MELOTRON & TORUL – Berlin, Lido (29.09.2018)

Melotron ┬ę Alf Urbschat
Geschätzte Lesezeit: 4 Minute(n)

War es Gr├Â├čenwahn oder berechnend, was Melotron sich f├╝r ihr Gastspiel in Berlin haben einfallen lassen? Diese Frage musste man sich beim Anblick des ausgew├Ąhlten ehrw├╝rdigen Berliner Lidos – einem alten, umfunktionierten Lichtspielhaus im Herzen Kreuzbergs – zun├Ąchst stellen. Im Sommer ver├Âffentlichten sie, nach elf Jahren, das neue Album F├╝r Alle und zelebrieren nun anl├Ąsslich der Platte keine Fulltime-Headliner-Tour, sondern spielen in Europa nur einige wenige ausgesuchte Konzerte. Eins davon in Deutschland: in Berlin!

Als Support holt man sich dann auch nicht irgendjemanden f├╝r den Abend. Die slowenische Electroformation Torul wurde eingeladen, den Abend zu er├Âffnen. F├╝r mich ein mutiges Unterfangen, da Torul doch in der Szene recht angesehen sind und ihre Dark-Electro-Wave Show ist schon recht anspruchsvoll. Die Gefahr, dass so etwas nach hinten los gehen k├Ânnte, war f├╝r Melotron also nicht von der Hand zu weisen.

Doch die Frage nach dem Gr├Â├čenwahn konnte schnell beantwortet werden, denn ich war positiv ├╝berrascht ob der Menge an Menschen, die in Berlin zu einem Melotron-Konzert str├Âmen. Ok, ich bin Fan, aber in der Hansestadt, wo ich mich meist rumtreibe, haben Melotron ├╝blicherweise nicht den Zulauf, wie jetzt hier in der Hauptstadt. Das Konzept der Exklusivit├Ąt geht offensichtlich auf. P├╝nktlich um 20:00 Uhr wird das Saallicht gedimmt und Torul kommen auf die B├╝hne. Nebelschwaden und dunkles Licht untermalen gekonnt die Kl├Ąnge des Trios auf der B├╝hne. Der Abend wird verdammt gut er├Âffnet. S├Ąnger Maj Valerij wirkt ab und zu etwas eingesch├╝chtert ob seiner eigenen B├╝hnenpr├Ąsenz und seines erstklassigen Gesangs. Torul bieten in ihrem Set einen Querschnitt durch ihr bisheriges Schaffen, welches recht abwechslungsreich ist. Die beiden Musiker Torul Torulsson und Borut Dolenec stehen nicht nur bewegungslos hinter ihren Keyboards, sondern greifen auch immer wieder in die Saiten. So entsteht dann auch mal ein Klangteppich, der seiner Assoziation mit fr├╝hen Cure oder Joy Division schon recht nahekommt.

Setlist TORUL @ Berlin, Lido (29.09.2018)

01. Try
02. If You So Wish
03. The Fall
04. Explain
05. In Whole
06. Lonely Night
07. Savaior Of Love
08. You Won
09. Difficult To Kill
10. Hearts
11. If ItÔÇÖs dark Enough
12. Monday
13. Where The Night Starts

Um 21:30 Uhr wurde das Saallicht erneut gel├Âscht. Dieses Mal f├╝r den Hauptakt des Abends. Die Reinkarnation des deutschen Technopop, der immer wieder (zu Unrecht) untersch├Ątzt wurde und die f├╝r mich Ausnahmeformation Melotron.

Nach einem mystischen Intro starten Melotron den Abend mit Alles auf Anfang vom aktuellen Album, das irgendwie auch als Motto f├╝r die ganze Sache zu gelten scheint. Frontmann Andy Kr├╝ger bewegt sich zwar immer noch, genau wie damals, wie ein Abziehbild von Oberelectrofrontmann Dave Gahan in seiner besten Zeit, wobei Andy es heute anscheinend viel lockerer sieht, als in den vielen Jahren davor. Gesten, Mimik, Lederjacke und selbst die Hand am Mikrost├Ąnder sehen heute viel cooler aus, als beim gro├čen Vorbild. Und schnell macht sich Andy Kr├╝ger auch los von diesen Fesseln. Sp├Ątestens mit Ablegen der Jacke zu Gib mir alles ist er frei und l├Ąsst sich mehr gehen als ich es in Erinnerung hatte. Der Mann da oben auf der B├╝hne hat Spa├č und ist verdammt gut vorbereitet auf den Abend. Texth├Ąnger wie fr├╝her? Fehlanzeige! Andy Kr├╝ger ist da angekommen, wo ich ihn mir seit vielen Jahren gew├╝nscht hatte. Fr├╝her war es auf der B├╝hne f├╝r mich eher so, als w├╝rde Kr├╝ger alles, was Edgar Slatnow und Kay Hildebrandt mit ihren Maschinen aufbauten, mit seiner naiven Trampeligkeit auf der B├╝hne wieder umrei├čen.

Aber in Berlin ist alles anders. Es ist der Abend f├╝r Melotron. Andy Kr├╝ger ist konzentriert und liefert Vocals ab, die nahezu perfekt sind, und sie bringen die Energie ihrer Platten f├╝r mich erstmals zu hundert Prozent ohne Punktabzug auf die B├╝hne. Aber lebt die B├╝hne denn nur von Andy Kr├╝ger? Nein, erstmals hat jeder bei Melotron seinen Soloauftritt. Der 2.Planet, ein fesselndes Instrumentalmonument auf F├╝r alle ist der Soloauftritt f├╝r Kay Hildebrandt. Untermalt zu den schweren Kl├Ąngen wird ├╝ber den Saal eine Lasershow gelegt, die einem das Blut in den Adern gefrieren l├Ąsst. Hier bewegen sich Melotron auf ganz neuem Terrain und das St├╝ck bietet f├╝r alle im Saal eine kleine Verschnaufpause, bevor von der B├╝hne wieder mit alles Rohren gefeuert wird. Und das kann man bis zu dem Punkt w├Ârtlich nehmen, wo Edgar Slatnow das Mikro f├╝r sein Solost├╝ck Eigentlich ├╝bernehmen darf. Wer es sich so anh├Ârt, interpretiert sehr viel Naivit├Ąt hinein, aber wer Edgar – wie ich vor dem Konzert – n├Ąher kennen lernen durfte, der sieht den Text von Eigentlich in einem anderen Licht. Eine spa├čige Geschichte ├╝ber das Reizen und Gereiztsein, welches ├╝ber die Aufr├╝stung bis hin zum gro├čen Knall f├╝hrt.

Melotron liefern eine runde Show ab, in der alles passt, was von der B├╝hne kommt. Drei Jungendfreunde, die endlich wieder kreativ zusammengefunden haben und sich vom Ballast der Vergangenheit freigemacht haben. Und Berlin hat gefeiert. Das Lido, welches fast ausverkauft war, hat getanzt, gelacht und gefeiert. Sie sind wieder da, so sagte Andy Kr├╝ger zum Abschied, und Berlin hat sich mehr als artig bedankt.

Setlist MELOTRON @ Berlin, Lido (29.09.2018):

01. Alles auf Anfang
02. Menschen
03. Gib mir alles
04. Stuck in the Mirror
05. Welt Du bist so still
06. Junkie
07. Wohin
08. Menschenfresser (Rio Reiser Cover)
09. Wo ist Dein Problem
10. Nur leben
11. Schlaflos
12. Der zweite Planet
13. Halt mich auf
14. Das herz
15. Und daf├╝r
16. Tanz mit dem Teufel
17. Eigentlich
18. Der blaue Planet (Karat Cover)
19. Sleep well
20. Br├╝der
21. Du bist es nicht wert
22. Der Anfang (Z)
23. Kindertraum (Z)
24. W├╝nsch mich nicht zur├╝ck (Z)
25. Dein Gl├╝ck (ZZ)

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