Interview: CAMOUFLAGE (Marcus Meyn)

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Seit fast 30 Jahren gibt es nun bereits die deutsche Synthie Pop Band Camouflage und das neue Album Greyscale ist seit wenigen Tagen im Handel. Die CD besticht durch Ohrwurmhits (Die Single Shine) genauso wie durch ruhige, atmosphĂ€rische Balladen. SĂ€nger Marcus Meyn sprach mit Sparklingphotos u.a. ĂŒber Graustufen, GastsĂ€nger Peter Heppner und französische Babysprache.


Euer neues Album Greyscale ist seit gestern im Handel und ich finde, es ist phantastisch geworden. Eine Grauskala ist laut Definition "eine Farbreihe der visuell gleichabstĂ€ndig gestuften Grautöne zwischen Weiß und Schwarz" Woher kam die Idee, das neue Album so zu benennen?

Diese Abstufung der Graustufen ist etwas, was uns stĂ€ndig begleitet, dadurch dass Heiko und Olli aus dem Grafikgewerbe kommen. Denn immer wenn du einen Andruck hast oder Bilder aus Druckereien siehst, dann sind diese Grauskalen an der Seite abgedruckt, damit man die Farbigkeit des Bildes richtig erkennen und abgleichen kann. Das Bild an sich beschreibt fĂŒr uns ziemlich perfekt auch unsere Musik, denn es geht gar nicht darum, dass wir diese als grau empfinden. Unsere Musik ist ja auch etwas dunkler oder melancholischer als normale Popmusik. Aber auf der anderen Seite hast du mit Hilfe so eines Bildes der Graustufen ganz klar die Möglichkeit zu sagen, es ist weder weiß, noch ist es schwarz. Es ist aber auch nicht einfach grau, es ist nicht hell oder dunkelgrau, es gibt immer dazwischen noch eine Nuance. Und so ist eigentlich auch unsere Musik, es ist nicht greifbar, wo man sie zu 100% einordnet.


Da hast du bereits die nĂ€chste Frage vorweggenommen. Du hattest ja gesagt, dass eure Musik eine nachdenkliche, melancholische AttitĂŒde besitzt. Beschreibt das auch eure Persönlichkeit?

Es ist mit Sicherheit ein Teil unserer Persönlichkeit. Wir sind auch bewusst lebende Menschen, die versuchen, das Hier und Jetzt zu reflektieren und entsprechend auch zu handeln. Oder auch Dinge zu hinterfragen und auch mit Hilfe der Musik zu bearbeiten und von der Seele zu schreiben.


Das StĂŒck Count on me habt ihr zusammen mit Peter Heppner aufgenommen. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit? Kanntet ihr euch schon vorher? Oder hat Peter von euch einen netten handgeschriebenen Brief bekommen?

Ich kannte Peter bis 2013 nicht persönlich und habe ihn immer als KĂŒnstler sehr geschĂ€tzt. Und als es darum ging, unser JubilĂ€umskonzert im Februar 2014 vorzubereiten, und uns Gedanken darĂŒber zu machen, mit welchen GĂ€sten wir was performen wollen, entstand diese Idee, dass man Peter Heppner fragt, ob er nicht Lust hat, mit uns That smiling Face zu performen. Ganz einfach, um durch seine Performance dem StĂŒck noch eins draufzusetzen, um es noch perfekter zu machen, als es ohnehin schon ist. Wir haben dann einfach Peter angesprochen und ihn gefragt und er fand die Idee von vornherein richtig toll und hat auch gleich zugesagt. Und im Zuge dessen haben wir uns kennengelernt. Wir haben dann in Dresden, wo dieses Konzert stattgefunden hat, beschlossen, dass wir zukĂŒnftig noch etwas anderes zusammen machen, nĂ€mlich einen neuen Song. Es entstand dann die Idee, den Song Count on me zu machen und ich bin dann zu ihm ins Studio nach Hamburg gefahren. Wir haben vier Stunden nur gequatscht, uns Musik vorgespielt, er hat in den Song reingehört und sich ĂŒberlegt, wie er sich da wiederfindet. Er fand die Idee wiederum großartig, dass wir diesen Song zusammen machen, weil es fĂŒr ihn eine Herausforderung ist, da der Song nicht in seiner Tonlage geschrieben wurde. Dieses hohe Singen ist eine Sache, die ihn sehr fordert und ich denke mal, das hat abgesehen von der inhaltlichen NĂ€he einfach den Reiz fĂŒr ihn gegeben. Und dann haben wir das einfach gemacht.


Ich finde auch, dass das StĂŒck noch mehr gewinnt, denn eure Stimmen harmonieren sehr gut zusammen. Und ich empfinde es auf einem Album auch sehr erfrischend, wenn man eine andere Stimme hört, denn es macht es noch etwas abwechslungsreicher.

Das sehen wir genauso.


Wie entsteht im Allgemeinen ein Camouflage Song? Setzt ihr euch zusammen und jammt, oder komponiert jeder fĂŒr sich am Computer und bringt den Entwurf dann beim Bandmeeting mit?

Diese klassische Bandstruktur gibt es bei uns nicht. Wir treffen uns nicht ab und an um zu jammen oder zu arbeiten, weil wir auch in unterschiedlichen StĂ€dten leben. Eine Plattenproduktion unterliegt einer großen Planung. Wenn wir sagen, wir möchten eine neue Platte machen, bringt jeder seine Ideen ein, die er bis dato geschrieben hat und schickt sie den anderen oder man trifft sich irgendwo in einem Studio und spielt sich gegenseitig die Sachen vor, um auch eine Vorauswahl zu treffen. Es gibt alle Möglichkeiten. GrundsĂ€tzlich ist es aber so: jeder fĂŒr sich schreibt individuell Songs und wirft diese dann quasi in den großen Topf, wo sie von allen begutachtet werden. Es wird eine Auswahl getroffen und schließlich wird angefangen zu produzieren.


Gibt es dann auch schon mal grĂ¶ĂŸere Diskussionen, wenn z.B. ein Bandmitglied fĂŒr einen Song ist und die anderen beiden mögen ihn nicht so? Wird es dann demokratisch entschieden oder drĂŒckt einer schon mal seine Meinung durch, weil er den Titel unbedingt performen möchte?

Nein, das wird bei uns alles demokratisch entschieden.


Besonders gefĂ€llt mir der Track Misery auf Greyscale, welcher fĂŒr mich der nĂ€chste Single-Kandidat ist. Eine Textzeile lautet "Misery – why donÂŽt you come to me? YouÂŽre presence is the only one" Ihr sehnt euch quasi danach zu leiden oder wie kann man den Text verstehen?

Ja klar. Aber es geht nicht darum, dass wir uns danach sehnen, zu leiden. Sondern, dass die imaginĂ€re Person, von der der Song handelt, es manchmal auch genießt, sich in seinem Leid zu aalen. Manche Menschen wollen einfach „gequĂ€lt“ werden, davon handelt dieser Song.


Das heißt, dass man manchmal vor Selbstmitleid zerfließt und wenn man dann noch einen Partner hat, der dieses Verlangen fĂŒttert…

Dann kann das auch ein tolles spielerisches Element sein…


Greyscale ist ein Album, welches sehr abwechslungsreich gestaltet wurde. Hier existieren schnellere PopstĂŒcke neben atmosphĂ€rischen Balladen und stimmungsvollen Instrumentals. Achtet ihr beim Schreiben eines Albums auf die Ausgewogenheit der Songs, oder ist das eher ein natĂŒrlicher Prozess?

Wir schreiben Songs nicht nach KalkĂŒl. Manchmal ist es so, dass man im Endeffekt das Album betrachtet und denkt: oh, die Scheibe ist ja ganz schön ruhig geworden oder eben von der Geschwindigkeit eher unter 100 Beats als ĂŒber 100 Beats. Aber das ist eine Sache, die man nicht steuert. Es ist auch bei vielen so: je Ă€lter die Leute werden, desto ruhiger werden die StĂŒcke. Wir versuchen auch bewusst gegenzusteuern, da es auch nicht unserem Naturell entspricht, dass wir nur ruhig sind, das sind wir ganz und gar nicht. Und auf Greyscale ist es auch so, dass es mehr langsamere Lieder gibt. Aber in der Art und Weise, wie die Songs dann produziert sind, fĂ€llt es gar nicht so auf, dass die CD etwas langsamer ist als die letzte.


Auf dem Amphi Festival 2012 habt ihr den Gesang der Fans fĂŒr eure Ohrwurmsingle Shine aufgenommen.

Genau, in der dritten Wiederholung, wenn der Song dann echt groß wird, das ist der Amphi Chor, der da zu hören ist.


Ich finde es eine schöne Idee, die Fans mit solchen Aktionen einzubeziehen. Es fehlen nur noch die Namen aller SÀnger im Booklet der CD, aber das könnt ihr eventuell ja noch nachholen.

(Lacht)


Letztes Jahr habt ihr den Fans ein tolles Geschenk in Form einer schönen Box gemacht, worauf alle Alben in remasterter Form enthalten sind. Sogar das gesuchte Mini-Album Areu Areu findet sich darin.

Areu Areu wird „Arö ArĂ¶â€œ ausgesprochen und ist französische Comicsprache. Wenn die Comiczeichner in Frankreich Babygeschrei schreiben, dann klingt das so. Bei uns ist das dann eher ein „RabĂ€Ă€â€œ, frag mich nicht warum. Das ist der Hintergrund. Weil wir dieses Wort so geil fanden, haben wir das fĂŒr einen Song verwendet. Bei diesem Song habe ich auf der BĂŒhne immer etwas anderes gesungen, also immer nur Blindtext und das habe ich dann mit dieser Comicsprache in Verbindung gebracht. Unser Musikverlag hieß so und dieses Projekt, das wir fĂŒr den Geburtstag eines befreundeten Fotografen gemacht haben.


Also war es eher als Nebenprojekt gedacht und nicht als grĂ¶ĂŸere Veröffentlichung…

Nein, es war so, dass wir einen Auftritt hatten auf dem Geburtstag des besagten Freundes und dort sind wir dann als Areu Areu aufgetreten. Unsere Plattenfirma hat die Aufnahmen davon gehört und die fanden das klasse und haben gesagt: lass uns das als Platte machen. Und dann sind wir nochmal ins Studio gegangen, haben die Sachen richtig aufgenommen und die damalige Plattenfirma Metronom hat die Scheibe in einer 1000er Auflage veröffentlicht.


Es werden mittlerweile dafĂŒr horrende Preise in AuktionshĂ€usern bezahlt und es ist schön, dass die CD nun in guter QualitĂ€t fĂŒr alle zu haben ist.


Was macht fĂŒr dich der perfekte Song aus?

Bei einem Popsong eine schöne Komposition, schönes Intro, gute Strophe und Bridge, ein Hammerchorus, vielleicht noch eine tolle Hauptmelodie. Also generell StĂŒcke, die mich berĂŒhren.


Was erwartet uns auf eurer anstehenden Tour? Wird es Überraschungen geben? Vielleicht einen GastsĂ€nger?

Wenn es in seinen Zeitplan passt, wird Peter bei dem einen und anderen Konzert dabei sein. Ich hoffe mal in Hamburg, das hat er uns zumindest zugesagt. Aber das weiß man erst, wenn er wirklich da ist. Das ist bei Peter nicht so einfach. Ansonsten: die Band steht. Und wer uns kennt, der kennt auch die Band und die QualitĂ€t, in der wir unsere Konzerte spielen. Wir haben wieder ein tolles neues Lichtdesign und ich denke, es wird ein richtig schöner Abend werden.


Apropos Touring: ihr kommt viel in der Weltgeschichte herum, spielt auch in anderen LĂ€ndern. Gibt es große Unterschiede zwischen einem Livekonzert in Deutschland und einem im Ausland?

Die Leute sind schon anders drauf, klar. Es gibt Schwerpunkte, welche Lieder sie gerne mögen. Wenn wir in die TĂŒrkei kommen, mĂŒssen wir Sachen von unserem dritten Album spielen, da die dort total abgefeiert werden. Und in manchen LĂ€ndern war The great Commandment der grĂ¶ĂŸere Hit als Love is a shield, also ĂŒberlegst du, welche Titel du am Ende des Konzertes spielst. Und es ist auch so, dass die Leute in SĂŒdamerika anders abgehen als die in Europa. Die feiern ein Konzert wie ein Fußballspiel und singen lauthals jedes StĂŒck mit.


Das heißt, ihr Ă€ndert auch die Setlist, wenn ihr woanders spielt.

Auf dieser Tour liegt der Schwerpunkt natĂŒrlich auf dem neuen Album, aber grundsĂ€tzlich ist es schon so, dass wir die Möglichkeit haben, die Setlist zu Ă€ndern. Wir spielen mittlerweile so lange zusammen, dass das keine Schwierigkeit ist.


Wie sind die weiteren PlĂ€ne fĂŒr Camouflage? Wird es z.B. noch eine Singleauskopplung geben?

Mit Sicherheit. Wir wissen nur noch nicht, was fĂŒr ein StĂŒck es sein wird. Auf jeden Fall wird es ĂŒber das Jahr verteilt noch ein bis zwei Singles geben.


Das Interview fĂŒhrte Frank Stienen mit Marcus Meyn am 07.03.2015
Live-Fotos: Michael Gamon

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