanzend auf einer Festivalwiese, alle haben Lust, alle haben Bedarf nach Livemusik nach diesen Monaten in Abgeschiedenheit. Was für ein tolles Konzert!

Mit Corona infiziert

Grootaers war die erste flämische Berühmtheit, die gleich im März Corona erwischte, er lag sogar im Krankenhaus auf der Intensivstation. Aber obwohl beim Sprechen immer noch etwas heiser, hört man beim Singen davon keine Spur, auch nicht bei den hohen Tönen. Die Männer, die heute auf dem Podium stehen, sind bis auf den Bassisten Berre Bergen dieselben des gefeierten Albums. Bergen wurde 2007 durch Axl Peleman ersetzt. Hier en Nu steckt voller Ohrwürmer und hätte leicht chronologisch durchgespielt werden können, wie das heutzutage bei Jubiläen öfter mal gemacht wird, aber De Kreuners entschieden sich für ein bunteres Repertoire.

Sechs der Jubiläumshits finden ihren Weg auf die Setlist, ergänzt mit Songs wie Nee Oh Nee, Vergeet Het Maar oder Layla, alles viele Male bereichert mit kurzen, aber starken melodiösen Gitarrensolos des doch sehr unterschätzten Gitarristen Jan Van Eycken. Der untermalt auch den A-cappella-Moment von Schlagzeuger Ben Crabbe und Bassist Axl Peleman, die normalerweise nur im Hintergrund mit ihren Backgroundstimmen für manchmal wunderschöne Harmonien sorgen und live jetzt die Nummer Meisje Meisje neu verpacken. Und dann kommt Walter Grootaers wieder dazu für einen ihrer größten Hits: Ik Wil Je, ich will dich – und das Publikum wollte vor allem mehr!

Wie objektiv man nach sechs Monaten ohne Live-Konzerte noch wirklich ist, ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich nur bedingt. Andererseits verschärft dieser Entzug möglicherweise auch die Wahrnehmung. Wie auch immer, vielleicht und hoffentlich werden dadurch, dass wegen der Corona-Einschränkungen nur einheimische Gruppen – und die auch nur unter strengen Bedingungen – auftreten können, lokale Musiker und die einheimische Musikszene in allen Ländern mehr geschätzt. Wenige Sektoren leiden unter Corona so, wie der Kultursektor. Aber so hätte das vielleicht und hoffentlich doch noch sein kleines Gutes. Das Album Nu en Hier ist auf jeden Fall ein Tipp für alle, die neugierig sind auf die lokale Szene eines Nachbarlandes, und für die, die guten, schwingenden Rock einfach immer zu schätzen wissen.

AutorIn: Heidi Becker / Nick Müller

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