Interview: SEA OF SIN: “Wir alle sind schon öfter hingefallen. Das Wichtigste ist, wieder aufzustehen.”

Interview: SEA OF SIN: "Wir alle sind schon öfter hingefallen. Das Wichtigste ist, wieder aufzustehen."
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Sea Of Sin sind eine deutsche Synthpop-Band, die 2018 mit ihrem lange erwarteten Comeback-Album Future Pulse aufhorchen ließ. Auf dem letzen Album gab es Re-Edits älterer Songs aber nun gibt es nach fast 20 Jahren neues Material, was es in sich hat. Im Interview mit Monkeypress redeten Frank und Klaus u.a. über musikalische Einflüsse, Camouflage und die heutige Musikwelt.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Nach 18 Jahren gibt es nun endlich wieder ein neues Album von Euch. Auf Unbroken befinden sich 14 Synth-Pop Hymnen, die zeigen, daß Ihr noch lange nicht zum alten Eisen gehört. Wieso hat es so lange gedauert, bis ein neues Werk fertig produziert war?

Frank: Ja, wir waren wirklich lange Zeit von der Bildfläche verschwunden. Im Jahr 2000 hatten wir Urban Chemistry als eine Art Best-Of Album über ein amerikanisches Label veröffentlicht. Vorausgegangen waren zehn spannende und teilweise turbulente Jahre, in denen wir so einiges an Ups & Downs erlebt haben: Band-Gründung dreier Freunde auf dem Gymnasium, erste CD-Produktion, Umbenennung der Band aufgrund eines Namens-Streits von Covent Garden in Sea Of Sin, ausgeschlagene Plattenverträge, Veröffentlichung des Albums Watch Out!, Single-/EP-Produktion Illuminate mit Heiko Maile von Camouflage als Produzent, Pleite des gewählten Plattenlabels etc. Irgendwie sollte es damals einfach nicht sein – Anfang der 2000er ist das Projekt dann langsam aber sicher „ausgetrudelt“ und wir haben uns auf unsere beruflichen Karrieren konzentriert.

Klaus: 2016 hatte ich dann angefangen wieder ein kleines Musik-Studio zu Hause einzurichten welches dann peu-à-peu gewachsen ist. In der Zeit habe ich dann unter anderem Remixes für The New Division und Camouflage produziert und Lust bekommen auch wieder an eigenen Sachen zu arbeiten. Als erster Output ist dann 2018 das Album Future Pulse entstanden, auf dem wir die alten Songs nochmals in ein neues Gewand gepackt haben. Das war der effizienteste und vor allem schnellste Weg erst mal wieder Fuß zu fassen und auszutesten, ob das ganze überhaupt auf fruchtbaren Boden fällt. Die Resonanz war dann erstaunlich gut, gerade nach der langen Pause – wobei es umso erfreulicher war, dass sich zahlreiche Fans der ersten Stunde mit positivem Feedback meldeten. Der nächste logische Schritt war dann an neuen Songs zu arbeiten – gefolgt von der produktivsten und kreativsten Phase, die wir als Band jemals hatten. Nur ein Jahr nach Future Pulse konnten wir dann bereits Unbroken veröffentlichen mit 13 neuen Songs. Insofern hat das neue Album gar nicht lange gedauert – die Pause war nur sehr lang

Was sind die musikalischen Einflüsse Eurer Songs? Ich höre z. B. Bands wie De/Vision und Mesh heraus…

Frank: Unser Stil hat sich zu Beginn und im Laufe der 90er Jahre entwickelt: Elektronische Popmusik mit einem Hang zur Melancholie, klassischer Synth-Pop, wenn man so möchte. Stilprägend waren natürlich Bands wie Depeche Mode, Camouflage, New Order, aber auch Platten wie Disintegration von The Cure. In dem Spannungsfeld sind die beiden genannten Bands natürlich auch zu Hause. Das verbindet uns alle. Beim neuen Album sind wir unseren Roots treu geblieben – der Song steht im Zentrum. Handwerklich haben wir uns natürlich im Vergleich zu den Anfangsjahren deutlich weiterentwickelt – unseren Sound aber nicht stark an aktuellen Trends ausgerichtet.

Wie entsteht Eure Musik? Trefft Ihr Euch im Studio und entwickelt dort Eure Ideen oder läuft so etwas in der heutigen Zeit über das Internet?

Klaus: Frank und ich wohnen ja recht weit voneinander entfernt in Hamburg und Stuttgart. Insofern nutzen wir da auf alle Fälle die Vorteile des Internets – heute kann man ja große Projekte ohne Probleme über Cloud oder Virtual Drives teilen. Der Produktionsablauf ist meist sehr ähnlich: Ich entwickle erste Harmonieren und instrumentale Song-Ideen bei mir im Studio, Frank entwickelt dann dazu Gesangsideen und Texte, welche dann iterativ weiterentwickelt werden, bis wir beide damit zufrieden sind. So sind wir auch mit den 13 Songs auf Unbroken verfahren. Ich habe die Instrumentales vorproduziert und dann haben wir Anfang des Jahres die Vocals und Gitarren im Tonstudio in Stuttgart professionell aufgenommen. Im Nachgang habe ich dann das finale Mixing wieder bei mir im Studio vorgenommen. Als Indie-Musiker muss man natürlich auch ein wenig auf die Budgets achten. Wobei wir das Mastering dann wieder rausgegeben haben. Mir hatte da am Ende nach der ganzen Zeit im Studio etwas der Abstand und Objektivität gefehlt.

Gibt es einen Lieblingssong auf Unbroken?

Frank: Das Niveau auf dem Album ist aus unserer Sicht durchgängig hoch – wir haben am Ende nur die Songs aufs Album genommen, mit denen wir absolut zufrieden waren. Zwei Songs haben wir z. B. auch erst einmal verworfen – vielleicht ja Futter für kommende Singles/EPs (B-Side), mal schauen. Natürlich kristallisieren sich dann mit der Zeit personal Favorites heraus: Contamination, unsere erste Single, You, die wir Mitte Juni als zweite Single und Remix EP veröffentlichen werden, Unspoken Words, What are you waiting for?…

Klaus: Leave Me Alone, Love Won´t Wait … ach, es ist einfach schwer sich da festzulegen, das ändert sich auch je nach Stimmungslage.

Als Ihr in den 90ern angefangen habt, war die Musikwelt noch eine andere. Die Fans kauften noch CDs und gingen zu den Konzerten. Das hat sich leider gewandelt. Wie seht Ihr diese Entwicklung?

Klaus: Da hilft alles Lamentieren nichts – das hat sich leider so entwickelt und man muss das Beste daraus machen. Wenn wir ehrlich sind, können wir uns davon ja auch nicht freimachen: Ich bin auch Spotify Heavy-User, gleiches gilt z. B. für Netflix. So ist der Zeitgeist. Finde ich das alles toll? Nein, natürlich nicht. Es ist schon sehr schade, dass Musik/Kunst zur Commodity geworden ist, die für jeden quasi immer und überall frei zugänglich ist und auch sehr viel nebenher genutzt wird. Wir alle sind ja permanent durch 2nd Screens abgelenkt und 24/7 auf Social Media unterwegs. Die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen ist einfach generell viel geringer geworden. Auf der anderen Seite bringt die Disruption der Musik-Industrie ja auch viele Vorteile für Künstler: Heute können Bands ohne Plattenfirma ihre Musik selbst veröffentlichen und vertreiben. Wobei es heute ungleich schwerer sein wird, auch für erfolgreichere Künstler, davon zu leben. Erlös-Ströme über Streaming sind sehr gering und Konzerte zu stemmen, muss sich auch erst einmal finanziell rechnen.

Wie kamt Ihr auf den Bandnamen? Es gibt ja einen alten Depeche Mode Song mit dem Titel Sea Of Sin

Frank: Wir könnten jetzt natürlich eine krude Geschichte erfinden – aber um ehrlich zu sein: Natürlich war die Namensfindung Anfang der 90er von Depeche Mode beeinflusst. Die waren ja DIE Ikonen im Synth-Pop Bereich und wir waren auch große Fans. Damals fanden wir das eine coole Idee. Heute, als erwachsene Musiker würden wir das natürlich definitiv nicht mehr so machen. Nach der langen Pause war auch kurz die Überlegung da, mit einem neuem Namen an den Start zu gehen, aber das hätte es uns noch schwerer gemacht, nach der langen Pause wieder Fuß zu fassen und zumindest die alten Fans schnell wiederzufinden und reaktivieren. Und die früher so oft herangezogenen Vergleiche zu Depeche Mode lassen uns heute auch ziemlich kalt. Wir haben unseren Sound gefunden und entwickelt. Wir finden schon, dass unsere Songs einen eigenen Charakter und Wiedererkennungswert haben. Gleiches gilt für den Vorwurf, unser Sound wäre ein wenig Retro (90er Synthpop) und nicht innovativ. Fair enough, für uns zählt wie gesagt in erster Linie der Song. Es gibt inzwischen so viele, auch gute, Future-Pop Bands, da braucht es nicht noch eine weitere. Wir haben uns ja eher ein wenig mehr in Richtung Indie-Pop entwickelt, haben auch mal einen E-Bass und Gitarren in den Songs, und sind dann eher näher bei Bands wie Editors oder New Order. Wobei unser Markenzeichen unseres Erachtens die starken Melodien sind, die alle Songs auszeichnen. Wir machen Pop-Musik und finden das auch gut so!

Heiko Maile von Camouflage ist ein Freund der Band. Habt Ihr noch Kontakt? Oder war er sogar involviert in der Entstehung des Albums?

Klaus: Heiko kennen wir jetzt schon echt lange Zeit, ich denke über 20 Jahre. Wir haben ihn kennengelernt als Produzent für ein Band-Projekt, das Frank und ich in den 90ern parallel zu Sea of Sin hatten – da hatten wir eine Single aufgenommen und Heiko saß an den Reglern. Das war schon eine coole Sache für uns. Daraus ergab sich dann auch die Zusammenarbeit für Sea of Sin als Produzent der Illuminate EP 1997. Anfang der 2000er hatten wir dann noch einen Remix für The Great Commandment 2.0 beigesteuert. Der Kontakt ist nie ganz abgerissen, aber der Austausch war schon seltener. Meistens haben wir uns bei Camouflage-Konzerten getroffen. Etwas intensiver war der Kontakt dann wieder, als ich 2015 den Remix für Count On Me beigesteuert habe. Abgerissen war der Kontakt aber zum Glück nie. Heiko ist heute halt auch sehr busy durch seine Arbeit als Film-Musikproduzent. In das Album involviert war er insofern nicht – aber wir waren ja auch immer sehr große Camouflage-Fans und insofern hat er unsere Sound-DNA ja auch mit beeinflusst.

Wovon handeln die Sea Of Sin Texte? Gibt es einen roten Faden?

Frank: Einen roten Faden im engeren Sinne gibt es eigentlich nicht. Viele der Songs handeln von zwischenmenschlichen Beziehungen und der Liebe. In diesem Spannungsfeld spielen sich ja ganz viele unserer alltäglichen Emotionen ab und diese sind dann eine sehr gute Projektionsfläche für unsere melancholisch und bittersüß geprägten Songs und Harmonien. Der Album-Titel Unbroken steht insofern auch eher für ein generelles Lebensmotto: Wir alle sind schon öfters hingefallen. Das Wichtigste ist wieder aufzustehen und weiterzumachen und aus den Fehlern zu lernen.

Wird es zur Veröffentlichung der CD auch Liveshows geben? Falls ja: Wie setzt Ihr die Sounds live auf der Bühne um? Habt Ihr Gastmusiker?

Frank: Konkret geplant ist derzeit noch nichts. Die letzten Wochen und Monate ist jede freie Minute und zahlreiche Nachtschichten in die Produktion und Fertigstellung der Platte geflossen. Das Thema Live-Spielen erfordert ja auch wieder eine entsprechende Vorbereitung und Zeitmanagement. Wir haben natürlich total Lust, endlich einmal wieder live zu spielen. Wir müssen da aber auch realistisch bleiben. Am meisten Sinn machen würde es, wenn wir als Support-Act für eine bekanntere Band mit auf Tour gehen oder einzelne Festivals ansteuern. Wir werden das jetzt die nächsten Monate konkreter angehen. Ob und wie wir da dann auch Gast-Musiker involvieren, können wir jetzt noch nicht absehen.

Habt Ihr schon weitere Pläne? Vielleicht das nächste Album?

Als nächstes steht jetzt erst einmal die Veröffentlichung der zweiten Single You an, welche wir auch entsprechend durch Radio-Promo unterstützen. Der Song You hat meines Erachtens durchaus genügend Potential, auch im Radio in passenden Formaten zu laufen. Der Song wir dann zusammen mit 7-Remixen als EP digital veröffentlicht, unter anderem haben The New Division, Blume und Uncreated Remixe beigesteuert. Es geht dann also auch mitunter etwas elektronischer zu auf der EP. Zudem sondieren wir gerade, ob und wie wir für You noch ein Musik-Video produzieren können. Da haben wir auch total Lust drauf. Das ganze muss aber auch finanziell realistisch abbildbar sein und soll trotzdem professionell werden. Mal schauen! Ein neues Album ist erst mal ein Stück weit entfernt. Unbroken ist ja gerade erst rausgekommen! Es folgen eher noch ein oder zwei weitere Singles plus entsprechende Remixe.

Hier könnt ihr unsere Review des Albums Unbroken lesen.

Weblinks SEA OF SIN:

Bandcamp: https://seaofsin1.bandcamp.com
Facebook: https://www.facebook.com/seaofsinGER/

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