UFO – Dortmund, Musiktheater Piano (30.07.2019)

Fotos: UFO
UFO, © Nick Müller
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Das Problem ist, dass viele Sachen immer wie selbstverständlich im Leben da sind, wie die Pommes mit Salz, das Feuerwerk an Silvester oder der Ring beim Hochzeitsantrag. Gleiches gilt bei UFO für den melodiösen Hard Rock Liebhaber. Auch wenn man mal mehr als zehn Jahre keine Show gesehen hat – vielleicht gerade aufgrund dieser Selbstverständlichkeit – und dann fällt das weg, was gerade so unzweifelhaft einfach immer da war, da realisiert man erst, wie gut und wichtig es für einen war. Und nicht nur das. Wenn man einem Interessierten kurz und knapp am Beispiel erklären will, was Heavy Metal ist, sagt man einfach Judas Priest. AOR? Das ist Boston. Und Melodiöser Hard Rock? Ja, das ist UFO, und ohne UFO hat man Melodiösen Hard Rock ohne seinen Kern. Das rauschende Keyboard, wie es hier zu klingen hat, die starke melodienreiche Arbeit des Gitarristen, der trockene und kraftvolle Schlagzeugsound in Kombination mit dem soliden Bass, und dann obendrauf die stark durchdringende Stimme des Sängers, die jahrelang so vertraut und selbstverständlich in den Ohren klang. All das sollte eigentlich für immer da sein, das erwartet man naiv wie ein Kinderherz. Aber nichts ist für die Ewigkeit. Denn letztes Jahr kündigte der inzwischen 71 jährige Sänger Phill Mogg an, dass diese Tour 2019 seine letzte sein wird als UFO Frontmann, wobei seine „final tap-dancing appearances with the band“, wie er es selbst humorvoll umschreibt, unter dem Banner „Last Orders“-Tour von der Rolle läuft.

Das letzte Mal sahen wir UFO vor drei Jahren. Damals verdienten sie das Prädikat „sehr gut“. Diesmal aber „noch besser“. Liegt das daran, dass es wirklich so war? Ist das Wissen um den Abschied ein subjektiv verstärkender Faktor? Oder war es Neil Carter, der den kurz nach Beginn der Abschiedstournee völlig unerwartet an einem Herzanfall verstorbenen Keyboarder Paul Raymond ersetzte? Vielleicht liegt es an allen drei Faktoren zusammen. Carter macht auf jeden Fall nicht das erste Mal mit. Als Raymond 1980 die Band verließ, übernahm Carter Keyboard und Gitarre, und war damit Teil der schwer unterschätzten Chapman-Ära. Paul Chapman ersetzte in dieser Periode wiederum Michael Schenker, und in dieser Zusammenarbeit entstanden beeindruckende Alben wie The Wild, the Willing and the Innocent (’81), Mechanix (’82) und Making Contact (’83).

Vinnie Moore ist vom Musikstil her vielleicht nicht der interessanteste Gitarrist aus der Bandgeschichte, dafür aber der beständigste. Er ist seit mittlerweile über 15 Jahren mit dabei und drückt seitdem seinen für UFO eher untypischen, Blues-injizierten Stempel auf, etwas weniger melodiös variiert also, als in der Vergangenheit. Trotzdem bringt Moore die Schenker- und Chapman-Solos von damals völlig authentisch. Wenn man weiß, welche Schwierigkeiten Phill Mogg mit seinen früheren Gitarristen hatte, und jetzt sieht, wie er lächelnd und mit viel Spaß mit Vinnie Moore auf der Bühne steht, dann ist es desto bedauerlicher, dass sie damit aufhören wollen. Es ist außerdem unglaublich, dass Phill Moggs Stimme in all den Jahren perfekt konserviert geblieben ist. So zerbrechlich und verletzlich er inzwischen auch aussieht, seine Stimme ist unverändert stark! Während sich bei vielen seiner Kollegen im Alter gehörig Verschleißerscheinungen an den Stimmbädern zeigen, glänzen die von Mogg unverkennbar wie in alten Zeiten, voller Drama und Spannung.

Es ist gerade das Zusammengehörigkeitsgefühl dieser Besetzung, die Spielfreude, die dieses Konzert deutlich abhebt von den Shows der vergangenen Jahre, als seien alle angesteckt von Neil Carter, der wie ein junger Hund voller Freude hin und her tobt, von seiner Gitarre zum Keyboard und wieder zurück, ein Genuss für Augen und Ohren, und in großem Kontrast zu dem viel ruhigeren Paul Raymond, der auch immer deutlich mehr sein Tastenspiel hervorhob als die Gitarre.

Neil Carter erzählt uns nach dem Konzert, dass er sich überhaupt erst mal wieder eine Gitarre kaufen musste, als er gefragt wurde, ob er sich wieder zu UFO fügen möchte. Im Laden hatte er eine solche Freude über den Sound des neuen Instruments, die hat ihm wohl nicht nur durch die fünf verbleibenden Wochen geholfen, die er nur hatte, um das Material einzuüben, diese Freude hat er auch deutlich mit auf die Bühne genommen.

Höhepunkte herauszusuchen ist hoffnungslos, denn die ganze Show war ein Fest, die viel zu frühe Abschiedsfeier einer Band, die ausgerechnet bei ihrem Abschied noch mal zur Höchstform aufläuft. Aber wenn man Höhepunkte nennen muss, dann sind es ganz klar die unsterblichen Only You Can Rock Me und Love To Love, die nur so explodieren vor lauter Melodienreichtum, und natürlich der Klassiker Doctor, Doctor. Und das Musiktheater Piano in Dortmund mit seiner hervorragenden Akustik ist ein ausgezeichneter Ort für dieses Abschiedsfest, von dem wir uns wünschen, dass es noch Jahre dauern wird. Lasst uns hoffen, dass Neil Carter mit seiner Spielfreude Phill Mogg unerwartet neue Flügel verleiht, um das Raumschiff in Zukunft vielleicht ja doch noch länger stolz am Himmel schweben zu lassen!

Setlist UFO @ Dortmund, Musiktheater Piano (30.07.2019):

01. Mother Mary
02. We Belong to the Night
03. Run Boy Run
04. Venus
05. Lights Out
06. Baby Blue
07. Only You Can Rock Me
08. Burn Your House Down
09. Cherry
10. Love to Love
11. Makin‘ Moves
12. Too Hot to Handle
13. Rock Bottom
14. Doctor Doctor (Z)
15. Shoot Shoot (Z)

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