Interview: KARL BARTOS (ehemals KRAFTWERK)

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Die Roboter,¬†Das Model,¬†Tour de France¬†– jeder kennt die Titel von Kraftwerk, der Urv√§ter der Techno Musik.¬†Karl Bartos war in der kreativsten Phase der Band nicht nur Schlagzeuger, sondern hat als Komponist die gr√∂√üten Hits der Kultgruppe ma√ügeblich mitgeschrieben. Ex-Kraftwerk Mitglied und Electromusiker Karl Bartos hat nun seine spannende Autobiografie¬†Der Klang der Maschine¬†ver√∂ffentlicht, in dem er u. a. √ľber seine Zeit bei Kraftwerk, √ľber sein Leben und die Musik im Allgemeinen erz√§hlt. Monkeypress hatte die Ehre mit dem sympathischen Musiker zu sprechen.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Du hast j√ľngst das Buch¬†Der Klang der Maschine¬†ver√∂ffentlicht. Und ich habe das Buch wirklich verschlungen. Besonders die Passagen, in denen ihr mit Kraftwerk Musik gemacht habt, als es noch keine Sampler gab oder Musikprogramme am Computer. Wann kam es Dir in den Sinn, dass es nun Zeit f√ľr Deine Autobiografie ist?
Der Wolfgang hat seine Autobiographie ja relativ fr√ľh geschrieben, in den 90er Jahren. Die habe ich nat√ľrlich auch gelesen, aber ich habe das f√ľr mich nicht Betracht gezogen. Ich fand, ich war noch etwas zu jung daf√ľr, um mein Leben zu betrachten. Es w√§re nur ein Teilabschnitt gewesen und ich wollte einen gr√∂√üeren Abstand haben. Und w√§hrend der Zeit an der Universit√§t der K√ľnste, als ich in Berlin unterrichtete, kam mir so langsam das Wort Klangbiographie in den Sinn. Denn ich wollte einer bestimmten Sache nachgehen. Das Geheimnis der Musik ist, dass jeder Mensch Klang anders h√∂rt. Und ich wollte ergr√ľnden, wie das bei mir gekommen ist. Das war der eine Ansatz. 2009 kam der Katalog von Kraftwerk auf den Markt. Und da beschloss ich mal meine Perspektive aufzuschreiben. N√§mlich die ganze Geschichte von Mitte der 70er bis Ende der 80er Jahre. Diese beiden Ideen kamen dann zusammen. Zum einen die Idee der Klangbiographie und zum anderen die Geschichte von Kraftwerk. Und ich wollte noch eine dritte Ebene einf√ľgen, in der ich √ľber Musik generell spreche. Das ist relativ schwierig und das wollte ich mir einfach mal g√∂nnen.

Gerade fiel der Name Wolfgang Fl√ľr. Wolfgangs Buch wurde ja stellenweise zensiert. Hat Dich das beim Schreiben beeinflusst? Oder hast Du frei von der Seele geschrieben?
Ich bezog diese Zensur auf Wolfgangs Jugend damals. Er war zwar kein Teenager mehr, aber Wolfgangs Ebene ist halt sehr emotional. Und ich denke, wenn er sein Buch heute schreiben w√ľrde, w√ľrde es auch anders klingen, als damals in den 90er Jahren. Ich habe schon dar√ľber nachgedacht, wie ich das Buch intoniere. Und diese Intonation hinzukriegen, war nat√ľrlich nicht so einfach. Irgendwann wurde das Buch dann erf√ľllend und anf√ľllend. Ich habe zwei Jahre an der Autobiographie geschrieben und ich wollte es etwas leichtf√ľ√üiger hinbekommen. Und bisher habe ich noch keinen √§rgerlichen Brief von meinen fr√ľheren Kollegen bekommen und auch Wolfgang war ganz gl√ľcklich. Ich habe nat√ľrlich mit einem Brief gerechnet, gerade Ralf H√ľtter ist ja bekannt daf√ľr, dass er ganz genau hinschaut. Aber es ist alles gut gegangen.

Deine Geschichte, Deine Musikgeschichte umspannt mehrere Jahrzehnte. Hast Du alles aus dem Gedächtnis geschrieben? Im Buch erwähnst Du einen Terminkalender.
Ich hatte das gro√üe Gl√ľck, dass ich seit 1969 Kalender f√ľhre. Und das bis zum heutigen Tag. Dort kann man einige Gedanken hineinschreiben. Es ist kein Tagebuch im eigentlichen Sinne. Aber alle Termine und einzelne Gedanken finden sich dort wieder. Auch bin ich dazu √ľbergegangen, alle leere Seiten mit Gedanken und Textfragmenten vollzukritzeln. Und das hat sich sehr gut bew√§hrt.

Du bist im Jahre 1954 von Bayern ins Rheinland gezogen. W√§hrend Deines Studium auf der Robert-Schumann-Hochschule in D√ľsseldorf begann 1974 Deine Weltkarriere bei Kraftwerk. Hatte der Ruhm Auswirkungen auf Deine Familie?
Ich bin ja schon sehr fr√ľh von zu Hause ausgezogen, habe mit Freunden in WGs zusammengelebt und meine Frau habe ich 1977 kennengelernt, so ungef√§hr zwischen den Alben¬†Trans Europa Express¬†und¬†Die Mensch-Maschine. Ein Familienleben in dem Sinne haben wir nicht gef√ľhrt. Ich wohnte in der Berger Allee zusammen mit Wolfgang und Emil und das war eher so etwas wie eine K√ľnstlergruppe.

Gehen wir noch etwas auf Deine Zeit damals bei Kraftwerk ein. Ihr habt 1981 das Album¬†Computerwelt¬†herausgebracht. R√ľckblickend gesehen, war das ein vision√§res Album. Ihr habt damals schon vor Datenmissbrauch gewarnt. Ich zitiere den Songtext: ‚ÄěInterpol und Deutsche Bank, FBI und Scotland Yard, Flensburg und das BKA, haben unsere Daten da“.
Ich wei√ü nicht, ob das eine Warnung war. Das ist einfach nur eine Bestandsaufnahme. Die Computerwelt ist weder gut oder b√∂se. Und das ist das wirklich Interessante an dem Album. Nat√ľrlich war gerade die Zeit der Rasterfahndung. Die RAF hatten wir erlebt. Und noch gut war uns der Film von Fassbinder¬†Welt am Draht¬†im Ged√§chtnis. Aber eine Warnung ist das nicht. Nat√ľrlich war es politisch, aber wenn man das mit der heutigen Welt vergleicht, dann war der Aufschrei, der damals durch die Bev√∂lkerung ging, schon relativ seltsam.

„…wir Menschen komponieren den Klang unserer akustischen Umwelt…“

Heutzutage gibt ja fast jeder auf den sozialen Netzwerken alles von sich preis. Damals fanden die Leute es schon seltsam, wenn ihr Geburtsdatum oder Wohnort veröffentlicht wurde. [lacht] Insofern hat sich alles unglaublich verändert. Da kann ich in diesem Zusammenhang nur empfehlen Schöne neue Welt von Aldous Huxley zu lesen oder 1984 von George Orwell. Dann kann man genau die Stimmung nachempfinden, in der wir damals waren.

Den Terrorismus erleben wir zur Zeit auch verst√§rkt. Und es gibt gro√üe Diskussionen √ľber Daten√ľberwachung und Menschen wie Edward Snowden geben uns Denkanst√∂√üe. Wie weit darf die Datenspeicherung gehen?
Es gibt so viele Punkte, die daf√ľr oder dagegen sprechen. Wenn unsere gew√§hlten Vertreter sich da so uneinig sind und jedes einzelne Land in Europa und auf der ganzen Welt einen anderen Zugang dazu hat und um Entscheidungen gerungen wird … niemand w√ľnscht sich einen √úberwachungsstaat, einen Staat, wie er in totalit√§ren Gesellschaften herrscht. Das kann man f√ľr alle westlichen Menschen unterstreichen.

In¬†Der Klang der Maschine¬†beschreibst Du, wie die Zusammenarbeit mit Conny Plank war. Es gibt ja nun auch den fantastischen Film¬†Conny Plank – The Potential Of Noise.¬†Allgemein wird der Einfluss Planks auf die Kraftwerk Alben etwas heruntergespielt. Wie w√ľrdest Du das einsch√§tzen?
Ich habe Conny ja auch kennengelernt und ich fand es leider sehr traurig, dass von Kraftwerk kein okay kam, im Film auch nur einige Sekunden den Song¬†Autobahn¬†zu spielen. Das haben sie leider nicht gestattet und das fand ich sehr merkw√ľrdig, dass selbst nach dem Tod Connys bestimmte Ressentiments bestehen. Deine Frage beantwortet man sich selbst ganz einfach: In dem man die alte Platte¬†Autobahn¬†von 1974 auflegt und danach die Version auf¬†The Mix, die wir gemeinsam gemacht haben. Die Poesie in der ersten Produktion kann ich der zweiten Produktion – an der ich auch selber beteiligt war – nicht mehr wirklich h√∂ren. Und das – glaube ich – kennzeichnet auch, warum sich unsere Gedanken damals auch auseinander entwickelten und wir uns auseinandergelebt haben.

Du beschreibst in Deinem Werk den Begriff ‚ÄěMuzak‚Äú. Das ist im Grunde eine Art Klangteppich, der uns √ľberall hin verfolgt: in Warenh√§usern, Fahrst√ľhlen usw. Ich stelle mir das gerade als Musiker schwierig vor, immer dieses Rauschen im Ohr zu haben. Und dann ins Studio zu gehen und eigene Musik zu komponieren. Wie gehst Du damit um? Kannst Du das einfach ausblenden oder gehst Du dann einfach Laufen, wie im Buch beschrieben?
Wei√üt Du, die Botschaft, der Muzak, dieser st√§ndigen Berieselung der Musik ist, dass Musik keinen Anlass braucht, allgegenw√§rtig ist, einmalig und nicht st√§ndig wiederholbar. Ich kann da nur den Werbespruch von Spotify zitieren: ‚ÄěWir haben f√ľr jeden Augenblick ihres Lebens die richtige Musik‚Äú. Aber vielleicht brauchen die Augenblicke unseres Lebens ja gar keine Musik. [lacht] Musik braucht einen Anlass. Und das ist Hauptproblem: wenn man im Kaufhaus ist, h√∂rt man Musik, in der Warteschleife des Zahnarztes, √ľberall. Und gleichzeitig wird die Musik trivialisiert. Und das ist das, was ihr so schadet. Musik ist nun mal einmalig. In unserer modernen Gesellschaft k√∂nnen wir sie zwar seit 1877 aufzeichnen und sie ist nicht mehr an den Ort und Zeit ihrer Herstellung gebunden, sondern ist durch die Aufzeichnung frei geworden in Zeit und Raum. Aber nicht nur frei, sondern auch gefangen in der Aufzeichnung. Und so sehe ich, dass man viel mehr dazu kommen muss, Musik als Ereignis wahrzunehmen, als etwas ganz Besonderes, was man mit anderen Menschen auch teilen sollte.

Allein durch die Berieselung und dass wir √ľberall Musik h√∂ren k√∂nnen und Musikvideos schauen k√∂nnen, hat Musik an Wert verloren.
Genau. Die Aufzeichnung ist ja nicht lebendig. Jeder w√ľrde ja einen Film nicht als lebendig bezeichnen, sondern er ist ja die Imitation – gestaltet oder nicht gestaltet – des Lebens. Genauso ist es auch bei der Musik. Wenn z. B. jemand eine Auff√ľhrung bei einem Konzert mit dem Handy aufzeichnet, audiovisuell, dann ist es in gewisser Weise erstarrt. Man kann es sich zwar immer wieder zuhause ansehen, aber man h√§tte sich lieber daran erinnern m√ľssen, dass dieser Moment einmalig ist und sich darauf konzentrieren, diesen Moment wirklich wahrzunehmen und zu erleben. Das st√§ndige wieder ansehen ist ja nicht das Erleben, das sind ja nur Daten, die man sich so wieder vor Augen f√ľhrt.

Also im Grunde kann man sagen, man sollte Musik live erleben. Es gibt ja leider viele Leute, die Konzerte mit ihrem Telefon filmen und dadurch eine tolle Show verpassen.
Richtig. Sie verpassen den Augenblick. Sie haben zwar die Imitation des Augenblicks, aber nicht das eigentlich Erlebnis. Musik h√∂ren bedeutet ja auch H√∂ren, F√ľhlen und Denken. Und wenn ich das Denken abwende und dem Medium widme, bin ich mit dem heutigen Medien so etwas wie ein Reporter. Und manche Menschen nehmen ein Konzert nur auf, weil sie es irgendwo posten wollen, z. B. auf ihrer Facebook Seite.

Du hast im Buch Deine ungebrochene Faszination des Sounds beschrieben. Wie muss man sich das vorstellen? Läufst Du mit einem tragbaren Aufzeichnungsgerät durch die Welt und sampelst Allerweltsgeräusche, um sie in Deiner Musik zu benutzen?
Nein, √ľberhaupt nicht. [lacht] Irgendwann wurde mein Interesse an Kl√§ngen geweckt, und das im ganz jungen Alter. Und das geschah durch die Musik. Die Welt ist ja Klang, √ľberall h√∂rt man Ger√§usche, ob das Gespr√§che sind, ob man dem Radio zuh√∂rt, man Kirchenglocken lauscht oder Donner. Also Ger√§usche der Natur, Umwelt und Technik. Aber diese Ger√§usche sind ja eher akustische Informationen. Und √ľber die Musik in Verbindung mit dem Erwachen meiner Sexualit√§t in der Pubert√§t hat der Klang dieser Musik erstmalig Gef√ľhle erzeugt. Akustische Informationen bekamen eine Bedeutung. Und √ľber die Popmusik wurde ich auf die Musikgeschichte aufmerksam gemacht und diese musikgeschichtliche Entwicklung hat etwas ganz Besonderes hervorgebracht, nicht nur die klassische Musik, die wir so kennen, sondern auch zu Beginn der Moderne die Idee, dass man auch Umweltger√§usche organisieren kann, genau so, wie man Musik organisiert.

Wenn ich heute mit meinen 65 Jahren durch die Welt gehe, dann erkenne ich nat√ľrlich nicht in jedem Auto und in jedem Vogelgezwitscher direkt Musik, sondern es bleiben die Ger√§usche der Umwelt. Und f√ľr mich ist Musik, wenn ich etwas gestalte. Es gibt diesen Begriff ‚ÄěDas ist Musik in meinen Ohren‚Äú. F√ľr manche ist es aber Musik in den Ohren, wenn die Ladenkasse klingelt. [lacht] F√ľr mich ist es Musik, wenn die V√∂glein bei mir im Garten singen, das finde ich toll, oder der Rhythmus des Regens klingt wunderbar. Das sind die Ger√§usche der Umwelt, die kann man auch unter gewissen Umst√§nden musikalisch deuten. Bei mir ist das nicht so. F√ľr mich ist es einfach Umweltmusik. Murray Schafer war es, der einmal gesagt hat: ‚ÄěDie Umwelt ist die Komposition der Gesellschaft‚Äú. Die Welt klingt heute ja ganz anders als sie es vor 100 oder 200 Jahren getan hat. Und so sind wir Menschen die Komponisten der Ger√§usche der Natur, der Umwelt und vor allen Dingen der Technik.

Wie sind Deine weiteren Pläne? Wird es ein neues Karl Bartos Album geben? Oder remasterte Alben wie Esperanto von Deinem Projekt Elektric Music?
Ja, es gibt Pl√§ne, aber das Schreiben des Buches war ein lange, anstrengende Phase und ich bin eigentlich mal ganz happy, im Moment kein n√§chstes Projekt zu haben. Ich habe ein paar in der Schublade, aber ich m√∂chte das Jahr erst einmal ausklingen lassen und dann denke ich mal wieder √ľber Livekonzerte nach.

Darauf freue ich mich. Alles Gute weiterhin und vielen Dank f√ľr das tolle Interview.
Sehr gerne.

Der Klang der Maschine: Autobiografie

Preis: EUR 26,00

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60 neu & gebraucht ab EUR 19,50

Weblinks KARL BARTOS:

Official: http://www.karlbartos.com/
Facebook: http://www.facebook.com/karlbartos

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