MORRISSEY / DOLL & THE KICKS – K├Âln, Palladium (11.06.2009)

Geschätzte Lesezeit: 6 Minute(n)

Konzert: Morrissey
Ort: Palladium, Köln
Datum: 11.06.2009
Zuschauer: ausverkauft (vielleicht 3.500)
Dauer: Morrissey 75 min, Doll & The Kicks 35 min

Auch wenn der dritte Morrissey Bericht innerhalb weniger Tage den ein oder anderen vielleicht langweilen mag, darf ein Bericht auf unserer Seite nicht fehlen.Wer weiß, wie lange noch die Chance besteht, den launischen Sänger live zu erleben.

Bei meiner Planung, welches bzw. welche Auftritte des Manns aus Manchester ich mir ansehen wollte, ärgerte mich, daß das Palladium den Schlußpunkt bilden sollte. In der sterilen, bei Höhepunkten immer zu vollen Halle, könnte es ja nur schlechter werden als an den Vorabenden. Aber dafür statt nach Köln (nah) nach Bremen zu fahren? Nein, das dann wirklich nicht. Verzichten mochte ich nach den ersten beiden Konzerten aber auch nicht, dafür waren die zu gut, und meine Vorfreude schon seit Dienstag wieder da.

Während sich das Palladium langsam füllte, lief von Band ein für die Tour erstelltes Mixtape (die Musikkassette erlebt ja gerade ihr überfälliges Comeback; ich habe dieses Jahr schon zwei gekauft, mehr als in den letzten zehn Jahren zusammen) mit Liedern wie Thunderball oder einem fabelhaften Cover von Throwing my arms around Paris der nun nachfolgenden Doll & The Kicks.

Punkt acht begann das Liveprogramm mit der mittlerweile vertrauten Vorgruppe aus Brighton. Vor dem mit ihrem Logo angeleuchteten riesigen Vorhang spielten Sängerin Doll, Gitarrist Matt Garrity, Bassist Olivier Nicholas und Schlagzeuger Chris Woollison ein 35 minütiges Programm, vor allem mit Liedern ihres selbstveröffentlichten Debütalbums. Mir gefällt die CD sehr gut, und auch das dritte Konzert der Band um die strohblonde Sängerin machte mir viel Spaß! Natürlich hat Doll eine quiekende Stimme und auch gelbe Fliegen im Haar sind nicht jedermanns Sache. Wer aber auf der Debütplatte Lieder wie Roll up the red carpet, Superstar oder If you care hat, wird mir auch gefallen, wenn danach nicht noch Morrissey kommt. So weit wie der möchte ich zwar nicht gehen, denn später lobte Mozzer Doll & The Kicks als beste Band der Welt. Aber seine Frage "the question is how can it be that they are not signed?" stelle ich mir auch! Während dieser Lobpreisung stand Doll oben auf dem Balkon, der als (vollkommen leerer) VIP Bereich diente. Sicher nicht der schlechteste Tag in der Karriere der jungen Frau…

Setlist Doll & The Kicks:
01. You do it better
02. Roll up the red carpet
03. Pictures
04. Superstar
05. Rising sun
06. You turn up
07. Cry in the kitchen
08. If you care
09. He’s a believer
10. He was a dancer

Der Pausenfilm! Mein Ehrgeiz, alle Videos zusammen zu bekommen, hat nur teilweise funktioniert, ein paar fehlen. Ach, würden doch bloß alle Bands in der Umbaupause Videos zeigen, die ihnen etwas bedeuten. Eine fast halbstündige Pause kann verflucht schnell umgehen, wenn in der Zeit uralte Musikfilmchen laufen. Hier die Bestandteile des aktuellen Pausenfilms:

* The Sparks: Lighten up, Morrissey
* ein s/w Interview mit einer Frau, über das Wegziehen aus England
* ein wundervolles 50er Jahre Tanzvideo
* Vince Taylor: There’s a lotta twistin goin‘ on
* Shirley Bassey: To give (live bei Rai uno)
* ein Tribut an Jobriath (Bruce Wayne Campbell), einen 1983 verstorbenen Künstler, den Morrissey verehrt
* New York Dolls – Lookin‘ for a kiss (live im Musikladen)
* Shocking Blue – Mighty Joe
* das "Turkish tobacco" Interview mit New York Dolls Frontmann David Johansen

Mit dem letzten Wort des rauchenden Morrissey Idols fällt stets der Vorhang. Zu einem You’ll never walk alone Cover (Nina Simone/The Smoking Popes) – es paßt wirklich alles! – kamen nach einer kurzen dramaturgischen Pause die sechs Musiker auf die Bühne, Morrissey voran. Der Sänger fühlte sich im wundervollen Offenbacher Capitol vielleicht underdressed, im Palladium erschien er jedenfalls eleganter als bisher – mit einreihigem Blazer, weißem Hemd und schwarzer Schleife. Sehr zu meiner Beruhigung wechselt auch seine Band regelmäßig die Kleidung; heute hatten sie ihr drittes Bühnenoutfit an, die kurzen braunen Hemden. Warum auch immer mußten Boz, Solomon, Matt, Jesse und Kristopher dann aber auch drei glitzernde Perlen auf der Stirn ertragen. Wir hatten uns auf der Hinfahrt erfolglos überlegt, wie Morrissey wohl seinen freien Tag in Köln verbracht hat. Er hat sich Gemeinheiten für seine Kollegen ausgedacht!

Morrisseys Outfit hielt bis zu Black cloud, dem dritten Stück des Abends. Dann hatten die vorgebundene Fliege und das Jacket ihren Dienst getan. Wenn es auf der Bühne nur annähernd so heiß war wie vorne in der zweiten Reihe (und es war durch die Scheinwerfer sicher wärmer), eine nachvollziehbare Entscheidung!

Die Setlist war die von Offenbach, vielleicht ist es die, die für die Deutschland Konzerte vorgesehen ist. Sie unterscheidet sich neben der Reihenfolge der Stücke um drei Lieder. So kamen wir heute wieder in den Genuß von Billy Budd, Let me kiss you und The world is full of crashing bores, dafür fehlten vom Alternativprogramm Something is squeezing my skull, Sorry doesn’t help und All you need is me – ein Tausch, mit dem ich gut leben konnte. Für mich also die bessere Setlist.

Auch wenn mancher vielleicht wieder stimmliche Schwächen bei den schnellen, hohen Tönen des frühen Solowerks erkannt haben will, für mich klang der Sänger perfekt, makellos. Das Konzert war aber eine ganze Ecke lauter als Offenbach. Vielleicht war das der großen und vor allem tiefen Halle geschuldet. Nach dem sehr leisen Esch, dem normalen Capitol, krachte es heute ganz ordentlich! Nur leider wieder bei zwei Liedern nicht: Some girls are bigger than others und Girlfriend in a coma bräuchte ich in den gespielten Versionen live nicht mehr (obwohl Coma einer meiner Allzeit-Lieblinge der Smiths ist). Umso besser gefiel mir How soon is now, dessen krachende Gitarren und Trommeln beeindruckend klangen! Theatralisch sank der Sänger zu diesem schönen Lärm auf den Boden vor der Bassdrum. Vor einer Woche hätten besorgte Anhänger da noch nach Sanitätern verlangt…

Neben How soon is now überzeugten mich… ach Quatsch, was soll ich jetzt hier zehn Lieder aufzählen? Fast alles ragte heraus (im übertragenen Sinne)! How can anybody possibly know how I feel? ist langweilig, dafür versöhnten Why don’t you find out for yourself, die Rockabilly Nummer The loop (die Sing your life B-Seite) und I keep mine hidden (die B-Seite von Girlfriend in a coma)! Und daß This charming man, Irish blood, I’m throwing my arms around Paris und The first of the gang to die von Tausenden mitgesungen mehr als nur aufregend sind, bestreitet vermutlich niemand ernsthaft…

Nach drei frischen Hemden (er wechselte von weiß zu scheußlich blau-braun, schwarz zu uniblau) und eineinviertel Stunden Konzert, einer wundervollen Liebeserklärung ("have I told you lately how much I love you?") endete das Konzert früh – zu früh – und glücklich.

Vor der einzigen Zugabe (First of the gang to die) stimmte der Sänger ein kurzes Lied an ("remember me I have forgotten my faith"), das ich leider nicht erkannt habe. War aber wohl "Death" von Klaus Nomi. Wäre ich Pessismist, würde ich all die sentimentalen Momente des Abends als Ankündigungen seines Rückzugs deuten. Das mag ich aber wirklich nicht. Denn vielleicht habe ich auch irgendwann Gefallen daran, mich um ein Stück seines Hemdes zu reißen. Heute flogen zwei, das enorm häßliche hellblaue mit braunen Mustern (das er wieder zur Zeile "but then you open your eyes and you see someone that you physically despise" aus Let me kiss you auszog) und ein hellblaues ganz am Schluß. Um das rangelten sich sehr viele Leute in meiner Nähe, die das hochwertige Stück allerdings nicht auseinander bekamen. Irgendwann mußte ein Feuerzeug beim Trennen helfen. Faszinierend, wie ehrgeizig Menschen an einem Ärmel reißen, um ein Stück Hemd zu bekommen.

Dieses eher bizarre Erlebnis beendete einen wundervollen Musikabend mit einem der größten Künstler unserer Zeit. Wenn ich irgendwann mit meiner zu gründenden Band im ausverkauften Palladium spiele, werden in der Pause vermutlich nur Morrissey- und Smiths-Videos laufen…

Setlist Morrissey, Palladium, Köln:
01. This charming man
02. Billy Budd
03. Black cloud
04. Ask
05. When last I spoke to Carol
06. How can anybody possibly know how I feel?
07. How soon is now?
08. I’m throwing my arms around Paris
09. The world is full of crashing bores
10. Girlfriend in a coma
11. Why don’t you find out for yourself
12. Seasick, yet still docked
13. Some girls are bigger than others
14. One day goodbye will be farewell
15. I keep mine hidden
16. Irish blood, English heart
17. Let me kiss you
18. The loop
19. I’m ok by myself
20. First of the gang to die (Z)


Autor & Fotos : Christoph

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