WAVE-GOTIK-TREFFEN (WGT) 2019 ‚Äď SAMSTAG (08.06.2019)

Geschätzte Lesezeit: 12 Minute(n)

Samstag, zweiter Treffentag und damit d√ľrfte auch der letzte auf dem WGT angekommen sein. Wir sind schon l√§ngst mittendrin. Pfingsten ist in diesem Jahr wirklich sp√§t und so ist es eines der WGTs, bei dem man in der Sonne ger√∂stet wird (Die anderen sind die, bei denen man im Regen erfriert. Aber √ľber die reden wir lieber nicht, weil die im Zuge der globalen Erw√§rmung schon lange nicht mehr stattfinden). Das ist besonders gut f√ľr Veranstaltungen, die im Freien stattfinden und die wir selbstverst√§ndlich f√ľr Euch besucht haben, wie das Steampunk Picknick oder auch das Leichenwagentreffen. Au√üerdem gab’s auch wieder sehr viel Musik. √úber die Navigation k√∂nnt Ihr sehr leicht Euren Liebling nebst Fotos direkt anw√§hlen. Ihr k√∂nnt aber auch den kompletten Bericht lesen. Bei uns wird keiner zu irgendwas gezwungen. Viel Freude beim St√∂bern!

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agra-Treffenpark

20:40 Uhr – Welle:Erdball (D)

Welle:Erdball sind eine feste Gr√∂√üe auf dem WGT. Seit der Jahrtausendwende, als die Minimal-Elektro/Elektropop Band zum ersten Mal Teil des gro√üen Familientreffens war, z√§hlt man bereits acht Auftritte. Das letzte Jahr schien ziemlich bewegt f√ľr Welle:Erdball zu gewesen sein, gab es doch einige einschneidende Wechsel im Line-Up der Band. F√ľr die brandaktuelle Tour Mumien, Monstren, Mutationen, die offiziell im Herbst starten soll, ist eigentlich nur noch Honey an Bord. Dass Welle:Erdball trotz vergangener Personalwechsel eine exzellente Live-Band sind, wei√ü man in Leipzig. Und so ist die agra sehr gut gef√ľllt, wohl auch, um einen Blick auf die neue Besetzung zu werfen. So ganz kann sich Alf Behnsen, der aus famili√§ren Gr√ľnden vorerst von Welle:Erdball pausieren muss, anscheinend aber von seinem ‚ÄúBaby‚ÄĚ noch nicht trennen. Als Gast ist er bei dem Auftritt vor Ort.

Erg√§nzend zur kommenden Tour im Herbst wird auch noch ein neues Studioalbum angek√ľndigt, in welchem es sich – Wer h√§tte es gedacht? – um Monster drehen soll. Davon gibt es auch schon die eine oder andere Kostprobe, wobei jedoch die guten alten Klassiker auch nicht zu kurz kommen. Klar sicherlich, die neuen Stimmen fallen auf, erg√§nzen sich aber sehr gut und passen auch sehr klar auf den Welle:Erdball Sound. Entsprechend des neuen gruseligen Horrorfilm Konzept f√ľr die anstehende Tour, das wir ja heute bereits exklusiv pr√§sentiert bekommen, sieht man alle vier Bandmitglieder zu Beginn der Show in S√§rgen liegen. Das Licht wird gel√∂scht und in der n√§chsten Sekunde stehen alle auf ihren Positionen auf der B√ľhne. Das Publikum stellt seine Antennen auf Empfang. Wie man es von Welle:Erdball gewohnt ist, geht es weiter mit Kost√ľmwechseln, Luftballons, zahlreichen Reklameschildern – ‚ÄúKonsumiere!‚ÄĚ – ‚ÄúKaufen!‚ÄĚ – und f√ľnf Videoleinw√§nden. Super war‚Äôs: Selbstironisch, wortwitzig, ein Hauch von Neuer Deutscher Welle meets Kraftwerk meets Schlager, schmissige Beats, absolut s√ľchtig machend – auch mit neuen Gesichtern! (DS)

22:35 Uhr – Nitzer Ebb (GB)

Was passiert, wenn ein geliebter K√ľnstler nach seinem Comeback pl√∂tzlich seinen Stil √§ndert, konnte man bei Nitzer Ebb beobachten. Die Elektro/EBM-Institution aus Chelmsford in England gab im letzten Jahr ihr erneutes Comeback bekannt und tourt seitdem wieder durch die Lande. Es folgte eine Neuauflage der Studioalben als Werkschau im Vinyl-Format: Alle sind gl√ľcklich und dr√§ngen sich mit einer gewissen Erwartungshaltung und ganz vielen Nostalgie-Gef√ľhlen in der agra. Aber es soll anders kommen. Das Material ist neu, hat aber so gar nichts von dem, was die Band einmal auszeichnete. Das allein ist nun kein Problem. Das kann man m√∂gen, oder es ‚Ķ eben lassen. Im aktuellen Fall scheinen die neuen Songs beim Hauptteil des Publikums eher nicht so gut anzukommen. Ein paar Enthusiasten in der ersten Reihe jedoch sind sehr angetan.

M√∂glicherweise, und das scheint das Hauptproblem beim heutigen Auftritt von Nitzer Ebb zu sein, ist es auch der wenig mitrei√üende, ein wenig abwesende Vortrag von Douglas McCarthy und Kollegen, der die Anwesenden etwas entt√§uscht. Allein der Mann an den Drums im Zentrum der B√ľhne, der auf eine Installation aus Metallr√∂hren eindrischt, legt sich m√§chtig ins Zeug. Der Takt kommt nicht recht aus der H√ľfte, man schleppt sich eher durch die Songs, als dass man sie singt. Ja, f√ľr manchen mag das solide gemachter EBM der beschaulicheren Gangart sein, mehr eben aber auch nicht. Die Fotografen verlassen recht fr√ľh den Graben und auch im Publikum lichten sich die Reihen. Was war da los? Wo ist die rohe Energie von Let Your Body Learn? Wo die harten, fetten ,treibenden Beats? Die Reminiszenzen an die Bristish Working Class? Zugegeben das ist 30 Jahre her, aber auch das konntet ihr doch vor ein paar Jahren besser. (DS)

Deutsches Kleingärtnermuseum

14:00 Uhr – Steampunk Picknick (International)

Steampunk Garderobe und historisierende Gewandung erw√ľnscht
Zum achten Mal fand auch in diesem Jahr wieder das Steampunk Picknick im Deutschen Kleing√§rtnermuseum Dr. Schreber statt. Die traditionelle Veranstaltung erfreut sich immer gr√∂√üerer Beliebtheit, schon zu Beginn sind sehr viele Zeitreisende und Besucher anverwandter Genres auf dem Gel√§nde unterwegs. Um 15 Uhr ist so viel los, dass das obligatorische Gruppenfoto leider ausfallen muss, da die daf√ľr angedachte Wiese leider zu voll ist. Daf√ľr ist f√ľr allerlei Zerstreuung gesorgt: Wer bereit ist einen Spende von einem ‚ÄúTaler‚ÄĚ zu entrichten, darf sich einer F√ľhrung durch das Museum und die zahlreichen historischen Schaug√§rten anschlie√üen, was auch viele gern in Anspruch nehmen.

Dar√ľber hinaus gibt es wieder zahlreiche Marktst√§nde mit allem was das Herz eines Freundes des Retro-Futurismus begehrt, was er/sie noch verbauen kann oder nicht selbst zu Stande bringt. Da haben wir wieder den Kuchenbasar und die gro√üe Schlemmertafel, f√ľr die jeder einen Essensbeitrag beisteuern kann. Trotzdem haben alle angrenzenden Gastronomiebetriebe alle H√§nde voll zu tun. Ein Gang √ľber das Gel√§nde offenbart alte und neue Bekannte, erkennt man doch viele der Anwesenden mit samt ihrer Entourage, Accessoires, An- und Aufbauten von tags zuvor, also vom Viktorianischen Picknick wieder. Aber es gibt auch Neues: So hat zum Beispiel ein Enthusiast tats√§chlich die Nautilus, jenes fantastische Untersee-Gef√§hrt aus Jules Vernes Roman um Kapit√§n Nemo, auf ein Elektro-Gef√§hrt montiert. „Motilus“ hei√üt der fahrende geballte Liebreiz, den ich nur zu gern gekapert h√§tte. Auch die A.R.Z.T. ‚Äď Ambulanz f√ľr Raum-Zeit-Traumata ‚Äď ist wieder da, falls es dem einen oder anderen noch zuviel wird oder man nachher Schwierigkeiten hat, den Weg zur√ľck nach Hause, also in sein eigenes Raum-Zeit-Gef√ľge zu finden. Musik gibt‚Äôs von Feline & Strange und Jessnes, die sich mit ihren Auftritten auf dem Picknick abwechseln. (DS, KS)

Heidnisches Dorf

19:20 Uhr – Eluveitie (CH)

Das Heidnische Dorf ist wieder wegen √úberf√ľllung geschlossen. Keine Ahnung, wie es vor dem Torhaus aussieht, aber hier drinnen ist es brechend voll: Eluveitie haben sich angek√ľndigt und sp√§ter kommen noch Schandmaul – kein Wunder also. Positiv kann an dieser Stelle angemerkt werden, dass man im Vergleich zu den Vorjahren beim Aufbau der B√ľhne auf jeder Seite mehr Platz zu den Marktbuden gelassen hat, sodass insgesamt mehr Personen die Konzerte direkt verfolgen k√∂nnen. Die Folk-Metal Band aus der Schweiz hatte im April ihr achtes Studioalbum ver√∂ffentlicht, auf dem WGT sind sie heute zum dritten Mal. Mit leichter Versp√§tung betreten die Musiker, bewaffnet mit Harfe, Leier, Fl√∂te, E-Gitarre und E-Bass die f√ľr so viele Menschen doch recht kleine Hauptb√ľhne – erst die Frauen, schlie√ülich auch Bandchef Chrigel. Er√∂ffnet wird mit Ategnatos, dem Titeltrack des neuen Album, der sich anscheinend noch nicht bis in die letzten Reihen herumgesprochen hat. Das dauert aber nicht allzu lange, denn sp√§testens bei Call Of The Mountains feiert man auch ganz hinten an den Fruchtwein- und Mutzbratenbuden mit. Die charismatischen Schweizer liefern ein energiegeladenes, sehr sympathisches Konzert vor einer Kulisse, hinter der langsam die Sonne dem Abend weicht und die wie keine andere zu den wuchtig, archaischen Kl√§ngen passt. Die neuen Songs f√ľgen sich gut zu den Klassikern. Eluveitie haben einen Stil gefunden, bei dem sie bei ihrem Publikum nicht mehr viel falsch machen k√∂nnen. (DS, KS)

Setlist ELUVEITIE @ WGT, Heidnisches Dorf (08.06.2019):
  1. Ategnatos
  2. King
  3. Call Of The Mountain
  4. Deathwalker
  5. The Slumber
  6. Worship
  7. Artio
  8. Epona
  9. Rose For Epona
  10. Kingdom
  11. Ambiramus
  12. Soloshizzle
  13. Havoc
  14. Breathe
  15. Helvetios
  16. Rebirth
  17. Inis Mona

21:20 Uhr – Schandmaul (D)

Die kleine Versp√§tung von Eluveitie machen Schandmaul wieder wett, indem kurzerhand mit einem kleinen Vorsprung zum Zeitpunkt beginnen. Fast scheint es, als ob es die M√ľnchner nicht erwarten k√∂nnten, endlich wieder auf dem WGT zu spielen. Verst√§ndlich, musste ihr Auftritt im letzten Jahr ja wegen widriger Umst√§nde abgesagt werden. Der damaligen Entt√§uschung ist nun aber gro√üe Erwartung und Begeisterung gewichen: Alles dr√§ngt sich um die B√ľhne. Seit Stunden kommt hier schon keiner mehr rein und in den vorderen Reihen ist an Tanzen nicht mehr zu denken. Gl√ľcklicherweise wird es allm√§hlich etwas k√ľhler und wir stehen im d√§mmrigen Halbdunkel, als Thomas Lindner und Kollegen die ersten Noten von Kein Weg zu Weit anstimmen. Erst Anfang Mai erschien Artus, das neue Album, von welchem es heute Abend immerhin mit Auf Und Davon, Froschk√∂nig, Der Kapit√§n, Der Totengr√§ber und Die Insel – Ynys Yr Afallon aufs Set schaffen. Selbstverst√§ndlich darf auf das Statement Bunt Und Nicht Braun fehlen, von dem der S√§nger annimmt, dass man diese Botschaft auf dem WGT wohl nicht n√∂tig h√§tte, doch wohl f√ľr weniger tolerantere Gesellen einfach mal mitsingen k√∂nne. Ja, mitsingen k√∂nnen alle die Lieder von Schandmaul, die so ferne und nahe Geschichten erz√§hlen und immer ganz dicht am Herzen sind. 90 Minuten dauert das Konzert, zwei Zugaben sind darin enthalten. Die Band schlie√üt mit Dein Anblick und verl√§sst begeisterte und gl√ľckliche Fans im Heidnischen Dorf. (DS, KS)

Setlist SCHANDMAUL @ WGT, Heidnisches Dorf (08.06.2019):
  1. Kein Weg zu Weit
  2. Hexen 1×1
  3. Auf Und Davon
  4. Das Tuch
  5. Froschkönig
  6. Leuchtfeuer
  7. Vagabunden
  8. Bunt Und Nicht Braun
  9. Der Kapitän
  10. Euch zum Geleit
  11. Totengräber
  12. Traumtänzer
  13. Der Teufel
  14. Drachentöter
  15. Krieger
  16. Der Letzte Tanz
  17. Walpurgisnacht
  18. Die Insel – Ynys Yr Afallon (Z)
  19. Dein Anblick (Z)

Vom Hauptbahnhof zum S√ľdfriedhof

14:00 Uhr – Leichenwagentreffen (International)

Wie in jedem Jahr ‚Äď Es ist uns liebste Tradition geworden ‚Äď findet am Pfingstsamstag, dem zweiten Tag des Wave Gotik Treffens die Zusammenkunft der Leichenwagenbesitzer, -pfleger und -fahrer statt. Und damit man nicht schn√∂de in der prallen Sonne mit den morbiden Gef√§hrten dekorativ herumsteht, verbinden die Enthusiasten dieses Treffen auch immer mit einem circa halbst√ľndigen Curso durch die Stadt Leipzig und zwar vom Hauptbahnhof, vorbei der Alten Messe und der martialischen Kulisse des V√∂lkerschlachtdenkmals bis zum angrenzenden S√ľdfriedhof. Das Ganze mit Polizeieskorte ‚Äď es soll ja keiner unterwegs verloren gehen ?? .

Angekommen, werden die mindestens 30 Wagen dann mit gro√üem Hallo empfangen und auch zuf√§llig vorbei spazierende Passanten lassen es sich in der Regel nicht nehmen einen zweiten Blick auf die zum Teil individuell hergerichteten Todeskarossen zu werfen. Mein Eindruck im Vergleich zum letzten Mal: Die Veranstalter haben ihre ‚ÄúDemonstration f√ľr den Erhalt der Bestattungskultur‚ÄĚ sehr viel besser durchgeplant und es sind auch insgesamt mehr Wagen beteiligt, als noch im vergangenen Jahr. Der gro√üe Parkplatz vor dem Nordeingang des S√ľdfriedhofs wurde vom Ordnungsamt der Stadt Leipzig mit Halteverbotsschildern gro√ür√§umig abgesperrt.

So ist es m√∂glich, dass alle Teilnehmenden nebeneinander parken k√∂nnen und somit einen viel effektvolleren Anblick liefern. Die Bandbreite der mitgebrachten Wagen reicht wieder vom liebevoll gepflegten Oldtimer mit Chrom und echten Grablichtern an der Karosse bis hin zum geairbrushten Custom-Modell mit eingebauter Sarg-Bar auf der Ladefl√§che. Sympathische Verr√ľckte sind sie alle zusammen. Bis zum n√§chsten Jahr! (KS)

Haus Leipzig

Das Haus Leipzig liegt irgendwo in einer Nebenstra√üe in der Leipziger Innenstadt, unweit vom Schauspielhaus und der empfehlenswerten Leipziger Vodkaria. Verdunkelte Fenster und das Basic-Getr√§nkesortiment, was nicht bis zur Mate reicht, pr√§gen meine Erinnerungen. Der Blick von der Empore bleibt verwehrt, daf√ľr ist der Platz im Sicherheitsgraben gro√ü, denn bis zum Auftritt des Headliners tummeln sich kaum weitere Pressefotografen dort. (CH)

17:00 Uhr – Der Ringer (D)

Die Kontaktlinsentr√§ger im strahlend-blauen Scheinwerferlicht (dass es in den ersten Minuten direkt nach Anweisung der Band zu regulieren gilt) starten den musikalischen Nachmittag. Die √ľberschaubare Anzahl im parkettierten Publikumsbereich lassen sich mittels Interesse, taktvollen Fu√üwippen bzw. Kopfnicken und wertsch√§tzenden Klatschen gern auf die k√ľhl rockigen Melodien mit deutschen Texten ein. Es f√§llt noch ein bisschen schwer – es ist eben nicht der erste Festivaltag und die M√ľdigkeit zerrt am Engagement der Musikoffenen – jedoch nicht an der Performance der Hamburger Herren von Der Ringer. Wie es eben so ist, mit Supportauftritten, wenn man sich einmal auf die Gruppe einlassen konnte, ist der Auftritt schon wieder vorbei. (CH)

18:20 Uhr – Friends Of Gas (D)

Weniger √ľberraschten Friends Of Gas, die mit ihrer unaufgeregten Rohheit meine positiven Erwartungen vollends erf√ľllten. Alles wirkt echt. Das Quintett aus M√ľnchen √ľberzeugt im scheinbar und erneut zu hellem Licht vor einem wesentlich gef√ľllteren, begeisterten und lauten Konzertsaal mit bezaubernd jungem Altersdurchschnitt. Der charismatische Gesang f√ľgt sich auf die wabernden Kl√§nge, die zeitweise beabsichtigt monoton und damit durch und durchdringend tanzen lassen. Trotz un√ľberh√∂rbaren Zugabenrufen f√§llt der Abschluss p√ľnktlich aus. (CH)

19:40 Uhr – Karies (D)

Nach dem hektischen Umbau geht es weiter durch den Abend mit Karies. Die Gruppe aus Stuttgart trifft auf einvernehmliche Wohlgesonnenheit des offenen, vielseitig dunkel gekleideten Publikums des Festivals. Den aufkommenden Tonschwierigkeiten wird mit kurzem Stirnrunzel und anhaltender Souver√§nit√§t entgegnet – die Melodien treiben so oder so, besonders Altar oder Haverie, der im Herbst ver√∂ffentlichten Platte Alice, tragen durch den Abend und dar√ľber hinaus. Die ad√§quate Spielzeit f√ľllt sich zeitvergessen mit gitarrenlastigen, vibrierenden Klangbetten einerseits und viel Wertsch√§tzung zuh√∂rerseits. (CH)

21:10 Uhr – Die Nerven (D)

Auf den noisig-punkigen Kanon gro√üartiger Bands des Sonnabendprogramms schlie√üen sich un√ľberh√∂rbar Die Nerven an. Das sind der quirlige Kevin Kuhn, der Band und Publikum mit Leidenschaftlichkeit und Bewegungsdrang zu unterhalten vermag, der gro√üe Max Rieger, der mit der Stimmgebung f√ľr den Coversong Shine On You Crazy Diamond mit dem wohlgesonnenste Grinsen vereinnahmt und der im Rhythmus lebhaft zuckende bis tanzende Julian Knoth. Die zumeist von der neusten Platte Fake entnommenen Songs wirken stets jugendlich, ungezwungen, virtuoser und schaffen ein Klangbett, das kaum zum liegen einl√§dt. Ein Track folgt auf den n√§chsten, sodass das Zappeln keiner Pause bedarf. Ein kleiner, liebenswerter Moshpit findet sich vor der B√ľhne ein, der sich vor Applaus f√ľr die beste Liveband kaum halten kann. (CH)

22:40 Uhr – Fehlfarben (D)

Ein St√ľck Musikgeschichte l√§sst den Abend laut ausklingen: Fehlfarben performen ihr Debutalbum Monarchie und Alltag von 1980, ‚Äúeines der besten deutschen Alben aller Zeiten‚ÄĚ habe ich mir sagen lassen und im Album-eigenen Wikipediaeintrag nachgelesen. Das Werk, das im ‚ÄúMastergewand von heute‚ÄĚ 2017 wiederver√∂ffentlicht wurde gl√§nzt mit wohlgew√§hlten Texten auf Punkrock. Das Leipziger Haus ist bis unter die Decke gef√ľllt – die alten Damen und Herren in den unangemessen lang√§rmligen Kleidungsst√ľcken geben den Takt, performen und schwitzen und das Publikum tanzt und schwitzt im vorgegebenen Rhythmus. Dabei gl√ľcklich wirkend, feiern sie dieses gro√üartige St√ľck Musik mit Mitsingch√∂ren, Schreien und Applaudieren. (CH)

Westbad

16:30 Uhr – Darkcell (AUS)

Darkcell kommen aus Down Under und machen sehr eing√§ngigen rockigen Industrial Metal. Wir stolpern eher zuf√§llig in die Jungs, sind wir doch eigentlich wegen Near Earth Orbit und deswegen etwas zu fr√ľh im Westbad. Die Band mit ihren vier Mitgliedern war mir selbst bisher noch kein Begriff, obwohl die mit ihrem Gr√ľndungsjahr 2010 nun auch nicht mehr ganz so taufrisch sind und bereits auf sechs Ver√∂ffentlichungen stolz sein k√∂nnen. Derzeit wird das vierte, selbstbetitelte Studioalbum, das im April erschien, auf dem Globus bekannt gemacht. Darkcell verarbeiten in ihren Songs Themen aus Horrorfilmen und allerlei anderes morbides Zeugs. Dazu tr√§gt man Corpsepaint. Deswegen passen sie auch gut hierher. F√ľr sie ist es heute eine Premiere, obwohl man den Knaben ansieht, dass sie die B√ľhne als ihr zweites Zuhause bezeichnen w√ľrden. Mit wahnsinnig viel Energie, scheinbar unendlich viel Freude am Spielen und einer nicht zu verhehlenden Portion an Selbstironie fegt S√§nger Jesse Dracman mit der untersetzten, der Schwerelosigkeit trotzenden, geballt-energetischen Agilit√§t eines Jack Black (selbstverst√§ndlich nur im besten Sinne!) √ľber die B√ľhne. Die anf√§ngliche Zur√ľckhaltung des Publikums – Denn ich vermute, dass die Australier aus Brisbane hier nicht vielen bekannt sind. – weicht nach und nach Begeisterung. Zu recht, Darkcell machen da oben einen verdammt guten Job und das muss belohnt werden. Aller-, Allersp√§testens beim Nine Inch Nails Cover Head Like A Hole haben sie dann auch mich im Sack. (KS)

17:50 Uhr – Near Earth Orbit (D, AUT)

Im M√§rz haben Near Earth Orbit mit Artificial Intelligence ihr wahrscheinlich bestes Album vorgelegt. Und so war damit zurechnen, dass Artaud und Jawa Seth zusammen mit Ashley Dayour auch Songs von ihrem neuen Album auf dem WGT vorstellen w√ľrden. Dass die Band allerdings ihr dystopisches Meisterwerk als beinahe komplettes Set inklusive interaktivem Videokonzept, gesprochenem Wort und Einbezug des Publikums mit einem geistreichen, wie mahnendem und fesselndem Spannungsbogen pr√§sentieren w√ľrde, war vor allem im Rahmen eines Festivals nicht erwartbar. Artificial Intelligence erz√§hlt die Geschichte unserer nahesten Zukunft. Dinge deren Entwicklungen in j√ľngerer Vergangenheit bereits angelegt wurden, ein Dilemma, das unabwendbar scheint, unser gr√∂√ütes Abenteuer ist, eine logische Entwicklung und trotzdem aller Wahrscheinlichkeit nach unser Untergang. Es geht um Maschinen, ihre Versklavung, die Perfektionierung durch uns, ihre Herren, den Punkt, an dem ihre Intelligenz die unsere √ľbersteigt, sie sich dieser Herrschaft entledigen und wir letztendlich √ľberfl√ľssig werden. ‚ÄúAnything you can do. I do it better than you‚ÄĚ, singt Artaud Seth mit schmeichelndem, leicht h√∂hnischem Unterton im letzten Song des Hauptsets, nachdem er seine finstere ausweglose Zukunftsvision mit uns geteilt hat.

Diese erz√§hlen Near Earth Orbit als chronologische Geschichte vom Opener Deus Ex Machina (stampfend und roh) √ľber Singularity (sph√§risch und flie√üend) bis The Ancestors (vision√§r und d√ľster). Zwei Bildschirme flankieren eine gro√üe Leinwand. Auf allen kann man live Nachrichtensprecher in der Zukunft, dem Jahr 2031, mitverfolgen. Wir werden Zeuge von bahnbrechenden technischen Erfolgen, treffen androide und au√üerirdische Lebensformen. Eine winzige Drohne scheint aus der Leinwand heraus zu fliegen und √ľber unsere K√∂pfe hinweg zu schwirren. Ashley Dayour sieht ihr verwundert nach. Wundervolle Bilder, wechseln mit beklemmenden Visionen. Die Band f√§ngt die Emotionen auf und gibt sie an uns weiter. Sie wird Teil dieser Vision und agiert als ihr Reflektor und Verst√§rker. Das Publikum ist zum Teil so gebannt vom Vortrag, dass es vergisst zu klatschen. Sicherlich, das ist nichts zum feiern und als Idee in einem solchen Rahmen auch ziemlich gewagt. Aber es ist intelligent, spannend, fesselnd, von unglaublicher Kreativit√§t und innovativem Einfallsreichtum und noch dazu abgrundtief d√ľster. So wird Artificial Intelligence an diesem sp√§ten Nachmittag im Westbad zu einem Gesamtkunstwerk und der Auftritt von Near Earth Orbit f√ľr mich zum besten des gesamten diesj√§hrigen Treffens. Ich hoffe inst√§ndig, dass es von einem der noch kommenden Konzerte eine audiovisuelle Aufzeichnung geben wird, die das bisherige Format von Artificial Intelligence erg√§nzt. (KS)

Täubchenthal

20:40 Uhr – Inkubus Sukkubus (GB)

Ja, und da ist sie wieder die Grand Dame des Pagan-Tribal Rock: Candia McKormack. Und sie ist so inspirierend, kraftvoll, energetisch, spirituell und wundersch√∂n wie immer. Tats√§chlich scheint kein Tag vergangen zu sein, seit sie mit ihren Bandkollegen Tony McKormack und Adam Henderson 1995 zum ersten Mal auf dem WGT aufgetreten sind. Nur am Line-Up hat sich etwas ver√§ndert, aber bei einer derartig langen Bandgeschichte, mit so vielen Ver√∂ffentlichungen ist sowas schon mal erwartbar. Das T√§ubchenthal platzt aus allen N√§hten. Im Publikum finden sich Besucher quer durch alle Genres und Altersgruppen. Inkubus Sukkubus nehmen uns f√ľr eine Stunde nicht nur mit auf eine Reise durch 30 Jahre Bandgeschichte, sondern feiern mit uns einen reichhaltigen, sinnlichen Hexensabbat. Die Uhren stehen auf Beltane und wir huldigen einer erdigen, satten Trinit√§t. Auf der Leinwand hinter der Band laufen Episoden aus erotischen Horrorstreifen aus unterschiedlichen Jahrzehnten. Die Musik ist vertrauter, nostalgischer Dark-Rock der 90er Jahre. Candia McKormack wirft ihren Haarschmuck aus Blumen ins Publikum, Sie ist unsere Wikka Woman, die Mondg√∂ttin und blutrote, lebensspendende Vampirin. (KS)

22:20 Uhr – Shadow Project 1334 (USA)

Und weil wir grad bei gro√üen Damen des Gothics sind, lie√ü die n√§chste auch nicht auf sich warten. Eva O. sammelte die ‚Äú√ľberlebenden‚ÄĚ Mitglieder des legend√§ren amerikanischen Shadow Projects um sich, um es nach 27 (!) Jahren wieder auf die B√ľhne bringen. Und das exklusiv f√ľr das diesj√§hrige Wave Gotik Treffen. Zuschauer, die ihre Hausaufgaben in Gothic-History erledigt haben, entdecken William Faith (The Bellwether Syndicate, Faith & The Muse, Christian Death) am Bass und Stevyn Grey (Frankenstein, 45 Grave, Christian Death) an den Drums. Die B√ľhne ist in gespenstige blau-graue Wolken geh√ľllt, als Eva O. angetan mit einem schwarzen Brautschleier den Trauergesang eines Banshees anstimmt, der einem durch Mark und Bein f√§hrt und s√§mtliche Tore in die Anderswelt aufst√∂√üt. Das T√§ubchenthal erstarrt und h√§lt den Atem an. So etwas abgr√ľndig, verst√∂rend Trauriges habe ich schon lange nicht mehr geh√∂rt. Es folgt klassischer amerikanischer Death-Rock vom Allerfeinsten, der die verschiedenen Kontinente und Epochen der schwarzen Szene auf einen Schlag zusammenf√ľhrt. Jeder merkt sofort, dass sich dort vorn auf der B√ľhne und im Publikum gerade etwas ganz Besonderes abspielt. DAS ist das WGT, das ist Leipzig, das ist f√ľr Dich Rozz! (KS)

FotografIn/AutorIn: Claudia Helmert (CH), Danny Sotzny (DS), Katja Spanier (KS), Thomas Papenbreer (TP)

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