Die Übersicht: Sind Szenefestivals besser als ihr Ruf?

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(Große) Szenefestivals besser als ihr Ruf?!

Das Material: Festivalaufstellung_nach_Bands_ab_2008 – ohne GewĂ€hr!

Schon seit einigen Jahren werden die Rufe derjenigen, die sich abwechslungsreichere Line-ups bei den Szenefestivals wĂŒnschen, immer lauter und mehrstimmiger. Selbst das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig kann sich dieser Tage nicht mehr den „kommerziellen SzenegrĂ¶ĂŸen“ verschließen und bietet seit einigen Jahren auch einige Bands auf, die man bis dato eher beim M’era Luna, Amphi oder Blackfield Festival erwartet hĂ€tte. Trotzdem besitzt das WGT dank vieler SpielstĂ€tten mit stark variierendem Ambiente noch immer das mit Abstand facettenreichste Programm der Szene, so dass ich mich entschlossen habe, dieses bei meinem Vergleich außen vor zu lassen. Auch von Jahr zu Jahr weiter aufstrebende Festivals wie die Nocturnal Culture Night in Deutzen oder das Dark Munich Festival in MĂŒnchen werde ich zunĂ€chst nicht berĂŒcksichtigen, da hier die rĂ€umlichen und damit auch finanziellen Vorzeichen auch heute noch ganz andere sind. Konzentrieren wir uns also einmal auf den Vergleich der drei (abgesehen vom WGT) großen Festivalvertreter der Szene (Amphi, Blackfield und M’era Luna Festival) und mit der Frage:


Werden die Festival-Line-ups von Jahr zu Jahr langweiliger?

Als Herausgeber von Sparklingphotos.de und stĂ€ndiger Fotograf des Orkus! Magazins besuche ich seit vielen Jahren hĂ€ufig die ĂŒblichen Szenefestivals und wenn man alljĂ€hrlich auf mehreren Hochzeiten tanzt, kann man durchaus den Eindruck bekommen, dass auf Festivals nicht mehr viel Neues nach kommt, alljĂ€hrlich auf die gleichen Zugpferde gesetzt wird und die Szene so stark stagniert wie nie zuvor. Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, habe ich mir mal die MĂŒhe gemacht, die Line-ups von Amphi, Blackfield und M’era Luna Festival in den Jahren 2008 –in diesem Jahr fanden erstmals alle drei Festivals statt- bis 2014 zu vergleichen und nachzuschauen, wie oft die jeweiligen Bands bei den einzelnen Festivals aufgetreten sind.

 

DER  „BANDPOOL“ SEIT 2008

Die Grundlage: icon Festivalaufstellung nach Bands ab 2008.pdf

ZunÀchst ein paar Fakten:
3 Festivalserien mit jeweils 7 Ausgaben
689 Auftritte
308 Bands

Insgesamt 689 Bandauftritte gab es bei den drei zu vergleichenden Festivalserien seit der 2008er Ausgabe. Gleich zu Beginn fĂ€llt mir auf, dass doch einige unterschiedliche Bands mehr in den vergangenen 7 Editionen (also 21 mögliche Events) aufgetreten sind, als dies gefĂŒhlt der Fall war. Insgesamt immerhin 308 Bands traten in dieser Zeit auf, dazu noch eine Handvoll bei Warm-up Shows, die nicht offiziell zum jeweiligen Festival Line-up zĂ€hlten. Der Anteil von Bands, die lediglich einen einzigen Auftritt auf den Festivals der letzten sieben Jahre hatten betrĂ€gt satte 51,95% (160)! Das Beachtliche an dieser hohen Zahl ist, dass sie sowohl die These, als auch die Gegenthese unterstĂŒtzt, zumal immerhin 60 Bands (19,48%) auch nur 2 Auftritte in dieser Zeit hatten. Denn zum einen ist eine grĂ¶ĂŸere Anzahl an unterschiedlichen Bands bewiesen, zum anderen entfallen aber die ĂŒbrigen 409 Auftritte auf gerade einmal 88 Bands, so dass diese vergleichsweise kleine Zahl im Durchschnitt bereits jeweils fast fĂŒnfmal dabei war.


DIE DAUERBRENNER

Absolute DauergĂ€ste sind Eisbrecher und Mono Inc. mit jeweils 9 von 21 möglichen Besuchen. Das bedeutet, dass die Chance, eine der beiden Bands bei einem beliebigen großen Festival in den letzten 7 Jahren zu sehen bei satten 42,86% lag! Beide waren zumeist beim Amphi Festival zu Gast, Eisbrecher 5 Mal, Mono Inc. 4 Mal. FĂŒr das nĂ€chste Jahr sind hiervon bisher nur Mono Inc. fĂŒr das M’era Luna Festival 2015 bestĂ€tigt, sie könnten also den Eisbrecher einholen.

Auch bei Blutengel, Combichrist und Letzte Instanz war die Chance sehr hoch, sie auf einem Festival live zu erleben, denn sie waren bei 8 der 21 Möglichkeiten (38,10%) vor Ort. Immerhin noch bei jedem dritten Mal –und damit durchschnittlich einmal pro Jahr- waren Diary Of Dreams, Hocico, Nachtmahr, Project Pitchfork, Saltatio Mortis und VNV Nation mit je 7 Gigs (33,33%) dabei.

Die Top 10 knapp verpassten [:SITD:], Agonoize, And One, Apoptygma Berzerk, ASP, Coppelius, Diorama, Mesh, Rotersand, Solar Fake, Subway To Sally, Tyske Ludder und Welle:Erdball mit jeweils 6 Auftritten (28,57%). Aber was nicht ist, kann ja noch werden, denn zumindest [:SITD:], Agonoize, ASP, Coppelius, Diorama und Welle:Erdball wurden bereits fĂŒr die 2015er Editionen von Amphi bzw. M’era Luna Festival bestĂ€tigt und steigen weiter auf. Die erste BandbestĂ€tigungswelle vom Blackfield Festival 2015 steht bisher (Stand: 21.08.2014) noch aus.

An dieser Liste erkennt man sehr gut das eigentliche „Übel“ und dieses ist auch die Ursache dafĂŒr, dass Festival Line-ups bei vielen als stĂ€ndige Wiederholung wahrgenommen werden:

Die Szene hat ein Headliner-Problem!

Denn viele dieser meistgebuchten Bands fallen unter die Kategorie „Headliner“ oder knapp darunter und werden dementsprechend nicht nur auf Plakaten ĂŒberdurchschnittlich stark wahrgenommen. Sie sind „alte Hasen“, fĂŒhren bereits seit dem ersten Vergleichsjahr die Bandriegen auf Festivals an und genießen daher die meiste Aufmerksamkeit. Headlinernachwuchs ist kaum bis gar nicht vorhanden. Selbst eine in letzter Zeit stark gehypte Band wie Lord Of The Lost, die sich außerhalb der Szene sogar bereits kĂŒrzlich in der Bild-Zeitung und dem Penthouse prĂ€sentieren konnte, findet sich in der Aufstellung fĂŒr das M’era Luna 2015 bisher nur im Mittelfeld wieder. Man sieht daran, dass es selbst mit massiver Werbung heutzutage kaum möglich ist, eingefahrene Strukturen zu durchbrechen. Im tiefen Dschungel der vielen Neuveröffentlichungen greifen die Hörer und dementsprechend offensichtlich dann auch die Festivalbooker im Zweifelsfall immer hĂ€ufiger zu AltbewĂ€hrtem, als das Überangebot nach gutem Neuen zu durchforsten.

Dazu kommt, dass insbesondere die genannten Festivals eine GrĂ¶ĂŸe erreicht haben, bei der sie ein großes finanzielles Risiko tragen. Da geht man dann wohl oft lieber auf Nummer sicher, als zu hoffen, dass man selbst das „Next Big Thing“ ausgrĂ€bt. Und so wird man auch bei den bisher bestĂ€tigten Bands fĂŒr 2015 das GefĂŒhl nicht los, dass dieses Sicherheitsdenken sich immer weiter durchsetzt. Solange dies funktioniert, ist das zumindest aus marktwirtschaftlichen GrĂŒnden nachvollziehbar und auch legitim. Womit wir an dem Punkt angelangt wĂ€ren, dass eben nicht nur die Veranstalter Schuld am relativ stagnierenden Bandangebot auf Festivals tragen. Denn auch die Zuschauer wĂ€ren hier gefordert. Wenn man den Aussagen der Veranstalter Glauben schenken möchte, dann fĂŒhren auch Jahr fĂŒr Jahr genau die genannten Bands wieder die von allen durchgefĂŒhrten Bandwunschumfragen an. Offensichtlich ist die Zahl derer, die eine VerĂ€nderung wĂŒnschen entweder zu gering, oder ihre AlternativwĂŒnsche verteilen sich auf viele verschiedene Bands und sind daher eben nicht so gebĂŒndelt wie bei bekannten Acts – ein weiterer Fluch des bestehenden Überangebots an vermeintlich kleineren Bands.



DER PERSONENKULT

Neben den einzelnen Bands interessierte mich auch die Frage, welche KĂŒnstler man besonders oft als Person auf der BĂŒhne zu sehen bekommt. Ganz oben steht hier der „schöne Sven“, Sven Friedrich, der es auf insgesamt 14 Auftritte (6x Solar Fake, 5x Zeraphine, 3x Dreadful Shadows) bei den 21 Events bringt. Erk Aicrag (7x Hocico, 5x Rabia Sorda) und Andy LaPlegua (8x Combichrist, 2x Icon Of Coil, 1x Panzer AG, 1x Scandy) sind ihm mit 12 auf den Fersen, gefolgt von Alexander Wesselsky mit 10 (9x Eisbrecher, 1x Wesselsky) Gastspielen.


DIE FAVORITEN DER EINZELNEN EVENTS

WĂ€hrend sich Bands wie Blutengel, Combichrist, Letzte Instanz, Saltatio Mortis, VNV Nation oder auch Mono Inc. fast gleichermaßen auf die drei Festivals verteilen, gibt es aber natĂŒrlich auch persönliche Favoriten. So ist die Chance Alex Wesselsky aka Eisbrecher oder Peter Spilles (Project Pitchfork, Santa Hates You) anzutreffen bekanntlich auf dem Amphi Festival am grĂ¶ĂŸten. Camouflage waren in diesem Dreierfeld sogar ausschließlich in Köln zu Gast. Und auch andere bei Protain unter Vertrag stehende Acts wie And One oder Covenant stehen naturgemĂ€ĂŸ vor allem im Billing des Amphi Festivals.

Die Auftritte von Nachtmahr verteilen sich hingegen inkl. des fĂŒr 2015 bereits bestĂ€tigten Gigs lediglich auf Amphi Festival und M’era Luna, wĂ€hrend das Blackfield Festival von einer Verpflichtung dieser (und offensichtlich auch anderer) „umstrittenen“ Formation bisher Abstand genommen hat. Ansonsten wĂ€re die Band um Thomas Rainer womöglich der meistgebuchte Act ĂŒberhaupt.

Das Blackfield Festival zeichnet sich zunĂ€chst einmal aufgrund der EinzelbĂŒhne durch weniger Bands und als HeimspielstĂ€tte fĂŒr [:SITD:] aus und auch die Deathstars sind hier besonders gerne gesehene GĂ€ste, wĂ€hrend ASP sein Gros an Auftritten in Hildesheim ablieferte und auch 2015 dort die BĂŒhne wieder entern wird. Weitere Favoriten des M’era Luna sind The Beauty Of Gemina, Heimataerde, In Extremo und vor allem Lacrimas Profundere mit 4 von 5 ihrer Auftritte.

GrĂ¶ĂŸtes Plus des M’era Luna sind ganz sicher die großen Headlinerpositionen, denn anders als zumeist ihre Konkurrenten ĂŒberraschen sie ihre Besucher auch des Öfteren mit Headlinern jenseits des Tellerrands wie The Prodigy, Placebo oder Hurts und sind bisher wohl am ehesten in der Lage, solche Auftritte oder die von Marilyn Manson, Within Temptation und Co. zu stemmen.


MÖGLICHE LÖSUNGSANSÄTZE

Solange die Festivals ausverkauft sind, dĂŒrften sich die Frage nach LösungsansĂ€tzen bei den Festivalbetreibern selbst nur bedingt stellen und trotzdem bin ich mir sicher, wĂ€re es so einfach, eine Lösung zu finden die sowohl das kaufmĂ€nnische Interesse der Festivals, als auch die zukĂŒnftige Entwicklung der Szene fördert, hĂ€tten die verantwortlichen Experten diese sicher lĂ€ngst gefunden.

Gerade beim Amphi Festival bin ich angesichts des bevorstehenden Umzugs in den Lanxess Eventpark inkl. Lanxess Arena (wir berichteten) gespannt, wie sich dies weiter entwickeln wird. Vielleicht erlaubt ihnen die (vermutlich) erhöhte ZuschauerkapazitĂ€t gepaart mit dem Ruf der Arena die Chance, zukĂŒnftig ebenfalls mit besonderen Headlinern aufzuwarten.

UnabhĂ€ngig davon wage ich es aber zu bezweifeln, dass die meisten Zuschauer tatsĂ€chlich nach einem Line-up lechzen, das ihnen auf zwei oder gar mehr BĂŒhnen so viele bekannte Acts bietet, dass sie kaum zum Atmen kommen, denn wer will denn schon einen namhaften Act verpassen wenn er quasi dafĂŒr bezahlt hat? Hier habe ich das Blackfield Festival stets als eine interessante Mischung aus Event und Entspannung erlebt, auch wegen des speziellen Ambientes des Amphitheaters in Gelsenkirchen. Diese Form des EinbĂŒhnenkonzepts macht sicher aber nicht fĂŒr alle Events Sinn und Amphi bzw. M’era Luna Festival wĂŒrden wohl einen Teil ihrer IdentitĂ€t einbĂŒĂŸen, wenn sie dazu ĂŒberschwenken wollten, denn die Zielrichtung ist hier eine ganz andere. Vielleicht wĂŒrde es aber trotzdem auch bei ihnen zum Teil mehr Sinn machen, die Spielzeiten der einzelnen Bands bei Festivals wieder ein wenig zu verlĂ€ngern, ohne aber den Tourshows komplett das Wasser abzugraben. Das Amphi Festival geht da zum Teil schon in die richtige Richtung. Auf diese Weise wĂŒrde man fĂŒr Fans einen zusĂ€tzlichen Anreiz schaffen und trotzdem weniger Bands im oberen Line-up-Bereich benötigen, so dass die Auftritte wieder exklusiver erscheinen. Das M’era Luna Festival hat es in diesem Jahr ansatzweise vorgemacht, denn gerade bei den frĂŒhen Acts wurde hier fast komplett auf Überschneidungen verzichtet und so fĂŒr eine relaxtere Stimmung gesorgt. Wenn man ehrlich ist, sind solche Überschneidungen, gerade bei Acts aus dem Mittags- und frĂŒhen Nachmittagsbereich doch auch gar nicht notwendig, denn kaum jemand wĂŒrde sich hier beschweren, wenn die Mainstage mal 30-45 Minuten kalt bliebe. Schließlich gibt es auf den Festivals ja auch einiges jenseits der BĂŒhnen zu sehen und gerade wenn der Tag noch jung ist, lĂ€sst man es doch gerne auch mal etwas ruhiger angehen, stattet der HĂ€ndlermeile oder dem Mittelaltermarkt einen Besuch ab usw. Das wĂŒrde dann sicher auch den HĂ€ndlern und Gastronomen gefallen. Allerdings darf man sicher auch nicht außer Acht lassen, dass Einnahmen aus Festivalauftritten gerade bei grĂ¶ĂŸeren Acts sicher zu den Haupteinnahmequellen zĂ€hlen, sie also durchaus ein persönliches Interesse daran besitzen, möglichst oft vertreten zu sein, solange sie noch mehr oder weniger „heiß“ ist.

Trotzdem muss gesagt werden, dass ich gerade in diesem Jahr die Erfahrung gemacht habe, dass die Zuschauer beim und nach dem jeweiligen Festival stets Namen als Highlights genannt haben, die nicht unbedingt ausschließlich in den Bereich Headliner fallen. Kaum ein Name fiel im Zusammenhang mit dem Amphi Festival 2014 –abgesehen von Front 242 wegen der technischen Probleme- so hĂ€ufig wie der von Janus, eine Band die eher im „Mittelfeld“ des Billings stand, dafĂŒr aber eben nur hier zu sehen war. NatĂŒrlich kann man nicht beliebig viele exklusive Auftritte pro Jahr aus dem Hut zaubern, die Möglichkeit die auszubauen besteht aber sicher noch und wie sich zeigt, kann sich dies auch lohnen!

DAS „ERGEBNIS“

Kommen wir zur Ausgangsfrage zurĂŒck: Sind die Szenefestivals besser als ihr Ruf? Dazu gibt es von mir ein klares JEIN! Denn zum einen scheint der persönlich von mir wahrgenommene, schwĂ€chelnde Ruf tatsĂ€chlich ein gutes StĂŒck weit durch das persönliche Umfeld bedingt zu sein und nicht flĂ€chendeckend so wahrgenommen zu werden, zum anderen fehlen den Festivals derzeit wohl auch wirklich oft finanziell und terminlich realisierbare Headliner. Auf der anderen Seite hĂ€tten sie jedoch wie sonst wohl niemand in der Szene die Möglichkeiten, einem breiteren Publikum auch mal ein paar Geheimtipps nĂ€her zu bringen. Inwiefern das ihre originĂ€re Aufgabe ist sei zwar dahingestellt, der Szene schaden kann es auf lange Sicht aber sicher nicht, wovon dann auch wieder die Festivals selbst profitieren dĂŒrften!

Was denkt Ihr? Lasst es uns doch bitte auf unserer Facebookseite (die ihr natĂŒrlich gerne auch liken dĂŒrft) wissen, teilt diesen Link auf Facebook, Twitter und Co. und vielleicht entsteht dadurch ja der ein oder andere Ansatz um die Szenefestivals nachhaltig zu verbessern!

Geschrieben von
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