ROME – The Lone Furrow

ROME - The Lone Furrow
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10

Gesamtnote

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Sehr zentral, einleitend zum Song Kali Yuga Über Alles platziert Jerome Reuter auf seinem neuen Album The Lone Furrow ein Zitat von dem Anfang diesen Jahres verstorbenen britischen Philosophen Sir Roger Scruton:

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

One of the saddest things about the modern world is that people live in a tiny time slice which they carry forward with them. Nothing remains. The centuries to them are completely dark. Just un-illumined corridors through which they stagger into a single little sliver of light.*

Nun sollte man über Sir Roger Scruton vielleicht wissen, dass er einer der bedeutendsten Vertreter des Konservatismus war. Nicht etwa in dem Sinne, dass er Altes wiederbeleben wollte, sondern dass er dazu anhielt, weit in die Geschichte zu gehen, sich auf die darin befindenden Werte und Muster zu besinnen und für die Gegenwart und Zukunft daraus zu lernen. Scruton war darüber hinaus ein großer Verfechter des Ästhetischen. Er hielt Vorträge mit Titeln wie: Das Gute, das Schöne, das Wahre. Hier arbeitete er heraus wie nur die Kunst in der Lage ist, diese drei essentiellen Dinge aufeinander zu beziehen. Kunst offenbart ihren Sinn aus sich heraus, ist eine sinnliche Erfahrung und darüber hinaus Sinn stiftend. Zeit seines Lebens widmete sich Scruton den alten Werten und doch holte ihn kurz vor seinem Tod die Hysterie der Gegenwart ein: durch die Vereinnahmung und Verteufelung von rechts und links, wahrscheinlich bar jeder Kenntnis seines Werkes, seinem Geist und der Werte, wofür es steht.

Warum ich diesen Exkurs mache? Nun, sehr, sehr viel von dem lässt sich auch auf Rome im Allgemeinen und das neue Album The Lone Furrow im Speziellen übertragen. So wurden Veröffentlichungen des Künstlers des Öfteren sowohl von Vertreter*innen des linken als auch des rechten Spektrums für eigene Zwecke beansprucht. Das geschieht, obwohl sich Reuter gegen diese Art der Vereinnahmung ausgesprochen hatte. Weiterhin ist das neue Album wieder ein flammendes Plädoyers für den wahren Charakter der Kunst: Sie muss frei sein, sie offenbart sich der/dem Rezipient*in nur über ihre/seine Auseinandersetzung mit ihr und ist letztendlich durch diese Erfahrung das höchste Kulturgut der Zivilisation. Schließlich widmet sich The Lone Furrow den alten, traditionellen, unveräußerlichen Werten, die immer wieder, wie Echos in der Geschichte und auch in der Kunst auftauchen. Von Ovid bis Nietzsche scheinen sie, Archetypen gleich, den Sinn unseres Daseins in den Songs zu verhandeln.

Veröffentlichungen des Projektes sind immer schon harte Nüsse gewesen und ich gebe zu, dass ich mich mit diesem besonders schwer tat. The Lone Furrow ist eine Abrechnung mit der modernen Welt und wählt dafür einen Weg, wie es typisch für das Luxemburger Projekt ist, über verschiedene Ebenen und eine verklausulierte, lyrische Sprache mit hohen intellektuellen Anspruch, der Kenntnisse in Mythologie, Literatur, Geschichte und Philosophie voraussetzt. Wenn Reuter im Song Kali Yuga Über Alles das gleichnamige Zeitalter ausruft, meint er damit den Wertverfall unserer Zeit, den Niedergang der Zivilisation, die Herrschaft von Hass, Gier und Verblendung. Es ist zugleich das letzte Zeitalter, dominiert von Krieg, Katastrophen und gegenseitig zugefügtem Leid – Apokalypse. Der Song wird von unerbittlichem Schlagwerk, abgründig dröhnenden Samples und Reuters fester Stimme dominiert. Das zieht sich wie ein roter Faden durch The Lone Furrow. Schon zu Beginn lässt Reuter durch Aki Cederberg verkünden, wer die Masters Of The Earth sind, und dass der vermeintlich hochentwickelte, zivilisierte Mensch, nur ein wenig erleuchtetes Wesen ist, das vom Nichts in die Bedeutungslosigkeit geht.

Es folgen eine herausragende, fast cineastische Mischung aus kämpferischen Protestsongs (Tyriat Sig Tyrias, Angry Cup, Kali Yuga Über Alles), klassischen, dunklen Chansons (Ächtung, Baby!, The Twain,On Albion’s Plain) und lyrischen Schätzen, die so wunderschön sind, das einem die Tränen kommen (Obsidian, Palmyria). Vorgetragen wird auf Englisch, Französisch und Deutsch und man reibt sich die Ohren, wie Jerome Reuter scheinbar komplett frei und mühelos Texte solcher Qualität in drei verschiedenen Sprachen schreiben kann. Durchbrochen werden die Songs von kürzeren, gesampelten Episoden oder effektvoll unterlegten, eingesprochenen Texten. Hierfür haben sich Rome unter anderem J.J. von Harakiri For The Sky als Unterstützung geholt (The Lay Of Iria). Überhaupt ist die Gruppe an freundschaftlicher Kooperation auf The Lone Furrow sehr dicht ausgefallen. Namedropping (die noch nicht erwähnt wurden): Alan Averill (Primordial), Adam Darski (Behemoth, Me And That Man), Joseph D. Rowland (Pallbearer), Laure Le Prunenec (Rïcïnn).

Auch im Jahr ihres 15. Geburtstags legt die Ausnahmeband wieder ein Album vor, das einen sprachlos und rätselnd zurücklässt. Die Songs sind allesamt musikalisch ein absoluter Hörgenuss. Reuters Stimme reift wie ein guter, schwerer Wein. Lyrisch und inhaltlich hat man von The Lone Furrow lange etwas. Und auch da hilft uns Sir Roger Scruton noch einmal weiter. Der sagte einmal, dass sich das Gute, das Schöne und das Wahre oft erst erschließt, wenn man sich einem Kunstwerk wieder und wieder widmet.**

The Lone Furrow ist am 28. August bei Trisol Music Group erschienen.

ROME feat. ALAN AVERILL/PRIMORDIAL – Ächtung, Baby! (Full Song)

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Tracklist ROME – The Lone Furrow:

01. Masters Of The Earth (ft. Aki Cederberg)
02. Tyriat Sig Tyrias
03. Ächtung, Baby! (ft. Alan Averill, Primordial)
04. Making Enemies In The New Age (ft. Joseph D. Rowland, Pallbearer)
05. The Angry Cup (ft. Adam Nergal Darski, Behemoth/Me And That Man)
06. The Twain
07. Kali Yuga Über Alles
08. The Weight Of Light
09. The Lay Of Iria (ft. J. J., Harakiri For The Sky)
10. On Albion’s Plain
11. Palmyra (ft. Laure Le Prunenec, Rïcïnn)
12. Obsidian
13. A Peak Of One’s Own

ROME – Kali Yuga Über Alles (Full Song)

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Termine ROME – The Lone Furrow Tour 2020:

18.11.2020 Bremen, Lila Eule
25.11.2020 Stuttgart, Club Cann
26.11.2020 Frankfurt, Nachtleben
28.11.2020 Zwickau, Mithras Garden Festival
09.12.2020 Nürnberg, Club Stereo
11.12.2020 Leipzig, Moritzbastei
12.12.2020 Berlin, Quasimodo
13.12.2020 Hannover, Mephisto
15.12.2020 Hamburg, Nochtspeicher
16.12.2020 Utrecht (NL), Tivoli Vredenburg
17.12.2020 Oberhausen, Kulttempel
18.12.2020 Luxemburg, Kulturfabrik

tickets

Weblinks ROME:

Official: https://www.rome.lu
Facebook: https://www.facebook.com/romeproject

* Das Zitat stammt aus einer Dokumentation von Wim Kayzer: Of Beauty And Consolation (2000).
** Roger Scruton erwähnt das u. a. in seinem Vortrag The True, the Good and the Beautiful (2017).

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