WAVE-GOTIK-TREFFEN (WGT) 2018 ‚Äď Samstag 19.05.2018

Geschätzte Lesezeit: 15 Minute(n)
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Der zweite WGT-Tag wurde von sch√∂nem Wetter und fr√ľhlingshaften Temperaturen begleitet. Leider auch von der Erkenntnis, dass viele Locations einfach zu klein sind und viele Besucher oftmals einfach nicht mehr rein kamen. Im Vormittagsprogramm steht heute das 7. Steampunktreffen im Deutschen Kleing√§rtnermuseum an und das schon fast traditionelle Leichenwagentreffen mit voran gegangenen Autokorso √ľber den Leipziger Innenstadtring. (DS)

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agra-Treffenpark

War es auf dem Treffenparkplatz gestern noch gut √ľbersichtlich, hat sich das √ľber Nacht rasch ge√§ndert. Der Parkplatz im Inneren war komplett und der an der Bornaischen Stra√üe war sehr gut belegt. Auch wirkte das Agragel√§nde jetzt im Vergleich zu gestern viel besser besucht. Entweder waren die Bands am Freitag nicht der Hammer oder die Leute hatten einfach noch nicht frei bekommen. Aber jetzt kann die Party ja steigen. (DS)

17:30 Uhr – ZEROMANCER (N)

Kurz nach Einlass ist die Halle bereits sehr gut gef√ľllt, aber noch nicht √ľber die Ma√üen voll. Betrachtet man das bevorstehende Line-up am zweiten Festival-Tag, tut ein wenig Luft nach oben ob der Kapazit√§t der R√§umlichkeiten auch gut. Zum Auftakt gibt es harten, giftigen Synth-Rock aus Norwegen. Bassist und S√§nger Kim Ljung z√§hlt wohl zu den am st√§rker besch√§ftigten K√ľnstlern an diesem Wochenende, trat er doch tags zuvor noch mit den Seigm√§nnern an gleicher Stelle auf. H√§lt man einmal kurz inne und √ľberlegt, dass Zeromancer eigentlich nur ein kurzes Interims-Projekt f√ľr Seigmen gewesen war, dieses aber an Produktivit√§t und Popularit√§t bei weitem √ľberfl√ľgelt hat, beginnt man allm√§hlich an die unergr√ľndlichen Wege des Schicksal und die Unplanbarkeit kultureller Ausbr√ľche zu glauben. Eines ist auf jeden Fall unbestreitbar: Fans haben Zeromancer auf jeden Fall mitgebracht. Die stehen in der Agra von der ersten bis in die letzten Reihe und machen schon ab dem ersten Song ordentlich Stimmung. Auf der B√ľhne ist sehr viel Bewegung, die Band performt passend zu den harten, peitschenden Nummern √§u√üerst extrovertiert. S√§nger Alex M√łklebust sucht dabei immer wieder den Kontakt zum Publikum. Demgegen√ľber, und doch ohne Widerspruch, stehen die Texte. Diese k√ľnden von negativen Emotionen und sind bis zum Rand gef√ľllt mit Verzweiflung. Soviel l√§sst sich raush√∂ren, der Rest ist, wie immer bei Zeromancer, ein riesiges Geheimnis. Ein sehr gelungener Auftakt hier in der Agra! (DS)

20:30 Uhr – OOMPH! (D)

Dass man da noch eine ordentliche Schippe drauflegen kann, zeigen im Anschluss die M√§nner von Oomph!. Die kommen dann auch nicht einfach auf die B√ľhne, sondern lassen sich standesgem√§√ü von Oliver Klein ank√ľndigen. Klar, dass die Agra jetzt mit Mann und Maus voll besetzt ist und man trotz recht k√ľhler Au√üentemperaturen bereits anf√§ngt in seiner eigenen Ursuppe zu schwimmen. Vor allem in der ersten Reihe f√§llt ein recht hoher Anteil weiblicher Fans auf. Von Anfang an scheinen die Niedersachsen alle auf ihrer Seite zu haben und es f√§llt mal wieder auf, was f√ľr eine hervorragende Live-Band Oomph! √ľber die Jahre geworden sind. An der ausgekl√ľgelten Lichtshow, den gezielt eingesetzten CO2-Spr√ľhern und allerlei anderem Equipment trennt sich eben der Underground vom Profi-Musiker. Vor allem Gero und Crap performen wie auch einem Guss und halten die Massen voll im Griff. Da k√∂nnen einige andere in die Lehre gehen, ganz klar, dass hier jeder mitfeiert. Spring Mit Mir ist dann auch so etwas wie ein kategorischer Imperativ, bei dem sich alle Fans angesprochen f√ľhlen, die Arme empor rei√üen und wie wild drauf los h√ľpfen. V√∂llig verausgabt, aber gl√ľcklich werden wir in die Pause entlassen. (DS)

22:15 Uhr – FRONT LINE ASSEMBLY (CA)

Gro√üe Bands finden ihren Weg in die Agra und so muss man, will man zwischen den Acts nicht die Location wechseln, gerade heute, gerade hier st√§ndig und ganz empfindlich die Gef√ľhle wechseln und sich auf abrupte Kehrtwendungen bei den pr√§sentierten Genres einstellen. Mit √ľber 30 Jahren auf dem Buckel und einer Besetzungshistorie, die sogar ein eigenes Organigramm hat, genie√üen Front Line Assembly im Spannungsfeld von EBM und Industrial Legendenstatus. Das letzte Album Echos hat f√ľr Bandverh√§ltnisse auch schon wieder ein ziemlich hohes Alter erreicht, aber der Wahlkanadier Bill Leeb wird uns noch im Juni mit Warmech was Neues in die Regale stellen. Die Agra ist nach wie vor voll. Man merkt es den Leuten an, dass sie haupts√§chlich wegen Front Line Assembly da sind. Alles f√ľhlt sich nach der Vorwegnahme des heutigen Headliners unter einer Dunstglocke an. Hier haben vor allem Brillentr√§ger und Fotografen ihre liebe Not. Die Show beginnt p√ľnktlich mit einem gef√ľhlt ewigen Intro, bei dem auf der B√ľhne erst einmal nicht viel passiert. An den Keyboards stehen zwei Musiker, alles wirkt etwas statisch und abgekl√§rt, auch der Drummer, der wenig sp√§ter dazukommt √§ndert daran erst einmal wenig. Erst als der Meister selbst die B√ľhne betritt, wirkt die Show wie entfesselt. Bill Leeb, so scheint es, hat die letzten 30 Jahre einfach so an sich vorbeiziehen lassen, ohne sichtbare Spuren, daf√ľr aber mit haufenweise h√§mmernden, s√§genden Beats, harte Riffs und einer Setlist, an der man sehr gut das Repertoire dieser Zeit durchexerzieren kann. Der Chef l√§sst seinem Bewegungsdrang freien Lauf, was Dank der gro√üz√ľgigen B√ľhne auch m√∂glich ist. Der Sound ist f√ľr Agra-Verh√§ltnisse auch in Ordnung und die Elektroheads ganz aus dem H√§uschen. Ja, was will man denn mehr? (DS)

00:35 Uhr – WARDRUNA (NO)

Das erste Mitternachts-Spezial des diesj√§hrigen Wave-Gotik-Treffens und damit Headliner in der gro√üen Halle des Agra-Treffenparks sind in diesem Jahr Wardruna. Das allein ist schon eine kleine Sensation, waren Konzerte der Norweger in Deutschland bisher ein eher rar ges√§tes Gut. Mit ihrem Runaljod-Zyklus: Gap Var Ginnunga (Weltwerdung), Yggdrasil (Weltenesche) und Ragnarok (Weltenende bzw. G√∂tterd√§mmerung) revolutionierten Wardruna das Genre der heidnisch-mystischen, schamanistischen Folk-Music. Nicht zuletzt durch ihre Beteiligung an der erfolgreichen Fernsehserie Vikings hat die Band auch einen Schritt in Richtung Mainstream getan und ist durch den Ausstieg des langj√§hrigen Mitglieds Gaahl deutlich massenkompatibler geworden. Das alles √§ndert aber nichts daran, dass Oliver Klein, Einheizer und Ansager, aus irgendeinem Grund trotzdem noch nichts von Wardruna geh√∂rt hat oder aber erschreckend schlecht vorbereitet ist. In seiner Ansage schwingt die Art von Fremdscham mit, die noch bis in die letzte Reihe der Agra selbst bei weniger aufmerksamen Zuh√∂rern zu sp√ľren ist. Dies Halle ist zu so sp√§ter Stunde auch nicht mehr ganz voll. Die WGT-Schlachtenbummler sind nach dem anstrengenden und ereignisreichen Festivaltag einfach auf und erledigt. Trotzdem will man sich den Headliner nicht entgehen lassen, zu besonders und erlesen ist das Ereignis. Relativ p√ľnktlich erschallen die ersten T√∂ne des Intros: Tyr, der Gott des Thing-Friedens wird von Einar Selvik und seinen Kollegen hingebungsvoll angerufen. Erhaben und spirituell erklingen auch die folgenden Lieder √ľber die K√∂pfe der Zuh√∂renden hinweg: Wunjo, Bjarkan, Raido, Fehu, Odal¬†… bis hin zum schicksalerf√ľllenden und tr√∂stenden Helvegen. Und doch, ich wei√ü nicht woran es liegt, gelingt es den Norwegern nicht gegen die wenig einladende Atmosph√§re der Agra und die vielen anwesenden St√∂rer, die sich lieber unterhalten und denen der Zugang zu dieser Art von Musik offenbar fehlt, anzuspielen. Ihr Auftritt wirkt ein wenig steril, n√ľchtern, etwas konzeptarm und allzu routiniert. Der lodernde, rituelle, der Musik innewohnende Funke, der die urw√ľchsige, erdige Seele von Wardruna ausmacht, springt nicht √ľber, bei mir zumindest nicht. Dadurch haben sie leider unwiederbringlich etwas von ihrem Zauber verloren. (KS)

Deutsches Kleingärtnermuseum

14:00 Uhr – Steampunk Picknick

Den Bericht mit den Besucherbildern findet Ihr hier.

Haus Leipzig

20:40 Uhr – LES DISCRETES (F)

Obwohl Les Discrets an diesem Abend nicht die erste Band sind, die im Haus Leipzig spielen, ist noch 15 Minuten vor Beginn des Konzerts kein Mensch im Saal zu sehen. So richtig scheinen die Franzosen nicht ins Billing des WGT zu passen: musikalisch lassen sie sich auf den ersten Blick keiner der vorrangig gespielten Hauptstilrichtungen zuordnen und optisch, naja optisch passen sie schon mal gar nicht. Daf√ľr sind Fursy Teyssier und die √ľbrigen Bandmitglieder viel zu unscheinbar. Um derlei Szene-Eitelkeiten k√ľmmern sich Les Discrets in der Regel aber nicht, heute schon mal gar nicht, denn im Moment hat man noch ganz andere Probleme: Fursy Teyssiers Headset funktioniert nicht. Und so muss der K√ľnstler noch lange nach dem eigentlichen Soundcheck einsam auf der B√ľhne warten. Inzwischen ist der Saal im Haus Leipzig fast komplett voll – keine Ahnung, woher die Leute alle so pl√∂tzlich aufgeploppt sind. Die werden langsam ungeduldig und Fursy verstr√∂mt mittlerweile so etwas wie schicksalsergebenen Fatalismus. Mit rund 20 Minuten Verz√∂gerung startet man dann letztendlich in das Set, oder wie ich es nenne: eine Lektion, wie man einen kompletten Saal innerhalb einer Stunde von Zuh√∂rern in gl√ľhende Fans verwandelt. Les Discrets gelten mit als Wegbereiter des Black Gaze, eine Musikrichtung, die sich durch massive Gitarrenw√§nde, weite sich √ľberlagernde Soundschichten und eine sehr dichte Atmosph√§re auszeichnet. Die Songs sind zum Teil √ľberlang und von sinfonischer Struktur. Dadurch erzeugen Les Discrets eine ganz eigene √ľberw√§ltigende Melancholie, die in grenzenlose Emotionen greift und ihre Zuh√∂rer schier verausgabt. Diese Art von Musik nimmt den ganzen K√∂rper gefangen. Um mich herum sehe ich ausnahmslos verz√ľckte Gesichter oder bangende M√§hnen. Ab und zu kann sich Fursy zu einem sch√ľchternen „Thank you“ durchringen, das ihm sogleich mit einem vielstimmigen „Merci!“ quittiert wird. Die Franzosen scheinen √ľberrascht und √ľberw√§ltigt von der Resonanz, die sie hier bekommen. Und die WGT-Besucher? Die entern nach absolvierter Set-List, gekr√∂nt durch das einzigartige Song For Mountains, deren Merch-Stand. Viele kaufen gleich die komplette Diskografie auf einmal. (KS)

Heidnisches Dorf / Torhaus Dölitz

Das Heidnische Dorf ringsum die Geb√§ude am Torhaus D√∂litz ist offizielle WGT-Veranstaltungsst√§tte. Jedoch wird diese von einem anderen Veranstalter (Yggdrasil Agentur) betrieben, der aber mit der Treffen- und Festspielgesellschaft f√ľr Mitteldeutschland mbH zusammenarbeitet. Eben jener Veranstalter hat sich entschlossen, das Heidnischen Dorf gegen Tageskartenbeitrag auch f√ľr Nicht-Besucher des WGTs zu √∂ffnen. In diesem, wie auch in den vergangen Jahren, wird im Dorf neben den vielen historischen Verkaufsst√§nden und dem bunten marktbelebenden Programm auch hochkar√§tiges Musikalisches aufgefahren. So haben sich u. a. Szenegr√∂√üen wie Schandmaul (die zwar ihren Auftritt krankheitsbedingt absagen mussten) oder auch Qntal angek√ľndigt. Was das f√ľr die Kapazit√§ten, die sehr schnell an ihre Grenzen stie√üen, bedeutete, wurde jedem, der dort war, vor Augen gef√ľhrt. Klar war: Spa√ü hat das nicht immer gemacht, weder den Besuchern, die sich wie die Sardine in der Dose im Heidnischen Dorf gef√ľhlt haben, noch f√ľr die Besuchern vor dem Heidnischen Dorf, die trotz B√§ndchen zeitweise in einer 700 Meter langen Schlange inklusive Einlass-Stopp ausharren mussten. (KS)

21:20 Uhr – QNTAL (D)

Die Band, die grob dem Avantgarde-Mittelalter Elektro zugeordnet werden kann, beginnt mit leichter Versp√§tung. Das Heidnische Dorf ist erwartungsgem√§√ü brechend voll, aber die Sonne geht gerade unter und taucht alles in mystisches Zwielicht – wie geschaffen f√ľr √§therischen Kl√§nge des au√üergew√∂hnlichen K√ľnstlerkollektivs. Passend dazu sind die Fans und Besucher in den ersten Reihen auch mit stilvollen historischen Gewandungen angetan und h√§tte Qntal bei ihrer Musik nicht diesen unverkennbaren elektronischen Einschlag, h√§tte man den Eindruck, der Auftritt w√§re seltsam aus der Zeit gefallen. Im M√§rz erschien VIII – Nachtblume¬†– ein Album, mit dem Qntal durchaus nach alten Wurzeln greift, sich erfrischend wieder mehr von anderen Mainstream-Mittelalter-Combos abwendet, aber noch nicht ganz die Qualit√§t von Qntal I & II¬†erreicht (Aber diese Zeiten sind unwiederbringlich vorbei. Man sollte sie ruhen lassen.). Man er√∂ffnet sogleich dann auch mit dem Titelsong und Zauber legt sich √ľber das Heidnische Dorf. Im weiteren Verlauf sind es vor allem die historischen Instrumente, die Michael Popp aus dem FF beherrscht und die artifiziellen Melodie-Arrangements, die beeindrucken. Besonders ist es das Zusammenspiel von Sigrid Hausens (Syrah) dunklem, kehligen Mezzosopran und Sarah Newmans (Mariko) hellem, filigranem Sopran, das die Zuh√∂rer in andere, m√§rchenhafte Dimensionen entf√ľhrt. (DS)

Naumanns / Felsenkeller

20:40 Uhr – DIORAMA (D)

Diorama waren der heimliche Headliner des Abends im Felsenkeller. Die sind mit ihrer 2016er Scheibe Zero Soldier Army erwachsener und nachdenklicher geworden. Kein zweites Even The Devils Don’t Care also, wie der eine oder andere feststellen musste.¬† Trotzdem war der Laden bis auf den letzten Mann gef√ľllt. Und Diorama haben sich entsprechend angepasst und nen echtes Party-Set gespielt. Das nennt man Fan-Service! Ich glaub‘, da waren ein oder zwei langsame St√ľcke dabei – aber sonst ging’s immer gut „in die Fresse“ –¬† ;-). Zugabe konnten sie aus zeitlichen Gr√ľnden leider keine machen. Es wurde auch immer wieder gro√üz√ľgig mit dem Nebel umgegangen. (das war f√ľr mich die nebeligste Diorama-Show – und ich hab die schon etwa nen Dutzendmal gesehen). Die nachfolgende Band hatte die Venue vielleicht nur noch zu zwei Drittel gef√ľllt. (DG)

Non Tox

Die Verantwortlichen der am WGT angegliederten Veranstaltungen auf dem Non Tox-Gelände in Leipzig Großzschocher haben dieses Jahr nachgebessert. So bietet das Gelände der Location deutlich mehr Platz als noch im Vorjahr, es gibt mehr Verkaufs- und Verpflegungsstände, die einen längeren Aufenthalt aushaltbarer machen. Insgesamt präsentiert sich das Non Tox familiärer in diesem Jahr. (DS)

16:15 Uhr – evo-lution (D)

Am zweiten Tag des 27. Wave-Gotik Treffens sind wir recht fr√ľh auf dem Non Tox und man mag es kaum glauben mit einer Set-Zeit von 16:15 Uhr sind evo-lution hier bereits die vierte Band im Programm. Das startete bereits um die Mittagszeit mit Desastroes. Auf dem Non Tox hat man anscheinend einen Faible f√ľr die fr√ľhen V√∂gel. Jetzt steht eine Band aus dem pitoresken Niedenstein auf dem Plan, die nach eigenen Angaben Military Body Music machen. Warum wird selbst Leuten, die mit evo-lution noch nicht vertraut sind, schnell klar: es geht ziemlich zackig zu. Die St√ľcke sind oft martialische, of-beat Nummern zum „mitmarschieren“. Sie tragen Titel wie Magic Of A Gun und Stiefel Schritt. Im Non Tox ist es voll, aber nicht √ľberf√ľllt. Die Atmosph√§re ist angenehm gel√∂st, im Publikum ist wirklich alles vom Kind bis zum Greis vertreten. Die Band selbst scheint auch gut aufgelegt zu sein. Das merkt man sowohl an der Performance, der Interaktion mit dem Publikum, als auch daran, dass S√§nger Klaus Schwarz zwischen den Songs gern mal ins Plaudern ger√§t, hier und da etwas zu den St√ľcken erz√§hlt, ohne dass es st√∂rend wirkt. Performances aus dem Elektro-Bereich laufen ja Gefahr immer etwas statisch zu wirken. Die eine oder andere Band versucht mit verschiedenen Dingen, diesem Eindruck entgegenzuwirken. Die Mitglieder von evo-lution haben diesbez√ľglich eine congeniale Idee: Sie stellen ihren Drummer Micha Meyer, der sowieso schon im Stehen performt, auf eine Art Trampolin (Oder Leute was war das?). √úber das ganze Set h√ľpft dieser im Takt der Beats wie ein verr√ľckt gewordener Springball. So viel Energie haben die Leute geb√ľhrend gefeiert. (DS)

Schauspielhaus

Als Veranstaltungsort ist das Schauspielhaus sozusagen der Gegenentwurf zur Agra-Halle auf dem WGT: Man wird h√∂flich von den in gedecktem Zwirn gekleideten Angestellten des st√§dtischen Theaters begr√ľ√üt, Toiletten sind ausreichend in blitzend sauberen Zustand vorhanden, es ist angenehm k√ľhl und ruhig, √ľber allem schwebt das gediegene Ambiente des Bildungsb√ľrgertums und man kann die m√ľden Festival-Beine vor der gepolsterten Bestuhlung verschnaufen. Im Schauspielhaus spielen traditionell dann auch die Acts auf dem WGT, denen ein eher intellektuelleres Ňíuvre anhaftet, beziehungsweise dem ein solches unterstellt wird. (KS)

17:30 Uhr – NYTT LAND (RUS)

Aus dem Herzen von Sibirien kommen Natalia und Anatoli Packalenko, die zusammen das Projekt Nytt Land 2013 aus der Taufe gehoben haben. Nun ist es ja so, dass der Norden Europas, und das schlie√üt Russland ja ein, √ľber einen reichen Sagenschatz unserer Ahnen verf√ľgt. Wie eng die Verkn√ľpfungspunkte zwischen Sibirien und Skandinavien, dem Sagenschatz der Tundra und der Edda sind, versucht uns das Projekt aufzuzeigen. Und so gibt es handgefertigte und traditionelle Instrumente, archaische Lyrik mit archaischem Inhalt, schamanistische Arrangements, schamanistische B√ľhnenoutfits und Make-ups und ein Band-Logo im Black-Metal Design. Die B√ľhne ist finster und neblig, es wird hingebungsvoll auf Birken√§ste geschlagen, entr√ľckt mit den Augen gerollt und beschw√∂rerisch werden die Arme gehoben. Beide Protagonisten singen zudem im mongolischen Obertongesang, ein zugegebenerma√üen √§u√üerst schwieriger Gesangsstil, der jedoch noch obendrauf im ganzen √ľppigen Gesamtkonzept von Nytt Land den Eindruck erweckt, dass hier zu sehr gewollt auf die eingetretenen Pfade des archaisch-schamanistischen, um Authentizit√§t bem√ľhten Pagan-Folk eingebogen wird. Das Publikum (viele werde ich sp√§ter am Abend noch bei Wardruna wiedersehen) l√§sst sich gefangen nehmen vom Trommelschlag, den naturalistisch-treibenden und pulsierenden Kl√§ngen und zelebrierten Ritual auf der B√ľhne. Nichtsdestotrotz eine gute Einstimmung auf den Headliner heute Abend. Es gibt sogar standing Ovations. (KS)

19:10 Uhr РNEUN WELTEN  (D)

In der Umbaupause bleiben wir sitzen, um unsere Pl√§tze nicht zu verlieren, denn im Schauspielhaus gibt es verst√§ndlicherweise keinen Graben. Viele der Besucher tun es uns gleich, deponieren aber Jacken und dergleichen auf den Sitzen, um sich noch ein Getr√§nk zu holen oder das Gegenteil zu erledigen. Mir f√§llt eine √§ltere Dame mit elegantem auff√§lligem Hut auf. Sie ist sehr entt√§uscht, ist doch in der ersten Reihe kein Platz mehr zu finden. Einer der gleich auftretenden K√ľnstler sei n√§mlich ihr Sohn! Wir kommen ins Plaudern und ich erhalte jede Menge Informationen √ľber die Entstehungsgeschichte von Neun Welten, die mir die Band auf einen Schlag noch viel sympathischer machen. So viel geballter Mutterstolz und musikalischer Sachverstand n√∂tigen mir Respekt ab und ich biete der Dame meinen Platz an. Sie winkt ab: ‚ÄúNein‚ÄĚ, meint sie, ‚Äúschreiben Sie bitte einen sch√∂nen Bericht und achten Sie auf den jungen Mann an der Gitarre. Er spielt auch Cello.‚ÄĚ Ok, na dann. Bis zu ihrem aktuellem Album The Sea I‚Äôm Diving In¬†haben sich Neun Welten vorrangig durch naturmystische, m√§rchenhaft und √§therische-tr√§umerische Instrumentalst√ľcke ausgezeichnet. Das neue Album kann man durchaus als Z√§sur bezeichnen: der Gesang tritt st√§rker in den Fokus und Post- und Progressiv-Rock Elemente haben bei den Leipzigern Einzug erhalten. Auf der B√ľhne ist auf einen Blick sichtbar, wie selbstverst√§ndlich die K√ľnstler aufeinander eingespielt sind und wie lange sie sich schon zu kennen scheinen. Das Spiel von Neun Welten hat etwas durchaus Entr√ľcktes, aber auf eine nat√ľrlich selbstgen√ľgsame Art, als w√§re das Publikum nur zuf√§llig beim Zusammenspiel der Musiker anwesend. Der Sound ist vielschichtig und artifiziell, ohne jedoch eine Sekunde abgehoben oder pr√§tenti√∂s zu wirken. Alles scheint selbstverst√§ndlich und flie√üend. Neue und √§ltere St√ľcke wurden perfekt aufeinander abgestimmt. Man hat das Gef√ľhl ihnen ewig zuh√∂ren zu k√∂nnen. (KS)

S√ľdfriedhof

14:00 Uhr – Leichenwagentreffen (International)

Den Bericht mit den Besucherbildern findet Ihr hier.

Täubchenthal

21:00 Uhr – FRANK THE BAPTIST (USA)

Frank the Baptist wurde in den sp√§ten 90er-Jahren von Frontmann Frank Vollmann in San Diego/USA gegr√ľndet. Da das sonnige Kalifornien jedoch nicht die optimale Stimmung f√ľr Deathrock liefert, lebt Frank seit √ľber 10 Jahren in Berlin. Von da hat er es bis Leipzig nicht weit und liefert eine √ľberaus √ľberzeugende Show ab. Franks Markenzeichen, der Zylinder, darf nat√ľrlich nicht fehlen und diesmal ist der Bandname auch optisch Programm und so hat Frank sein Outfit noch mit einem christlichen Kollar versehen. Musikalisch l√§sst die Band keinen Hit ihrer Laufbahn aus, doch das Highlight ist zweifelsohne der Vorgeschmack auf den kommenden Release. Angry Kids Of Jealous Gods¬†hei√üt sowohl der Song als auch die EP. Obwohl Frank the Baptist unterschiedliche Einfl√ľsse wie Postpunk und Glamrock in ihre Musik einbringen, ist hier ganz klar Deathrock im Stil von The Deep Eynde zu h√∂ren. Den Refrain vergisst man schon nach dem ersten H√∂ren nie wieder und Frank trifft selbst die h√∂chsten T√∂ne und beweist, dass er ein ungemein talentierter Live-Musiker ist. Kein Wunder also, dass die Scheibe noch w√§hrend des Konzerts beinahe ausverkauft ist. Ob nachgelegt wird oder die EP auch digital verf√ľgbar sein wird, ist derweil nicht bekannt. (JB)

22:30 Uhr – ALL GONE DEAD (USA)

Eigentlich gibt es All Gone Dead nicht mehr ‚Äď und das schon ganze 10 Jahre lang. Knapp vier Jahre war die Band aktiv und obwohl All Gone Dead nur ein Album, Fallen & Forgotten, ver√∂ffentlicht haben, waren sie zumindest live eine der aktivsten Bands der Deathrock-Szene. Auf Anfrage des WGT haben sich Stich und Darlin Grave jedoch wieder zusammengefunden, um ein einmaliges Konzert zu spielen. Das T√§ubchenthal platzt dementsprechend aus allen N√§hten und die Stimmung k√∂nnte kaum besser sein. Trotz einiger technischer Schwierigkeiten bringen All Gone Dead den Saal zum Beben, denn Trump macht ihnen mehr zu schaffen als die Technik ‚Äď meint Stich. Die eingefleischten Fans singen jede Zeile mit und es wird sogar bis in die hintersten Reihen getanzt. Ob Stich und Darlin Grave nun Lust auf mehr bekommen haben und uns bald mit mehr Shows oder vielleicht sogar neuer Musik begl√ľcken, wird sich zeigen. (JB)

Westbad

17:00 Uhr – NACHTSUCHER (D)

In der Ank√ľndigung zum WGT wird von heroischen Synthi-Kl√§ngen gesprochen und bretthart-eing√§ngigen Gitarrenriffs ‚Ķ und Gesang mit seelischen Abgr√ľnden ‚Ķ ich bin gespannt! Als ich im Westbad ankomme, ist die Halle schon fast halb voll. F√ľr eine 17 Uhr Veranstaltung schon nicht schlecht. P√ľnktlich startet die Musik von Nachtsucher, jedoch den S√§nger sucht man auf der B√ľhne vergeblich. Trotzdem ist Frontmann Christian Finks Gesang zu h√∂ren ‚Ķ Es ist eine Marotte von ihm, seine Show mitten im Publikum zu beginnen. Er performt den ersten Song Verlassen¬†mitten unter den schwarzen Zuh√∂rern. Die Ank√ľndigung vom Gesang √ľber seelische Abgr√ľnde ist gar nicht so abwegig, denn es nimmt einen schon ganz sch√∂n mit, wenn er von Such Nach mir¬†√ľber Angst¬†und Komm mit mir¬†singt. Christian erkl√§rt zwischendurch, wie er seine Texte schreibt. Dass er oft Erlebnisse seines Alltags integriert und somit andere an seinem Leben teilhaben l√§sst. Die Besucher finden schnell Zugang zu seiner Musik, einige tanzen das gesamte Konzert hindurch und es wird auch kr√§ftig Beifall geklatscht. Die Aussage des S√§ngers, dass er vor so vielen Leuten noch nie gespielt hat, macht ihn umso sympathischer und ich finde, das er sehr glaubw√ľrdig seine Musik r√ľber bringt. (JBr)

Setlist – NACHTSUCHER @ Westbad, 19.05.2018:
  1. Intro
  2. Verlassen
  3. In dir
  4. Such nach mir
  5. Angst
  6. Komm mit mir
  7. Verlier nicht Zeit
  8. Was du willst
  9. Wenn du kommst
  10. Diese Nacht
  11. Wonach du suchst
  12. Helden

18:20 Uhr OST+FRONT (D)

Ost+Front sind grad die zweite Band des Abends und schon ist es im Westbad passiert: lange Schlangen plus Einlassstop. Ja, was man sich wohl dabei gedacht hat, eine Band mit rund 35.000 Followern bei Facebook (alle ungef√§hr aus dem WGT-Besucher relevanten Bereich) in dieser knappen Location einzuquartieren. Das wird wohl sp√§ter mancherorts eine nicht so erquickliche Nachlese geben. Umso besser ist die Stimmung bei uns im Westbad, denn die Berliner von Ost+Front werden von Anfang an als riesiger Act gefeiert. Als Band der so genannten Neuen Deutschen H√§rte, als deren Vertreter sie sich ja selbst auch sehen, setzen Ost+Front selbstverst√§ndlich sehr stark auf schockierenden, verst√∂rende und provokante visuelle Effekte. Und so sieht Herrmann Ostfront wieder aus, wie ein Splatter-Metzger nach einer 16-Stunden Schicht. Beim ersten Song performt eine T√§nzerin in Latex-Zwangsjacke und auch der Rest der Band, die Fleisch (!) als ihr Hauptinteresse nennt, hat sich wieder ordentlich am Horror-Military-Gewandungs Fundus bedient. Was soll man noch dazu sagen? Es geht ordentlich ab bei Ost+Front und den Applaus haben sie sich richtig erarbeitet, als sie zum Ende des Sets mit Marschmusik die B√ľhne verlassen. Bei der Zugabe fliegen Luftballons, die Stimmung ist furios, das Westbad kocht. Wie soll man das noch steigern? (DS)

19:50 Uhr HELDMASCHINE (D)

Ja, wie? Wir bleiben im Genre, auch das Westbad bleibt voll, wir bleiben beim Einlass-Stop. Heldmaschine fahren nicht ganz so viel Show auf, wie noch Ost+Front. Ein paar LEDs hier und da und farblich aufeinander abgestimmte B√ľhnenoutfits kommen erst einmal gegen das sich vorab ereignete Happening nicht an, wenn man im Grunde √§hnliche Musik mit √§hnlicher Attit√ľde macht. Man merkt in den ersten drei Liedern, dass die Koblenzer erst einmal ein bisschen schwer mit dem Publikum tun. Trotzdem haben auch die ihre Fans mitgebracht, die schlie√ülich das Ruder zugunsten ihrer Band noch rumrei√üen k√∂nnen. Und Heldmaschine punkten dar√ľber hinaus mit gutem, hartem Elektro-Heavy-Sound und gewohnt sympathischer Interaktion mit dem Publikum. Im Januar erschien die Compilation Live+Laut¬†in Ton und Bild. Bei ihrem einst√ľndigen Konzert kann die Band hierbei nat√ľrlich aus den Vollen sch√∂pfen und den Besuchern eine wohl-sortierte Werkschau aus √ľber sieben Jahren Bandgeschichte pr√§sentieren. Insgesamt ein sehr solider Auftritt von Heldmaschine, der auch ohne viel Schnick-Schnack sein Ziel nicht verfehlt hat. (DS)

Foto / Author: Danny Sotzny (DS), Dietmar Grabs (DG), Jana Breternitz (JBr), Joanna Babicka(JB), Katja Spanier (KS), Michael Gamon (GM) , Thomas Papenbreer (TP), Thomas Bunge (TB)

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