PROJECT PITCHFORK – Elysium

PROJECT PITCHFORK - Elysium
PROJECT PITCHFORK - Elysium
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9.5 Gesamtnote

9.5

Es ist vollbracht. Vor sechs Jahren veröffentlichten Project Pitchfork ihre beiden Studioalben Akkretion und Fragment. Nun vollendet Elysium diese wohlbedachte Trilogie. Peter Spilles hat sich bewusst dafür entscheiden, kein neues Werk während der Pandemiezeit zu veröffentlichen. Hinzu kamen Schicksalsschläge und gesundheitliche Hürden. Doch diese Zeit ist überstanden! Nun liegt Elysium tatsächlich vor uns! Gerade wenn die Wartezeit auf ein neues Album von längerer Dauer war, ist die Spannung immens.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Auf dem Cover des Booklets blickt man auf eine strahlendweiße Ziege, die im Gras eine Pause einlegt. Und doch sind ihre Ohren aufmerksam. Vor ihr liegen zarte Blütenblätter. So beruhigend und rein ihr Anblick auch sein mag – um sie herum ist die Farbgebung düster. Im Booklet selbst befinden sich Nahaufnahmen von Pflanzen, Maden, eine Feder … Peter Spilles hält einen dunklen Vogel in seinen Händen. Auf einem Bild ist er im Portrait zu sehen. Seine Hände sind nach vorn ausgestreckt. Die bekannte blaue Farblinie ziert sein Gesicht und obgleich er richtig gut aussieht – sein Blick ist ernst und seine Augen haben auch eine gewisse Verletzlichkeit inne. Auf dem letzten Foto liegt er gar im Gras. Um ihn herum liegen vertrocknete Pflanzenreste. Doch hier ziert ein ganz zartes Lächeln sein Gesicht.

Das Booklet ebnet dem Hörer den Weg und bereitet ihn galant auf das vor, was ihn während der zwölf Tracks erwartet. In der griechischen Mythologie steht Elysium für eine Insel der Seligen. War man von vollkommener Reinheit geprägt, wurde man von den Göttern auserwählt und zu dieser Insel gebracht. Die Berufenen wurden mit ewiger Glückseligkeit bedacht und die Insel, auf der sie fortan verweilten, glich einem paradiesischen Ort.

Die Welt hat sich innerhalb der letzten sechs Jahre verändert. Kriege sind ausgebrochen, eine Pandemie breitete sich schlagartig über sämtliche Ländergrenzen hinweg aus, die Erderwärmung schritt voran und die Menschheit kümmerte sich einen Dreck um die Natur. Auch untereinander scheint die Gesellschaft allmählich zu verrohen. Eine anstrengende Zeit, die sich prägend auswirkte. Dazu kommt die Erkenntnis: Das Leben ist endlich. So fortschrittlich die Forschung auch heutzutage ist. Den Tod kann man heutzutage zwar oftmals herauszögern, doch gänzlich abhalten kann man ihn keineswegs. Was bleibt ist, seine Zeit auf Erden so sinnvoll zu gestalten, wie es einem möglich ist. Wirken Empfindungen am Lebensende gar intensiver? Auf Elysium bewegen sich Project Pitchfork musikalisch in bekannten Gefilden. Ihr Sound ist unverkennbar. Doch wir gelangen diesmal näher an Peters Seelenleben heran. Die Lyrics sind weitaus persönlicher. Wir erkennen musikalisch neue Nuancen. Aber es warten noch mehr Überraschungen auf.

Meeresrauschen leitet den ersten Track ein: Galaxies. Sound und Stimme wirken dunkel und energisch zugleich. Sagenhaft schöne Melodien gesellen sich hinzu. Es geht um den Ursprung und kosmische Wunder in der Galaxie. Die Urenergien bitten zum Tanz. Und schon zu Beginn begegnen einem große Gefühle “And when I look into your eyes, I embrace your galaxies. A whole creation cries just for you.” 

Unity durften wir bereits auf der letzten Tour der Pitchies live erleben. Stapfende Beats treiben den eingängigen Song voran. Peters Stimme erklingt klar und straigt. Im Refrain wird er gesanglich von seiner Partnerin Sue ergänzt. An ihre hohen Töne musste ich mich ehrlich gesagt erst gewöhnen. Die tieferen Parts passen auf Anhieb. Auf der Tour glänzte Sue mit einer starken Bühnenpräsenz und das Paar genoss den gemeinsamen Auftritt sichtlich. Dies kommt auch auf der Albumversion deutlich herüber. Das Band zwischen den beiden ist unendlich stark und authentisch. Textlich erscheinen dunkle Wolken am Firmament. Gegen Ende des Lebens spielt das eigene Aussehen eine untergeordnete Rolle. Gehört man einer Subkultur an, wundert sich nun niemand mehr über den wunderlichen Anblick. Am Ende sind wir alle gleich und niemand kommt lebend hier heraus. Wenn die Uhr unaufhörlich tickt, gilt es, sich an der großen Liebe zu erfreuen und die gemeinsame Zeit vollends zu genießen. Die verbundene Einheit wird gegen Ende erneut von Meeresrauschen verabschiedet. Alles fließt …


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Auch Der Tanz wurde uns bereits live dargeboten. Zielgerichtet strömt der kernige Sound sogleich in die Beine. Bewusst hat sich Peter Spilles an dieser Stelle für einen deutschen Text entschieden. Und das passt ganz hervorragend. Tatsächlich könnte ich mir diesen Song gar nicht in einer anderen Sprache vorstellen. Die Natur leidet, Hass regiert die Welt. Lebewesen werden unbedacht verschlungen. Wertschätzung sucht man vergeblich. Wo bleiben die Liebe, die Sorgfalt und der Zusammenhalt? Möge der Aufruf Wirkung zeigen. Bis dahin wird immerhin gemeinsam getanzt – denn Tanzen verbindet. Das Meeresrauschen begleitet übrigens auch die weiteren Songs am jeweiligen Ende, um die Bedeutung des Fließens nicht außer Acht zu lassen.

In Learning To Live begegnen dem Hörer melancholische Pianoklänge. Dieser Song geht ans Herz. Der Schwermut erscheint greifbar. Hier geht es um eine Erkenntnis. Als einzelner Mensch sind wir nur ein winziges Element von dem großen Ganzen. Wir gleichen einem kleinen Wassertropfen, der vom Himmel fällt. Und doch sollte man seinen Platz in dieser Welt finden. Darauf bedacht sein, Gutes zu tun und für andere da zu sein. Auch hier erklingt die Stimme von Sue. Diesmal schmiegt sich ihr Gesang nah an den von Peter heran und die Kombination klingt wahrlich bezaubernd. Es entstand eine wahrlich beeindruckende Ode an das Leben.

Fetzig geht es mit Summer Walk voran. Uns steht das Armageddon bevor – die alles mit sich reißende Katastrophe. Die Welt steht in Flammen und die Menschheit erstarrt, statt zu handeln. Sarkastischer Weise wird  gefragt, ob man noch ein Stück Kuchen dazu servieren solle. Und doch ist es nie zu spät einen neuen Baum zu pflanzen. Die Hoffnung stirbt zuletzt. In Peters Stimme ist die Dramatik klar erkennbar. Durch seinen emotionalen Gesang und die hymnischen Parts wirken seine Worte besonders packend.

Melancholia verursacht eine bedächtige Wehmut. Und doch möchte diese Ballade zu einer gewissen Leichtigkeit am Ende des Lebens ermutigen. Dann ist es an der Zeit, die Seele von all dem schwerwiegenden Ballast zu befreien: “Like a leave on the river like a feather in the wind. In the last light of the day, I’ll pass away.” Auch wenn unser Körper schwächelt, was einem niemand mehr nehmen kann, sind die Emotionen, die wir bis zuletzt empfinden.

Project Pitchfork - Melancholia

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Isolation erklingt ebenfalls in deutscher Sprache. Hier entwickelt sich die Einsicht, dass sich etwas ändern muss. Noch ist es vielleicht nicht zu spät, die Erde zu retten. Axiom beginnt mit einer verspielten Melodie. Die Verse werden abwechselnd auf Englisch und auf Deutsch gesungen. Im Refrain wird Peter voller Elan vom gesamten Publikum des vergangenen Gigs im Berliner Huxleys unterstützt. Lautstark singt die Fanschar “We are the Planet! […] Wir sind die Erde!” Die positiven Vibes gehen direkt auf den Hörer über und die Laune steigt.

Transformation entpuppt sich als typischer Pitchfork Song und steckt dabei voller Kritik. All die Mächtigen auf dieser Welt verantworten den bevorstehenden Untergang. Die kleineren könnten einen der Natur zugewandten Wandel herbeiführen. Doch statt aufzuwachen, verschließen die Großen lieber ihre Augen vor dem großen Dilemma. Mit Memories wird es bedächtig und ernst. Am Lebensende wird die Schönheit des Lebens immer klarer und kostbarer. Man wird von längst tief verborgenen Erinnerungen überschwemmt, möchte dringlich das Rad der Zeit anhalten. An dieser Stelle erklingt Peters Stimme bewegt und voller Verzweiflung. Die Bedeutung des Abschiednehmens rückt in den Fokus. Und doch muss man den Sterbenden gehen lassen. Was bleibt, ist die Erinnerung, die einen tief im Herzen auf ewig vereint.

In Blind Mice rechnen Project Pitchfork erneut mit der Gesellschaft ab. Der Planet droht zu sterben, die Natur ächzt und wir verpesten weiterhin die Luft, vergiften den Ozean. Während die Gletscher schmelzen, steigen die Meere und wir handeln lediglich wie blinde Mäuse. Das Fehlverhalten ist so offensichtlich und doch ist kein Umdenken in Sicht. “You wonder what I dream about? Just be quiet, because it isn’t loud. It is black like the pupil of every eye. It’s watching all actions, asking ‘why’?”

Final Words dürfen am Ende der Trilogie nicht fehlen. Es stand auf der Kippe, dass dieses Album jemals entstehen konnte. Doch nun wir halten es in unseren Händen. Und damit erreicht uns auch diese bedeutende Botschaft. Nimm Freude bewusst wahr, lache und tanze. Die grausame Berührung der Zeit können wir ohnehin nicht umgehen.

These are the last words to share. Love remains, beyond compare. In hearts we leave, forever heard – the echoes of our final words.

Auch wenn viel Tadel in den Lyrics enthalten ist, Elysium preist das Leben! Allzugern lassen wir uns davon anstecken und drücken nochmal REPEAT. Denn wie heißt es so schön in den Lyrics? “Folge dem Ganzen – wir wollen tanzen!”🙂


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Elysium ist am 28.03.2024 via der Trisol Music Group GmbH in verschiedenen Versionen erschienen. Die Vinyl Edition war innerhalb kürzester Zeit vergriffen. Zu haben ist neben dem regulären Digipack noch eine limitierte Doppel-CD inkl. eines hochwertigem, 80-seitigen, Bildbandes im Großformat (28x28cm). Digital ist das neue Album zudem erhältlich.

Tracklist PROJECT PITCHFORK – Elysium:

01. Galaxies
02. Unity
03. Der Tanz
04. Learning To Live
05. Summer Walk
06. Melancholia
07. Isolation
08. Axion
09. Transformation
10. Memories
11. Blind Mice
12. Final Words

Wer das neue Album live erleben möchte, hat die Chance Project Pitchfork auf ihrer bevorstehen Clubtour zu bewundern. Allerdings ist hier Eile geboten – einige Konzerte sind bereits ausverkauft und generell sind nur noch wenige Tickets verfügbar.

Termine Project Pitchfork:

05.04.2024 Nürnberg, Der Hirsch
06.04.2024 Jena, F-Haus (ausverkauft)
12.04.2024 Mannheim, MS Connexion Complex
13.04.2024 Oberhausen, Kulttempel (ausverkauft)
19.04.2024 Potsdam, Waschhaus
20.04.2024 Rostock, M.A.U. Club
26.04.2024 Steinberg OT Wernesgrün, Wernesgrüner Brauerei-Gutshof
27.04.2024 Görlitz, L2 Club
03.05.2024 Dresden, Reithalle (ausverkauft)

Project Pitchfork Tourtrailer April 2024

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Weblinks PROJECT PITCHFORK:

Homepage: www.project-pitchfork.eu
Facebook: www.facebook.com/ProjectPitchfork
Instagram: www.instagram.com/project_pitchfork
YouTube: www.youtube.com/ProjectPitchfork

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