PROPHECY FEST 2017 – Freitag (28.07.2017)

PROPHECY FEST 2017 - Freitag (28.07.2017)
Sun Of The Sleepless © Thomas Papenbreer
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Zum dritten Mal fand dieses Jahr im beschaulichen Balve, in der imposanten Kulisse einer Steinzeithöhle das Prophecy Fest statt. Insgesamt 16 Künstler stellten das Line-up, das damit noch einmal größer war als in den Jahren zuvor. Mit Sólstafir und Hypnopazuzu gelang es den Veranstaltern in diesem Jahre zwei labelfremde Bands für einen Auftritt zu verpflichten.

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Alle auftretenden Künstler werden traditionell gebeten, sich für ihren Auftritt auf dem Fest etwas Besonderes einfallen zu lassen. So traten in diesem Jahr beispielsweise Spiritual Front mit ihrem Armageddon Gigolo-Set auf. The Vision Bleak holten sich für ihren Auftritt eine Verstärkung klassisch ausgebildeter Künstler, um ihre Deathship-Symphonie zu zelebrieren. Darüber hinaus kann man auf dem Prophecy Fest Künstler live erleben, die niemals zuvor oder nur äußerst selten eine Bühne betreten. So gaben Nhor mit ihrem Auftritt eine Weltpremiere und Sun Of The Sleepless lieferten nach 18 Jahren ein Live-Comeback mit ihrem zweiten (!) Auftritt.

Angesichts des aufgefahrenen Line-ups möchte man sich schnell zu Aussagen wie „sehr abwechslungsreich“ oder „Da ist für jeden was dabei.“ hinreißen lassen. Damit würde man aber den Anspruch, den seine Veranstalter und die Besucher an das Fest haben, nicht gerecht werden. Kaum einer, mit dem ich sprechen konnte, war wegen einer bestimmten Band nach Balve gefahren und es ist immer wieder faszinierend zu beobachten, wie Fans der unterschiedlichsten Genres respektvoll interessiert oder ausgelassen feiernd bei allen möglichen Konzerten anzutreffen sind. Der Platz vor der Bühne ist niemals leer, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit man die Höhle betritt. Beim Prophecy Fest stand auch in diesem Jahr wieder die Musik und ausschließlich die Musik im Mittelpunkt.

Wir haben für Euch kurze Impressionen der am ersten Festivaltag aufgetretenen Künstler in chronologischer Reihenfolge zusammengestellt.

Irrwisch – Art Exhibition
Artdirector des diesjährigen Prophecy Fests war der Österreichische Graphikdesigner Irrwisch, der bereits mit Künstlern, wie Lotus Thief und Hexvessel zusammengearbeitet hat. Zu den Aufgaben der künstlerischen Leitung zählt nicht nur die Gestaltung der Festival-Plakate und -Shirts, sondern auch des Festival-Buches. Darüber hinaus findet traditionell im hinteren Teil der Höhle eine Ausstellung der Werke der jeweiligen Künstler statt. Zum ersten Mal in diesem Jahr konnten die Kunstwerke von den Besuchern nicht käuflich erworben werden. Es war trotzdem interessant zu sehen, wie Irrwisch in seinen Werken durch das Einsetzen unterschiedlicher Materialien und Techniken die einzelnen Facetten der auftretenden Künstler in Szene gesetzt hat.

Nhor (16:00) –der ästhetische Sog der Einfachheit”
Als Nhor am Freitagnachmittag, ganz introvertierte Künstler, mit dem Rücken zum Publikum das dritte Prophecy Fest eröffneten, war das Publikum Zeuge einer Weltpremiere. Bei dieser Manifestierung der Schüchternheit kann man sich spontan vorstellen, dass es die Veranstalter des Fests einiges an Überzeugungsarbeit gekostet hat, den britischen Musiker zu seinem allerersten Auftritt überreden. Es wurden Stücke vom aktuellen Album Momenta Quintae Essentiae gespielt, die klar und ruhig im Inneren der Höhle widerhallten und so ihren ganz eigenen Zauber entfalteten. Parallel zur Musik entstand auf schwarzem Papier, projiziert auf die Videoleinwand, ein Gemälde aus Wasserfarben. Und obwohl es im hinteren Teil der Höhle noch etwas unruhig zuging, schien jeder um mich herum andächtig und verzaubert.

Soror Dolorosa (17:20) – “Oh süßer, dunkler Schmerz!”
Unheilvoll, eingängig und mit einer riesigen Portion romantischem Weltuntergangs-Flair: Das sind Soror Dolorosa. Goth-Rock hatte bisher wenig Platz bei Prophecy-Productions. Diese Lücke wird nun endlich von erklärten Großmeistern der zelebrierten Dystopie und des poetischen Leids geschlossen. Euphorisch, charismatisch, finster und tanzbar gestaltete die Band ihren Auftritt.  Dafür ernteten sie neben sehnenden Blicken auch die eine oder andere Pommes-Gabel. Ich hatte während der anschließenden Autogrammstunde kurz Zeit in paar Worte mit Andy Julia zu sprechen, der zugab, dass der gerade stattgefundene Auftritt der erste der Band seit zwei Jahren war. Die Musiker waren beinahe rührend aus dem Häuschen, über ihr gelungenes Comeback, das uns die Wartezeit auf Apollo, das im September erscheinende neue Album, verkürzt hat.

Sun Of The Sleepless (18:55) – “zurück an den Ursprung”
Ulf Theodor Schwadorf wirkte angespannt vor seinem Auftritt und hoch konzentriert. Zuletzt hatten sich Sun Of The Sleepless vor 18 Jahre einem Live-Publikum gestellt, damals zum ersten Mal. Heute sollte das zweite Mal stattfinden. Ihr Debut (!) To The Elements ist grad vor einer Woche erschienen. Für alles auf dem Album zeichnet sich der Meister solitär verantwortlich. Auf der Bühne wurde er flankiert von zwei Fackeln, der Boden war mit Tannenzweigen bedeckt.

Mit geschlossenen Augen und gesenkten Köpfen stehen die Musiker da, während Prospero’s Speech von Loreena McKennit majestätisch durch die Höhle getragen wird. Danach gibt es kein Halten mehr: rasend-schneidende Riffs, erbarmungslos-prügelnde Drums und eisig-quälende Growls. Die ausgefeilt-pointierte Sequenzen formen die Anbetung eines ganzen Genres. Poetisch und brutal. Die Stücke sind eine Verneigung vor dem nordischen Black-Metal, der Schwadorfs musikalische Sozialisation in seinem eigenen Wirken geprägt hat. Nun gibt er ein Stück davon zurück. Zum ersten Mal in diesem Jahr schien die Höhle in ihren Grundfesten erschüttert.

Arcturus (20:15) – “an Arcturian Symphony of Madness”
Traf bei Sun Of The Sleeples noch Genie auf Ergebenheit, wurde beim folgenden Auftritt eine Episode aus Genie und Größenwahn zum Besten gegeben. Ich weiß nicht genau, wie viele Oktaven die Stimme von Vortex umfasst. Aber die schnodderige Nonchalance und Selbstironie, mit welcher der Sänger der Bands von bedrohlichen Growls in die überdrehte Kopfstimme wechselte, hatte schon etwas Hypnotisierendes, das einen nach vollendeter Koloratur anerkennend lachend den Kopf schütteln ließ. Arcturus sind eine Art All-Star-Black-Metal Projekt, das es gefühlt schon seit Anbeginn der Zeit zu geben scheint. Von Arcturian Sign bis Crashland feierten die mittlerweile gestandenen Herren in ihren abgedrehten Kostümen die Virtuosität ihrer Werke und sich selbst als des Wahnsinns fette Beute.

GlerAkur (22:00) – “unerbittliche Schönheit von einer Insel aus Feuer, Eis und Stein”
GlerAkur is music. Mehr braucht man eigentlich nicht zu wissen. Es fällt schwer darüber zu schreiben, denn eigentlich muss man es erleben. Sie waren wieder da! – vier Gitarren, zwei Schlagzeuge und ein Bass, perfekt aufeinander eingespielt: ein wohlgeordnetes Chaos hypnotisierender, brutaler, karger Schönheit. Nie enden wollende Kaskaden repetitiver und eindringlicher Sequenzen aus dröhnenden Riffs und krachenden Drums nahmen das Publikum für  60 Minuten als Geisel und formten es zu einer homogenen Masse aus nickenden Köpfen und wogenden Haaren.

GlerAkur konnten vielleicht nicht das Überraschungsmoment vom letzten Jahr wiederholen. Sie schafften es aber dennoch, die gleiche magische Flamme der Erhabenheit in die Seelen der Anwesenden zu pflanzen. Dass im Anschluss an die Präsentation der eigenen Stücke Aðalbjörn Tryggvason und Svavar Austman Traustason von Sólstafir die befreundeten Musiker mit der gemeinsamen Performance eines Klassikers aus den 80ern unterstützten, geriet dabei fast zur Nebensache. Mein unbestreitbarer Höhepunkt des ersten Tages und vielleicht des Festes insgesamt.

Sólstafir (23:30) – “The Mighty”
Krönender Abschluss, obwohl es beim Prophecy Fest eigentlich keine Headliner gibt, sollten an diesem Freitag Sólstafir sein. Tatsächlich gab es paar Besucher, die eigens der Isländer wegen nach Balve gereist waren. Also, rückten wir alle etwas näher vor der Bühne zusammen. Der Soundcheck entspann sich zur Geduldsprobe. Immerhin hinkte man dem Zeitplan mittlerweile eine geschlagene Stunde hinterher und die Band ließ sich ganz schön bitten. Aber was soll ich sagen? Es hat sich gelohnt. Sólstafir sind einfach eine Macht und einige Bands können sich durchaus eine Scheibe von dieser eloquenten Mischung aus routinierter Souveränität und gekonnter Rockstar-Attitüde abschneiden. Aðalbjörn Tryggvason und seine Männer lieferten die ersehnten Klassiker, aber auch zwei Stücke (Ísafold & Silfur-Refur) vom aktuellen Album Berdreyminn.

Völlig erschöpft, aber auf äußerste zufrieden gestellt, traten wir den kurzen Weg zu unserem Hotel an, durch die düsteren Wäldern des Hönnetals, in dessen Baumwipfeln sich die Eindrücke des Tages wie Gespinnste verfangen zu haben schienen.

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