FEVER RAY – Plunge

FEVER RAY - Plunge
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8 Gesamtnote

8

Fever Rays Sprung in die radikale Selbstbestimmung

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Das Album Plunge von Fever Ray, Nachfolger des namengebenden Debüts von 2009, ist bereits seit Oktober 2017 Gegenstand von Rezensionen und Diskussionen, denn seitdem ist das Album digital erhältlich. Am 23. Februar 2018, vier Monate nach dem digitalen Release, wird das Album nun auch auf CD und Vinyl erscheinen. Herausgegeben wird es vom hauseigenen Label Rabid Records.

Plunge unterscheidet sich musikalisch wie auch textlich von dem heißgeliebten Vorgänger, was nicht alle Anhänger*innen des Projekts gut heißen. Vielerorts liest man Sehnsüchte nach einem zweiten Fever Ray, ohne sich weiter mit den Hintergrundgedanken zum neuen Werk auseinandergesetzt zu haben. Für Skeptiker*innen empfiehlt es sich, Interviews mit Karin Dreijer zu Plunge zu lesen. Dabei sollte klar werden, was für ein wichtiges emanzipatorisches Werk Plunge für Karin Dreijer, aber auch die musikalische Electro-Welt, darstellt.

Fever Ray klang seinerzeit gespenstisch, bedrückend, repressiv. Diese erschaffenen Klänge dokumentierten das emotionale Leben einer Frau, die sich in den gesellschaftlichen Konstrukten der Ehe und Mutterschaft nicht wiederfinden konnte. Mittlerweile ist Dreijer geschieden und hat sich, vor allem künstlerisch, in die Welten der Queerness und des Feminismus gestürzt, was bereits in The Knifes finalem Album Shaking The Habitual, zu Deutsch: am Gewohnten rütteln, rauszuhören war. Deswegen kann man sowohl zu Fever Ray wie auch The Knifes Shaking The Habitual Kontinuitäten herstellen: zu ersterem, weil eben Plunge die Befreiung aus den Strukturen, die noch in Fever Ray vorherrschen, darstellt und zu letzterem, weil Plunge radikal bei dem finalen The Knife-Werk ansetzt und dessen Grenzen ausweitet. Vielerorts wird zudem Karin Dreijers derzeitige Selbstdarstellung diskutiert, die von der Entfremdung von weiblichen Schönheitsbildern und der Kokettiere mit BDSM gekennzeichnet ist.

Plunge ist schlussfolgernd, musikalisch sowie persönlich, ein Sprung in die weite Welt der Möglichkeiten sowie ein Coming Out für Karin Dreijer als queere Künstlerin. Der Opener Wanna Sip kommt wie eine Kampfansage daher, mit musikalisch niederprasselnden Raketen, in welcher Dreijer die Wichtigkeit der Selbstbestimmung und des Konsens betont: “Wanna do it if we do it, it’s my way/ Cause how you do it when you do it, it’s not ok.” Somit etabliert das Album von Minute eins den Grundgedanken des Albums: Fever Rays Musik bietet aktuellen queeren und feministischen Theorien ein musikalisches zu Hause. Doch bereits der zweite Song Mustn’t Hurry kommt seichter daher, wie ein niederprasselnder elektronischer Regenfall, gar an das Debüt erinnernd. Falling wiederum greift auf post-industrielle Musiklandschaften zurück, die Gefühle der Isolation hervorrufen, Isolation von einer Gesellschaft, die alternative sexuelle Identitäten immer noch nicht recht akzeptiert und die Betroffenen mit Gefühlen des Schmutzes zurück lässt: “That old feeling of shame/ she makes me feel dirty again”.

Die zweite Hälfte des Albums lässt für einen Moment mit Plunge und To The Moon And Back die geschilderte bedrückende Atmosphäre zurück. Letzteres Lied beginnt mit einer schillernden Pop-Melodie, die an den Frühling erinnert, an das Blühen und Scheinen der Welt und der Menschheit. Auch textlich ist das Lied weniger peinigend. Viel eher lebt dort Dreijers Charakter ihre sexuelle Identität aus, in dem sie singt: “I want to run my fingers up your pussy”. Das Album endet mit einer Einladung, eine neue Familie zu finden und rundet das Album, wahrscheinlich bewusst, nicht ab. Viel eher lässt Mama’s Hand Raum für Reflexion und potentiell Hunger nach mehr.

Im Wesentlichen bleibt also der Kern von Dreijers bisherigem musikalischen Schaffen erhalten, wird jedoch immer wieder von seichteren und provokanten Pop-Melodien entgegengesetzt und aufgebrochen. Der Aufbau des Albums zeigt, wie schwer es ist, sich von etablierten Strukturen zu lösen. Trotzdem setzt sich Plunge vor allem durch sein Plädoyer für die Selbstbestimmung vom Vorgänger ab. In unserer hoch politisierten Zeit wird dieses Album auf das Gehör von vielen Interessierten stoßen, denn Dreijer handelt nichtsdestotrotz textlich wie auch musikalisch die Grenzen von etablierten Strukturen überzeugend aus.

Tracklist FEVER RAY – Plunge:
  1. Wanna Sip
  2. Mustn’t Hurry
  3. A Part of Us
  4. Falling
  5. IDK About You
  6. This Country
  7. Plunge
  8. To the Moon and Back
  9. Red Trails
  10. An Itch
  11. Mama’s Hand
Fever Ray - Part V: Wanna Sip (Official Video)

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Weblink FEVER RAY:

Official: https://feverray.com/
Facebook: https://www.facebook.com/FeverRay/

 

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