M’ERA LUNA FESTIVAL 2014 – Hildesheim (09.-10.08.2014)

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Zum nunmehr 15. Mal versammelte sich die nationale und internationale Schwarze Szene am zweiten Augustwochenende am Hildesheimer FlughafengelĂ€nde. Das Fliegen selbst hatte hierbei mit Gewissheit niemand im Sinn, viel mehr gilt es auch 2014 gemeinsam mit rund 25.000 Gleichgesinnten auf einem der grĂ¶ĂŸten Szenefestivals Europas, dem M’era Luna, in andere Welten zu schweben und großartige dĂŒstere Musik sĂ€mtlicher Genres zu erleben. Ob Within Temptation, And One, Marilyn Manson oder In Extremo… die Veranstalter haben es sich nicht nehmen lassen, uns auch in diesem Jahr mit der Anwesenheit großer Namen zu beglĂŒcken und uns zwei unvergessliche Tage zu bescheren.


Samstag, den 09.08.2014:

Nachdem einige bereits am Vorabend das GelĂ€nde erkundet, unterhaltsamen Lesungen gelauscht und die alljĂ€hrliche Zusammenkunft auf dem umfangreichen Mittelaltermarkt, der mit zahlreichen Shops bestĂŒckten Flaniermeile oder in kleinen oder grĂ¶ĂŸeren GrĂŒppchen vor dem eigenen Zelt ausgiebig gefeiert hatten, geht es am fĂŒr FestivalverhĂ€ltnisse frĂŒher Samstagvormittag mit der Melodic Metal Band, Aeverium, die den diesjĂ€hrigen Newcomer-Wettbewerb fĂŒr sich entscheiden konnten, auf der Main Stage ordentlich zur Sache. Emotionsgeladen schafft es die Formation nicht nur mit der symbiotischen Verschmelzung aus mĂ€nnlicher und weiblicher Stimme zu punkten, sondern auch die noch in ihren Zelten ruhenden Besucher auf den Vorplatz der großen BĂŒhne zu locken. Gut gelaunt und mit einer guten Portion Mittelalterrock legen die Multiinstrumentalisten von Ignis Fatuu nach und sorgen dafĂŒr, dass ein Großteil der Fans sich schon einmal warm tanzt und feiert. Unter dem mittlerweile tiefgrauen, leicht weinenden Himmelszelt lĂ€uten Henke mit ihrem bewegenden Herz ihre Show ein. Wie gewohnt in schwarz gehĂŒllt wirft der charismatische Frontmann Oswald Henke direkt unser verworrenes Kopfkino an, das uns in den 40 Spielminuten in sĂ€mtliche Szenarien katapultiert, vom Valiumregenbogen, ĂŒber das treibende Weil Ich Es Kann bis hin zu den emotional beklemmenden und zum Nachdenken anregenden StĂŒcken wie Zeitmemory oder Vergessen, bei dem selbstgefaltete Papierflieger ihren Weg in den Himmel finden. Die StĂŒcke der begabten Band, die sonst eher kleinere BĂŒhnen bespielt, erfahren ihre Wirkung nicht nur durch die verstörende mimische und gestische Untermalung Oswald Henkes, sondern klingen auf der großen Main Stage heute musikalisch auch richtig groß und bedrohlich. Ein erstes Highlight!

Unterdessen hat auf der innen liegenden Hangar Stage die Reise in ein ganz besonderes Wunderland mit den glamourösen DĂŒster-Rockern von Meinhard begonnen, bevor wir mit SĂŒndenklang den imaginĂ€ren Fahrstuhl in die AbgrĂŒnde unserer Seele nehmen. Wesentlich gefĂŒhlvoller prĂ€sentiert sich Martin Soer, der sonst als knallharter Frontmann der Neue Deutsche HĂ€rte Formation Stahlmann glĂ€nzt, und entfĂŒhrt uns in sein vielschichtiges TrĂ€nenreich, in das viele seiner Fans hier und heute liebend gerne abtauchen. Ein mancher hĂ€tte sicher lieber noch etwas lĂ€nger in dieser Dunkelheit geschwelgt! Mit durchdringenden BĂ€ssen und einer Mischung aus EBM und Elektro schlagen Chrom im Anschluss ganz andere Töne an und sorgen dafĂŒr, dass sich unsere Beine im Takt bewegen. Zu solch frĂŒher Mittagsstund fĂŒllt sich der Hangar so erstaunlich rasch, dass man bereits jetzt Probleme hat, dicht an die BĂŒhne zu gelangen, wo die eigentliche Party steigt. "Seid ihr gut drauf?", diese Frage beantwortet sich bei Songs wie Surrender oder In My World wie von selbst. Mit dem gewissen mexikanischen Charme in Sachen elektronischer Musik ziehen Rabia Sorda wenig spĂ€ter show- und stimmungstechnisch nochmal ordentlich an. Der quirlige Erk Aicrag, seines Zeichens Frontmann der energiegeladenen Formation, schafft es, das tanzwĂŒtige Publikum vom ersten Moment an auf seiner Seite zu wissen. In eine dick gepolsterte, panzerartige Weste geschnĂŒrt wetzt Erk von einer Seite der BĂŒhne zur anderen und heizt uns mit Krachern wie Out of Control oder Radio Paranoia ordentlich ein. So viel gut gelaunte Energie steckt hier einfach jeden an!

Mit mitreißenden GitarrenklĂ€ngen zieht uns die Schweizer Combo, The Beauty of Gemina, auf der Main Stage in ihren Bann. Die Herren um Michael Sele sind gern gesehene GĂ€ste auf Festivals dieser GrĂ¶ĂŸenordnung und dass Songs wie Suicide Landscape oder Dark Rain gut ankommen, merkt man dem gut gelaunten Publikum zweifelsohne an. Die geballte Ladung gitarrengeladener Melancholie zaubern Lacrimas Profundere in den unpassenderweise mittlerweile sonnigen Moment. Mit massig Energie und Dynamik schaffen die Jungs aus Oberbayern eine dĂŒster-rockige Stimmung wie aus dem Bilderbuch. Frontmann und SĂ€nger Roberto Vitacca legt hierbei jedem Ton und Wort seine tiefsten Emotionen auf, sodass einem gar nichts anderes ĂŒbrig bleibt, als sich von der Magie, die bei My Mescaline oder Remembrance durch die Luft strömt, gefangen zu nehmen. Nach so viel gitarrenlastigen DĂŒsterwerk wird es mit Stahlmann nun Zeit fĂŒr die sehnsĂŒchtig erwartete Portion Neue Deutsche HĂ€rte. Die optisch auffĂ€lligen Silberjungs um Frontmann und Entertainer Martin Soer fackeln unter tosendem Applaus nicht lange und zerlegen mit Krachern wie Adrenalin, Stahlmann oder Hass Mich..Lieb Mich die BĂŒhne wortwörtlich in Schutt und Asche. Hier ein bisschen Rauch, da eine Ladung Dampf – die stĂ€hlerne Maschinerie lĂ€uft wahrlich auf Hochtouren uns reißt mit Lust, Herzblut und Energie alles mit, was sich vor der Main Stage tummelt.

Feinster Elektro Pop dringt von der Hangar Stage, auf der es sich mittlerweile Solitary Experiments bequem gemacht haben, an unsere Ohren. Zwischen Nebelschwaden und LED-Lichtern schicken die Frankfurter, die auf nunmehr 20 Jahre Bandgeschichte zurĂŒck blicken können, einen Hit nach dem anderen in die feierwĂŒtige Menge, die sich in der randvollen Flugzeuggarage beinahe die Seele aus dem Leib tanzt. Mit einem freundlichen "Hallöchen" begrĂŒĂŸen uns Neuroticfish, die aber schnell klar machen, dass das freundliche GeplĂ€nkel nicht von langer Dauer ist. Bei bunt blinkendem Licht und StroboschĂŒssen fordert Frontmann Sascha Mario Klein alles von seinen Fans und treibt alle unsere Muskeln an. Bei derart eingĂ€ngigen Beats, die die Herren da vom Parkett lassen, fĂ€llt es schwer, sich nicht mit dieser sagenhaft, jubelnden Feierstimmung anstecken zu lassen. Egal ob eher dunkel-elektronisch oder an anderer Stelle treibend-technoid… das Duo weiß mit seinen synthetischen KlĂ€ngen einfach zu fesseln. Mit viel Zuversicht, Kraft und UnterstĂŒtzung von Fans und Freunden hat sich Das Ich AushĂ€ngeschild Stefan Ackermann zurĂŒck auf die BĂŒhne gekĂ€mpft. "Lange ist s her", ruft es in die Menge und ja, da hat der KĂ€mpfer recht. Unsere Freude ĂŒber die Wiederkehr dieser glĂ€nzenden Ausnahmeformation ist deutlich spĂŒrbar und schwappt auf jeden, der die dunklen, kĂŒhlen Wandungen betritt, ĂŒber. Kracher wie Kain Und Abel bei blutrotem Nebellicht oder Kannibale, das von den Fans laut besungen wird, sind heute dabei genauso entscheidend fĂŒr dieses Wahnsinnserlebnis wie auch die Tatsache alleine, endlich dieses Mysterium von Band wieder erleben zu dĂŒrfen. Wirklich magische Momente!

DĂŒstere Rabenfedern wehen mit Asps Von ZaubererbrĂŒdern durch unser GemĂŒt. Dass das akustische Nebenprojekt des ASP Meisters Alexander „Asp“ Frank Spreng sich als eigenstĂ€ndig sehen kann und dass auch akustische KlĂ€nge ordentlich rocken können, beweist das Septett ohne Umwege. AnfĂŒhrer Asp, der sich heute in dunkles Gewand, Zylinder und Maske hĂŒllt, und sein musizierendes Gefolge ĂŒberzeugen vom ersten Ton an mit ASP Krachern wie Denn Ich Bin Der Meister, Duett (Das Minnelied Der Incubi) oder Werben, die in neuem Glanz erstrahlen und irgendwie neu und doch so sehr vertraut sind. Auch das extra fĂŒr heute einstudierte The Cult Cover (Here Comes The) Rain lĂ€sst hier niemanden kalt und die begnadeten Musiker nicht im Regen stehen. Ein echt bewegendes Spektakel! Beim M’era Luna Publikum hoch im Kurs stehen auch Paradise Lost, die der Main Stage die gewisse Prise gitarrengetragener Melancholie einhauchen. Der massige Sound der Herren aus Halifax bohrt sich mit StĂŒcken wie The Enemy, Say Just Words oder Remembrance sofort in die Köpfe der hier zahlreich Anwesenden und ĂŒberzeugt nicht nur die Metal-Fans unser uns. Wie gewohnt heiß her geht es anschließend bei den Mittelalterrock-Göttern von Subway To Sally. Ob Stichflammen, oder lodernde Dauerlichter… die Show passend zu untermalen ist fĂŒr Mastermind Eric Fish und seine Mannen und Frauen Ehrensache. Mit viel Herzblut und Hingabe schallen Kracher wie Feuerland, Traum vom Tod II und Veitstanz von der energisch umspielten Szene und immer wieder fliegen unsere Haare und HĂ€nde gen Himmel. Aber auch inne halten wir an mancher Stelle, passenderweise lĂ€dt Eric uns zu Beginn des bewegenden Krachers Wenn Engel Hassen genau dazu ein, bevor wir gemeinsam explodieren. WĂ€hrend der einstĂŒndigen Show dringen sowohl neue als auch alte Geschichten an unser Ohr, stets getragen von einer sagenhaften Eigendynamik, die alles mit sich nimmt und die es so nur hier und jetzt geben kann. Phantastisch!

Wesentlich elektronischer geht es unterdessen mit LeĂŠther Strip im Hangar zu. Wie beliebt Mastermind Claus Larsen mit seinem Projekt beim Publikum ist, wird am starken Andrang vor der BĂŒhne mehr als nur deutlich. Ohne mit der Wimper zu zucken feuert der hochaktive Antreiber seine eingĂ€ngigen Beats in die feiernde Menge und lĂ€sst seine Fans im Takt zappeln und stampfen. Pionierarbeit leistet im Anschluss die Deutsch Amerikanische Freundschaft, kurz DAF. Vor einer riesigen Menschschar lĂ€sst das Duo einen Hit nach dem anderen vom Stapel. Ob Ich Und Die Wirklichkeit oder Der Mussolini… die Stimmung in den aufgeheizten Wandungen steigt immer mehr, nicht zuletzt auch durch die ungebrochene Ausdauer von Fronter Gabi Delgado-LĂłpez, der von einer Seite der BĂŒhne zur anderen sprintet, seine Fans anfeuert und ab und zu die gewohnte Wasserdusche ĂŒber sich ergießt. Den Tag im Hangar beschließen darf niemand Geringeres als die krachige Chaos-Combo Combichrist, die mit Andy LaPlegua den wohl energiegeladensten Fronter des Universums abbekommen hat. Unter Jubel stĂŒrmt das Geschwader bei bedrohlichen KlĂ€ngen auf dir Bretter, die hier und heute die Welt bedeuten – zumindest fĂŒr jeden Aggrotech- und Elektro-Fan. Der GanzkörpertĂ€towierte in Lederjacke mit dem zeitweise irren Blick ist zwar auf den ersten Blick sicher nicht Schwiegermamas Liebling, aber seinen Fans gefĂ€llt er heute ganz besonders und entfacht durch fordernde Blicke, Gesten und Mimiken ein Feuer, dass noch bis tief in die Nacht lodern wird und uns immer wieder dazu bringt, bei Songs wie Today I Woke To The Rain Of Blood oder Blut Royale, bei dem der ganze Hangar ins Wanken gerĂ€t, unsere letzten tanzbaren Energiereserven zu mobilisieren und wie die Herren auf der BĂŒhne einfach nur abzugehen. WĂ€ren hier nicht auch morgen noch Konzerte geplant, hĂ€tten die Jungs die Bretter sicher zerlegt. Was fĂŒr eine Show!

Vor der Main Stage wartet die dicht gepackte Menschenmenge unterdessen gespannt vor einem schwarzen Vorhang, der genau in dem Moment fĂ€llt, als Schock-Rocker Marilyn Manson unter sich ĂŒberschlagenden Jubel das Podium betritt. Viel ist auf der BĂŒhne bis auf das große LED-bestrahlte Doppelkreuz und seiner Band nicht zu entdecken, aber das Enfant Terrible weiß auch ohne viel Schnickschnack diesen Schauplatz zu fĂŒllen. Mal stakst er genervt und mit einer Scheiß-Egal-AttitĂŒde hin und her, mal stĂ¶ĂŸt er wĂŒtend MikrophonstĂ€nder oder Kameras von sich, legt sich halbtot ĂŒber eine der Monitorboxen, hockt und kniet oder humpelt auf ĂŒbergroßen Stelzen auf und ab. SpektakulĂ€r ist hier wenig, aber es ist gerade diese ausgestrahlte „Null Bock“-Einstellung, die die Kunstfigur auch heute Abend ausmacht. Alles egal…außer der Songauswahl, denn diese hĂ€tte mit Perlen wie Disposable Teens, dem Depeche Mode Cover Personal Jesus, Eurythmics’ Sweet Dreams (Are Made Of This) oder This Is The New Shit besser nicht sein können, was sich an den vor Freude ĂŒberschĂ€umenden Reaktionen der Fans immer wieder bestĂ€tigt. Mit etwa 10 Minuten VerspĂ€tung ist es Zeit fĂŒr den Headliner des heutigen Tages. Diese ehrenvolle Aufgabe ist der Frauenpower-Formation Within Temptation vorbehalten, die von der Menge bereits vorfreudig erwartet wird. Mit auffĂ€lliger Krone beschmĂŒckt startet die sympathische Sharon den Adel vom großen Podest energiegeladen, wĂ€hrend am BĂŒhnenrand stechende Feuer immer wieder lodern. Mal dunkel hauchend, mal mit glasklarem Stimmchen, mal inne haltend, mal wild tanzend oder behutsam schleichend wie eine Katze zieht uns die Königin der Nacht sofort in ihren Bann und lĂ€sst uns nicht los, bis der letzte Klang in die Hildesheimer Nacht flattert. Bei einem so treibenden Programm aus Faster, Stand My Ground oder Ice Queen können wir uns bei weniger treibenden StĂŒcken beruhigen und uns zu diesen zauberhaften KlĂ€ngen einfach nur treiben oder uns vom ansprechenden Lana del Rey Cover Summertime Sadness ĂŒberraschen lassen. Absolut phantastisch!

Bildergalerie: M’era Luna Festival 2014 – Samstag (Bands)

Sonntag, 10.08.2014:

Nach dem grandiosen ersten Festivaltag dauert es auch am Sonntagvormittag nicht lange, bis wir durch ansprechende KlĂ€nge, die von der Main Stage gefĂŒhlt halb Hildesheim beschallen, aus den Zelten und Hotels gelockt werden. Wie soll es bei einer Mixtur aus asiatischem Charme, flirrenden GitarrenklĂ€ngen und einer ordentlichen Portion Punk, die uns Bo Ningen liefern, auch anders sein? Im Anschluss rufen Mönchschöre auch die letzten noch Umherirrenden zum Schauplatz des Ordens HeimatĂŠrde. In flatterigen Kutten mit rotem Ordenskreuz stimmen die Herrschaften Bruderschaft an und ziehen sofort alle Augen und Ohren auf sich. "Im Krieg gibt es keine Helden, es gibt nur Opfer"…Dein Opfer wird wenig spĂ€ter mindestens genauso enthusiastisch von den Fans zelebriert. Neben neueren StĂŒcken haben die Kampfeslustigen, die mit Showelementen wie Schwertern, Axt und Blut nicht geizen, mit Gib Mir aber auch echte Dauerbrenner im GepĂ€ck und lassen uns kaum Verschnaufpausen. In eine Ă€hnliche Kerbe, jedoch weniger elektronische, zielen im Feuerschwanz. "Lasst uns gemeinsam ein Gelage feiern." Die Ansage ist so klar und deutlich, dass es hier niemandem schwer fĂ€llt, dieser Aufforderung mit Freuden nachzukommen. Das illustre TrĂŒppchen um Hauptmann Feuerschwanz schafft es, das M’era Luna Publikum vom ersten Moment an in ihre frivole Welt zu entfĂŒhren und alle zum freudigen TĂ€nzchen zu animieren. Dass Stimmungsgaranten wie Wir lieben Dudelsack oder Wunsch ist Wunsch von der Menge lauthals mitgegröhlt werden, ist Ehrensache.

Kontrastprogramm erhaschen wir derweil auf der Hangar Stage, auf der microClocks den Synthie-Pop-Charme der Achtziger Jahre zu neuem Leben erwecken. Wem das doch eher krachende Schauspiel auf der großen BĂŒhne zu bunt wird, der ist mit dem Trio aus dem Ruhrgebiet wirklich bestens bedient, wird uns doch bei feinsten elektronischen Umschmeichelungen der Start in den zweiten Festivaltag wesentlich schonender beigebracht. Eine willkommene Abwechslung und zugleich fĂŒr viele eine spannende Erfahrung sind euzen aus dem nordischen Kopenhagen, die mit ihrer experimentellen Mischung aus rockigen Elementen, vertrĂ€umtem Pophauch und unabhĂ€ngiger Klangkunst ĂŒberzeugen. Die bildhĂŒbsche, zarte Frontfrau mit dem ĂŒberlangen Haar, die mal die Arme weit ausbreitet, mal wie der sterbenden Schwan in sich zusammenfĂ€llt, schöpft Song fĂŒr Song stimmlich aus dem Vollen und berĂŒhrt, bewegt, verstört und verzaubert zugleich.

Alles andere als sanft und hĂŒbsch geht es mit Ambassador 21 weiter, die im Hangar die Anarchie ausrufen und in ihrer AktivitĂ€t auf der BĂŒhne kaum zu bremsen sind. Hart und kompromisslos zersetzen die kĂŒnstlerisch-chaotischen KlĂ€nge unsere Hirnwindungen und pflanzen uns ihre eindringlichen Botschaften ein. FĂŒr jedermann und jederfrau ist das, was das Duo aus Weißrussland hier vom Parkett lĂ€sst, gewiss nicht, findet beim Publikum jedoch genau jene, die empfĂ€nglich dafĂŒr sind. Was fĂŒr ein unterhaltsamer, musikalischer Krieg, der vorrangig schreiend gefĂŒhrt wird und glĂŒcklicherweise hier und heute kein einziges Opfer fordert! FĂŒr feinsten Elektro Pop aus der Feder von Sven Friedrich wird der Hangar stĂŒrmen beim Auftritt von Solar Fake von den Fans regelrecht gestĂŒrmt und zum ersten Mal am heutigen Tage wird es richtig voll. Das Gejubel ist groß, als der sympathische Frontmann und SĂ€nger vor die Menge tritt, und vom ersten Ton an frisst sie ihm aus der Hand und stillt die Gier bei Songs wie Reset To Default oder Here I Stand. NatĂŒrlich schmachten die Fans ihren Helden wĂ€hrend der 35-minĂŒtigen Show nicht nur tatenlos an, sondern feiern jeden einzelnen Moment, als sei es der letzte.
Darkhaus rufen wenig spĂ€ter noch mal ein ganz anderes Publikum vor die Main Stage. Mit ihrem DĂŒster-Rock, der stellenweise auch poppig anmutet, sorgt die multikulturelle Combo dafĂŒr, dass wir uns nicht nur ausgelassen zu StĂŒcken wie Drive oder Ghost bewegen, sondern auch immer wieder die HĂ€nde gen Himmel reißen. FĂŒr viele sind die Durchstarter offensichtlich eine wirklich positive Überraschung auf dem diesjĂ€hrigen M’era Luna. Nicht weniger rockig, dafĂŒr mit allerlei mittelalterlichen Klang legt die Letzte Instanz nach. Als die ersten sanften GlockenspielklĂ€nge beginnen, sich nach und nach auch ein dĂŒsteres Rumoren und Grollen dazu gesellt und die Truppe aufs Parkett marschiert, gibt es kein Halten mehr. "Diese Welt soll sich bewegen", singt Frontmann Holly Loose voller Inbrunst in den sich immer stĂ€rker grau zuziehenden Himmel und bewegen tut sich die heimelige M’era Luna Welt auf jeden Fall…und zwar unentwegt, nicht nur vor der BĂŒhne, sondern auch auf ihr wird zu GrĂ¶ĂŸen Ă  la Flucht Ins GlĂŒck fröhlich gefiedelt, getrommelt und Benni Cellini schwingt sein langes Haar im Takt, wĂ€hrend er gefĂŒhlvoll sein Cello bearbeitet. Auch wenn die begnadeten Folk-Rocker schon ein fester Teil von Festivals dieser Art sind, mĂŒde werden wir ihrer Shows nicht. So viel steht fest!

"Habt ihr Bock auf Party?" NatĂŒrlich kann diese Frage vor der Hangar Stage jeder mit einem klaren „Ja“ beantworten, bleibt einem doch bei der antreibenden Show von [x]-Rx kaum etwas anderes ĂŒbrig. In schwarzen Westen heizen die Jungs ĂŒber den ausreichend ausgeleuchteten Schauplatz und heizen der Menge ordentlich ein. Hart, laut und kompromisslos! Es dauert nicht lange, bis sich die Stimmung hier vollends ĂŒberschlĂ€gt und sich das Publikum in eine einzige tanzende Masse verwandelt, die einfach nicht mehr aufhören möchte. Wahnsinn! Tanzbar geht es auch mit Spetsnaz weiter, allerdings findet man nun wieder mehr waschechte EBMer unter den Fans. Zu den klackernden Beats des schwedischen Gespanns fangen die Beine direkt an zu zappeln und zu stampfen. Vor allem der Kracher Allegiance wird in der ersten HĂ€lfte der Show so stark betanzt, dass der aschegraue Hangarboden unter den sich bewegenden FĂŒĂŸen der Menge beinahe zu beben beginnt. Doch nicht nur vor, sondern auch auf der BĂŒhne steht der Spaßfaktor im Vordergrund, genießen die beiden Herren doch sichtlich das, was sie dort tun und entzĂŒnden ein regelrechtes Feuer, das sich zwischen Fans und Band immer wieder neu entfacht! Mit authentischen Mariachi-KlĂ€ngen legen Hocico nach und erzeugen mit diesem spaßigen Intermezzo erst einmal ein Schmunzeln, das durch die ganze Menge geht. Doch wer Show-Genius Erk Aicrag kennt, der weiß, dass die eigentliche Show erst noch beginnen wird. Und so ist es…der sympathische Mexikaner feuert mit StĂŒcken wie Forgotten tears oder Poltergeist einen Hit nach dem anderen in die ausflippende Menge und verausgabt sich, wie gewohnt, auch selbst bis aufs Letzte.

Unterdessen leisten Die Krupps auf der Main Stage echte Pionierarbeit und entfĂŒhren uns gedanklich in graue Industrielandschaften, in denen der Ton hart, die Ansage klar und die Umsetzung dessen kompromisslos ist. Ob Der Amboss, To The Hilt oder Fatherland…die Party, die zu den treibenden Beats beliebter Klassiker steigt, scheint keine Grenzen zu kennen. Nicht nur die Fans, sondern auch Fronter JĂŒrgen Engler und seine Mannen sind bester Laune und erzeugen eine so energiegeladene und freudig auffordernde Stimmung, wie es heute keine zweite geben kann. Aus den staubigen Industrielandschaften entfĂŒhren uns Faun anschließend in eine ganz ferne, vertrĂ€umte Welt, die durch feenhafte weibliche Stimme zart umrandet wird. Ob Drehleier, Saiteninstrumente, Dudelsack oder Trommeln…bei den mittelalterlichen Klangkulissen, die uns von der hohen BĂŒhne entgegen wehen, gibt es kaum etwas, was es nicht gibt. Das Interesse an derartiger Klangkunst ist eindeutig da, immerhin fĂŒllt sich der sandige Vorplatz in Windeseile, wĂ€hrend rauchender Nebel in rauen Mengen uns umströmt und fesselt. Mit avantgardistischen KlĂ€ngen, die mit melancholischer Untermalung nicht geizen, geht es unter dem mittlerweile weinenden grauen Himmel mit Deine Lakaien weiter. Nachdem sie uns im vergangenen Jahr mit ihrem Akustik-Set verzaubert hatten, stehen die Ausnahmetalente Alexander Veljanov und Ernst Horn heute wieder elektrifiziert auf der Main Stage. Es dauert nicht lange, bis die Magie von Soundperlen wie Reincarnation, Into My Arms, Over and Done oder neues Material wie Farewell in unseren Köpfen zu wirken beginnen und uns fĂŒr 60 Minuten in eine andere Welt fernab von hier und jetzt entfĂŒhren.

VertrĂ€umten, aber dennoch krĂ€ftigen Synthie-Pop können sich die Fans unterdessen an der Hangar Stage abholen, auf der De/Vision ihre AnhĂ€nger verzaubern. Auch wenn vieles, was SĂ€nger Steffen Keth und seine Jungs von sich geben, absolut treibend ist und zum ausgelassenen Tanzen anstachelt, können wir doch auch problemlos in Emotionen schwelgen und uns im Moment verliert. SpektakulĂ€r wird es im Anschluss beim Headliner des heutigen Abends im Hangar, der mit Covenant grandioser wohl nicht hĂ€tte sein können. Mit ihrer speziellen Lichtshow, fĂŒr die unzĂ€hlige Warnungen, sie können Übelkeit, SchwindelgefĂŒhle, Kopfschmerzen und noch viel mehr erzeugen, in geschriebenem und gesprochenem Wort angebracht werden, sorgen die Herren um Eskil Simonsson noch vor Beginn der Show fĂŒr den nötigen GesprĂ€chsstoff. Schwindelig wird dem einen oder anderen tatsĂ€chlich, denn bei dieser genialen Show, die die schwedische Combo dort abliefert, bleibt einem kaum etwas anderes ĂŒbrig, so sehr wird hier und jetzt unser Raum-Zeit-Kontinuum ins Wanken gebracht. SĂ€nger Eskil selbst schĂ€umt bei Krachern wie We Stand Alone, Call The Ships To Port oder Stalker regelrecht ĂŒber und reißt uns alle mit…springend, tanzend, uns verzaubernd, wĂ€hrend uns gleißende Lichtblitze, Strobofeuer und Farbspiele in andere SphĂ€ren driften lassen. Ein wirklich gebĂŒhrender Abschluss des Festivals im dĂŒsteren Hangar!

Wer den zweiten Festivaltag auf der Main Stage aufmerksam verfolgt hat, den wird es nicht wundern, dass In Extremo in Sachen Mittelalterrock bereits vor dem großen Finale als Headliner der Herzen gefeiert werden. Wie gewohnt mit viel Feuer und jeder Menge Herzblut im GepĂ€ck schaffen es die sieben Vagabunden um AnfĂŒhrer Das letzte Einhorn, uns vom ersten Moment in ihre energiereiche, sympathische Show einzubinden. Ob Vollmond, Frei Zu Sein, KĂŒss Mich oder Rasend Herz….unsere Herzen schlagen nicht nur im Takt, sie rasen regelrecht, wĂ€hrend unsere MĂŒnder die Worte formen, um das von der BĂŒhne schallende zu untermalen. Ein GĂ€nsehautmoment jagt hier den nĂ€chsten, wĂ€hrend Feuer und Flamme in den Himmel lodern und lautes Geknall uns fĂŒr kurze Momente zurĂŒck in die RealitĂ€t holt, bevor wir wieder ansetzen und voll guter Stimmung gemeinsam abheben. Wer glaubt, dass all dies stimmungsmĂ€ĂŸig nicht mehr zu toppen ist, dem werden vor allem eine Menge Synthie-Pop Fans nur bedingt Recht geben, denn der eigentliche Headliner steht mit And One noch aus. Die Mannen um SĂ€nger und Entertainer Steve Naghavi schaffen es doch tatsĂ€chlich, die Menge noch vor dem eigentlichen Auftritt, nĂ€mlich wĂ€hrend der Pause, mit massig And One Songs zu beschallen. Ob den Jungs 75 Minuten Spielzeit zu wenig sind? Zumindest wird die verbleibende Zeit quietschfidel und energiereich genutzt, denn Steve haut mit StĂŒcken wie Get You Closer, High oder Techno Man nicht nur einen Stimmungsgaranten nach dem anderen vom Parkett, sondern wirbelt in gelbem Hemd und dunklem Anzug ĂŒber die Bretter und reißt alles mit, was nach 2 Tagen Festival noch tanzend kann. Und das sind scheinbar eine ganze Menge! Da ist es ja, das „i“-TĂŒpfelchen!

Bildergalerie: M’era Luna Festival 2014 – Sonntag (Bands, Besucher & Impressionen)

Neben den Fotos der aufgetretenen Bands haben wir auch einige Impressionen und Besucher fĂŒr euch im Bild festgehalten. Die entsprechende Bildergalerie gibt es hier: Bildergalerie: M’era Luna Festival 2014 – Besucher & Impressionen

Fotos: Frank GĂŒthoff & Michael Gamon

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