E-TROPOLIS FESTIVAL – Oberhausen, Turbinenhalle (16.03.2019)

Fotos: E-TROPOLIS 2019 - ES23, PRIEST, RROYCE, SYNTHATTACK, VELVET ACID CHRIST, X-RX
Rroyce, © Dietmar Grabs
Geschätzte Lesezeit: 5 Minute(n)

Zum neunten Mal E-Tropolis, zum sechsten Mal in Oberhausen – und wieder ein großer Erfolg für alle Beteiligten. Rund 4000 Menschen erlebten einen langen, aufregenden Tag mit flirrenden Synths und knalligen Beats. Von 14 Uhr nachmittags bis tief in die Nacht wurde getanzt, geklatscht, gejubelt und laut mitgesungen.

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Die frühen Stunden des Tages waren geprägt von Acts, die im vergangenen Jahr auf dem Amphi Festival für Furore gesorgt haben. So lag es nahe, ES23, Priest und Rroyce eine weitere Chance zu geben, das Szene-Publikum von den hauseigenen Qualitäten zu überzeugen.

Das gelang vorzüglich. Es gab definitiv schon E-Tropolis-Festivals in der Turbinenhalle, bei denen zu Beginn um 14 Uhr weniger los war als bei ES23. Das Bochumer Projekt – das, wie die wenigsten wissen dürften, tatsächlich schon seit 14 Jahren existiert – sorgte mit seinem pumpenden Dark-Electro zwischen hart und zart für die ersten euphorischen Reaktionen des Tages.

Es folgte ein Spannung erwarteter Gig. Denn für Priest war es der erste in aktualisierter Besetzung. Alex Högberg und Sänger Tom Asberg verließen die Band nur eine Woche vor dem Festival. so war es am neuen Mann, vorab nur „New Mercury“ genannt, zwei neue und acht alte Songs vorzutragen. Das schwedische 80er-Retro-Electro-Projekt übertrug Teile der Show auf Facebook – die Reaktionen der Fans waren äußerst gemischt. Von „Das ist nicht mehr meine Band“ über „Ganz ok fürs Erste“ bis hin zu „Großartig“ schwankten die Meinungen. Unsere Meinung: Solide Vorstellung, an den Höhen darf der gute Mann aber noch etwas arbeiten. Mal sehen, wie es mit Priest weitergeht. Zunächst erscheint am 29. März die neue EP Obey, deren Titeltrack hier seine Live-Premiere feierte.

Setlist Priest
01. Tria Prima
02. The Pit
03. Nightmare Hotel
04. Obey
05. Populist
06. Private Eye
07. History In Black
08. The Cross
09. Neuromancer
10. Vaudeville

Über jeden Zweifel erhaben ist derweil die Stimme von Rroyce-Fronter Casi. Die Dortmunder durften die zweite Stage eröffnen und schon einmal ausprobieren, wie es sich anfühlt, dort zu spielen. Denn am 8.November dieses Jahres wird das Trio an Ort und Stelle als Welle:Erdball-Support spielen. Den Publikumsreaktionen zufolge hätte man Rroyce vielleicht doch von vornherein einen längeren Slot geben sollen. Lautstark bejubelt wurde das Synthpop-Projekt, das bald sein drittes Album Patience auf den Markt werfen wird und mit neuen Songs wie der Single Parallel Worlds sowie vielen Stücken der Vorgänger-LP Karoshi durchweg überzeugte. Die auf Facebook einsehbaren Reaktionen von Band und Fans sprachen Bände. Prognose: In zwei oder drei Jahren sind Rroyce wieder beim E-Tropolis – dann mit einem deutlich späteren und längeren Gig.

Setlist RROYCE
01. The Principle Of Grace
02. Who Needs
03. Parallel Worlds
04. Full Speed, Half Side
05. Pyroclastic Flow
06. Someone Else’s Life
07. My Dearest Enemy
08. Running With The Sheep
09. I Like It When You Lie
10. Malacoda

Der späte Nachmittag-/Frühabendbereich stand – mit Ausnahme des gelungenen Auftritts der Supergroup Future Lied To Us, die sich auch von technischen Problemen nicht aus dem Konzept bringen ließen – klar im Zeichen der Cyber-Community. X-RX (bei bedenklich schlechter Akustik), Synthattack und Centhron setzen auf knallende Beats, gefaucht-gegrowlt-gebrüllte Vocals und mal mehr, mal weniger stumpfe Texte. In den letzten Jahren bekam man auf Goth-Szene-Events zunehmend das Gefühl, das die Zeit der Neonröhren und Plastikschläuche langsam vorbei ist – irgendwie fühlte es sich in der Turbinenhalle ganz anders an.

Vor allem, wenn dann auch noch eine Underground-Legende wie Velvet Acid Christ zumindest partiell wenig Anstalten macht, anders zu klingen. Setzte das selten in Deutschland auf der Bühne zu sehende Projekt von Bryan Erickson in der ersten Hälfte seines 45-Minuten-Auftritts noch einige interessante musikalische Kontrapunkte zum restlichen Line-up – so zum Beispiel mit dem Trip-Hoppigen Slut oder dem nach typischem Nordamerika-Electro-Industrial klingenden Opener Fun With Drugs – , verloren sich die letzten vier Songs in deftigem Geballer und Gefauche. Dazu gab es das Gesamtbild ergänzende Klischee-Horror-Videos auf der Leinwand zu sehen.

So dürften zumindest einige Zuschauer froh gewesen sein, als Solar Fake die Bühne betraten und somit nach einer gefühlten Ewigkeit mal wieder Melodien im Vordergrund standen. Die Live-Konzerte des aktuell aktivsten Projekt von und mit Sven Friedrich haben seit Ende 2017 deutlich an Dynamik gewonnen. Seitdem verstärkt nämlich Drummer Jeans das Duo, bestehend aus Friedrich und André Feller. So lieferten die drei 60 Minuten lang altgeliebte Hits wie More Than This, Parasites oder Where Are You – das zuletzt gern gespielte und bei den Fans beliebte Editors-Cover Papillon fiel diesmal zugunsten eigener Songs aber aus der Setlist. Nichtsdestotrotz: ein rundum überzeugender Auftritt, den das Publikum entsprechend zu würdigen wusste.

Setlist SOLAR FAKE
01. Not What I Wanted
02. Under Control
03. Sick Of You
04. All The Things You Say
05. I Don’t Want You In Here
06. Reset To Default
07. The Pain That Kills You Too
08. Invisible
09. More Than This
10. Parasites
11. Just Like This
12. Where Are You
13. Observer

Auf das gemäßigte Hüpfen in den vorderen Reihen folgte 30 Minuten später wilder Pogo. Kein Wunder, schließlich stand die Show von Suicide Commando an. Johan van Roy, vor drei Jahren noch mit einem Vintage-Set an Ort und Stelle vertreten, ließ den alten Kram diesmal beiseite liegen und haute einen Aggrotech-Hit nach dem nächsten raus. Zu u.a. Raise Your God, Bind, Torture, Kill und ganz zum Schluss Die Motherfucker Die gab’s die deftigsten Pits des Tages.

Setlist SUICIDE COMMANDO
01. Mindstripper
02. The Pain That You Like
03. Death Lies Waiting
04. Raise Your God
05. Schiz(o)Topia
06. God Is In The Rain
07. Cause Of Death: Suicide
08. The Devil
09. Unterwelt
10. Bind Torture Kill
11. Love Breeds Suicide
12. We Are Transitory
13. Die Motherfucker Die

Ärgerlich für viele war da höchstens die Überschneidung mit [:SITD:]. Der nach ES23 und Rroyce dritte aus dem Ruhrpott stammende Act des Tages konnte sich allerdings ebenfalls nicht über zu wenig Bewegung vor der Bühne beklagen – wenngleich natürlich alles etwas gemäßigter ablief als vor der Mainstage. Erstmals zu hören gab es neben vielen Klassikern auch Töne aus dem neuen, am 10. Mai erscheinenden achten Album Stunde X. Und zur Freude aller Beteiligten wurde auch bekanntgegeben, das [:SITD:] am 28. Dezember erneut in Oberhausen spielen – dann ein volles Set im Kulttempel.

Setlist SITD
01. Lebensborn
02. Cleatrix
03. Code:Red
04. Dunkelziffer
05. Genesis
06. Olymp
07. Kreuzgang
08. Laughingstock
09. Rot
10. Richtfest
11. Snuff Machinery

Auf der Mainstage zog sich die nun folgende Umbaupause ein wenig länger hin als geplant. Am Ende blieb den Krupps immerhin Zeit für ein Dutzend Songs, leider bei überwiegend ziemlich breiigem Sound. Anfangs bekamen die sonst an diesem Tag sträflich vernachlässigten EBM-Fans Grund zum Stampfen – der Dreier aus Germaniac, Schmutzfabrik und Der Amboss kam schon bei der Machinists Of Joy-Tour im vergangenen Sommer mit Front Line Assembly gut an. Überraschungen gab es leider keine, Engler, Dörper & Co. spielten das aus den Vorjahren gewohnte Set mit einer Mischung aus älteren wie neueren Hits. Kraftvoll wie immer, aber: Jungs, langsam wäre es Zeit für was Neues – oder den einen oder andere lange nicht gespielten Klassiker!

Setlist DIE KRUPPS
01. Hi Tech Low Life
02. The Dawning Of Doom
03. Germaniac
04. Schmutzfabrik
05. Der Amboss
06. Fly Martyrs Fly
07. To The Hilt
08. Metal Machine Music
09. Robo Sapien
10. Nazis auf Speed
11. The Machineries Of Joy
12. Bloodsuckers

Parallel dazu machte Welle:Erdball-Sänger Honey auf der Bühne von Halle 2 eine recht schockierende Zwischenansage. Kurz formuliert: Die Band stand ganz dicht vor dem Aus. Lady Lila stieg aus, Fräulein Venus wurde Mutter, Alf begleitete seinen Vater in den letzten Wochen und Monaten vor dessen Tod und ist leider immer noch nicht wieder mit dabei – so war der stets sonnenbebrillte Frontmann gezwungen, eine komplett neue Besetzung zusammenzustellen. Keyboarder C0zmo sorgt nun für die richtigen Tastentöne und die weiblichen Stimmen kommen von Miss Moonlight und Emma Peel. Die beiden Damen sollten in Hinblick auf die große Mumien, Monstren, Mutationen-Tour im Herbst allerdings noch ein wenig üben. In Teilen klang der Gesang doch noch recht unmelodisch und weit weniger überzeugend als bei den Vorgängerinnen. So wollte zu Beginn nach eher mediokren Versionen von Stücken wie 20000 Meilen unter dem Meer oder Die Liebe der 3. Art noch nicht so recht Jubel aufkommen. Das änderte sich jedoch nach zahlreichen Honey-Solo-Tracks wie FanFanFanatisch, Ich bin nicht von dieser Welt oder dem ewigen Schweben, Fliegen, Fallen – insgesamt konnten die Zuhörer mit der Übertragung ihres Senders doch zufrieden sein.

Motto des E-Tropolis 2019: Das Beste kommt zum Schluss. Was Apoptygma Berzerk in ihren 90 Minuten ablieferten, war von vorne bis hinten einfach nur große Klasse. In der Euphorie rund um die neue Veröffentlichung SDGXXV – eine Remix-Platte des Debütalbums Soli Deo Gloria – packte Stephan Groth satte fünf Songs seines Erstlingswerks in die Setlist. Wann es das das letzte Mal gegeben hat? Vermutlich noch im alten Jahrtausend. Drumherum ein Hit-Sammelsurium, das wenig bis keine Wünsche offen ließ, guter Sound mit wuchtigen Drums, ein lautstarkes wie textsicheres Publikum und ein Jonas Groth, der bei Nearer und dem Non Stop Violence-Outro wieder einmal bewies, dass er der beste Sänger in der Band ist. Als Krönung bat Stephan Groth zum abschließenden Backdraft noch Überraschungsgast und Szene-Urgestein Thomas Lüdke von The Invincible Spirit auf die Bühne. Sinngemäß, hatte Lüdke das Stück für SGDXXV doch überarbeitet.

Setlist APOPTYGMA BERZERK
01. The Sentinel
02. Love Never Dies
03. Burnin‘ Heretic
04. Deep Red
05. Non-Stop Violence
06. Nearer
07. Bitch
08. Something I Should Know
09. Shadow
10. Starsign
11. Mourn (Mesh Remix)
12. Eclipse (Ok Minus Remix)
13. Unicorn
14. Stitch
15. Kathy’s Song
16. You Keep Me From Breaking Apart
17. In This Together
18. Until The End Of The World
19. Backdraft (mit The Invincible Spirit)

Dann war aber wirklich Schluss – es sei denn, man hatte nach elf Stunden Live-Musik immer noch nicht genug und tanzte auf der Aftershow-Party fleißig bis in die frühen Morgenstunden.

Organisatorisch betrachtet lief beim E-Tropolis 2019 fast alles wie am Schnürchen – lediglich das Plastikbecher-Massaker auf dem Boden und die teils sehr langen Schlangen an so manchem Essens-Stand hätten nicht sein müssen. Ein, zwei „Fressbuden“ mehr und ein Pfandsystem würden wohl eine Win-Win-Situationen für alle Seiten herbeiführen. Aber irgendwo muss im Rahmen des Möglichen ja schließlich immer noch ein wenig Verbesserungspotenzial bleiben, nicht wahr?

Jedenfalls dürften auch am 14. März 2020 wieder rund 4000 Personen in der Turbinenhalle vorbeischauen. Für die dann stattfindende zehnte Ausgabe des Festivals wurden bereits jetzt Covenant, Diorama, Solitary Experiments, Winterkälte, Grendel, Torul, Eisfabrik und Ruined Conflict bestätigt. Mal sehen, was da noch kommt …

Fotos: Dietmar Grabs/Cynthia Theisinger

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