MYRKUR – Folkesange

Geschätzte Lesezeit: 3 Minute(n)

Traditionelle Überlieferung im elektromagnetischen Feld.

Das dritte Studioalbum der dĂ€nischen Musikerin, Multi-Instrumentalistin und Produzentin Amalie Bruun, die sich namentlich hinter dem Projekt Myrkur verbirgt, geht in eine Richtung, die wir bis dato nicht mit ihr verbunden haben. Das kann schon das Cover von Folkesange nicht verhehlen. Hier sehen wir eine junge Frau, die barfĂŒĂŸig, völlig absorbiert von ihrer Handarbeit vor einer malerisch sommerlichen Bergkulisse durch frisches Gras geht. Sie trĂ€gt strenge Zöpfe, einen bĂ€uerlichen Holzeimer und skandinavische Tracht. Das Bild zeugt von so viel weichgezeichneter und sonnendurchfluteter Heimatverbundenheit, spontan bekommt man das GefĂŒhl hier beim Urheber des Ganzen den vermeintlich hellen Zwilling von Theodor Kittelsen (1857-1914) vor Augen zu haben. Der steht ja sonst mit seinen mĂ€rchenhaft dĂŒsteren Zeichnungen gern mal Pate fĂŒr das eine oder andere Artwork im Black Metal.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

TatsĂ€chlich stammt das GemĂ€lde, das fĂŒr Folkesange verwendet wurde, von einem anderen norwegischen Maler: Hans Dahl (1849-1937). Dahl galt als sehr, sehr (sehr, sehr) spĂ€ter und Ă€ußerst konservativer Vertreter der Romantik. Das war vor allem dem Umstand geschuldet, dass er beinahe störrisch an dieser Kunstform festhielt und sich innovativeren Strömungen, wie beispielsweise jener der Moderne oder des Realismus verweigerte. Im Laufe seines Schaffens verengte sich sein kĂŒnstlerischer Fokus so sehr, dass er praktisch nur noch MĂ€dchen in Landschaften malte, und zwar gleich dutzendfach. DafĂŒr war er aber Duz-Kumpel von Kaiser Wilhelm II. (1859-1941), der neben den pittoresk-schwĂŒlstigen Schinken wohl auch die politische Einstellung Dahls sehr zu schĂ€tzen wusste. Unsere Erinnerung an Hans Dahl wird vor allem durch diese Freundschaft dominiert und nicht etwa dadurch, dass er die Kunstlandschaft Norwegens nachhaltig prĂ€gte.

Kommen wir zu Amalie Bruun, die gleich einmal vorausschickt, sich eben fĂŒr jenes GemĂ€lde entschieden zu haben, da sie sich familiĂ€r stark damit verbunden fĂŒhlt. Folkesange ist wie erwĂ€hnt anders als ihre bisherigen Veröffentlichungen, die deutlich im Black Metal verortet sind. Ihr letztes Album Mareridt (2017) wies mit seinem dĂŒsteren Naturmystizismus auch einen folkigen Einschlag auf, bewegt sich jedoch im Bereich Amtospheric Black Metal. Album Nummer drei hingegen ist ein reines traditionelles Folk-Album. Die Geburt ihres Kindes veranlasste die KĂŒnstlerin, in ihre Vergangenheit zu schauen, nach musikalisch prĂ€genden EinflĂŒsse zu suchen und diese zu beleben. Sie greift in Folkesange alte Weisen auf, alte Volkslieder und Mythen, bewahrt ihren Spirit, haucht ihnen aber auch durch viel FingerspitzengefĂŒhl in Hinblick auf musikalische Arrangements neues Leben ein.

Die Maxime, KĂŒnstler:in vom Werk zu trennen

Das Album wird somit auch zu einem Werk spirituell aufgeladener Ahn:innenverehrung und damit leider auch zu einem einseitig quasi-pagan-naturreligiösem VerstĂ€ndnis davon; ganz im Sinne eines konservativen Zeitgeistes. So kann man vor diesen Überlegungen durchaus Amalie Bruuns vereinzelte anti-islamische (ja, rassistische) Äußerungen (inklusive ungelenkem ZurĂŒckrudern) und ihre merkwĂŒrdigen Einlassungen zur Gleichberechtigung der Geschlechter zum Weltfrauentag mitdenken, die mich weniger an SolidaritĂ€t sondern eher an Birgit Kelle erinnert haben, wenn man mit so viel traditionellem Liedgut, Bildmaterial und Mutterschaft konfrontiert ist. Man muss es aber nicht, vor allem, wenn man sich an die Maxime hĂ€lt, KĂŒnstler:in vom Werk zu trennen.

Myrkur zeigt bei ihrer Auseinandersetzung mit den historischen Stoffen trotz allem ein tiefes VerstĂ€ndnis fĂŒr ihre Funktionsweise, sehr viel Achtung und gegenĂŒber der Art der Überlieferung die notwendigen Kenntnisse. So nutzt sie fĂŒr die Arrangements eine beachtliche Bandbreite traditioneller Instrumente und setzt sie glasklar in Szene. Ihre eigene Stimme ĂŒbernimmt die zentrale Funktion der GeschichtenerzĂ€hlerin im Reigen des einfachen Wortes, der tĂ€nzerischen, repetitiven ErzĂ€hlweise vor dem Hintergrund der mĂŒndlichen intergenerationalen Weitergabe. Sie fließt, sie ĂŒbertrĂ€gt sich auf unseren Herzschlag, sie umsorgt uns, sie ist klar und rein wie das Wasser und prĂ€gt sich uns ein, wie das Mantra des Jahreslaufs. Trotzdem wirkt Folkesange nicht angestaubt. Myrkur gelingt es durch spezielle Aufnahmetechniken und das Arbeiten mit Hall, Überformungen und wohltuenden Drones die Lieder in unsere Zeit zu holen, ohne sich dieser anzubiedern. Folkesange ist traditionelle Überlieferung im elektromagnetischen Feld. Es ist handwerklich zweifelsohne ein wunderschönes Album.

Und doch sehe ich ein Problem am fernen sonnendurchfluteten Horizont der schroffen Fjorde. Folkesange ist identitĂ€tsbewahrend, aber nicht identitĂ€tsstiftend. Womit sich der Kreis zu Hans Dahl und dem Cover-Artwork schließt. Denn Folkesange wird kĂŒnstlerisch wahrscheinlich keine tiefen FußabdrĂŒcke hinterlassen.

Folkesange erscheint am 20. MĂ€rz bei Relapse Records.

Anspieltipps: Ella, Leaves of Yggdrasil, Vinter

MYRKUR - Leaves of Yggdrasil (Official Music Video)

Erst mit einem Klick auf das Vorschaubild wird das Video von YouTube eingebunden. Klicke nur, wenn du der DatenschutzerklÀrung zustimmst.

Tracklist MYRKUR – Folkesange:

01. Ella
02. Fager som en Ros
03. Leaves of Yggdrasil
04. Ramund
05. Tor i Helheim
06. Svea
07. Harpens Kraft
08. GammelkÀring
09. Hous Carpenter
10. Reiar
11. Gudernes Vilje
12. Vinter

Weblinks MYRKUR:

Official: https://www.myrkurmusic.com
Facebook: https://www.facebook.com/myrkurmyrkur
Bandcamp: https://myrkur.bandcamp.com
Instagram: https://www.instagram.com/myrkurmyrkur
Label: https://store.relapse.com/b/myrkur

Geschrieben von
Mehr von Katja Spanier

IDLE HANDS – Mana

Setz die Sonnenbrille auf, heute heulen wir den Mond an! Und morgen,...
Weiterlesen