AMENRA – Dortmund, Junkyard (18.02.2019)

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Ganz gro├čes Kino erwartete die Besucher des ausverkauften Dortmunder Junkyards am Montag, denn die┬áChurch of Ra lud zur Messe und hatte dabei E-L-R und Lingua Ignota im Gep├Ąck.

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Kristin Hayter verarbeitet unter dem Pseudonym Lingua Ignota genre├╝bergreifend eine Vergangenheit, die von Missbrauch und Anorexie gezeichnet wurde. Brutale Industrial-Samples treffen auf Klavieruntermalung und eine klassisch geschulte Stimme, die immer wieder ausartet. Diese Kombination erzeugt ein onomatopoetisches Klangbild ihrer Erlebnisse und wird live durch eine Performance visualisiert, die nichts f├╝r schwache Nerven ist. Neben einem Tisch, der inmitten des Publikums aufgebaut ist und Keyboard und Laptop tr├Ągt, geh├Âren auch 5 Lampen an langen Kabeln zu ihren Requisiten. Ein Interview l├Ąuft w├Ąhrend ihrer gesamten Show vom Band; es handelt von einer Frau, die gefoltert und missbraucht wurde und es schaffte, ihre Peiniger umzubringen. Innerhalb des Kreises, den das Publikum um sie bildet wie eine Schar Schaulustiger, bewegt sich Hayter hektisch und aufgebracht. Sie umwickelt sich mit den Lampenkabeln, gei├čelt sich selbst damit, schleudert sie auf den Boden und wirbelt damit im Junkyard nicht nur m├Ąchtig Staub auf, sondern auch die Gem├╝ter der Anwesenden. Sie singt, sie schreit, sie leidet. Es ist fesselnd zu beobachten, wie sie ihren inneren Kampf nach au├čen tr├Ągt und man f├╝hlt sich fast schlecht dabei, tatenlos in diesen menschlichen Abgrund zu starren. Dementsprechend w├╝rde sich Applaus zwischen den einzelnen St├╝cken einfach nur falsch anf├╝hlen. Dieser f├Ąllt im Anschluss an ihre ca. 30-min├╝tige Darbietung daf├╝r umso lauter und begeisterter aus. Fast so, als w├╝rde man sie dazu begl├╝ckw├╝nschen ihre D├Ąmonen besiegt zu haben. Ihr Angebot am Merchstand beschr├Ąnkt sich auf Shirts und Longsleeves, da die EPs LET THE EVIL OF HIS OWN LIPS COVER HIM (2017, Kleinstauflage von 30 CDs) und All Bitches Die [2017, Neuauflage 2018 mit zus├Ątzlichem Song God Gave Me No Name (Nothing Can Hide From My Flame)] bereits restlos ausverkauft sind. Der Repress ist bereits in Gange.

All Bitches Die

Preis: EUR 18,46

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10 neu & gebraucht ab EUR 12,78

Deutlich entspannter geht es im Anschluss beim schweizer Trio E-L-R zu. ├ťberwiegend instrumental bewegen sie sich stilistisch zwischen effektschwangerem Post Rock und Metal, w├Ąhrend sich die Songs genretypisch ├╝ber 6-10 Minuten erstrecken. Sie selbst beschreiben ihre Musik treffend als „hypnotic rhythms suspended in a haze of eternal reverberation“. Assoziationen zu Bands wie This Will Destroy You, M├Şuntain und Noir Reva werden geweckt, wenn die Songs auch nicht ganz so detailreich ausgearbeitet und vertrackt sind wie die der genannten Bands. Die ruhigeren Parts schaukeln sich zu heftigen Tremolo-Gewittern auf, ehe die St├╝cke dann wieder in ruhigeres Fahrwasser ├╝bergehen. Das l├Ądt unweigerlich zum Schweifenlassen der Gedanken ein ohne zu langweilen. Die Band hat im Dezember ein 2-Song Demo namens In Splendour & Sedation auf bandcamp ver├Âffentlicht, das auf mehr hoffen l├Ąsst. Die Kassettenauflage von 150 St├╝ck ist unverwunderlicherweise bereits vergriffen.

Der Puls scheint jedoch insgesamt an diesem Abend zu H├Âherem berufen zu sein. Nachdem E-L-R ihn nach der aufw├╝hlenden Performance Lingua Ignotas wieder auf Kurs gebracht haben, stacheln die Belgier┬áAmenra ihn mit dem 10-Min├╝ter .De Dodenakker. erneut an. Wuchtige, schleppende Soundw├Ąnde untermauern van Eeckhouts markante Urschreie, w├Ąhrend er sich -fast immer vom Publikum abgewandt- wie in Trance zum Takt bewegt. Er mutet mitunter wie ein Zeremonienpriester an, bereichert diese Erscheinung jedoch mit den Ausweichbewegungen eines Boxers, womit er den Gro├čteil der Aufmerksamkeit sicherlich auf sich zieht. Fortgesetzt wird das Set mit .Razoreater. und das Publikum hat sich bis dahin bereits in eine wabernde Masse verwandelt, die gebannt auf die monochrome Szenerie schaut. Boden wird von van Eeckhout und Drummer Lebon mit dem rhytmischen Klirren von Metallrohren eingeleitet, die sie aufeinanderschlagen. Das wird zur ruhigeren Mitte des Songs nochmal aufgegriffen, bis er sich dann zum Ende hin nochmal mit Worten „but the pain remains the same“ gewaltsam entl├Ądt.

Mass VI

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Die Band beherrscht den Wechsel von Sph├Ąrisch zu Brachial ohnehin spielend; kaum hat man sich mit den leiseren Parts vers├Âhnt, knallt einem das n├Ąchste Brett ins Gesicht. So dann auch mit dem franz├Âsischsprachigen Plus Pr├Ęs De Toi, dem ersten Song in der Setlist, der vom letzten Release Mass VI (V├ľ 2017) stammt. Das ruhige Intro zu Diaken l├Ąsst kurz zur Vorbereitung auf das, was noch kommt f├╝r zwei Minuten innehalten und auch wenn man die Songs kennt, trifft einen der Einsatz der verzerrten Gitarren in den h├Ąrteren Passagen trotzdem jedes Mal wie ein Bus. Gro├čes Lob an dieser Stelle an den Tonmenschen, alles richtig gemacht. Ebenso projezieren die Songs durch ihre atmosph├Ąrische Schwere das besungene Leid auf die Zuh├Ârerschaft obwohl man die geschrieenen Passagen sicherlich nicht Wort f├╝r Wort versteht. A Solitary Reign kn├╝pft also an dem desolaten Gef├╝hl an, mit dem einen der Vorg├Ąnger zur├╝ckgelassen hat und verst├Ąrkt es eigentlich noch, bis es vom fast gesangslosen .TerZiele.Tottedood. wieder ein St├╝ck weit aufgel├Âst wird. Auf dessen abruptes Ende folgt .Am Kreuz., welches entgegen des deutschen Titels auf Englisch den Leidensweg Christi beschreibt, bzw. als autobiografische Analogie dazu verstanden werden kann. Den Abschluss der kathartischen Messe bildet das Medley Aorte / Ritual, in dessen Verlauf sich E-L-R und Lingua Ignota auf der B├╝hne dazugesellen um die Klimax einzuleiten und sich somit geb├╝hrend vom Publikum und auch voneinander zu verabschieden, denn Dortmund war die letzte Station ihrer gemeinsamen Tour.

Kleiner Trost: Amenra bieten im Mai jeweils in Wien und in Gent, sowie im Juli in Antwerpen die Gelegenheit, der Church of Ra┬áerneut zu huldigen oder sich ihr anzuschlie├čen. Schweiz(urlaub)er, die gerne in den Genuss von E-L-R kommen m├Âchten, haben Ende des Monats sowie Mitte M├Ąrz in Fribourg und Olten die Chance dazu. Hayter tourt im April mit Tristan Shone alias Author & Punisher durch Europa und kann u.a. in Berlin und Antwerpen bestaunt werden. Die Wege trennen sich also nicht f├╝r lang.

Setlist AMENRA @ Dortmund, Junkyard (18.02.2019):

01. .De Dodenakker.
02. .Razoreater.
03. Boden
04. Plus Pr├Ęs De Toi
05. Diaken
06. A Solitary Reign
07. .TerZiele.Tottedood.
08. .Am Kreuz.
09. Aorte / Ritual

Geschrieben von
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