„I’m sick of Music“ ? Die Zeile aus dem Titelstück des aktuellen Albums kann Laibach-Sänger Milan Fras nur ironisch meinen. Gefühlt im Jahrestakt veröffentlichen die Slowenen neue Alben unterschiedlichster musikalischer Couleur. Alleine in den vergangenen zehn Jahren erschienen neue Versionen von Stücken aus der 80er-Jahre-Post-Industrial-Phase („Revisited“ und „Spectres Of The Red Districts“), eine Interpretation des Musicals „The Sound of Music“, das Dark-Ambient-Monstrum „Also sprach Zarathrustra“, eine Neuauflage der Kult-Platte „Opus Dei“, ein Krautrock-Psychedelic-Experiment namens „Love Is Still Alive“, die Musical-Arbeit „Wir sind das Volk“, der Filmsoundtrack „Iron Sky – The Coming Race“ sowie das persisch geprägte Orchester-Experiment „Alamut“. Was für eine Bilanz.
Nun also „Musick“. Mit einigen darauf enthaltenen sehr poppigen Stücken schockten/verblüfften/enttäuschten (?) Laibach einmal mehr die Fangemeinde, die eben zumeist doch größtenteils der schwarzen Szene zugehörig zu sein scheint. So war RAL9005 auch an diesem Dienstagabend in der Zeche Bochum die am häufigsten zu sehende T-Shirt-Farbe. Was allerdings nach einer Stunde unerbittlichstem Rhythm&Noise-Geballer vom Band (eine Vorgruppe gab es nicht) zu sehen war, hätte quietschbunter kaum sein können.
Punkt 20 Uhr betraten Fras und seine vier Mitmusiker in schicken schwarz-roten Anzügen die Bühne, wenig überraschend setzte der Titeltrack und Opener des „Musick“-Albums den Startschuss. Zuvor wurden die einigen Hundert anwesenden Fans von einer Computerstimme „instruiert“, was von den kommenden gut 105 Minuten zu erwarten sei. Bereits hier zeigte sich die Laibach-typische Ambivalenz zwischen Humor und bitterem Ernst, Hedonismus und Politik. Begrüßt wurden „Ladies, Gentleman, Others, Slaves to Algorithm“ mit den Worten „This is not entertainment, it is an interface“ . Was für eine Ansage. „Intensity, contradiction and ritual“ spielen eine Rolle, die Sätze „Your attention will be monitored, your responses will be analyzed“ und „If you feel uncomfortable, that’s ok“ sorgten für erstes Stirnrunzeln im weitem Rund (oder Lachen, je nach Humor).
Angst haben musste aber niemand. Tatsächlich sollte es ein Abend voller Momente werden, in denen je nach Veranlagung zwischen purem Spaß und nachdenklichen Passagen mit politischem Unterbau hin und her geschaukelt werden konnte. Das kennen Freunde deutschen Elektro-Raps in Groß von Bands wie Deichkind oder Grossstadtgeflüster, der durchschnittliche Laibach-Fan aber wohl vor allem Dingen von …nun ja, Laibach. Das Spiel spielen die Slowenen schon seit ihren Anfangstagen im repressiven Jugoslawien der 80er-Jahre – in der schwarz-alternativen Szene gibt es allerdings wenig bis keine in Habitus vergleichbaren Bands oder Kunstkollektive.
Tänzerinnen und starke Feature-Stimmen
In der Post-Industrial-geprägten Frühphase spielten liebliche Melodien wie in „Musick“ noch keine Rolle im Soundbild. Über dem Elektro-Pop-Stück thronen die Vocals von Wiyaala. Die in Europa quasi völlig unbekannte Ghanaerin, in ihrer Heimat eine große Nummer, spürten Laibach bei einem kleinen Clubkonzert in Slowenien auf. Und was ist das für eine prachtvolle Stimme! Die leider live nur vom Band inklusive Video-Einblendung auf der riesigen Leinwand kommt. Ganz und gar live hingegen die Aktionen der beiden Tänzerinnen Patricija und Tjasa, die zu einem Großteil der Stücke abwechslungsreiche Choreografien auf die Bühne zauberten. Ja, Fans aus „Rekapitulacija“- oder „Opus Dei“-Zeiten müssen jetzt stark sein: Laibach haben Tänzerinnen auf der Bühne. Zunächst performt das Duo mit Leuchtstoffröhren, später mit glitzernden Hasenmasken und Livekamera, wobei das aufgenommene Video direkt auf die Leinwand übertragen wurde.
Milan Fras tritt daher des Öfteren in den Hintergrund oder verlässt die Bühne gar ganz. Mehrere Songs verlängern Laibach, mit mehreren Keyboards ausgestattet, mit elektronisch dominierten Jams, zur Set-Mitte gibt es gar einen 14-minütigen Instrumental-Part, in den immer wieder Samples beliebter Stücke aus der Bandgeschichte wie „Tanz mit Laibach“, „The Whistleblowers“ oder „Brat Moj“ reingeschnitten werden – der Grundklang bleibt aber synthetisch-technoid dominiert.
Einige Momente der Bühnenshow wirken definitiv nach. Vor „Allgorhythm“ erhält die aus dem Intro bekannte Computerstimme einen erneuten Auftritt und erklärt die Choreo zum Refrain des gleichnamigen Songs. Patricija und Tjasa veranschaulichen die Ansagen. Doch schon bei der Erklärung von „Move Number One“ ist sie wieder spürbar, diese Unsicherheit darüber, wie politisch, wie agitatorisch, wie ernst Laibach es mit dem meinen, was sie da vorstellen. Den rechten Arm wie vorgegeben zackig im schrägen Winkel nach rechts oben zu ziehen ist dann doch eine Bewegung, die der Durchschnittsdeutsche historisch bedingt eher scheut. „Move Number Three“, das lockere Herumspringen im Schimpansen-Stil, ist dann eine Bewegung, die der Durchschnitt-Schwarzkittel eher scheut. Letztlich machen einige Fans bevorzugt im vorderen Innenraum-Drittel den Quatsch mit – andere schauten eher kritisch, genervt oder verwirrt aus der Wäsche. Ohne den Spaß an dieser Stelle schmälern zu wollen: Irgendwie war es beruhigend zu sehen, dass ein Großteil im Publikum eben kein „slave to algorithm“ sein wollte.
Zu „Singularity“ mit seinem genialen Mozart-Sample im Refrain treiben es die Slowenen auf die Spitze. Die Tänzerinnen erscheinen in Oktoberfest-Tracht und bitten einzelne Fans zum fröhlichen Ringelpiez auf die Bühne. Situationen, in denen man Menschen mit Bad Religion-Bandshirt eher nicht vermutet. Mit dem passenden Sinn für Humor bereitet das verdammt viel Freude, Fans der alten Post-Industrial-Werke flüchten derweil kopfschüttelnd zum Bierstand.
Beruhigend und für Hardliner versöhnlich: Intensive, düstere Momente sind ebenfalls Teil der Show. Bei „Resistencia“ flirrt die deutsche Übersetzung der spanischen Vokabel „guerra relámpago“ mehrfach in riesigen Versalien über die Leinwand („BLITZKRIEG“, auch wieder so ein Moment, der in Deutschland noch einmal mit etwas mehr Magengrummeln rezipiert werden dürfte als im Ausland), auch das schleppende, Country-inspirierte „Luigi Mangione“ über den Mord an Brian Thompson (früherer, wegen seiner Geschäftspraktiken äußerst umstrittener Chef des Krankenversicherungsunternehmen UnitedHealthcare) ist frei von Blödeleien. So richtig packt es viele Anhänger aber sichtbar, wenn die schmerzlich vermisste frühere Sängerin Mina Špiler auf der Leinwand erscheint und ihre Stimme von Backing Track erklingt. „Love On The Beat“ und vor allem das zackige „Bossanova“ vom vielerorts gefeierten 2014er-Album „Spectre“ sind die einzigen zwei älteren Stücke im gesamten Set.
Die Klassiker bleiben draußen
Damit wären die zwei einzigen Kritikpunkte, die man an diesem aufwendig und durchdacht konstruierten Tourprogramm objektiv anführen kann, auch angeschnitten. Laibach arbeiten seit Jahrzehnten mit fantastischen Gastsängerinnen, in der jüngeren Vergangenheit waren es insbesondere Mina Špiler und Marina Martensson, die die Auftritte und Alben mit Ausdrucks- sowie Stimmstärke prägten. Dass auf der „Musick“-Tour nahezu sämtliche weibliche Stimmen nur vom Band kamen, ist schade, war logistisch aber wohl nicht anders machbar. Die Tänzerinnen griffen bei „Keep It Reel“ kurz zum Mikro – wer das Stück kennt, weiß, dass da nicht viel kaputtgemacht werden kann.
Zweitens: So spannend der konzeptuelle Aufbau der Setlist und des Live-Programms ist, schmerzt die Absenz jeglicher Klassiker doch sehr. Vor allem, weil einige der live gespielten Tracks, die am 20. November auf „Musick: Encore“ erscheinen, qualitativ weder an die alten Hits noch an die starken Stücke des regulären Albums heranreichen. B-Seiten-Material eben. Das lösten Laibach bei den letzten Touren – man denke an die „Opus Dei Revisited“-Reise 2024, bei denen unter anderem „Brat Moj“, „Ballad of a Thin Man“ oder „Alle gegen Alle“ im Set landeten – durchaus fanfreundlicher.
So erfüllte sich auch die Hoffnung vieler auf Classics in der Zugabe nicht. Stattdessen wurde hier ebenfalls stark mit konzeptuellem Hintergedanken gearbeitet. Eine Show voller Querverweise (man denke nur an das stark von Kraftwerk inspirierte „Love Machine“ oder eben „Singularity“ mit dem „Eine kleine Nachtmusik“-Sample) lassen Laibach auch mit Neubearbeitungen auslaufen. Dass der Titel des ersten Stücks allen Ernstes „Make Your Own Kind of Music“ (im Original von Cass Elliot anno 1969 veröffentlicht) ist, passt da schon zu gut ins Bild. Zum recht technoiden „Balžalorsky Remix“ von „Musick“ (bald auch auf „Musick: Encore“ enthalten) verabschieden sich die fünfköpfige Band und die beiden Tänzerinnen nach 105 Minuten.
Was zurückbleibt? Die Gewissheit, bei einwandfreier Akustik einen durchdachten Auftritt gesehen zu haben, mit kreativen Showelementen und viel musikalisch-instrumentaler Klasse. Aber auch diese Laibach-typische Unsicherheit, welche und wieviele Parts, Textzeilen und Anmoderationen wirklich bitterer Ernst sind – und welche vielleicht doch eher Sarkasmus oder totaler Schwachsinn. Eine wohltuende Erkenntnis. Denn dafür sind Laibach seit nun mehr als 40 Jahren bekannt – und es gelingt ihnen im Jahr 2026 immer noch.
Setlist LAIBACH @ Bochum, Zeche (06.10.2026)
- Musick (+Pt 2)
- Fluid Emancipation
- Love Machine
- Love on the Beat
- Resistencia + Generationz Interlude
- Keep it Reel
- #Us
- Allgorhythm (inkl. Warm up)
- Musick Medley
- Luigi Mangione
- Modern Talking
- Bossanova
- Yes Maybe No
- Singularity
- Memorabilia
- Das göttliche Kind
- Make Your Own Kind of Musik (Z)
- Faith No More (Z)
- Musick (Balžalorsky remix)
Weblinks LAIBACH:
Webseite: laibach.org
Facebook: Laibach
Instagram: laibachofficial
