Interview: AMNISTIA (Tino Claus)

Fotos: NCN (Nocturnal Culture Night) 2020 Special – Amphibühne und Kulturbühne (04.09.2020)
Amnistia, © Thomas Bunge
Geschätzte Lesezeit: 16 Minute(n)

Man erstaunt manchmal, wie lange einen Bands teilweise schon begleiten. So auch bei Amnistia, als Sänger Tino Claus im Interview davon erzählte, wie sie vor 17 Jahren mit der Band angefangen haben. Da horcht man auch als „Hörer der ersten Stunde“ auf. Nun also, 17 Jahre später, hatten Amnistia die Ehre, im Jahr 2020 das NCN Special zu eröffnen. Und somit auch eine Rarität, denn dass es im Jahr 2020 noch Festivals geben würde, hatten selbst die kühnsten Optimisten längst bezweifelt. Wir hatten nach der Show die Gelegenheit, mit Tino über das Festival, die Pandemie, die Band, sein Soloprojekt TC75 (über dessen Auftritt am Folgetag zum Interview-Zeitpunkt noch gar nichts bekannt war) und vieles mehr zu sprechen.

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Zum Einstieg erst einmal gefragt: Ihr habt gerade als Opener gespielt. Wie habt Ihr den Auftritt empfunden? Zu so einer frühen Tageszeit und unter diesen Bedingungen.
Opener-Positionen bin ich gewohnt, das kenne ich ja. Es war schön, es war anders. Wenn du das Festival kennst… Wir sind regelmäßig hier und auf einmal hast du da hundert Stühle vor der Bühne. Das ist schon anders, aber durch die lange Pause war das schon cool. Es sind ja zum Glück auch die meisten aufgestanden und nicht sitzengeblieben. Es ist auf alle Fälle etwas anderes als vor einem unbestuhlten Saal zu spielen, aber ich glaube, man hat auch gemerkt, dass die Leute es gut fanden, dass mal wieder eine Veranstaltung ist.

Das merkt man finde ich auch deutlich. Die Leute gucken beispielsweise viel weniger aufs Handy bei Konzerten inzwischen.
Das ist auch gut so. Ich habe das auch gemerkt. Vor zwei oder drei Wochen hatte ich mit TC75 bereits einen Auftritt mit Hygienekonzept. Das war in einem alten Industriegebäude, auch mit Bestuhlung. Open Air ist das besser. Wenn du in einen Saal reinkommst, in dem 50 Stühle stehen, wo sonst 400 Leute reinpassen, wirkt das schon etwas anders. Aber auch indoor war das cool. Es gehen zwar deutlich weniger Leute rein, aber das war schön.
Also, man soll ja auf Fragen antworten: War gut! (lacht)

Was mir beim Erscheinen des Timetables aufgefallen war und wahrscheinlich auch dem Hygienekonzept geschuldet ist: Es sind immer beide Bühnen exakt parallel. Wie war das für Euch? Denkt man darüber nach? Oder ist es eine Konkurrenzsituation?
Ich denke da prinzipiell überhaupt nicht drüber nach. Ich sage mir immer: Wer auf einem Festival eine Band sehen will, der geht hin. Und wer sie nicht sehen will, der geht nicht hin. Wir haben parallel zu Palast gespielt. Ich kenne die Musik von denen und find sie super, ich hab sie mal als Vorband von Camouflage gesehen. Das ist wirklich schöner Synthpop. Wave mit 80er Jahre Einschlag. Ich hoffe, ich tu ihnen jetzt kein Unrecht, aber ich finde es geht in die Richtung. Ich mochte das bei dem Konzert und glaub auch nicht, dass das eine „Konkurrenzveranstaltung“ ist. Wir sind ja eher die Elektros, da denke ich nicht drüber nach. Ich fand es eher bemerkenswert, dass es die ganze Zeit voll geblieben ist. Ganz hinten ist es klar, dass man einen Austausch hat, aber vorne war das gut.

Wir hatten jetzt schon das Thema, dass lange keine Konzerte waren. Wie habt Ihr das empfunden in den letzten Monaten? Das zieht sich ja alles schon seit März.
Für uns war das schon ziemlich bitter. Nicht von der finanziellen Seite her, weil die Band unser Hobby ist. Aber es wurden insgesamt sieben Konzerte abgesagt und das Ärgerliche für uns war halt, dass da eine kleine Tour im Baltikum dabei war mit Litauen, Lettland und Kaliningrad in Russland. Die drei Shows sind geplatzt, unsere erste Frankreich-Show ist dadurch geplatzt und dann noch zwei drei Konzerte in Deutschland. Da wir ja eigentlich sowieso nicht so viele Konzerte im Jahr spielen, ist das schon krass. Wir haben dieses Jahr drei Konzerte. Wir haben zum Glück im Februar noch zwei Konzerte gehabt, bevor alles zu war. Daher haben wir dieses Jahr schon drei Shows gespielt und sind wahrscheinlich da schon ganz vorne mit dabei.
Das war aber schon bitter für uns, dass gerade so besondere Sachen ausgefallen sind. Auslandsshows sind wahrscheinlich auch für alte Hasen besonders. Der Großteil der Szene findet ja in Deutschland statt und von daher sind Auslandsshows immer etwas Besonderes. Wenn die wegfallen, ist das doppelt ärgerlich. Aber es ist alles nachvollziehbar, es ist alles für uns verständlich, dass das so gemacht wurde mit den Grenzschließungen etc. Wir versuchen, das nachzuholen. Ob es klappt, werden wir sehen, wir müssen das Beste draus machen.

Interview: AMNISTIA (Tino Claus)
© Helge Roewer

Wie geht man da in der Planung mit um? Ich habe zum Beispiel viele Bands gesehen, die jetzt ganz optimistisch noch Tourdaten in Februar und März legen.
Ich persönlich glaube, dass es im Februar/März noch keine Indoor-Konzerte geben wird. Das ist meine persönliche Meinung, da kann ich mich auch irren. Ich würde mich gerne irre, aber ich glaube es ehrlich gesagt nicht. Das ist die Frage der Perspektive. Die Bands, die jetzt Tourneen ankündigen, bestreiten zumindest zum Teil ihren Lebensunterhalt dadurch. Die Veranstalter lechzen natürlich auch nach jeder Veranstaltung. Die haben seit März keinen Euro verdient. Wenn man sieht, wie verzweifelt die Branche nach Optionen sucht, wie Autokino-Konzerte, Strandkorb-Festivals, jetzt haben sie in Gelsenkirchen das Zirkuszelt, wo bis zum Jahresende ganz viele Shows stattfinden. Das zeigt, dass die, die davon leben, ein Stück weit verzweifelt sind. Überleg dir mal den Irrsinn: Eine Live-Band stellt sich in ein Zirkuszelt und über Kreuz ist jeder zweite Stuhl nicht besetzt, damit das Hygienekonzept eingehalten wird und die rennen denen die Bude ein. Das ist ja schon ein Zeichen dafür, dass es echt arg ist, was momentan abgeht und dass die Leute eine große Sehnsucht danach haben.
Ich muss ehrlich für ich persönlich sagen: Klar, dass die Konzerte von uns abgesagt wurden, fand ich schade. Ich finde es auch blöd, dass einige Konzerte, für die ich Karten hatte, verschoben wurden. Für die Pet Shop Boys habe ich z.B. Karten, die find ich immer noch gut. Dass das jetzt ein Jahr später stattfindet, ist natürlich auf der einen Seite sehr bitter, ich muss aber auch sagen, dass ich noch nie so viele freie Wochenenden wie in diesem Jahr hatte. So blöd das klingt.
Ich musste nun nicht überlegen, was ich mit meiner Freizeit mache, aber es war schon irgendwie eine bizarre Situation: Du hast die ganzen Wochenenden quasi frei oder Zeit, aber kannst auch nirgends hinfahren. Ich konnte z.B. meine Eltern in der Nähe von Chemnitz nicht besuchen, da konnte ich nur telefonieren. Ich hätte jedes Wochenende hinfahren können, aber es ging ja durch die Kontaktbeschränkungen nicht. Wenn man die Familie in der Stadt hat, kann man sich ja trotzdem irgendwie mal im Park treffen oder so, aber besuchen war schlecht. Ich habe meine Eltern jetzt von Ende Januar bis Ende Mai gar nicht gesehen. Manche würden sich da vielleicht freuen (lacht), aber ich mag meine Eltern und fand das von daher schon schräg. Das ist zum Teil auch nicht greifbar. Du weißt genau, dass es gefährlich ist und einen schlimmen Verlauf nehmen kann, aber es kann auch sein, dass du nur ein Kratzen im Hals hast. Im schlimmsten Fall stirbst du dran. Dann kommt immer die tolle Frage von den Gegnern der Maßnahmen: „Wie viele kennst du denn, die krank sind?“ Ich kenne eine Person, aus dessen Freundeskreis tatsächlich jemand gestorben ist und ich kenne auch zwei Leute, die das mit Tests bestätigt hatten. Beim einen war es ein positiver Befund, aber dem tat bloß mal die Mandel weh, die zweite war eine Kollegin von mir, da lag die gesamte Familie 14 Tage lang dermaßen flach… Die mussten nicht auf die Intensivstation und mussten nicht beatmet werden, aber eine Grippe wäre schön gewesen, um es mal so zu sagen. Das war der Klassiker: Die kam aus dem Ski-Urlaub in Österreich. Waren hingefahren, dann hieß es „das ist ein Risikogebiet, komm wieder”, und dann ging der Mist los.
Die Leute, die sagen, dass es diese Krankheit nicht gibt, kann ich nicht verstehen. Es gibt diese Krankheit, diesen Virus. Wenn man schaut, was in Italien und Spanien los war, ist das nicht ohne. Lieber setze ich dann eine Maske auf und helfe damit. Mir bricht keiner ab, wenn ich mir die aufsetze und damit über das Festivalgelände laufe oder in den Supermarkt gehe. Aber ich weiß auch nicht, wie es ist, wenn ich damit zehn Stunden im Laden stehen muss. Es ist eine schwierige Situation und einige Branchen leiden extrem drunter.

Würdest Du denn sagen, dass die Kultur- und Musikbranche etwas mehr Unterstützung verdient gehabt hätte?
Auf jeden Fall! Ich bin ja auch Teil davon. Aber aus staatlicher Sicht muss man sagen, dass es diese böse, überstrapazierte Wort „Systemrelevanz“ gab. Ich sag es mal ganz krass: Wenn jetzt ein Krieg ausbricht oder eine Seuche und komplett ausbricht, ist eine Theaterveranstaltung oder ein Konzert das letzte, worum es geht. Klar ist es für die Unterhaltungsbranche hart. Das betrifft ja nicht nur die Konzertbranche, das betrifft alle: Zirkus, Kleinkunstbühnen, Lesungen, Theater, Kino, Diskotheken, Bars, das ist ja alles. Die haben seit einem halben Jahr keinen Euro verdient. Dass jetzt der Staat sagt, es gibt ein Hilfspaket und ihr könnt Soforthilfe beantragen, ist ja alles schön und gut, aber wenn Du das dann noch einmal genau anguckst: Die meisten, die in der Branche arbeiten, werden für Tournees, Veranstaltungen und Projekte engagiert, kriegen einen fixen Betrag und sind quasi selbstständig. Was will man denn als selbstständiger Alleinunternehmer an Unternehmenshilfe beantragen? Du brauchst die Kohle, um die Miete zu bezahlen oder einzukaufen. Dafür darf man die Hilfe eigentlich gar nicht verwenden. Das ist die Crux dabei. Die, die das entschieden haben, wer Hilfen bekommen kann, die mussten natürlich irgendeine Regel festlegen und sich da was ausdenken. Ich bin mir auch sicher, dass da Milliarden ausgegeben wurden. Ich arbeite beruflich auch in der Finanzbranche und habe gesehen, wie viele Leute diese Soforthilfe bekommen haben. Da ist schon massiv Geld geflossen, das darf man nicht vergessen. Dass die dafür eine Regel aufstellen, wer Anspruch hat und wer nicht, ist klar. Irgendeiner fällt immer runter. Wir können ja froh sein, dass es gemacht wurde. Es gibt auch Länder, da ist überhaupt nichts geflossen. In Kroatien oder Slowenien hat das glaub ich überhaupt keinen interessiert, was da mit den Selbstständigen ist. Ich find das natürlich ziemlich scheiße, wenn du dann siehst, dass die Clubs um ihre Existenz kämpfen. Du hast eingangs gefragt, ob das Auswirkungen hat: Ich glaube, hier wird eine massive – wie man das so schön sagt – „Marktbereinigung“ stattfinden. Viele Clubs werden das wahrscheinlich nicht schaffen, so lange ohne Unterstützung zu überleben. Es werden auch viele Musiker oder Künstler – das betrifft ja auch Schauspieler, es wurden Filmpremieren verschoben – vielleicht überlegen, ob sie die schöngeistige Tätigkeit aufgeben und in einen Nine-to-five-Job wechseln. Die müssen ja auch irgendwie leben. Da werden viele aufgeben. Ich werde nicht sagen „auf der Strecke bleiben“, aber es werden viele aufgeben müssen, weil es einfach auf Dauer nicht geht. Auf der einen Seite kann man sagen, dass das natürlich Mist ist, wenn da viel wegbricht, auf der anderen Seite ist es aber auch eine Chance, dass neuer Input kommt. Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll. Es ist ja schon so, dass es einen Underground gibt, der auch mal abseits von den großen Festivals stattfindet. Die machen das eh schon als Hobby. Dass sich vielleicht in die Richtung wieder neue Wege öffnen. Für Veranstaltungen wird es in Zukunft auf jeden Fall nicht einfacher. Viele Clubs machen zu. Und wenn sich die Leute daran gewöhnt haben, dass ein halbes Jahr Ruhe ist, ist es ganz schwer, dass in der Nachbarschaft wieder ein Konzert stattfindet. Es wird nicht einfacher.

Interview: AMNISTIA (Tino Claus)
Amnistia, © Thomas Bunge

Trotzdem gibt es immer noch einen Haufen unvernünftiger Leute, Du hast es ja auch schon angesprochen. Ist es Dir wichtig, Dich da als Musiker und Künstler klar zu positionieren? Ich frag, weil ich es bei Dir auf Facebook sehr offensiv kommuniziert sehe.
Prinzipiell versuche ich, bewusst zu posten und mich zu äußern. Ob das Politik ist oder Corona. Es ist mitunter aber wirklich schwer, wenn du etwas liest und das aus deiner Sicht ein bestimmtes Schwachsinns-Level übersteigt, da muss ich dann einfach etwas zu schreiben. Es ist immer schwierig, über Politik zu diskutieren und ich finde, es ist noch schwieriger über das Thema Corona-Auflagen zu diskutieren. Das ist unglaublich schwierig und ein unglaubliches dünnes Eis, auf das man sich da begibt. Auch wenn wir als Band nur eine kleine Leuchte sind, haben aber festgestellt, dass wenn wir uns zu einem Thema positionieren. Wir hatten mal, weil wir bekennend keine großen Freunde der AfD sind, dieses „FCK AFD“ in unserem Profil. Da hatten wir überlegt, ob wir das machen, haben uns gesagt „okay, wir machen das jetzt“, das hat uns auf Facebook dann 10% Follower gekostet. Von daher kann ich auch jede Band verstehen, die defensiv damit umgeht und sich gar nicht äußert. Aber wir sagen uns, dass ruhig jeder wissen kann, wie wir ticken. Der Witz an der Sache ist auch, dass mich viele als links wahrnehmen. Ich seh mich persönlich überhaupt nicht links. Es gibt ein paar Themen, die sind mir wichtig, das ist Umweltschutz oder sowas, aber ich bin beispielsweise nicht gerade der größte Humanist. Ich glaube auch dran, dass sich das irgendwie lohnen muss, wenn man arbeiten geht, das sind jetzt nicht die klassischen linkspolitischen Themen. Daher bin ich da immer etwas verwundert. Wir kriegen ja auch Nachrichten. Was da manchmal für Sachen kommen, da frage ich mich dann auch: Wo kommt das jetzt her? Wir haben unseren Standpunkt, das drücken wir auch in unserer Musik aus. Ich glaub auch, dass wir ein Stück weit politische Texte machen und auch unsere Meinung zu bestimmten Themen sagen. Wir machen da keine kryptische Geschichte draus und sagen auch mal ja, das finden wir blöd und das finden wir super – und das kommt dann gut an oder schlecht. Wenn man etwas sagt, muss man damit rechnen, dass das jemand gut oder schlecht findet. Ich persönlich ticke so, dass ich etwas sage, wenn mir etwas gegen den Strich geht. Ich überlege aber trotzdem, wie ich es sage und lese mir das auch zwei dreimal durch, bevor ich das abschicke. Wenn man gerad einen Hals hat oder total emotional dabei ist, kann das nach hinten losgehen. Die Leute interessiert dann auch nicht, ob du das als Person schreibst, die sehen nur: Das ist ja der Tino und dann ist auch automatisch die Band Mist. Dessen sollte man sich auch bewusst sein, aber das ist uns auch ein Stück weit egal. Wir stehen dazu und das ist gut.
Ich finde es persönlich gut, dass es Leute gibt, die das offen machen, ich kann aber auch die verstehen, die defensiv sind und sich sagen, dass sie versuchen, ihr Bandprofil politikfrei zu halten. Es kann Nachteile haben, egal in welcher Branche das ist.

Würdest Du denn sagen, dass Themen wie diese auch als Inspiration in die Musik einfließen?
Auf jeden Fall! Ich bin sowieso nicht besonders gut darin, einen Text über schöne Sachen zu schreiben. Ich schreibe meistens einen Text, wenn mich irgendetwas aufregt. Als wir die letzte Amnistia-Platte gemacht haben, war ich offensichtlich sehr häufig zornig. Das ist eigentlich nicht sehr lebensbejahend, was wir da gemacht haben, aber ich glaube, das macht es auch ein Stück weit ehrlich. Wir haben einen Song gemacht darüber, dass sich die Menschheit auf kurz oder lang selbst zugrunderichtet. Oder mein großer Freund aus Übersee, der Herr Trump, den muss ich bloß sehen, dann krieg ich schon einen Hals. Aus solchen Situationen entstehen Songs. Wenn mich irgendetwas ärgert oder stört. Meistens sind die Texte, die Stefan oder ich schreiben, nicht primär positiv. Das sind schon eher Sachen, die uns stören, die wir dann thematisieren.

Wenn Du jetzt so eine Inspiration hast: Woher weißt Du, für welches Projekt es sich besser eignet? Das Solo-Album als TC75 ist ja jetzt auch in den Startlöchern.
Das ist eigentlich für mich nicht sehr schwer zu trennen. Es ist nicht so, dass ich mich hinsetze und einen Text schreibe. Es ist so, dass eine Idee oder ein Thema kommt, da mache ich mir erst einmal ein paar Notizen. Wir haben sowieso unglaublich viele Texte und es fehlt uns an Musik momentan. Ich setze mich nicht jeden Tag hin und zerbreche mir den Kopf, dass ich wieder Musik machen müsse. Es ist eher so, dass ich eine Idee habe, den Laptop anmache und gucke, dass ich eine Skizze mache. Dann kommt relativ schnell der Punkt, an dem ich erkenne, ob das was für Amnistia wird oder eher etwas für das Solo-Projekt ist. Beim Solo-Projekt sind es in dem Sinne auch keine Songs. Bei Amnistia haben wir ja schon viel Melodie, was bei den Solo-Stücken nicht so ist. Ich hab eher kurz und prägnant einen Loop und der Song ist nach drei Minuten vorbei. Deswegen sind die Texte dahingehend auch grundverschieden. Bei Amnistia ist da eher eine Story oder ein Thema, das transportiert wird, bei den Solosachen können es auch mal nur vier fünf Worte als Slogan sein und dann ist der Song vorbei. Das ist nicht so, dass ich von vornherein sage, ich schreibe für TC75 oder für Amnistia, aber das merkt man dann schon irgendwie.
Wir können das sowieso nicht steuern. Wenn wir uns vornehmen würden, wir machen einen total poppigen Song oder so, dann klappt das sowieso nie. Wir sind ja auch keine Komponisten. Ich würde mich nie als Komponisten bezeichnen. Ich kann ganz gut auf einer Bühne rumlaufen, aber ich würde auch nie sagen, dass ich ein Sänger. Ich kann kein Instrument spielen, ich hangel mich da ein bisschen per „Trial und Error“ durch. Stefan hat über die Jahre das ganz gut hinbekommen und kann inzwischen ein bisschen Keyboard spielen (lacht). Also würde ich mich persönlich zwar als Musiker sehen, aber nicht als Komponisten.

Interview: AMNISTIA (Tino Claus)
Amnistia, © Thomas Bunge

Du hast die Drei-bis-vier-Minuten-Stücke des Solo-Albums angesprochen, aber mit Obituary ist ja auch ein längeres dabei…
Am Ende sind es dann fast 40 geworden. Das war so eine Schnapsidee. Ich hatte auf dem letzten Album einen Track, der war 20 Minuten lang, das war so eine Art Soundtrack. Ich weiß auch gar nicht, wie ich draufgekommen bin. Ich hatte einen Song, der geht zwei Minuten, der nur eine Zeile hatte: „In the long run we are all dead.“ Also auch sehr lebensbejahend. Da hatte ich die Idee, dass ich die zwei Minuten als Song habe und den Rest wie eine Reprise oder als Outro habe. Ich habe dann einige befreundete Musiker gefragt, ob sie die eine Zeile in ihrer Muttersprache einsingen oder einsprechen können. Ich dachte, vielleicht komme ich dann auf insgesamt zehn Minuten. Am Ende waren es 15 Gaststimmen in 13 verschiedenen Sprachen und dann dachte ich mir, als wir schon bei einer Viertelstunde waren: Okay, das ist jetzt eh schon ganz schön strange und total kaputt, jetzt setzen wir dem noch die Krone auf. Ich habe noch Fernsehnachrichten aus den 80ern von Katastrophen rausgesucht – Erdbeben, Vulkane, Fluten, Atomunfälle… Covid-19 habe ich mal bewusst rausgelassen. Ich hab das alles mit reingebracht, geschichtet, geschichtet, geschichtet, dann war das irgendwann 40 Minuten lang. Ich weiß, dass man sowas eigentlich nicht macht, weil das völliger Stumpfsinn ist, den sich vermutlich nur ein Bruchteil der Leute überhaupt anhört, aber ich denke mir, dafür ist so ein Album ja auch da, dass man so einen Spaß mal machen kann. Viele machen heutzutage nur noch EPs. Was auch vollkommen okay ist, das kann ich völlig verstehen. Da macht man vier oder fünf Lieder und sagt, es ist abgeschlossen und kann raus. Manche machen sogar nur Singles mit einem oder zwei Songs drauf. Aber ich denke mir, wenn man schon ein Album macht, kann man so einen Spaß auch mal machen. Ich finde das auch cool, dass die ganzen Leute mitgemacht hab – ich hab denen auch erklärt, dass das eigentlich total crazy ist und sie haben trotzdem mitgemacht. Dirk Ivens zum Beispiel, der muss nun wirklich keinem mehr was beweisen, fand das total super und hat auf Niederländisch dazu beigetragen, dazu habe ich Spanier, Ungarn, Franzosen… Es ist ein richtig schöner Irrsinn und ich bin froh, dass wir das gemacht haben.

Hast Du mit dem Album eine Erwartungshaltung? Oder ist die Erwartung im Grunde schon damit erfüllt, es so rauszubringen?
Gewissermaßen schon. Das ist ja mein Soloprojekt und ich mache das aus Spaß an der Freude. Das ist natürlich schon so, dass das Soloprojekt mehr Aufmerksamkeit dadurch bekommt, dass einige Leute Amnistia kennen. Das ist schon klar. Wir sind jetzt ja schon ein paar Jahre dabei und das ist natürlich ein Vorteil. Wäre ja auch Blödsinn, diese Reichweite nicht zu nutzen. Aber ich finde es am Ende immer lustig. Wir machen ja auch bei Amnistia nur das, wie es gerade entsteht und es klingt ja nicht immer alles gleich bei uns – zumindest denke ich das mal (lacht). Die, die uns kennen, finden gut, dass wir uns verändern. Es klingt von Album zu Album anders und das ist bei den Solosachen auch so. Das ist schon ein Stück weit schräger als Amnistia, aber auch da gibt es Leute, die das total super finden. Das ist vielleicht nicht die Neuerfindung des Rades, aber die finden das gut und das ist für mich am Ende die Hauptsache. Die Platte kommt bei einem Label in Russland raus und so lange mein Labelboss dort der Meinung ist, dass das für ihn okay ist und dass sich das für ihn lohnt, ist das eigentlich vollkommen fein alles. Ich habe persönlich keine Erwartung daran. Ich mache das einfach und wenn ich am Ende Feedback kriege, dass das jemandem gefällt, ist das gut, aber davon hängt mein Seelenheil jetzt nicht ab.

Das Solo-Album kommt jetzt, ihr habt mit Amnistia hier gespielt… Wie geht es denn da weiter? Seid Ihr da schon aktiv am Schreiben oder Aufnehmen?
Ja, sind wir. Wir sind da ein bisschen gegen den Strom. Wir haben festgestellt, dass in der Corona-Pause einige Bands schon zwei Alben fertiggestellt haben, weil die den ganzen Tag Zeit haben, Musik zu machen. Das ist bei uns leider nicht der Fall. Wir haben aktuell glaub ich dreieinhalb Songs. Oder sagen wir zweidreiviertel. Wir sind dabei, aber wir sind weit davon entfernt, irgendetwas fertig zu haben. Wir wollen uns da keinen Druck machen. Wir arbeiten ständig an Sachen, aber nachdem das letzte Album rauskam, das waren ja eigentlich zwei Alben auf einmal mit dem normalen Album und der Bonus-CD, das waren am Ende 18 Songs, hatten wir echt keine Idee mehr. Das war viel Arbeit, das war zeitintensiv, das fertig zu kriegen, auch mit der Box. Ich habe dann tatsächlich fast ein halbes Jahr den Laptop nicht eingeschaltet. Also den Laptop schon, aber nicht, um damit Musik zu machen. Das war keine Blockade, wir haben einfach keinen Antrieb gehabt, Musik zu machen. Dann ging es so langsam wieder los. Man beginnt dann aber, zu hinterfragen… Aber wir sind dabei, und wir sind dabei und sind guter Dinge, dass wir auf kurz oder lang da auch wieder ein Album zusammenkriegen.

Kann man schon eine Richtung abschätzen, wo es musikalisch hingeht?
Ich hoffe, dass das wieder nach uns klingt. (lacht) Das, was wir bis jetzt haben, klingt wieder anders als das, was wir zuletzt gemacht haben, aber es wird in derselben Nische sein. Es wird immer dunkler Elektro bleiben und sein. Ich glaube, wir können gar nichts anderes. Man kann dann schon Amnistia erwarten, wenn das draufsteht.

Interview: AMNISTIA (Tino Claus)
Amnistia, © Thomas Bunge

Ist das denn nach all den Jahren immer noch was Besonderes, zu zelebrierendes, wenn ein Album rauskommt? Hintergrund der Frage ist: Ich habe ein wenig in Eurer Timeline gescrollt und Ihr „feiert“ dort die Geburtstage der Alben.
Es ist schon was Besonderes. Man muss sich das vielleicht so vorstellen: Als wir damals angefangen haben, Musik zu machen, was jetzt auch schon 17 Jahre her ist, haben wir rumgestümpert und waren der Meinung, wir müssten unbedingt eine Band gründen und allen zeigen, was wir können. Dabei konnten wir eigentlich gar nichts, wie das vermutlich bei allen Bands so ist am Anfang. Auf einmal hatten wir einen Plattenvertrag und hatten auf einmal eins zwei drei CDs draußen. Das ist viel mehr als man sich denkt am Anfang. Es geht im Endeffekt darum: Wenn man ein Album fertig hat, dann ist das abgeschlossen. Man ist damit fertig und erleichtert, froh, dass man es geschafft hat. Wenn man mit dem Ergebnis zufrieden ist, kann man das ja auch mal feiern.
Dieses Zelebrieren der Album-Geburtstage, was Du sagst, hat ja auch ein Stück damit zu tun, dass man auf Facebook und Instagram auch im Gespräch bleibt. Dass man quasi mal wieder was postet, auch wenn es eigentlich gar keine News gibt, dass man sagt: Okay, wir haben heute vor zehn Jahren ein Konzert gespielt, oder wir haben heute vor acht Jahren eine Platten rausgebracht oder einen Remix gemacht… Dass man einfach sagt „ja, wir leben noch, uns gibt’s noch“. Es ist heutzutage unglaublich eigenartig: Für die Konsumenten ist das durch die ganze Streaming-Geschichte, sei es YouTube, Spotify, Apple, Amazon noch niemals so einfach gewesen, an alle Musik ranzukommen, die es gibt. Für den Hörer oder den Konsumenten für nahezu kein Geld, zehn Euro im Monat ist da ja nichts. Aber im Umkehrschluss war es für eine Band auch noch nie so schwer, Hörer zu finden. Die meisten Leute, die diese digitalen Angebote wahrnehmen, nutzen das eher wie ein Radio. Die machen eine Playlist an oder schalten den Rechner an und sagen „okay, ich hab heut mal Bock auf 80s“. Dann wird eine Playlist oder ein Internet-Radio angemacht. Ich glaube, die wenigsten Leute, die aktiv das Streaming nutzen, nehmen das, um zu suchen, ob sie neue Bands finden. Das ist eher bei denen, die noch Tonträger kaufen oder einen Download kaufen. Das ist das Schräge dabei. Die junge Generation konsumiert Musik glaub ich komplett anders. Denen geht es eher um Party. Es gibt bestimmt immer Leute, die einen bestimmten Künstler verehren. Aber diese schrägen Auswüchse, wie wir das damals hatten, dass wir tagelang vorher darauf hingefiebert haben, wenn übermorgen das neue Album kommt und man dann in den Laden rennt, sich hinsetzt, das Booklet durchliest, die Texte zu interpretieren versucht, das ist alles nicht mehr zeitgemäß. Das machen bestimmt noch welche, aber die sind echt in der Minderheit. Musik ist ein Konsumgut geworden, das überall greifbar und verfügbar ist. Du musst ja nicht mal Geld ausgeben. Bei YouTube kann man die Alben umsonst hören und brauchst nicht mal einen Account. Das Musikhören und Konsumieren hat sich dermaßen verändert und das ist auch nicht mehr reversibel. Das Geld wird auf der Bühne verdient und das findet im Moment eben nicht statt.

Das waren meine Fragen. Zum Schluss die Frage nach dem kurzen Ausblick: Über Album und Tour haben wir gesprochen. Gibt es sonst noch etwas, mit dem man bei Euch in nächster Zeit rechnen kann?
Dieses Jahr haben wir überraschenderweise kein Konzert mehr. Wobei es noch einen theoretischen Termin am 05. Dezember in Berlin gibt, aber ich denke, der wird nicht stattfinden. Es ist auch dieses Jahr nicht mit einem Album zu rechnen. Wir hoffen, dass wir nächstes Jahr die Auslandskonzerte nachholen können und dass wir auf dem einen oder anderen Event, vielleicht auch Festival spielen können. WGT wird es nicht, da ist das Line-Up ja quasi komplett gewandert, NCN könnte höchstwahrscheinlich sein, da das Line-Up ja auch komplett gewandert ist. Ansonsten haben wir keine Termine und werden sehen, was passiert.

Weblinks AMNISTIA:

Homepage: www.amnistia.de
Facebook: www.facebook.com/AMN.official

Bilder: Thomas Bunge (Ausnahme Bild 2: Helge Roewer/hr-pictures.de – vielen Dank fürs freundliche Zurverfügungstellen!)

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