I LIKE TRAINS – Kompromat

I LIKE TRAINS - Kompromat
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8.5

Gesamtnote

8.5

The truth is no longer concerned with the facts

Kunst ist politisch. Kunst ist Haltung, muss Haltung sein. Was nicht bedeutet, dass Kunst die eine oder andere Position beziehen muss oder das Lied eines Positionsinhabers singen sollte. Dann ist sie korrumpiert. Aber sie muss eine Haltung haben. Denn viel zu oft korrumpiert sie sich fĂŒr die Haltungslosigkeit, opportuniert fĂŒr den Jedermann, ist ein hĂŒbsch bestĂŒcktes Warenregal,  wo jeder fĂŒr sich und sein Weltbild etwas Passendes findet. Ein gutes Beispiel ist die NDH-Schlagerkombo Rammstein, denen mit der Single Deutschland im letzten Jahr eine solches Wunderwerk der Gesinnungs-Beliebigkeit gelang. Es gibt aber auch andere, gegenteilige Beispiele wie das (noch) aktuelle Album The Urgency Of Now der Post Goth Institution Whispers In The Shadow, die von der Dringlichkeit des Zeitgeschehens in Österreich und aus eigener Betroffenheit ein knallhart politisches Album schrieben. Oder die noch frische Band KhĂŽrada, die auf ihrer ganz eigene Art Zorn und Wut ĂŒber jĂŒngere Entwicklungen in den USA in Salt einfließen ließen. Nicht weiter mĂŒssen hier KĂŒnstler*innen erwĂ€hnt werden, die immer schon politisch aktiviert waren und ihren schöpferischen Auftrag auch als einen der politischen Haltung verstanden haben. Nie haben wir das mehr gebraucht als jetzt. Und nie, so mein Eindruck, erscheinen KĂŒnstler*innen aktivierter und sensibilisierter als gegenwĂ€rtig.

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The truth has over one hundred million views

Und so sind auch I Like Trains (bzw. iLiKETRAiNS) wieder aus der Versenkung aufgetaucht. Was Studioalben angeht, hat man von den Briten aus Leeds seit acht Jahren nichts mehr Neues gehört. The Shallows kam 2012 heraus. Ihren letzten musikalischen Beitrag lieferte das Quintett in Form eines Soundtracks fĂŒr einen Dokumentarfilm (A Divorce Before Marriage, 2016) , der sich mit ihrer eigenen Geschichte beschĂ€ftigte. HĂ€tte ich mir nicht ein paar musikalische EindrĂŒcke von I Like Trains vorab eingeholt, man hĂ€tte mir die Briten auf Kompromat auch als völlig andere Band verkaufen können. Die konnte man bisher am ehesten im britischen Indie-Rock und melancholisch dunklen Alternative Rock verorten, den man hier und da mit durchscheinenden Aquarell-Shoegaze-TrĂ€umereien verziert hat.  Bei dem, was man auf der aktuellen Scheibe von den MĂ€nnern aus Leeds zu hören bekommt, erinnert nur wenig an verinnerlichtes, behutsames GezĂ€rtel mit wohl dosierten, gut platzierten, emotionalen AusbrĂŒchen. (TatsĂ€chlich ist da nur ein Song – New Geograhy -, der vollumfĂ€nglich an die “alten” I Like Trains erinnert.)

The truth is in a Moscow hotel room

Man verabschiedet sich am besten von den Nuller- und den Zehner-Jahren mit samt ihrer egozentrischen GefĂŒhligkeit: Das hier sind die Neuen Zwanziger! Und die schallen bei I Like Trains Ă€rgerlich wie Post-Punk, distanziert wie New Wave unter einem repetitiven Trip-Hoppigen Elektro-Bass-Beat, klassisch wie bei Faithless, aber zwingend dreckig wie bei Fliehende StĂŒrme. Und spĂ€testens da merkt man: Hier drin steckt der Punk – ein wĂŒtender, desillusionierter, doppelbödiger, britischer Punk 3.0, mit einer schneidenden Stimme, die in ihrer wĂŒtenden, zynischen AbgeklĂ€rtheit den Populisten in ihre hĂ€sslichen Fratzen tritt. Schon mit dem Eröffnungstrack A Steady Hand merkt man, Kompromat ist ein Album, das ein ganz und gar britisches Ausrufezeichen hinter die aktuelle Weltlage setzt. Und da hat man den Dreh- und Angelpunkt der Veröffentlichung – The Truth – noch lange nicht gehört.

The truth is not verified and not verifiable, but it is true if i say that it is

Handelten die ersten Alben Progress / Reform (2006) und Elegies To Lessons Learnt vor allem von historischen Personen, die mit ihrem Schicksal haderten, war eine der letzten Veröffentlichungen He Who Saw The Deep (2010) thematisch bereits von einem ganz gegenwĂ€rtigen Thema geprĂ€gt: dem Kampf gegen den Klimawandel. Hier dominierte noch die Intonation des Scheiterns, die schiere UnbewĂ€ltigbarkeit der Herausforderung und jede Menge melancholischer Fatalismus. Mit Kompromat geht das Quintett die inhaltliche Ausrichtung auch in den Lyrics völlig neu an: Ohne Pardon, messerscharf, kĂ€mpferisch, blitzgescheit und damit in bester britischer Tradition. So fragen sich I Like Trains in Patience Is A Virtue, wie das denn sein kann, bei all dem LĂ€rm und liefern einen wundervollen Track mit einer Melodie zum Niederknien, dessen perlende Gitarren immer wieder von verzerrten RĂŒckkopplungen ĂŒberlagert werden. DarĂŒber erklĂ€rt uns David Martins abgeklĂ€rte Stimme fortlaufend, dass das schon eine ziemlich wichtige Frage sei und erklĂ€rt in dem Song mal eben so die Unsicherheiten einer ganzen Generation, in dem er ihre Werte, reprĂ€sentiert von einer Text-Phrase, musikalisch dekonstruiert. Und wenn man das nicht unbedingt so reininterpretieren möchte, macht Patience Is A Virtue als Song einfach Spaß. Und das ist nur ein Beispiel, wie die Band das Hauptthema des Albums – Informationen und Desinformationen – im Spiegel des mittlerweile in vielen Bereichen erstarkten Populismus wie einen roten Faden bearbeitet.

I am the truth

Die Quintessenz findet sich selbstverstĂ€ndlich in The Truth selbst wieder. Diese liegt, obwohl im Song an einer Stelle selbst angemerkt oder vielerorts immer noch behauptet, lĂ€ngst nicht mehr in der Mitte von verschiedenen Sichtweisen, sondern in der Hand derer, die Deutungshoheit ausĂŒben. Das machen einem vor allem die kurzen, an Claims erinnernden, aneinander gereihten Phrasen klar. David Martin schießt sie hervor wie Salven und lĂ€sst dabei keinen bekannten Wahrheits-Slogan aus. Jeder fĂŒr sich genommen, kann nur eine LĂŒge sein, eine PlattitĂŒde, eine Schutzbehauptung, ein Symptom fĂŒr eine narzisstische Gesellschaft, die von Narzissten regiert wird und fĂŒr die Wahrheit nur eine Momentaufnahme der WillkĂŒr beim Erreichen des nĂ€chsten Ziels ist. Und selbst diese Analyse ist wahrscheinlich nur ein kleiner, ohnmĂ€chtiger Teil der Wahrheit. Die klaustrophobisch, wie wirkungsvoll von Michael Connolly im Videoclip in Szene gesetzten ĂŒblichen VerdĂ€chtigen verdichten diesen Eindruck zu einem globalen Alptraum, der wenig Hoffnung, dafĂŒr umso mehr Raum fĂŒr noch mehr paranoide Theorien gibt.

Digital wird Kompromat  am 21. August bei Atlantic Curve / The Orchard erscheinen. Das Erscheinungsdatum des physischen Materials (CD und Vinyl) wird sich aufgrund von EngpÀssen in der Produktion auf den 25. September verschieben.

Anspieltipps: A Steady Hand, Patience Is A Virtue, The Truth

I LIKE TRAINS - The Truth (Official Video)

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Tracklist I LIKE TRAINS – Kompromat:

01. A Steady Hand
02. Desire Is A Mess
03. Dig In
04. PRISM
05. Patience Is A Virtue
06. Man of Conviction
07. New Geography
08. The Truth
09. Eyes to the Left (ft. Anika)

Weblinks I LIKE TRAINS:

Official: https://iliketrains.co.uk/
Facebook: https://www.facebook.com/iLiKETRAiNSmusic
Instagram: https://www.instagram.com/iLiKETRAiNSmusic/
Bandcamp: https://iliketrains.bandcamp.com/album/kompromat

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