PERCHTA – Ufång

PERCHTA - Ufång
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6.5

Gesamtnote

6.5

Perchta ist eine im Volksglauben verankerte Göttergestalt. Man kann sie vage, und da haben sich schon viel mehr und viel klügere Leute ihre Finger wund geblättert, etymologisch und mytholgisch weiteren im Volksglauben beheimateten (z. B. Holle) oder solchen im hohen, germanischen Pantheon anzutreffenden Göttinnen (z. B. Frigg und Hel) zuordnen. Regionale Verschiebungen, historische Wirrungen, Wandel und Gewichtungen vom Weiblichen in der Mythologie und immer wieder die verflixte Quellenlage führen dazu, dass sich Perchta hervorragend eignet, um mystisch aufgeladene Geschichten zu schreiben, angeblich uralte Traditionen wieder zu beleben, die unterstellte Ambivalenz des weiblichen Geschlechts zu thematisieren, in uns ein Zurück-zur-Natur herauf zu romantisieren oder uns ein Gefühl von dem (zurück) zu geben, wer wir vermeintlich sind oder scheinbar einmal waren. Es ist so dankbar, weil es so einfach ist und irgendwie auch wunderbar funktioniert.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Frau Perchta (die Leuchtende, die Glänzende) hat tatsächlich von allem etwas: Sie steht für eine gute Haushaltsführung, die Furchtbarkeit (auf dem Feld, dem Hof und in der Familie) und das Spinnen. Weil man aber damit kein naturmystisches Black Metal Album schreiben kann, führt sie ebenso die wilde Jagd in den Rauhnächten an. Das sind diese zwölf unheimlichen Tage, in denen das alte Jahr noch nicht ganz tot ist, aber das neue noch nicht so richtig angefangen hat zu leben. Sie umgibt sich mit einer Schar toter, noch nicht getaufter Kinder, rasselt mit eisernen Ketten und kann ebenso wunderschön, wie dämonisch furchterregend sein. Und da kommen wir der Sache schon näher. Perchta sorgt für das Leben, sie kann aber auch strafen und den Tod bringen. Man trifft sie vor allem im oberdeutschen Sprachraum.

Auf Ufång spricht sie Bairisch und sie ist ziemlich spät dran, denn die wilde Jagd ist seit dem 6. Januar auch schon wieder vorbei. Perchta (und damit bin ich nun beim Tiroler Projekt) verinnerlicht ihre Namensgeberin bis in die schwarzlackierten Fingernägel, dem eisernen Besen und dem aufwendig bestickten, schwarzen Trachtenranzen zu einem durchdachten Gesamtkunstwerk. Man hat bereits beim Hören greifbar vor Augen, wie gut das alles auf der Bühne funktionieren wird. Das Album wirkt wie ein in sich geschlossenes Ritual. Es ruht aus vier zentralen Songs, die durch Ein- und Überleitungsstücke gebahnt werden. Erdn, Åtem, Gluat und Wåssa repräsentieren, Ihr ahnt es, was die Welt im Innersten zusammenhält. Und bevor man zu streiten anfängt, wie innovativ das nun wieder ist, treffen die musikalischen Entsprechungen jeweils durchaus ins Schwarze. Auf Erdn, das bereits im Vorfeld als Lyrik-Video erschienen ist und bei dem wir recht eindrucksvoll einem Vogel beim Verwesen zusehen können, erhalten wir knochentrockenen, spröden, soliden Black Metal. Bis ins Mark dringt hier Perchtas Growlen und liefert uns nicht nur einen ersten Eindruck von der Bandbreite ihres stimmlichen Repertoires. Es zeigt uns auch, wie tief wir mit diesem ersten Element verwurzelt sind. Stets hier im Hintergrund und ab jetzt nicht mehr wegzudenken: die Zither als identitätsstiftendes Instrument, nicht nur für Ufång, sondern für Perchta selbst.

Der Atem der Perchta konnte töten und blenden. Åtem, für mich der stärkste Song auf dem Album, fängt mit den atmosphärischen Wechsel diese Ambivalenz zwischen lebenspendendem, verinnerlichtem Atemholen und aufbrausendem Sturm perfekt ein. Erwähnenswert ist noch das neuneinhalbminütige Wåssa, bei dem Perchta nach einem gefühlt ewig dauernden, hallend tröpfelnden Intro ihre Stimme erst wie einen warmen, breiten Strom fließen lässt und dann durch reißende Strudel peitscht. Auch hier liegen wieder das Werden und die Vernichtung nahe beieinander, verkörpert durch die eine Figur, die den jeweiligen Keim für das andere bereits in sich trägt.

Und als ob Perchta diesen Kreislauf noch einmal untermauern wollte, tragen die Überleitungsstücke die Namen der vier Jahreszeiten. Dabei handelt es sich um durch exaltierte Rezitative, die allesamt mit der Zither untermalt wurden und ähnlich lang wie die eigentlichen Hauptsongs sind. Zum Teil ist das doch etwas zu viel des Guten und man bekommt den Eindruck, dass hier auf Länge gearbeitet wurde, zumal das Ganze extra noch durch ein In- und ein Outro umgrenzt wird.

Zusammenfassend kann man sagen, dass sich Ufång mit einer Zusammenschau an naturmystischem Black-Metal, neu-heidnischen Unterbau, vortragen in Mundart nur auf den ersten Blick innovativ anhört. Das Album hat ein eine Anzahl an sehr schönen, kraftvollen und fesselnden Momenten. Vor allem Perchtas Stimme und die erzeugte Atmosphäre können hier hervorgehoben werden. Es gibt allerdings musikalisch nicht besonders viel her, sondern setzt eher auf die Anzahl der verarbeiteten Elemente, die man, vielleicht nicht unbedingt in dieser Kombination, aber schon vielfach anderswo findet.

Ufång ist am 10. April in unterschiedlichen Formaten bei Prophecy Productions erschienen.

Perchta - Åtem [official music video]

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Tracklist PERCHTA – Ufång:

01. Intro
02. Erdn
03. Långs
04. Åtem
05. Summa
06. Gluat
07. Herest
08. Wåssa
09. Winta
10. Outro

Weblinks PERCHTA:

Official: https://perchta.tirol
Facebook: https://www.facebook.com/perchta.band
Bandcamp: https://perchta-official.bandcamp.com
Label: https://de.prophecy.de/kuenstler/perchta

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