Monkeypress trauert um GABI DELGADO: Ein Nachruf

DAF, © Sandro Griesbach
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18. MĂ€rz 2010, Duisburg, Pulp. DAF-Konzert. No More mit ihrem ewigen Suicide Commando als Vorband. Blick ins weite Rund. Mal wieder war ich der JĂŒngste. Jetzt mal ehrlich, Leute: Kein Mensch, der gerade 19 geworden ist, hört DAF. Oder? Um mich herum waren nur Leute, die doppelt oder dreimal so alt waren wie ich. Stellenweise fĂŒhlte ich mich schon fast unwohl, am falschen Platz. Aber auch nur genau so lange, bis gegen 21 Uhr dieser Typ in seinem schwarzen, mit zunehmender Konzertdauer zunehmend aufgeknöpften Hemd anfĂ€ngt, wie ein Irrwisch ĂŒber die BĂŒhne zu fegen und einem ins Gesicht zu singbrĂŒllen: „Schön und jung und stark! Schön und jung und stark!!!“

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Schön und jung – ok, das war vielleicht mal, dachte ich in meiner jugendlichen Arroganz und grinste. Aber stark? Oh ja, ganz sicher. Musik, die so sonst niemand bringt. Auf das Wesentliche konzentrierter Minimalismus, den sonst niemand bringt. Und eine Power, die sonst nur ganz wenige bringen. 80 Minuten und ungefĂ€hr genauso viele ĂŒber dem Kopf von Gabriel Delgado-LĂłpez entleerte Wasserflaschen spĂ€ter geht das Licht wieder an. Mein erstes DAF-Konzert. Was ein Erlebnis. Einmalig.

In dem Wissen, dass sich dieses kongeniale Duo um den exzentrischen Frontmann und den hochprĂ€zise spielenden Drummer schon öfter getrennt und wohl noch öfter gezofft hat, nahm ich mir vor, ab diesem Zeitpunkt jeden Auftritt in der Umgebung mitzunehmen. Wer weiß, wie oft man dazu noch die Gelegenheit haben wird, dachte ich mir. Jedes Mal, als wĂ€r’s das letzte Mal. Acht weitere Male hatte es seit diesem 18. MĂ€rz 2010 geklappt. Nummer 10 war nicht mehr weit weg, dachte ich noch bis vor wenigen Wochen. Dass der New Waves Day in Oberhausen mit DAF als Headliner in diesem Jahr sicher nicht im Mai ĂŒber die BĂŒhne geht, war da noch nicht absehbar. Den Verlegungstermin hĂ€tte ich mir aber sicher in den Kalender eingetragen.

Denn ich wollte. Ich wollte. Ich wollte, dass mein Körper sich bewegt. Ich wollte, dass mein Herz hart schlÀgt. Bum Bum. Bum Bum. So wie bei den vergangenen neun Malen.

Und jetzt? Ist da erstmal ganz viel Leere und Fassungslosigkeit. Warum so frĂŒh, warum schon mit 61 Jahren? Warum nicht noch mehr Festivalauftritte vor aus ganz Europa anreisenden 2-Meter-130-Kilo-KleiderschrĂ€nken in Tank Tops, die sich im Pit im M’era-Hangar oder im Theater am Tanzbrunnen zu Köln zum Mussolini die Nasenbeine brechen? Warum nicht noch mehr gemeinsame Konzerte mit den anderen aktiven Legenden der DĂŒsseldorfer Punk- und Elektroszene der spĂ€ten 70er und frĂŒhen 80er? So wie 2014 mit den Fehlfarben im Zakk. War das ein toller Abend. Das war eine Familie. Am falschen Platz fĂŒhlte ich mich da schon lange nicht mehr.

Wiederum drei Jahre spĂ€ter erscheinen ein Box-Set mit fast allen DAF-Alben und eine Band-Biografie. Das Ding mit einigen Remixen und zwei neuen Songs durfte ich fĂŒr diese Seite rezensieren. Wenige Monate spĂ€ter kaufe ich das Buch – um festzustellen, dass AuszĂŒge meines Textes tatsĂ€chlich mit Namen im Buch zitiert, verewigt wurden. Ich, Mitte 20, gerade frisch in der Ausbildung zum Tageszeitungs-Journalisten, bin geplatzt vor Stolz.

Gestern Abend platzte wieder etwas heraus. Diesmal waren es jedoch TrĂ€nen. TrĂ€nen ĂŒber den schockierenden Tod eines exzentrischen, extravaganten Menschen, den ich leider nie persönlich kennengelernt habe. Er wirkte in all den Interviews, die ich von und mit ihm sah oder las, so interessant. Der Mann hatte was zu sagen, hatte unpopulĂ€re, ganz individuelle Ansichten, der fand es gut, anzuecken. Das Gegenteil von glatt gebĂŒgelt. Wie gerne hĂ€tte ich irgendwann nochmal ein Interview mit ihm gefĂŒhrt. Als ausgebildeter Journalist, der bestimmt verzweifelt versucht hĂ€tte, sein Fan-Dasein fĂŒr 30 Minuten zu unterdrĂŒcken.

Das geht nicht mehr. Gabis Texte bleiben aber. FĂŒr immer.

FĂŒr immer einmalig. Einmalig in ihrer Provokation, einmalig in ihrer fĂŒr Außenstehende oft kaum ertrĂ€glichen und noch weniger verstĂ€ndlichen Reduziertheit. Und teilweise auch einfach nur zum Lachen oder FremdschĂ€men. Das mit Wotan Wilke Möhring aufgenommene Disco-Experiment „Ich glaub ich fick dich spĂ€ter“ von 1996 – fĂŒr alle Zeiten eine Sternstunde infantilen Humors. Irgendwann kommt bestimmt der Tag, an dem ich auch wieder ĂŒber diesen Song lachen kann.

Alles ist gut? Nein. Gerade ganz sicher nicht.

Alles wird gut? Bestimmt. Irgendwann. Ruhe in Frieden!

Geschrieben von
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