Monkeypress trauert um GABI DELGADO: Ein Nachruf

Fotos: M'ERA LUNA 2017 – Bands Sonntag (13.08.2017)
DAF, © Sandro Griesbach
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18. März 2010, Duisburg, Pulp. DAF-Konzert. No More mit ihrem ewigen Suicide Commando als Vorband. Blick ins weite Rund. Mal wieder war ich der Jüngste. Jetzt mal ehrlich, Leute: Kein Mensch, der gerade 19 geworden ist, hört DAF. Oder? Um mich herum waren nur Leute, die doppelt oder dreimal so alt waren wie ich. Stellenweise fühlte ich mich schon fast unwohl, am falschen Platz. Aber auch nur genau so lange, bis gegen 21 Uhr dieser Typ in seinem schwarzen, mit zunehmender Konzertdauer zunehmend aufgeknöpften Hemd anfängt, wie ein Irrwisch über die Bühne zu fegen und einem ins Gesicht zu singbrüllen: „Schön und jung und stark! Schön und jung und stark!!!“

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Schön und jung – ok, das war vielleicht mal, dachte ich in meiner jugendlichen Arroganz und grinste. Aber stark? Oh ja, ganz sicher. Musik, die so sonst niemand bringt. Auf das Wesentliche konzentrierter Minimalismus, den sonst niemand bringt. Und eine Power, die sonst nur ganz wenige bringen. 80 Minuten und ungefähr genauso viele über dem Kopf von Gabriel Delgado-López entleerte Wasserflaschen später geht das Licht wieder an. Mein erstes DAF-Konzert. Was ein Erlebnis. Einmalig.

In dem Wissen, dass sich dieses kongeniale Duo um den exzentrischen Frontmann und den hochpräzise spielenden Drummer schon öfter getrennt und wohl noch öfter gezofft hat, nahm ich mir vor, ab diesem Zeitpunkt jeden Auftritt in der Umgebung mitzunehmen. Wer weiß, wie oft man dazu noch die Gelegenheit haben wird, dachte ich mir. Jedes Mal, als wär’s das letzte Mal. Acht weitere Male hatte es seit diesem 18. März 2010 geklappt. Nummer 10 war nicht mehr weit weg, dachte ich noch bis vor wenigen Wochen. Dass der New Waves Day in Oberhausen mit DAF als Headliner in diesem Jahr sicher nicht im Mai über die Bühne geht, war da noch nicht absehbar. Den Verlegungstermin hätte ich mir aber sicher in den Kalender eingetragen.

Denn ich wollte. Ich wollte. Ich wollte, dass mein Körper sich bewegt. Ich wollte, dass mein Herz hart schlägt. Bum Bum. Bum Bum. So wie bei den vergangenen neun Malen.

Und jetzt? Ist da erstmal ganz viel Leere und Fassungslosigkeit. Warum so früh, warum schon mit 61 Jahren? Warum nicht noch mehr Festivalauftritte vor aus ganz Europa anreisenden 2-Meter-130-Kilo-Kleiderschränken in Tank Tops, die sich im Pit im M’era-Hangar oder im Theater am Tanzbrunnen zu Köln zum Mussolini die Nasenbeine brechen? Warum nicht noch mehr gemeinsame Konzerte mit den anderen aktiven Legenden der Düsseldorfer Punk- und Elektroszene der späten 70er und frühen 80er? So wie 2014 mit den Fehlfarben im Zakk. War das ein toller Abend. Das war eine Familie. Am falschen Platz fühlte ich mich da schon lange nicht mehr.

Wiederum drei Jahre später erscheinen ein Box-Set mit fast allen DAF-Alben und eine Band-Biografie. Das Ding mit einigen Remixen und zwei neuen Songs durfte ich für diese Seite rezensieren. Wenige Monate später kaufe ich das Buch – um festzustellen, dass Auszüge meines Textes tatsächlich mit Namen im Buch zitiert, verewigt wurden. Ich, Mitte 20, gerade frisch in der Ausbildung zum Tageszeitungs-Journalisten, bin geplatzt vor Stolz.

Gestern Abend platzte wieder etwas heraus. Diesmal waren es jedoch Tränen. Tränen über den schockierenden Tod eines exzentrischen, extravaganten Menschen, den ich leider nie persönlich kennengelernt habe. Er wirkte in all den Interviews, die ich von und mit ihm sah oder las, so interessant. Der Mann hatte was zu sagen, hatte unpopuläre, ganz individuelle Ansichten, der fand es gut, anzuecken. Das Gegenteil von glatt gebügelt. Wie gerne hätte ich irgendwann nochmal ein Interview mit ihm geführt. Als ausgebildeter Journalist, der bestimmt verzweifelt versucht hätte, sein Fan-Dasein für 30 Minuten zu unterdrücken.

Das geht nicht mehr. Gabis Texte bleiben aber. Für immer.

Für immer einmalig. Einmalig in ihrer Provokation, einmalig in ihrer für Außenstehende oft kaum erträglichen und noch weniger verständlichen Reduziertheit. Und teilweise auch einfach nur zum Lachen oder Fremdschämen. Das mit Wotan Wilke Möhring aufgenommene Disco-Experiment „Ich glaub ich fick dich später“ von 1996 – für alle Zeiten eine Sternstunde infantilen Humors. Irgendwann kommt bestimmt der Tag, an dem ich auch wieder über diesen Song lachen kann.

Alles ist gut? Nein. Gerade ganz sicher nicht.

Alles wird gut? Bestimmt. Irgendwann. Ruhe in Frieden!

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