RICHARD KRUSPE im Interview: “Ich stehe mit Martin Gore in Kollabo-Kontakt”

RICHARD KRUSPE im Interview: "Ich stehe mit Martin Gore in Kollabo-Kontakt"
Richard Kruspe, © Alexander Gnaedinger
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Es sind gute Zeiten für Rammstein-Fans: 2019 gehen die Berliner Superstars endlich wieder auf große Tournee, nach zehn Jahren soll auch das lang erwartete Nachfolge-Album zu Liebe ist für alle da in die Läden kommen. Allerdings dürfen Fans auch Emigrate, dem Soloprojekt von Richard Kruspe, gern Gehör schenken. Album Nummer drei, A Million Degrees ist nun erschienen. Zu diesem freudigen Anlass sprach Monkeypress.de-Redakteur Alf Urbschat mit dem 51-Jährigen, der uns nicht nur alle Fragen zu Emigrate beantwortete, sondern auch über den Stand der Dinge bei seiner Hauptband informierte.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Alf Urbschat: Hallo Richard, ich bin begeistert von dem neuen Emigrate-Album. Ich hätte jetzt fast gesagt, dass es der Gipfel Deiner bisherigen kreativen Arbeit an Emigrate ist.

Richard Kruspe: (lacht) Naja, “der Gipfel” ist gut. Dann könnte ich jetzt ja aufhören und mich zur Ruhe setzen. Aber wir können ja noch nach den Sternen greifen.

A: Genau, so wollte ich es ausdrücken. Die Vorabsingle 1-2-3-4 hört sich für mich an wie ein Rock’n‘Roll-Befreiungsschlag an. Wie ist es eigentlich zu der Zusammenarbeit mit Ben Kowalewicz von Billy Talent gekommen? So richtig artverwandt seid Ihr jetzt ja nicht, oder?

R: Fairerweise muss ich sagen: Der sogenannte Befreiungsschlag kam bereits, als ich Bens Stimme das erste Mal gehört habe. Normalerweise arbeite ich bei Emigrate so, dass ich die Songs mache, sie mir anhöre und dann eventuell entscheide, ob ich mir jemanden einlade, bei dem ich mir vorstellen kann, dass es gut passen könnte. An Ben habe ich ehrlicherweise gar nicht gedacht, und auch Billy Talent habe ich jetzt nicht wirklich so auf dem Schirm gehabt. Der Impuls kam ursprünglich von meinem Manager. Wenn ich so an Billy Talent dachte, fiel mir immer nur dieser geile Gitarrensound von Ian (D`Sa) ein, der immer schon so eigen war und einen hohen Wiedererkennungswert für mich hat. Klar habe ich die Jungs schon mal live gesehen und wir haben auch mal ein Festival zusammen gespielt. Aber in dem Moment hat Bens Stimme jetzt nicht so viel bei mir ausgelöst.

Ich halte mir bei Emigrate ja schon immer alle Optionen offen. Der Track hat für mich auf dem Album einen unheimlich starken Live-Performance-Charakter und Bens Stimme hat das nochmal mehr verstärkt. Er hat sowas Zündendes, Rotziges, irgendwie auch was Punkiges. Das war irgendwie total passend, obwohl es mir wie gesagt nie eingefallen war, ihn zu kontaktieren.

A: Wahrlich ein toller Zufall, oder?

R: Naja, ich versuche meinen Songs immer einen Freiraum zu geben, um zu sehen, wohin die Reise führen könnte, ohne vorweg feste Strukturen zu untermauern.

Emigrate - 1234 feat. Ben Kowalewicz (Official Video)

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A: Wann kommt es denn zur Entscheidung, ob du einen/wen du als Gast in den Song einlädst?

R: Ach, das passiert manchmal schon sehr früh. Ich komponiere den Song, singe die ersten Harmonien ein und überlege mir dann, ob ich es alleine mache, oder ob wer den Song auf eine höhere Ebene bringen kann. Ich bin ja nun nicht so ein begnadeter Sänger. Das kommt noch aus einer Zeit, wo ich mich mit Sicherheit auch noch nicht wirklich getraut habe. Daraus entstand dann wohl auch die Leidenschaft, mit anderen Sängern zusammenzuarbeiten, mit denen man sonst nicht zusammen ist, weil man ja in einer Band ist, mit einem Sänger. Da ist dann aus so einer Art Not eine Chance geboren.

Manchmal ist es aber auch so, dass du einen bestimmten Sänger im Kopf hast, wie zum Beispiel bei War, wo ich von Anfang an das Gefühl hatte, dass der schon was Gesellschaftskritisches hat. Da fiel mir sehr früh Serj Tankian von System Of A Down ein. Ich habe ihm das Ding geschickt, nach einiger Zeit rief er mich an und sagte mir, dass er dem Song nichts mehr beibringen könne, um ihn noch besser zu machen. Ich dachte erst, der hat kein Bock oder keine Zeit, aber er sagte mir ganz klar: ‘Nein, der Song geht so steil, und ich packe es nicht. Das Ding ist einfach geil.’ Das habe ich für mich als großes Kompliment gesehen und es dann auch so gemacht.

Es gab Anfragen von Leuten, die ich jetzt hier nicht nennen möchte, da sie mittlerweile auch gestorben sind. Es gibt Traumsänger, mit denen ich so gerne zusammengearbeitet hätte. Bowie zum Beispiel. Ich weiß gar nicht, wie ich das am besten beschreiben kann. Es ist einfach fantastisch, wirklich mit den großen Sängern der Musikwelt zusammenzuarbeiten und dass auch denen meine Songs so gefallen, wie ich sie mir vorstelle.

A: Du kommst ja richtig ins Schwärmen.

R: Ja, es ist für mich einfach ein Traum, den ich mit Emigrate erfüllen kann. Fernab von wirtschaftlichen Aspekten kann ich etwas mit purer Leidenschaft verfolgen, ohne mir Sorgen zu machen. Das ist für mich unheimlich befreiend.

“Trent Reznor steht ganz oben auf meiner Wunschliste”

A: Schön zu hören, wie du darin aufgehst. Gibt es denn, leider muss man es ja so sagen, auch noch lebende Künstler, bei denen Dir das Herz warm werden würde, könntest du mit ihnen arbeiten?

R: Ja klar, es gibt wohl zwei Künstler, die wirklich ganz oben auf meiner Wunschliste stehen. Der eine ist tatsächlich Martin Gore (Depeche Mode), mit dem bin ich diesbezüglich auch schon im Kontakt. Der hatte ja bisher noch selber viel zu tun, hat aber schon mal Interesse bekundet. Der andere wäre Trent Reznor (Nine Inch Nails), wobei ich glaube, dass der für solche Kollaborationen leider nicht zu haben ist. Das sind die beiden, die mir immer sofort durch den Kopf gehen, weil ich sie auch als Songschreiber sehr schätze.

A: Wenn ich mich recht erinnere, ist der Wunsch nach Martin Gore ja auch gar nicht von so weit hergeholt. Du bist doch Depeche-Mode-Fan, oder?

R: Ja, Fan ist, glaube ich, jetzt nicht richtig umschrieben. Ich schätze sein musikalisches Können sehr. Die Art, wie er schreibt, was er aussagt oder auch mal nicht aussagt. Das geht mir sehr nahe und berührt mich sehr stark. Wir haben uns ja irgendwann auch mal kennengelernt. Und es kann ja sehr schnell nach hinten losgehen, wenn Du so ein Idol von Dir triffst. Aber das war bei ihm ganz anders, weil er abseits der Musik auch noch ein ganz toller, herzlicher Mensch ist.

A: Hat er oder Depeche Mode dich denn damals geprägt?

R: Was heißt geprägt? Nein, es war ja so, dass wir so in den 80ern groß geworden sind, und das war eben bei uns in der DDR etwas anders. Wir waren aufs Radio angewiesen, auf den Pop. Das, was ich dann doch auf Platte oder Tape bekommen konnte, war schon eher die härtere Gangart gewesen. Ich hatte aber immer schon eine sehr hohe musikalische Bandbreite, in die ich mich reinfühlen konnte. Ich war nie nur Metal oder Punk. Ich kann fast allem etwas abgewinnen, etwas empfinden und verstehe es auch.

Das einzige Genre, wo ich es nicht kann – und dabei versuche ich es immer wieder mal – das ist deutscher Hip Hop. Das tut mir auch leid, aber ich finde da nicht den nötigen Zugang, um es zu verstehen oder zu fühlen. Das ist wohl auch dem geschuldet, dass es nicht mein Lebensgefühl ist. Es ist ja im Moment auch so, dass Rock als Mittel der Rebellion abgelöst wird durch Sprache. Früher haben die Kids durch laute Gitarren rebelliert, das gibt es einfach nicht mehr. Ich frage mich eher: wo kommt diese Sprache im Hip Hop eigentlich her? Ist das so eine Macho-Kultur? Glauben die Kids das, was da gelabert wird, oder ist das einfach nur geil, weil es Anti ist? Wie ist es denn bei Dir?

A: Ach, ich glaube, da wir beide fast das gleiche Alter haben, dass wir mit anderen Idolen und auch medialen Werten aufgewachsen sind. Aber noch ist die Hoffnung nicht verloren. Ich kenne auch viele Kids, mein Sohn besonders, die auch heute noch auf harte Gitarren stehen.

R: Ist das so?

A: Ja, er ist zum Beispiel ein riesengroßer Rammstein-Fan und ganz neidisch, dass wir hier sprechen.

R: Na, das kommt dann aber mit Sicherheit durch deinen Einfluss. (lacht) Aber eigentlich ist es ja sonst genau das, was ich sagte. In der Regel ist Rock eigentlich tot. Das macht mich schon etwas traurig, weil ich ja nun mal Gitarrist bin. Aber ich versuche mich immer wieder in anderen Musikstilen, höre und respektiere sie als Künstler und begutachte sie auch aus Produzentensicht. Aber der Hip Hop bringt mir nichts, und ich sehe da absolut keinen künstlerischen Aspekt oder Sinn drin. Ich verstehe ehrlich gesagt auch gar nicht, was die da jetzt überhaupt meinen und wahrscheinlich interessiert es mich auch nicht. (lacht)

Wir leben in einer schweren Zeit. Auch in der Musik zählt heute mehr Quantität als Qualität. Die Kids werden mit Reizen überflutet. Eine Band wie Pink Floyd, die alleine schon ein Songintro aus über drei Minuten gebaut haben, wäre heute chancenlos. Die Kids wären in der Zeit schon bei fünf weiteren Acts, weil alles nur noch im Sekundentakt läuft. Ich will ja nicht zu den alten Leuten gehören, die sagen, dass früher alles besser war. Aber heute komme ich bei einigen Sachen einfach nicht mehr mit.


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A: Oh, wir schweifen ja weit ab von deiner Platte. Aber mit “großer Bandbreite” gibst du mir ein passendes Stichwort. Bei dem Track You Are So Beautiful habe ich als erstes an U2 gedacht.

R: Ja, das kann ich nicht verleugnen. Ich höre ja auch U2, bin aber kein Fan oder so. Man lebt ja nicht in einem Vakuum. Man nimmt Dinge auf, hört sie irgendwo, und wenn du dann bei der Arbeit bist, kommt da mit einem Mal dieser kreative Gedanke, und du weißt gar nicht, wo der jetzt genau herkommt. Du spielst bestimmt auf das Intro an. Ja, es hat einen gewissen Style, der irgendwie durch das Gitarrenspiel von Edge inspiriert wurde. Ich wüsste nicht, wo die Band stehen würde, hätte Edge mit seiner Gitarre die Band nicht so geprägt. Auf Platte sind gerade die früheren Sachen top, auf der Bühne kann ich sie mir nicht anschauen, weil mir dieser ewige Zeigefinger von Mr. Bono so gar nicht liegt.

A: Dann wollen wir das auch gar nicht weiter vertiefen, oder? Ich würde dann mal auf  Let’s go mit Till Lindemann zu sprechen kommen.

R: Oh, da muss ich jetzt sehr weit ausholen, um das zu erklären. Eigentlich ist Emigrate aus einer Zusammenarbeit von Till und mir entstanden. Wir wollten ganz gerne mal etwas zusammen machen, außerhalb von Rammstein, aber da gab es von den anderen einen großen Widerspruch, den ich heute auch gut verstehe und nachvollziehen kann. Let’s go kam eigentlich genau aus dieser Zeit. Ich wollte ihn dann aber auch nicht auf dem ersten Emigrate-Album verbraten, sondern habe ihn lieber erst einmal wieder weggelegt. Jetzt dachte ich, wäre es an der Zeit, über den Song nachzudenken und habe ihn rausgeholt, komplett überarbeitet. Da sich das Stück um uns drehen sollte, fiel mir die Zeit ein, die wir zusammen erlebt haben, gerade die Zeit so um den Mauerfall rum, mit all seinen Folgen und so. Und ich wollte jetzt endlich mal einen Song schreiben, der von unserer wirklich intensiven Freundschaft handelt. Ich habe meinen Teil dazu geschrieben und Till hat seinen Beitrag dazu auf Deutsch geschrieben, was ich sehr interessant fand. Wir haben so bald dreißig Jahre für uns reflektiert.

A: War Till denn von dem Song auch gleich überzeugt? Er hat ja, mal abgesehen von Tills Stimme, nichts gemeinsam mit Rammstein. Ich höre da sehr viel Harmonie raus, die ich bei einem Till Lindemann jetzt so nicht erwartet habe.

R: Ja, ich muss es mal so sagen. Ich bin ein riesiger Fan von Tills Stimme. Till hat so viel Seele und Tiefe in seiner Stimme, dass er mit Sicherheit auch gut in andere Genres passen würde, wenn er die Möglichkeit ergreifen würde. Und hier hat es wahnsinnigen Spaß gemacht, ihn als einen anderen Charakter zu erleben, zu sehen, wie facettenreich er ist.

A: Du legst anscheinend viel Wert auf Harmonie, was mir bei Lead You On mit der wunderbaren Stimme von Margaux Bossieux aufgefallen ist. So etwas würde ich mir ehrlich gesagt auch mal im Radio wünschen. Könntest du Dir Emigrate im Mainstream-Radio vorstellen?

R: Also natürlich hat niemand etwas dagegen, wenn seine Musik im Radio gespielt wird. Wenn man so etwas ausschließen würde, hätte man, glaube ich, auch ganz schnell verloren. Da ich ja mit Emigrate nicht wirklich diese Live-Attitüde habe, wäre es natürlich super, wenn es im Radio laufen würde. Die Chance, damit aber wirklich in die Playlisten zu kommen, ist leider eher gering.

“Wir mischen gerade das Rammstein-Album”

A: Naja, Deine Liste der Gastmusiker liest sich ja fast wie ein Who-Is-Who. Die alle auf eine Bühne zu bekommen, und sei es nur für einen Auftritt, wäre wohl schwierig. Schade, oder?

R: Ja, das wäre eine tolle Idee, die ich vielleicht ja mal versuche. Wer weiß? Im Moment freue ich mich aber erst einmal, dass das Album da ist, dass es bis jetzt gut ankommt und ich gewisse Menschen damit berühren kann. Aber im Moment gibt es so viele Projekte, die jetzt anstehen. Wir mischen gerade das Rammstein-Album, dann gehen wir auf Tour. Wer weiß, zwei oder vielleicht sogar drei Jahre. Es ist gerade eine extrem spannende Zeit, und da kann ich gar nicht so recht planen, wann ich wieder Luft habe, neue Pläne zu schmieden.

A: Aber du bleibst fleißig?

R: Ja, auf jeden Fall. Ich schreibe immer noch regelmäßig. Nicht mehr so exzessiv die Nächte durch wie früher, aber ich habe immer Ideen, die es niederzuschreiben gilt. Ich glaube, jeder Musiker oder Komponist hat nur einen begrenzten Output. Und von daher ist es auch normal, wenn ich heute nicht mehr ganz so viel raushaue. Aber ich bleibe dabei, versprochen!

HINWEIS: Unsere Rezension zu A Million Degrees findet Ihr hier!

Weblinks EMIGRATE

Facebook: www.facebook.com/Emigrate
Homepage: www.emigrate.eu

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