Dark Skies over Witten II – Witten, Excalibur (09.04.2016)

Fotos: The Last Cry
The Last Cry © Daniel Beiderwieden
Geschätzte Lesezeit: 5 Minute(n)

Kinders, ihr habt was verpasst! Das dürfen sich alle Gothic-Rock Fans anhören, die nicht den Weg zur zweiten Ansetzung des Mini-Festival Dark Skies Over Witten gefunden hatten. Die Veranstalter-Gemeinschaft – reine Fans des Genres Gothic-Rock – präsentierten am 09.04.2016 vier Bands, welche sie selber gerne hören und sehen wollten. Als Veranstaltungsort wurde wie 2015 die wunderbare Lokalität namens Excalibur in Witten gewählt. Etwas versteckt offenbart diese im Inneren ein uriges Ambiente des Mittelalters samt Fässer, welche als Tische dienen und eine Ritterrüstung, die den Eingang vorsorglich bewacht. Ein wahrhaftig wunderbarer Ort zum Wohlfühlen für Freunde des Außergewöhnlichen. Und mit erwähnten Mini-Festival bekam der Veranstaltungsort an diesem Abend eine musikalische Wohlfühl-Note hinzu. Pünktlich um 19 Uhr wurde nach einigen Begrüßungsworten an das sehr internationale Publikum, welches aus ganz Europa angereist war und zu Spitzenzeiten eine nahezu 200 Personen große, überwiegend in schwarz gekleidete Familie darstellte, das Festival offiziell gestartet. Daraufhin wurde die Bühne für die erste Band freigegeben.

Hierbei handelte es sich um die Nachwuchsband La Scaltra, welche die Veranstalter aufgrund ihrer beeindruckenden ersten Ergüsse unbedingt an diesem Abend präsentieren wollten. Dieser Debüt-Auftritt der Band, deren Zentrum die beiden Sängerinnen Aeleth Kaven und Dae Widow bilden, waren dementsprechend etwas angespannt, was sie sich aber auch bei kurzen Mirkro-Aussetzern zu Beginn ihres Sets nicht anmerken ließen. Auf der Bühne begleitet von Gitarrist wie Bassist spielte das Quartett ruhigen Darkwave mit Gothic-Rock Elementen aus ihrem ersten Album Cabaret und versammelte damit viele Zuschauer vor der Bühne. Songs wie Neverland oder Lucian wurden dann auch erfreut aufgenommen. Die Anspannung löste sich somit zügig und nach knapp vierzig Minuten wurde mit dem sehr flotten mit Synthies und Samples aus der Tube unterstütztem Szene-Tanzflächen-Füller Nightmares das Set beendet und so hatten die beiden sympathischen Damen samt ihrer Unterstützung einen zur Recht applaudierten ersten Auftritt vor Publikum hinter sich gebracht. Also: Augen auf zu Nachfolge-Konzerte der jungen Band La Scaltra.

Setlist LA SCALTRA – Witten, Excalibur (09.04.2016)

01. Intro
02. The Garden
03. Visions Of Glass
04. Neverland
05. Lucian
06. Gunshot Lullabies
07. Ghosts
08. Nightmares

Es ist immer wieder wunderschön, wenn man ein Konzert erlebt, bei dem man als Zuschauer richtiggehend spürt, dass die Band totalen Bock drauf hat, live aufzuspielen. Das war bei der nächsten Kombo The Escape der Fall. Einige Jahre etwas in der noch dunkleren Versenkung des eh schon düsteren Goth-Rock Genres verschwunden, standen nun das auf ein Trio geschrumpftes Ensemble auf der immer noch randvoll mit Equipment gepackten Bühne im Saal des Excalibur. Das tat der seit den frühen Neunziger musizierenden Band keinen Abbruch. Voller Leidenschaft und mit zwei Gitarren sowie diversen Keyboards bewaffnet heizte das Trio mit flotten Songs wie Waiting for John Wayne oder Conspiracy aber mal richtig ein. Das kundige Publikum war zum einen erfreut, diese Band aus deutschen Landen wieder auf der Bühne zu sehen und zum anderen sehr positiv von der mitreisenden Show überrascht. Für Abwechslung sorgte eine ruhige Piano-Version des alten Songs Time Of Tension. So vergingen die sechzig Minuten dieses Auftritts wie im Flug und entließ mit dem ältesten Song der Bandgeschichte I Wonder Why die schwarze Familie an die frische Luft. Es bleibt zu hoffen, dass The Escape nun am Ball bleiben und ihre Aktivitäten steigern. Der Auftritt zeigte auf jeden Fall, dass sie an diesem Abend zwar die alten Hasen waren, aber noch lange keine sind. Dafür wirkten sie viel zu frisch!

Setlist THE ESCAPE – Witten, Excalibur (09.04.2016)

01. Where Have You Been?
02. Tears In December
03. Waiting For John Wayne
04. House Of Mind
05. Conspiracy
06. Devil Dance
07. Time Of Tension (Piano Version)
08. The End Of Days
09. This Life
10. I Wonder Why

Es wurde nun für Sweet Ermengarde angerichtet und ich glaube, ich liege nicht falsch, wenn ich behaupte, dass ein Großteil des Publikums diese noch recht junge Band als den Magneten des Mini-Festivals bezeichnen würden. Denn es ist wie Veranstalter-Mitglied Carsten zur Ankündigung des Quintetts sagte: nach einem Hammer-Debüt Rayham Hall haben die Jungs aus dem benachbarten Bochum mit dem Folgewerk Ex Oblivione das Unglaubliche wahr gemacht und nochmals eine Ladung Gothic-Rock drauf gelegt. Unerwähnt sollte nicht bleiben, dass dies mit neuem Sänger geschehen ist. Solch ein Wechsel hat schon einigen Bands das Genick gebrochen. Allerdings passt der dunkle Gesang von Daniel Schweigler perfekt zu dem Sound der Band. So war das Set des Quintetts logischerweise auf den neuen Silberling ausgelegt und legte beginnend mit dem Titelsong Ex Oblivione die ersten drei Lieder dessen vor. Dies zog so ziemlich das gesamte Publikum an den Bühnenrand, denn hier wurde Gothic-Rock auf dem höchsten Level geboten – wenn auch einen Hauch zu Laut. Immer heißer wurde es, als die Knaller des Debüts mit Titeln wie A Promise To Fulfill oder For This Moment in das Set gemischt wurde. Die Jungs konzentrierten sich dabei komplett auf die Musik ohne große Worte oder Geplänkel und gaben eine Stunde hochwertigen Musikgenuss an das Publikum ab, welche mit dem episch zu nennenden abschließenden Necropolitan Rest sowie dem ganzen Excalibur zum Kochen gebracht wurde. Sweet Ermengarde – eine großartige neue Generation des Goth-Rock ist da!

Setlist SWEET ERMENGARDE – Witten, Excalibur (09.04.2016)

01. Ex Oblivione
02. Into Oblivion
03. From Beyond
04. A Promise To Fulfill
05. Tender Russian Roulette
06. Dreamlands
07. Nigredo-Clad
08. Dead Of Night
09. Necropolitan Rest

Die Hitze und dem dadurch erzeugten Luftmangel ließ leider kurzfristig ein paar Sanitäter auf den Plan rufen. Das Gothic-Rock Publikum wird nun mal nicht jünger und da kommt es auch mal zu Mangelerscheinungen. Dies ist das wohl einzige kleine Manko an diesem magisch zu nennenden Abend gewesen. Zum einen ist es ja erfreulich – der Zuspruch für Dark Skies Over Witten ist definitiv da und die Veranstalter-Gemeinschaft mit dem richtigen Gespür für ein familiäres Klein-Festival in toller Atmosphäre; zum anderen muss man sich aber nun überlegen, wie (und vor allem wo) man das nächste Festival gestalten möchte. Doch das sind Gedankengänge für morgen oder übermorgen…

…denn es gab immerhin noch eine abschließende Band, die im überhitzten Excalibur auf die Bühne durfte. Und das waren niemand geringeres als The Last Cry; eine britische Gothic-Rock Band mit starken Hang zum eingängigen Darkwave. Das gefiel den überwiegend internationalen Familienmitgliedern, die sich – wie aber auch vielen angereisten heimischen Fans – als sehr sattelfest in Sachen Text zeigte. Ob nun ältere Songs wie Punishment oder jüngeren Outputs wie The Future Has No Face; auch auf der anderen Seite des Mikrofons erklangen die melodiösen Refrains lautstark. Das Trio um Sänger Andrew Birch spielte ihre Werke freudig auf und hatte das etwas gelichtete Publikum auf seiner Seite. Allerdings war die schwindende Luft ein Problem für Birch, der auf den Brettern, die die Welt bedeuten, seine Lieder regelrecht durchlebt, was nicht nur schweißtreibend war, sondern sich intensiv auf den Körper auswirkt. Die Band konnte sich immerhin noch zu einer Zugabe mit den wunderbaren Songs Haunting Me und Song About hinreißen lassen, dann war aber die Luft raus – im wahrsten Sinne. Japsend, aber glücklich wie auch das Publikum verließ The Last Cry die Bühne und beendete somit den Live-Anteil des Festivals, dem noch eine Aftershow Party folgen sollte.

Setlist THE LAST CRY – Witten, Excalibur (09.04.2016)

01. No Resistance
02. Punishment
03. The Night That I Saw You
04. Broken Hearts
05. The Future Has No Face
06. Life Of Lies
07. Falling Away
08. Truth And Lies
09. The Dream Next To You
10. Haunting Me (Z)
11. Song About (Z)

Dem großen Anteil der Familie lag aber zuvor mehr an einem Plausch mit den Musikern oder eben untereinander an der frischen Luft. Abschließend muss gesagt werden, dass hier ein wirklich tolles und lebhaftes Mini-Festival fernab jeglichen Mainstream und Kommerz wie auch das unerträgliche Sehen-und-Gesehen werden-Gehabe auf die Beine gestellt wurde – Musik für Fans von Fans! Vielen, vielen Dank an den Mut der Veranstalter-Gemeinde … alle verfügbaren Daumen hoch!

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