BURY TOMORROW – Cannibal

BURY TOMORROW – Cannibal
Geschätzte Lesezeit: 3 Minute(n)

8 Musik

7 Songwriting

10 Artwork

8.3

Mit Breakdowns zum Chartbreaker

Auf ihrem sechsten Album setzen Bury Tomorrow auf ihr bewährtes Erfolgsrezept, das längst zum Markenzeichen geworden ist. Bury Tomorrow klingen auch 2020 genau wie Bury Tomorrow. Gleichzeitig ist Cannibal das technisch versierteste und persönlichste Album. Die fünfköpfige Truppe aus dem englischen Southampton entwickelt sich mit dem neuen Output weiter zur Genrereferenz und erreicht zum Start in Deutschland verdient die Top 3 der Album-Charts.

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Bereits mit dem Vorgänger Black Flame zeigten Bury Tomorrow – das sind Jason Cameron, Daniel Winter-Bates, Kristan Dawson, Davyd Winter-Bates und Adam Jackson – kein großes Interesse, das stilistische Spektrum des Metalcores zu verlassen. Warum auch, wenn Band und Fans mit dem Ergebnis zufrieden sind. Puristen mögen angesichts der ungewollten Wandlungsfähigkeit erneut die Nase rümpfen und Metalcore weiterhin verschmähen. Und wieder etwas verpassen.

Bury Tomorrow - Cannibal (Official Video)

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Melodien für den Metalcore

Kaum eine Metalcore-Band vermag derart eingänge Songs zu schreiben wie Bury Tomorrow, die neben der musikalischen Finesse vor allem durch die stimmlichen Eskapaden des Fronter-Duos betören. Die brutalen Screams von Daniel Winter-Bates und der sehnsuchtsvolle Klargesang von Jason Cameron verwandeln erneut nahezu jeden Track in Hymnen.

Los geht es mit dem treibenden, gut gewählten Opener Choke, der neben dem besagten Wechselspiel der Sänger, durch sein charakteristisches Gitarrenspiel besticht. Ein typischer Bury Tomorrow Song zum Mitsingen. Auch die Produktion (Dan Weller, Adam Getgood, Ermin Hamidovic), zugegeben glattpoliert, kann sich hören lassen. Im Vergleich zum Vorgängeralbum wirken die Gesangspartien klarer und nuancierter. Überhaupt der Gesang: Camerons Stimme schallt auf gewohnt tollem Niveau, doch wie auf nahezu jedem neuen Album hat Winter-Bates sein stimmliches Repertoire nochmals ausgebaut und schliddert gefühlt mehrfach an der Schmerzgrenze vorbei. Der tiefste Growl geht noch tiefer, die gellendsten Screams schaffen es noch höher hinaus, dazwischen kurze gesprochene Parts wie im Titeltrack Cannibal. Fett!

Bury Tomorrow - The Grey (VIXI) (Official Video)

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Camerons Klargesang steht beim vergleichweise ruhigen The Grey (VIXI) im Mittelpunkt, lyrisch macht sich spätestens jetzt bemerkbar, dass Autor Winter-Bates auf Cannibal mehr denn je die eigene psychische Gesundheit in düsteren, mitunter morbiden Texten verarbeitet. „Dieses Album ist für mich genauso wie für die Fans“ sagt der Frontmann und hofft, mit seiner Offenheit anderen Betroffenen zu helfen. Nachhall gewinnt das ironischerweise vor allem beim Circle-Pit-Kandidaten Imposter, in dem Cameron den Refrain alleine trägt.

Bury Tomorrow - Better Below (Official Video)

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Better Below rückt Groove und Gitarren mit dem ersten Solo in den Mittelpunkt, danach walzt das aggressive The Agonist alles nieder und geht im Ohrwurm auf. Das schüchtern beginnende Quake wandelt sich zum fiesen Bounce-Garanten, in dem Winter-Bates gefühlt aus der Unterwelt keift; dank ruhigem Ausklang der nachdenklichste Song auf Cannibal. Die Kampfansage Gods & Machines knüppelt Erinnerungen an Melodic Death Metal wach und bleibt auch wegen der leichter zugänglichen Lyrics hängen.

Das wütende Voice & Truth danach könnte ein fast zu typisches Stück Metalcore sein, wäre da nicht die proggige Gitarre im Spiel. Ebenso saitenstark macht sich Cold Sleep bemerkbar, das wieder einmal die richtige Balance zwischen Growls und Klargesang findet. Dazu gibt es einen Breakdown, der direkt in den Körper fährt. Zum Abschluss untermauern Bury Tomorrow nach knapp 37 Minuten mit dem Thrasher Dark Infinite nochmals ihren Stand innerhalb des Metalcores und packen so ziemlich alles rein, was geht.

Die gespenstischen Artworks von Künstler Adam Burke geben Cannibal den letzten Schliff. Der abgebildete Schädel weckt Erinnerungen an Bilder von Francis Bacon oder das Antlitz von Christopher Carrion aus Clive Barkers Abarat. Wer Musik noch liebt und kauft, greift zur limitierten Deluxe Edition oder LP.

Keine Überraschungen, aber trotzdem ein Geschenk

Aufgrund der COVID-19-Pandemie musste Cannibal von April auf Juli geschoben werden. Für Bury Tomorrow sicher ein Ärgernis und für Fans eine Geduldsprobe. Doch das Warten hat sich gelohnt. Cannibal mag der Überhit abgehen und Überraschung sucht man vergebens, doch danach muss bisher niemand suchen. Bury Tomorrow klingen auch 2020 genau wie Bury Tomorrow und das ist dank des hohen Niveaus gut. Cannibal ist ein überzeugendes Gesamtpaket, das mangelnde Innovation mit technischer Evolution kompenisert.

Cannibal ist seit dem 3. Juli 2020 erhältlich.

Tracklist BURY TOMORROW — Black Flame

01. Choke
02. Cannibal
03. The Grey (VIXI)
04. Imposter
05. Better Below
06. The Agonist
07. Quake
08. Gods & Machines
09. Voice & Truth
10. Cold Sleep
11. Dark Infinite

Termine BURY TOMORROW – Tour 2021

04.04.2021 Hannover, Musikzentrum
05.04.2021 Aachen, Musikbunker
06.04.2021 Bremen, Tower
08.04.2021 Hamburg, Indra
09.04.2021 Wiesbaden, Schlachthof
tickets

Tickets für die ursprünglich geplanten Konzerte 2020 in Hamburg, Wiesbaden, Aachen und Bremen (ratet mal, warum die verschoben wurden) behalten ihre Gültigkeit.

Weblinks BURY TOMORROW:

Homepage: https://www.bury-tomorrow.com/
Instagram: https://www.instagram.com/burytomorrow/
Facebook: https://www.facebook.com/BuryTomorrow/
Twitter: https://twitter.com/burytomorrow

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