ALCEST – Hamburg, Gruenspan (11.02.2020)

ALCEST © Thomas Papenbreer
Geschätzte Lesezeit: 3 Minute(n)

Seit Anfang Februar, für über einen Monat sind Alcest mit ihrem aktuellen Album Spiritual Instinct auf Tour durch ganz Europa. Es handelt sich um die erste Headliner-Tournee der Franzosen, die sie mit dem noch frischen Deal beim Major Nuclear Blast im Rücken absolvieren. Druck und Erwartungen, vor allem aber Vorfreude werden die Band noch zusätzlich beseelt haben. Dass dies bei den zahlreichen alten und neuen Fans der Fall gewesen sein dürfte, zeigten die bereits im Vorfeld ausverkauften Häuser. Ganz so war es im Hamburger Gruenspan an diesem Abend wohl nicht, viel dürfte dazu jedoch nicht gefehlt haben.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Auf dieser Erfolgsreise durch 13 Länder werden Alcest von zwei ziemlich unterschiedlichen Bands unterstützt. Ausgefeiltes Songwriting einer- und eine emotionsgeladene Atmosphäre andererseits waren wohl eher Gründe, warum die Wahl auf die beiden Acts fiel, und nicht lediglich Genretreue.

Und so beginnt der Abend mit den drei Frauen von Kælan Mikla, die vor sich ein elektromagnetisches Feld aus unterkühlten Darkwave/Synthpop mit einigen Graupeln dunkler Avantgarde-Abgedrehtheit überziehen. Die punkigen und einfallsreichen Elektro-Skulpturen aus Island vor der schwarzen Kulisse erschließen sich sicherlich nicht sofort jedem, hinterlassen jedoch bei den meisten einen wohlwollenden ätherischen Schneeflockeneindruck.

Einen völlig anderen Ansatz verfolgen da Birds In Row aus Frankreich. Die kann man angesichts des Titels ihres aktuellen Albums We Already Lost The World (2018) getrost beim Wort nehmen. Es wird fatalistisch, es wird wütend, es wird ruppig. Birds In Row spielen eine Mischung aus Hardcore Punk und Blues. Und wer sich an dieser Stelle fragt, warum ausgerechnet diese Band im Vorprogramm von Alcest spielt, dem müssten die ungezügelten Emotionen der Performance, der Texte und Ansagen für das Publikum Antwort genug sein.

Exzellentes Songwriting auf der einen Seite, rohe Emotionen auf der anderen: So eingestimmt warten wir auf den Hauptact des Abends. Mich treibt vor allem die Frage um, während ich Neige, Winterhalter, Zero und Indra beim Aufbau beobachte, welche Songs vom neuen Album es aufs Set geschafft haben und selbstverständlich wie sich diese ausmachen werden. Das Programm startet in der Tat erst einmal mit dem vertrauten flächigen Dröhnen von Onxy, dem Stück, das die Franzosen bereits seit dem Erscheinen von Kodama als Intro nutzen.

Im Oktober hatte ich Alcest bereits auf dem Autumn Moon in Hameln noch vor Start ihrer Europa-Tour, aber nach Erscheinen von Spiritual Instinct gesehen. Damals hatte man mit der sehr neuen Single Protection eröffnet. Das ist heute nicht so, denn Alcest beginnen mit dem Eröffnungstrack des Albums Les Jardin De Miniut und setzen dann ebenfalls wie auf dem Album mit Protection fort. Beide Stücke eint die Mischung aus Wucht und Intensität, die uns praktisch augenblicklich ins Alcest-Wunderland entführen. Es ist nicht das erste Konzert der Franzosen, über das ich berichte. Und jedes Mal ist es für mich schwer in Worte zu fassen: Eine Band wie Alcest entzieht sich einfach normalen Parametern.

Es gibt mit Sicherheit Sänger, die stimmlich besser dabei sind als Neige. Und es gibt auf diesem Planeten hunderte Metal-Acts, die auf der Bühne eine Show hinstellen, die diesen Namen auch verdient. Alcest tun eigentlich gar nichts, das entfernt an eine Performance erinnern könnte. Interaktionen mit dem Publikum beschränken sich auf ein verschüchtertes „Thank you, my friends“. Die meiste Zeit hält der Sänger die Augen geschlossen, ebenso wie viele Menschen im Publikum. Trotzdem funktionieren alle zusammen in einem seltsamen selbstverständlichen Einverständnis. Es ist wie eine Reise in ein ganz anderes fernes Land durch wunderschöne Abgründe mit den Segeln der verinnerlichten Expression. Hat man zu diesem seltsamen Land erst einmal einen Zugang gefunden, will man von dort nicht nur nie mehr weg, sondern erhält einen Begriff von geflügelten Worten wie „die unerträgliche Wucht der Schönheit“. Die bekommt man schonungslos zehn Minuten am Stück bei Ecailles De Lune, Part II und noch einmal 10 Minuten bei Delivrance in der Zugabe zu spüren.

Mein persönliches Highlight an diesem Abend ist Le Miroir: ein einziges Riff, eine zehrende Spannung, eine nachtblaue Versuchung unerträglicher Gedanken, die uns rasen, aber nicht schlafen lassen. Auch heute wieder nicht.

Spiritual Instinct Lp (Black) in Sleeve [Vinyl LP]

Preis: 23,99 €

(0 Kundenbewertungen)

14 neu & gebraucht ab 20,97 €

Setlist ALCEST @ Gruenspan, Hamburg (11.02.2020):

00. Onyx (Intro)
01. Les Jardin De Miniut
02. Protection
03. Oiseaux De Proie
04. Autre Temps
05. Ecailles De Lune II
06. Sapphire
07. Le Miroir
08. Kodama
09. La Ou Naissent Les Couleurs Nouvelles (Z)
10. Delivrance (Z)

Weblinks ALCEST:

Official: www.alcest-music.com
Facebook: www.facebook.com/alcest.official
Instagram: www.instagram.com/alcestofficial
Label: www.nuclearblast.de/alcest

Weblinks BIRDS IN ROW:

Official: https://www.wearebirdsinrow.com
Facebook: https://www.facebook.com/birdsinrow

Weblinks KÆLAN MIKLA:

Official: https://kaelanmikla.bandcamp.com
Facebook: https://www.facebook.com/Kaelanmikla

Geschrieben von
Mehr von Katja Spanier

ME AND THAT MAN – New Man, New Songs, Same Shit, Vol. 1

Der coolste und gotteslästerlichste Pitch in diesem Jahr Vor drei Jahren versuchte...
Weiterlesen