Interview: KARL BARTOS (ehemals KRAFTWERK)

karl bartos
GeschÀtzte Lesezeit: 9 Minute(n)

Die Roboter, Das Model, Tour de France – jeder kennt die Titel von Kraftwerk, der UrvĂ€ter der Techno Musik. Karl Bartos war in der kreativsten Phase der Band nicht nur Schlagzeuger, sondern hat als Komponist die grĂ¶ĂŸten Hits der Kultgruppe maßgeblich mitgeschrieben. Ex-Kraftwerk Mitglied und Electromusiker Karl Bartos hat nun seine spannende Autobiografie Der Klang der Maschine veröffentlicht, in dem er u. a. ĂŒber seine Zeit bei Kraftwerk, ĂŒber sein Leben und die Musik im Allgemeinen erzĂ€hlt. Monkeypress hatte die Ehre mit dem sympathischen Musiker zu sprechen.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Du hast jĂŒngst das Buch Der Klang der Maschine veröffentlicht. Und ich habe das Buch wirklich verschlungen. Besonders die Passagen, in denen ihr mit Kraftwerk Musik gemacht habt, als es noch keine Sampler gab oder Musikprogramme am Computer. Wann kam es Dir in den Sinn, dass es nun Zeit fĂŒr Deine Autobiografie ist?
Der Wolfgang hat seine Autobiographie ja relativ frĂŒh geschrieben, in den 90er Jahren. Die habe ich natĂŒrlich auch gelesen, aber ich habe das fĂŒr mich nicht Betracht gezogen. Ich fand, ich war noch etwas zu jung dafĂŒr, um mein Leben zu betrachten. Es wĂ€re nur ein Teilabschnitt gewesen und ich wollte einen grĂ¶ĂŸeren Abstand haben. Und wĂ€hrend der Zeit an der UniversitĂ€t der KĂŒnste, als ich in Berlin unterrichtete, kam mir so langsam das Wort Klangbiographie in den Sinn. Denn ich wollte einer bestimmten Sache nachgehen. Das Geheimnis der Musik ist, dass jeder Mensch Klang anders hört. Und ich wollte ergrĂŒnden, wie das bei mir gekommen ist. Das war der eine Ansatz. 2009 kam der Katalog von Kraftwerk auf den Markt. Und da beschloss ich mal meine Perspektive aufzuschreiben. NĂ€mlich die ganze Geschichte von Mitte der 70er bis Ende der 80er Jahre. Diese beiden Ideen kamen dann zusammen. Zum einen die Idee der Klangbiographie und zum anderen die Geschichte von Kraftwerk. Und ich wollte noch eine dritte Ebene einfĂŒgen, in der ich ĂŒber Musik generell spreche. Das ist relativ schwierig und das wollte ich mir einfach mal gönnen.

Gerade fiel der Name Wolfgang FlĂŒr. Wolfgangs Buch wurde ja stellenweise zensiert. Hat Dich das beim Schreiben beeinflusst? Oder hast Du frei von der Seele geschrieben?
Ich bezog diese Zensur auf Wolfgangs Jugend damals. Er war zwar kein Teenager mehr, aber Wolfgangs Ebene ist halt sehr emotional. Und ich denke, wenn er sein Buch heute schreiben wĂŒrde, wĂŒrde es auch anders klingen, als damals in den 90er Jahren. Ich habe schon darĂŒber nachgedacht, wie ich das Buch intoniere. Und diese Intonation hinzukriegen, war natĂŒrlich nicht so einfach. Irgendwann wurde das Buch dann erfĂŒllend und anfĂŒllend. Ich habe zwei Jahre an der Autobiographie geschrieben und ich wollte es etwas leichtfĂŒĂŸiger hinbekommen. Und bisher habe ich noch keinen Ă€rgerlichen Brief von meinen frĂŒheren Kollegen bekommen und auch Wolfgang war ganz glĂŒcklich. Ich habe natĂŒrlich mit einem Brief gerechnet, gerade Ralf HĂŒtter ist ja bekannt dafĂŒr, dass er ganz genau hinschaut. Aber es ist alles gut gegangen.

Deine Geschichte, Deine Musikgeschichte umspannt mehrere Jahrzehnte. Hast Du alles aus dem GedÀchtnis geschrieben? Im Buch erwÀhnst Du einen Terminkalender.
Ich hatte das große GlĂŒck, dass ich seit 1969 Kalender fĂŒhre. Und das bis zum heutigen Tag. Dort kann man einige Gedanken hineinschreiben. Es ist kein Tagebuch im eigentlichen Sinne. Aber alle Termine und einzelne Gedanken finden sich dort wieder. Auch bin ich dazu ĂŒbergegangen, alle leere Seiten mit Gedanken und Textfragmenten vollzukritzeln. Und das hat sich sehr gut bewĂ€hrt.

Du bist im Jahre 1954 von Bayern ins Rheinland gezogen. WĂ€hrend Deines Studium auf der Robert-Schumann-Hochschule in DĂŒsseldorf begann 1974 Deine Weltkarriere bei Kraftwerk. Hatte der Ruhm Auswirkungen auf Deine Familie?
Ich bin ja schon sehr frĂŒh von zu Hause ausgezogen, habe mit Freunden in WGs zusammengelebt und meine Frau habe ich 1977 kennengelernt, so ungefĂ€hr zwischen den Alben Trans Europa Express und Die Mensch-Maschine. Ein Familienleben in dem Sinne haben wir nicht gefĂŒhrt. Ich wohnte in der Berger Allee zusammen mit Wolfgang und Emil und das war eher so etwas wie eine KĂŒnstlergruppe.

Gehen wir noch etwas auf Deine Zeit damals bei Kraftwerk ein. Ihr habt 1981 das Album Computerwelt herausgebracht. RĂŒckblickend gesehen, war das ein visionĂ€res Album. Ihr habt damals schon vor Datenmissbrauch gewarnt. Ich zitiere den Songtext: „Interpol und Deutsche Bank, FBI und Scotland Yard, Flensburg und das BKA, haben unsere Daten da“.
Ich weiß nicht, ob das eine Warnung war. Das ist einfach nur eine Bestandsaufnahme. Die Computerwelt ist weder gut oder böse. Und das ist das wirklich Interessante an dem Album. NatĂŒrlich war gerade die Zeit der Rasterfahndung. Die RAF hatten wir erlebt. Und noch gut war uns der Film von Fassbinder Welt am Draht im GedĂ€chtnis. Aber eine Warnung ist das nicht. NatĂŒrlich war es politisch, aber wenn man das mit der heutigen Welt vergleicht, dann war der Aufschrei, der damals durch die Bevölkerung ging, schon relativ seltsam.

„…wir Menschen komponieren den Klang unserer akustischen Umwelt…“

Heutzutage gibt ja fast jeder auf den sozialen Netzwerken alles von sich preis. Damals fanden die Leute es schon seltsam, wenn ihr Geburtsdatum oder Wohnort veröffentlicht wurde. [lacht] Insofern hat sich alles unglaublich verÀndert. Da kann ich in diesem Zusammenhang nur empfehlen Schöne neue Welt von Aldous Huxley zu lesen oder 1984 von George Orwell. Dann kann man genau die Stimmung nachempfinden, in der wir damals waren.

Den Terrorismus erleben wir zur Zeit auch verstĂ€rkt. Und es gibt große Diskussionen ĂŒber DatenĂŒberwachung und Menschen wie Edward Snowden geben uns DenkanstĂ¶ĂŸe. Wie weit darf die Datenspeicherung gehen?
Es gibt so viele Punkte, die dafĂŒr oder dagegen sprechen. Wenn unsere gewĂ€hlten Vertreter sich da so uneinig sind und jedes einzelne Land in Europa und auf der ganzen Welt einen anderen Zugang dazu hat und um Entscheidungen gerungen wird … niemand wĂŒnscht sich einen Überwachungsstaat, einen Staat, wie er in totalitĂ€ren Gesellschaften herrscht. Das kann man fĂŒr alle westlichen Menschen unterstreichen.

In Der Klang der Maschine beschreibst Du, wie die Zusammenarbeit mit Conny Plank war. Es gibt ja nun auch den fantastischen Film Conny Plank – The Potential Of Noise. Allgemein wird der Einfluss Planks auf die Kraftwerk Alben etwas heruntergespielt. Wie wĂŒrdest Du das einschĂ€tzen?
Ich habe Conny ja auch kennengelernt und ich fand es leider sehr traurig, dass von Kraftwerk kein okay kam, im Film auch nur einige Sekunden den Song Autobahn zu spielen. Das haben sie leider nicht gestattet und das fand ich sehr merkwĂŒrdig, dass selbst nach dem Tod Connys bestimmte Ressentiments bestehen. Deine Frage beantwortet man sich selbst ganz einfach: In dem man die alte Platte Autobahn von 1974 auflegt und danach die Version auf The Mix, die wir gemeinsam gemacht haben. Die Poesie in der ersten Produktion kann ich der zweiten Produktion – an der ich auch selber beteiligt war – nicht mehr wirklich hören. Und das – glaube ich – kennzeichnet auch, warum sich unsere Gedanken damals auch auseinander entwickelten und wir uns auseinandergelebt haben.

Du beschreibst in Deinem Werk den Begriff „Muzak“. Das ist im Grunde eine Art Klangteppich, der uns ĂŒberall hin verfolgt: in WarenhĂ€usern, FahrstĂŒhlen usw. Ich stelle mir das gerade als Musiker schwierig vor, immer dieses Rauschen im Ohr zu haben. Und dann ins Studio zu gehen und eigene Musik zu komponieren. Wie gehst Du damit um? Kannst Du das einfach ausblenden oder gehst Du dann einfach Laufen, wie im Buch beschrieben?
Weißt Du, die Botschaft, der Muzak, dieser stĂ€ndigen Berieselung der Musik ist, dass Musik keinen Anlass braucht, allgegenwĂ€rtig ist, einmalig und nicht stĂ€ndig wiederholbar. Ich kann da nur den Werbespruch von Spotify zitieren: „Wir haben fĂŒr jeden Augenblick ihres Lebens die richtige Musik“. Aber vielleicht brauchen die Augenblicke unseres Lebens ja gar keine Musik. [lacht] Musik braucht einen Anlass. Und das ist Hauptproblem: wenn man im Kaufhaus ist, hört man Musik, in der Warteschleife des Zahnarztes, ĂŒberall. Und gleichzeitig wird die Musik trivialisiert. Und das ist das, was ihr so schadet. Musik ist nun mal einmalig. In unserer modernen Gesellschaft können wir sie zwar seit 1877 aufzeichnen und sie ist nicht mehr an den Ort und Zeit ihrer Herstellung gebunden, sondern ist durch die Aufzeichnung frei geworden in Zeit und Raum. Aber nicht nur frei, sondern auch gefangen in der Aufzeichnung. Und so sehe ich, dass man viel mehr dazu kommen muss, Musik als Ereignis wahrzunehmen, als etwas ganz Besonderes, was man mit anderen Menschen auch teilen sollte.

Allein durch die Berieselung und dass wir ĂŒberall Musik hören können und Musikvideos schauen können, hat Musik an Wert verloren.
Genau. Die Aufzeichnung ist ja nicht lebendig. Jeder wĂŒrde ja einen Film nicht als lebendig bezeichnen, sondern er ist ja die Imitation – gestaltet oder nicht gestaltet – des Lebens. Genauso ist es auch bei der Musik. Wenn z. B. jemand eine AuffĂŒhrung bei einem Konzert mit dem Handy aufzeichnet, audiovisuell, dann ist es in gewisser Weise erstarrt. Man kann es sich zwar immer wieder zuhause ansehen, aber man hĂ€tte sich lieber daran erinnern mĂŒssen, dass dieser Moment einmalig ist und sich darauf konzentrieren, diesen Moment wirklich wahrzunehmen und zu erleben. Das stĂ€ndige wieder ansehen ist ja nicht das Erleben, das sind ja nur Daten, die man sich so wieder vor Augen fĂŒhrt.

Also im Grunde kann man sagen, man sollte Musik live erleben. Es gibt ja leider viele Leute, die Konzerte mit ihrem Telefon filmen und dadurch eine tolle Show verpassen.
Richtig. Sie verpassen den Augenblick. Sie haben zwar die Imitation des Augenblicks, aber nicht das eigentlich Erlebnis. Musik hören bedeutet ja auch Hören, FĂŒhlen und Denken. Und wenn ich das Denken abwende und dem Medium widme, bin ich mit dem heutigen Medien so etwas wie ein Reporter. Und manche Menschen nehmen ein Konzert nur auf, weil sie es irgendwo posten wollen, z. B. auf ihrer Facebook Seite.

Du hast im Buch Deine ungebrochene Faszination des Sounds beschrieben. Wie muss man sich das vorstellen? LÀufst Du mit einem tragbaren AufzeichnungsgerÀt durch die Welt und sampelst AllerweltsgerÀusche, um sie in Deiner Musik zu benutzen?
Nein, ĂŒberhaupt nicht. [lacht] Irgendwann wurde mein Interesse an KlĂ€ngen geweckt, und das im ganz jungen Alter. Und das geschah durch die Musik. Die Welt ist ja Klang, ĂŒberall hört man GerĂ€usche, ob das GesprĂ€che sind, ob man dem Radio zuhört, man Kirchenglocken lauscht oder Donner. Also GerĂ€usche der Natur, Umwelt und Technik. Aber diese GerĂ€usche sind ja eher akustische Informationen. Und ĂŒber die Musik in Verbindung mit dem Erwachen meiner SexualitĂ€t in der PubertĂ€t hat der Klang dieser Musik erstmalig GefĂŒhle erzeugt. Akustische Informationen bekamen eine Bedeutung. Und ĂŒber die Popmusik wurde ich auf die Musikgeschichte aufmerksam gemacht und diese musikgeschichtliche Entwicklung hat etwas ganz Besonderes hervorgebracht, nicht nur die klassische Musik, die wir so kennen, sondern auch zu Beginn der Moderne die Idee, dass man auch UmweltgerĂ€usche organisieren kann, genau so, wie man Musik organisiert.

Wenn ich heute mit meinen 65 Jahren durch die Welt gehe, dann erkenne ich natĂŒrlich nicht in jedem Auto und in jedem Vogelgezwitscher direkt Musik, sondern es bleiben die GerĂ€usche der Umwelt. Und fĂŒr mich ist Musik, wenn ich etwas gestalte. Es gibt diesen Begriff „Das ist Musik in meinen Ohren“. FĂŒr manche ist es aber Musik in den Ohren, wenn die Ladenkasse klingelt. [lacht] FĂŒr mich ist es Musik, wenn die Vöglein bei mir im Garten singen, das finde ich toll, oder der Rhythmus des Regens klingt wunderbar. Das sind die GerĂ€usche der Umwelt, die kann man auch unter gewissen UmstĂ€nden musikalisch deuten. Bei mir ist das nicht so. FĂŒr mich ist es einfach Umweltmusik. Murray Schafer war es, der einmal gesagt hat: „Die Umwelt ist die Komposition der Gesellschaft“. Die Welt klingt heute ja ganz anders als sie es vor 100 oder 200 Jahren getan hat. Und so sind wir Menschen die Komponisten der GerĂ€usche der Natur, der Umwelt und vor allen Dingen der Technik.

Wie sind Deine weiteren PlÀne? Wird es ein neues Karl Bartos Album geben? Oder remasterte Alben wie Esperanto von Deinem Projekt Elektric Music?
Ja, es gibt PlĂ€ne, aber das Schreiben des Buches war ein lange, anstrengende Phase und ich bin eigentlich mal ganz happy, im Moment kein nĂ€chstes Projekt zu haben. Ich habe ein paar in der Schublade, aber ich möchte das Jahr erst einmal ausklingen lassen und dann denke ich mal wieder ĂŒber Livekonzerte nach.

Darauf freue ich mich. Alles Gute weiterhin und vielen Dank fĂŒr das tolle Interview.
Sehr gerne.

Der Klang der Maschine: Autobiografie

Preis: EUR 26,00

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Weblinks KARL BARTOS:

Official: http://www.karlbartos.com/
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