AMPHI FESTIVAL 2018 – Sonntag (29.07.2018)

Fotos: AMPHI FESTIVAL 2018 – Bands (29.07.2018 ab 16:00 Uhr)
Oomph!, © Peter Bernsmann
Geschätzte Lesezeit: 5 Minute(n)

Amphi 2018, Tag zwei – so heiß wie der erste. Wie gut, dass auf allen drei Bühnen Electro-Bands das Zepter zu Beginn in die Hand nahmen, die durchweg überzeugten. ES23, Synthattack und Rroyce gehörten (positiv) überraschend zu den Künstlern, die in den sozialen Medien besonders viel Lob für ihre Performances abgriffen. Schön, dass dies auf Acts zutrifft, die eben (noch) nicht zu den “Großen” zählen und ein Stück weit auch ein Wink in Richtung Veranstalter.

Setlist RROYCE
01. The Principle Of Grace
02. Who needs
03. Valkyrie
04. One, Two, Three, Four
05. Pyroclastic Flow
06. Dying In Slowmotion
07. I Like It When You Lie
08. Running With The Sheep
09. Run Run Run
10. Malacoda
Ähnliches galt für Priest. Die Maskenmänner, die Ende 2017 ihr Debüt New Flesh veröffentlichten, kombinieren recht poppigen Electro mit düsterer Optik. Die Bandmitglieder sind in schwarze Lederjacken im Bikerstil gekleidet, darunter weiße Hemden, schwarzer Schlips. Auf den Köpfen thronen Pestmasken. Sänger Mercury trägt zur Priesterrobe eine mit Nadeln besetze Ledermaske und erinnert an Pinhead aus Clive Barkers Hellraiser. Die bisher beste Lightshow des Amphis taucht die rauchgeflutete Bühne in Blau, Rot und grelles Weiß, von der Decke schießen Stroboskop-Blitze herab. 40 Minuten und ein tolles Radiohead-Cover später haben Priest nachhaltiges Interesse vieler Besucher auf sich gezogen.
Setlist PRIEST
01. Tria Prima
02. The Pit
03. Populist
04. History
05. Private Eye
06. Call My Name
07. The Cross
08. Neuromancer
09. Vaudeville
10. Street Spirit
Währenddessen konnte auch Project Pitchfork-Tastenmann Scheuber auf der MSRheinEnergie den ein oder anderen neuen Anhänger für sich gewinnen.
Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Deutlich metallischere Töne gibt es dann auf der Mainstage mit Heldmaschine, dem Parallelprojekt zur Rammstein-Coverband Völkerball. Wie gewohnt gibt’s eine Dreiviertelstunde klassische NDH auf die Ohren, bevor Neuroticfish leider einen eher enttäuschenden Gig ablieferten. Vor zwei Jahren sorgten die Future-Popper für einen viel kritisierten Einlassstopp im Theater, nun ließen die Planer das Duo auf die Mainstage – jedoch spielte die Technik nicht mit. Sascha Mario Klein hatte immer wieder Probleme mit seinen In-Ears und konnte wohl vor allem deshalb nicht an seine gewohnte stimmliche Form heranreichen.

Setlist NEUROTICFISH
01. Rose
02. Silence
03. Former Me
04. Bomb
05. Behaviour
06. Wake Me Up
07. Suffocating Right
08. Fluchtreflex
09. Civilized
10. M.F.A.P.L.
11. Velocity

Elektronik plus Mittelalter mit ein wenig Märchenwald-Feeling ist seit jeher der Stil von Qntal. Ein souveräner Auftritt mit spezieller Musik, die womöglich auf der Orbit Stage im Zuge der experimentell-folkigeren Gigs von Corde Oblique und Persephone besser funktioniert hätte.  Der sonst immer gut gefüllte Platz vor und neben der Bühne zeigt vergleichsweise viele Lücken.

Setlist QNTAL
01. Nachtblume
02. Frühlingslied
03. Palästinalied
04. O Fortuna
05. Ecce Gratum
06. Die finstere Nacht
07. Chint
08. Ad Mortem Festinamus
09. Schnee

Diese gab es im Theater nicht, bei Grendel wurden die Schotten zum Leidwesen vieler mal wieder dicht gemacht. Seinen früheren Aggrotech hat JD Tucker mittlerweile deutlich um frische Sounds und Einflüsse aus anderen Genres erweitert – wer rein durfte, konnte zu Klassikern wie auch Songs der aktuellen LP Age Of The Disposable Body kräftig abtanzen.

Draußen war es dann Zeit für ein Szene-Urgestein, dessen Amphi-Auftritte nicht mehr an zwei Händen abzählbar sind. Denn: Kein Amphi ohne Sven Friedrich! Die Fans tanzen, johlen und beklatschen jeden Solar Fake-Song, darunter auch die Single vom kommenden Album, das Friedrich ankündigt. Den Hit More than this singt das Publikum alleine weiter, das Editors-Cover Papillon kommt ebenfalls sehr gut an. Dies alles zur Überraschung vieler mit einem Live-Schlagzeug, das zahlreichen Stücken spürbar gut tut.

Setlist SOLAR FAKE
01. Not What I Wanted
02. Under Control
03. Sick Of You
04. All The Things You Say
05. I Don‘t Want You In Here
06. More Than This
07. Parasites
08. Reset To Default
09. The Pain That Kills You Too
10. Papillon
11. Where Are You
12. Observer

Große Diskussionen gab es im Vorfeld um den danach folgenden Gig von Agonoize. Denn die Veranstalter verboten dem Aggrotech-Projekt um Vokalist Chris L. die übliche Kunstblut-Splatter-Show. Mit Blick auf anwesende Kinder und die zu erwartende Sauerei auf Bühne und im Graben ist das sicher keine so schlechte Vorgabe des Festivalveranstalters, doch viele Fans sind enttäuscht. Die Musiker nehmen es mit Humor und holten die “Blutfee” auf die Bühne, die im rosa Morphsuit umhertanzt und eine Klobürste in ein Eimerchen mit roter Farbe taucht. Infantile Provokation oder ungezügeltes Gesamtkunstwerk? Da soll sich jeder selbst seine Meinung bilden …

Setlist AGONOIZE
01. Intro
02. Teufelskind
03. Femme Fatale
04. Staatsfeind
05. Dead But Not Gone
06. S.F.P.A.
07. Koprolalie
08. Bloodqueen
09. A Vampire Tale
10. Eternal Darkness
11. Dafür
12. Glaubenskrieger
13. Deutsch
14. Bis das Blut gefriert

Keine zwei Meinungen gab es dagegen zum Auftritt der Berliner Kultband Mad Sin. Die Psychobilly-Punker sind sonst wohl andere Festivals mit anderem Publikum gewohnt, dies tat der Stimmung im Theater aber keinen Abbruch. Viele genossen die Möglichkeit, an diesem doch überwiegend sehr elektronisch gehaltenen Tag mal richtig die Luftgitarre rausholen zu können.

Setlist MAD SIN
01. Speak No Evil
02. Wreckhouse Stomp
03. Cursed
04. Outta My Head
05. Brainstorm
06. Not Invited
07. I Shot The Sheriff
08. To Walk The Night
09. Revenge
10. 9 Lives
11. Gonna Get Her
12. Wipe Out
13. Psychotic Behaviour
14. Brand New Cadillac
15. Communication Breakdown

So richtig “goth” lieferten dann aber Girls Under Glass ab. Und was war das für ein fantatischer Auftritt! Die perfekte Mischung aus klassischem 80er-Darkwave und 90er-Industrial Rock/NDH – nicht nur aufgrund des an zweiter Stelle gesetzten Covers von Gary Numans ewigem Hit Cars.  Sowohl Volker Zacharias als auch Thomas Lücke traten ans Mikro (in der Vergangenheit war dies ja nicht immer so selbstverständlich) und ließen im Zusammenspiel mit der restlichen Band die Frage aufkommen, warum sie sich live so rar machen. Nach gut 50 Minuten war einer der besten Gigs des gesamten Wochenendes und damit auch das einzige GuG-Konzert in 2018 leider schon zu Ende. Wir hoffen auf ein baldiges Wiedersehen!

Setlist GIRLS UNDER GLASS
01. Ohne dich
02. Cars
03. Endless Nights
04. In die Einsamkeit
05. When I Think About You
06. Burning Eyes
07. Feuerengel
08. Wall Of Sound
09. Lucky
10. Body Electric
11. Du Tier

Etwas gespaltener die Reaktion auf Grausame Töchter, die sich zur gleichen Zeit auf der MSRheinEnergie einem größeren Publikum präsentierten. Das Electro-Projekt um Aranea Peel, deren Texte sich um Sex und Geschlechterrollen, Sadomasochismus oder die Absurdität des Alltags drehen, hat viele Zuschauer an Bord gelockt. Auch Fotografen sind zahlreich erschienen. Denn es gibt viel zu Schauen, obwohl die Truppe die BDSM-Einlagen zurückgeschraubt hat und eine für ihre Verhältnisse jugendfreie Vorstellung liefert. Peel und Bandkolleginnen sind spärlich bekleidet, schwarze Streifen kleben auf ihren Brustwarzen, der einzige Kerl sitzt im Hintergrund am Schlagzeug. Die Musik – schnell, verspielt, tanzbar – kommt größtenteils vom Band, auch wenn Cello und Gitarre einige Songs unterstützen. Live sind Grausame Töchter mehr Performance-Act als Band. Peel führt mit weit aufgerissenen Nina Hagen-Augen durch die Show, die mit einer bandagierten Sklavin beginnt. Blut läuft aus deren Mund. Uneingeweihte im Publikum wissen noch nicht so recht, wie sie reagieren sollen. Ist das gut? Peinlich? Provokant? Intelligent? Die wohl kalkulierte Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Im weiteren Verlauf hantiert Peel mit einer Pistole und richtet sie auf ihre Sklavin, die Frauen tanzen synchron zum schrägen Fette Katzen oder ahmen mit ihren Armen eine selbstverständlich das Männchen fressende Spinne nach. Viele Besucher diskutieren im Anschluss den Auftritt, insofern hat das Projekt wohl alles richtig gemacht. Getrübt wird der positive Eindruck davon, dass auch Peels Gesang bisweilen den Eindruck von Playback hinterließ.

Playback singt Joachim Witt sicher nicht. Doch auch an der Performance des Altmeisters schieden sich die Geister. Manch einer äußerte sich voll des Lobes über das Konzert mit einer stark vom aktuellen Album Rübezahl geprägten Setlist, andere bemängelten fehlende Motivation beim Hamburger und entsprechende genervte Zwischenansagen.

Setlist JOACHIM WITT
01. Herr der Berge
02. Ich will leben
03. Wofür du stehst
04. Agonie
05. Mein Diamant
06. Eis und Schnee
07. Leben und Tod
08. Wiedersehen woanders
09. Die Flut
10. Goldener Reiter
11. Strenges Mädchen

Futter für Augen, Herz und Hirn liefern stattdessen seit Jahrzehnten schon In The Nursery und Goethes Erben. Oswald Henke und seine Mitstreiter nutzten den Headliner-Auftritt im Theater zur Vorstellung von mehreren neuen Songs, Henke selber äußerte sich zwischen den insgesamt 13 Stücken selbst dezidiert politisch und erhielt entsprechenden Applaus.

Setlist IN THE NURSERY
01. Consul
02. Artisans
03. Crepuscule
04. Crave
05. Rainhall
06. Lectern
07. Bombed
08. A Rebours
09. Torschlusspanik
10. Cobalt
11. Sixth Sense
12. Compulsion
13. L‘Esprit
Setlist GOETHES ERBEN
01. Wucht
02. Rot
03. Kopfstimme
04. Nichts bleibt wie es war
05. Himmelgrau
06. Zimmer 34
07. Denn es ist immer so
08. Vermisster Traum
09. Keine Farben
10. Lazarus
11. Die Brut
12. Mit dem Wissen
13. Ironie im Plattenbau
14. Zinnsoldaten

Eine politische “Äußerung” sollte während und nach dem Set des Mainstage-Headliners noch rege diskutiert werden – doch zunächst rockten sich Oomph! durch ein durchweg grundsolides “Best-of 2004-heute”-Set, ergänzt mit dem Klassiker Gekreuzigt und den beiden uralten EBM-Stücken Der Neue Gott und Mein Herz. Eine nicht ganz ernst gemeinte Frage muss allerdings erlaubt sein: Warum sieht Dero immer mehr aus wie Harald Glööckler?

Setlist OOMPH!
01. Das weisse Licht
02. Gott ist ein Popstar
03. Träumst du
04. Mein Schatz
05. Der neue Gott
06. Sandmann
07. Gekreuzigt
08. Jetzt oder nie
09. Niemand
10. Kleinstadtboy
11. Labyrinth
12. Augen auf!
13. Mein Herz

Und dann war es wieder einmal an “Naghavis Kriegern”, das Amphi Festival zu beenden. And One spielten sich durch ihr fast immer gleiches mit Hits gespicktes Festival-Set, alle tanzen, klatschen, jubeln, singen mit, sogar Naghavi, der nicht zu Unrecht den Ruf eines Konzert-Plappermauls inne hat, hält zwischen den Songs durchgängig die Klappe – aber dann kommt die “Zugabe”. Der Deutsch-Iraner tritt auf die Bühne und ruft beschwingt gen Publikum: “Das, was ich jetzt mache, wollte ich immer schon mal machen! Gebt mir ein A! Gebt mir ein D! Gebt mir ein O! Gebt mir ein L! Gebt mir ein F!”. Direkt danach beginnen die ersten Takte des traditionell hochgradig umstrittenen Songs Steine sind Steine. Für viele eine Aktion, die die Stimmung mit einem Schlag völlig ruinierte. Zahlreiche Zuhörer verließen das Festivalgelände und machten ihrem Ärger in den einschlägigen sozialen Netzwerken Luft. Ob die Aktion bewusste Provokation war? Ob Naghavi den Zuschauern einfach nur mal zeigen wollte, wie leicht sich Menschen manipulieren lassen können? War dies humorvoll oder völlig daneben? Darf man And One jetzt überhaupt nochmal in Zukunft auf dem Amphi spielen lassen? Fragen über Fragen, zu deren Antworten sich jeder besser selbst seine Meinung bildet.

Setlist AND ONE
01. Sometimes
02. Military Fashion Show
03. Für
04. Technoman
05. Schwarz
06. Unter meiner Uniform
07. Most Of The Tears
08. Traumfrau
09. Get You Closer
10. Krieger
11. Deutschmaschine
12. Steine sind Steine
13. Second Voice
14. High
15. Shouts Of Joy

So oder so: Nach Shouts Of Joy war das Amphi 2018 wieder einmal viel zu schnell vorbei. 12.500 Besucher können auf ein an Höhenpunkten reiches Wochenende zurückblicken. Die Kritikpunkte sind seit Jahren nahezu identisch, wenngleich der Veranstalter an eben diesen kaum bis gar nichts ändern kann. Wieder einmal schwankte der Sound im Theater qualitativ stark, wieder einmal durften viele Fans bei einigen Bands nicht ins völlig überfüllte Theater, wieder waren die Getränkepreise weit weg von Gut, aber leider nicht von Böse.  Doch lenken wir den Blick in die Zukunft: Für das Amphi 2019 am 20. und 21. Juli ist den Bookern bereits eine absolute Traumverpflichtung gelungen. Die seit sieben Jahren pausierenden EBM-Heroen Nitzer Ebb kehren endlich auf die Bühne zurück – wir sind gespannt auf das weitere Line-up!

Redaktionelle Mitarbeit: Christian Daumann
Bilder: Peter Bernsmann
Bilder Rroyce: Dietmar Grabs

More from Patrick Friedland

REFUSED – War Music

Eine Band, die seit Gründung 1992 ununterbrochen gegen den Kapitalismus wettert, veröffentlich...
Read More