E-TROPOLIS FESTIVAL 2014 – Oberhausen, Turbinenhalle (22.02.2014)

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Kann der Pott oder kann er nicht gegen die Hauptstadt anstinken??? Eine Frage, die sich im Fußball bekannter weise ja gerade eher weniger stellt. In Sachen E-Tropolis Festival hingegen sicher schon eher. Eben dieses Festival ist im Jahr 2014 von Berlin nach Oberhausen gezogen, genauer gesagt in die Turbinenhalle. Gelungen oder nicht – genau das wird sich heute zeigen.
Bereits am Einlass das erste eindeutige Signal: eine lange Schlange schlĂ€ngelt sich ĂŒber den Parkplatz. Bestehend aus zahlreichen Menschen, schwarz gekleidet, in Tanzlaune und etwas frierend. Und auch hinter der Einlasskontrolle gibt es bereits zu dieser frĂŒher Stunde zahlreiche Indizien dafĂŒr, dass es ein wirklich guter Schachzug war in den Ruhrpott zu ziehen. Aber dies wird man wohl erst nach dem Festival wirklich sagen können.

Die ersten Töne in Oberhausen werden von Chrom durch die Boxen gejagt. Die DĂŒrener verstehen es schon ganz wunderbar – trotz kleinerer Technikprobleme – die ersten Besucher fĂŒr sich zu gewinnen. Gerade ihr kleiner Einblick in einen demnĂ€chst erscheinenden Song ĂŒberrascht und ĂŒberzeugt. Das Duo aus Thomas Winters und Chris Marquis besticht durch einen typischen dĂŒster-elektronischen Sound, der aber im Verlauf des Sets ein wenig an Fahrt einbĂŒĂŸen musste.

Durch eine wirklich ungeschickte enge Stelle gelangt man von der großen Halle in die hintere und kleinere Halle zu nĂ€chsten Act. Steinkind und ihr Electropunk gehen mĂ€chtig einprĂ€gsam in die GehörgĂ€nge. Gerade durch die so typische und einzigartige Stimmfarbe von SĂ€nger Sandro F. und die Texte, die immer ein wenig mit Humor zu verstehen sind, schaffen es die Leipziger wieder und wieder, das Publikum fĂŒr sich zu gewinnen. Aber nach ihrer 2006 veröffentlichten Single Deutschland brennt, die auch am heutigen Tag wieder einmal fĂŒr die meiste Stimmung sorgt und welche damals nur so in den Clubs in Deutschland rauf und runter lief, schafften es Steinkind irgendwie nicht, mehr aus dieser Single rauszuholen beziehungsweise schafften sie es leider nicht nachhaltig fĂŒr Erfolg zu sorgen. „Volk ist trĂ€ge“ wie es in dem bekannten Lied heißt ist definitiv nicht als Überschrift fĂŒr diesen Auftritt zu gebrauchen. Gerne mehr.

Gerne mehr lĂ€sst sich aber leider nicht auf X-RX ĂŒbertragen die eher verloren auf der großen BĂŒhne wirken. FĂŒr ein Duo sicherlich auch wenig verwunderlich. Typische Electrosounds dröhnen durch die große Halle. Ein paar wenige tanzende Besucher kann man hier ausfindig machen. X-RX gehören eher zu den Elekto-Bands, die man in die Schublade mit der Aufschrift „austauschbar“ stecken kann. Auch wenn Jan Teutloff und Pascal Beniesch durch ein stetes UmherhĂŒpfen auf der BĂŒhne und den stĂ€ndig auffordernden Gesten und Aufforderungen gen Publikum immer wieder den Kontakt zu den TanzwĂŒtigen vor der BĂŒhne aufnehmen, wirkt das Duo oftmals eher abgehetzt als spielfreudig.

Es mag vielleicht wirklich an der frĂŒhen Nachmittagsposition und der damit eingehenden Sonneneinstrahlung liegen, dass Xotox in der kleinen Halle fast gĂ€nzlich untergehen. Eine eher nicht vorhandene BĂŒhnenshow oder auch eine, die nicht zur Geltung kommt, schadet der doch eher unspektakulĂ€ren musikalischen Darbietung noch mehr. Auch eine „ein Frau Keyboard Show“ kann hier nicht wirklich mit ihren ĂŒberdimensionalen weißen Kopfhörer punkten. 

Eine große BĂŒhne die nicht wirklich viel in Beschlag genommen wird – so kann man wohl auch schön beschreiben, was so eine Elektroband ausmacht. Es bedarf nun mal nicht vieler Instrumente auf der BĂŒhne. So auch bei Faderhead, die mit When the Freaks come out richtig knackig anfangen. Zusammen mit seinen „Regler-BetĂ€tigern“ springt Mr. Faderhead permanent ĂŒber die BĂŒhne, versucht stetig die Meute in Tanzlaune zu halten. Dies gelingt ihm wirklich durchweg, auch wenn im Laufe des Sets der Sound etwas an Spritzigkeit einbĂŒĂŸen muss. Mag vielleicht auch der Tatsache geschuldet sein, dass Faderhead verdammt viel von ihrem aktuellen Album darbieten. Aber so manch ein gelangweilter Zuhörer dĂŒrfte dann mit Tanz Zwo Drei Vier mehr als ausgesöhnt sein.

Rein von den vorhandenen Instrumenten, Aufbauten oder auch Menschen auf der BĂŒhne gehören die MĂ€nner von Tyske Ludder eindeutig nicht auf die kleine BĂŒhne. ÜberflĂŒssig allerdings ist dieser eine kleine Kasten am MikrofonstĂ€nder von SĂ€nger Claus Albers. Kasten? Nicht ganz richtig – dieser kleine Kasten schimpft sich sicher „Tablet“, auf den man so fein schielen kann. Was auch immer dort zu lesen war, es stört mĂ€chtig den Gesamteindruck der kompletten Performance, die ansonsten mal wieder an Spritzigkeit und gesprochenen Spitzen nur so glĂ€nzte.

Die neue Elektro-Boygroup Aesthetic Perfection konnte hingehen auf der großen BĂŒhne leider eher nicht ĂŒberzeugen. Auch wenn die Jungs um Frontsau Daniel Graves wieder einmal ordentlich gefeiert werden, was aber wohl eher nicht an einer ĂŒberragender BĂŒhnenshow gelegen haben wird. Tonprobleme und oftmals sehr gleich klingende Songs machen einen Aesthetic Perfection Auftritt rein mit dem Gehör beurteilt eher zu einer langweiligen Hörnummer. Auch wenn vieles hier durch die Augen wieder wett gemacht wird, sollte dies nicht das Ziel einer Band sein, die Ernst genommen werden möchte. Charmant fĂŒr den Augenblick, aber sicher nichts fĂŒr die Ewigkeit. Eine Boyband mit Ablaufdatum, wenn hier nicht wieder etwas mehr auf die Musik bei Auftritten geachtet wird.

Dirk Ivens kommt wirklich mit dem Nötigsten aus und das ist im Fall von Dive er selbst. Keiner zelebriert die Einsamkeit so eindrucksvoll wie eben dieser Belgier. Zusammen mit dem nicht enden wollenden „Strobo-Licht“ beschlagnahmt Dirk Ivens die BĂŒhne. Eine sicher eher skurrile und stellenweise auch fĂŒr die Augen anstrengende BĂŒhnenshow, die ihre Wirkung vor der BĂŒhne aber keinesfalls verfehlte. True Lies oder auch Sidewalk Sinner verfeinerten die Dosis Dive ganz wundervoll.

Bereits beim Betreten der BĂŒhne wird Chris L. von Agonoize, der mal wieder als letzter die BĂŒhne betritt, frenetisch gefeiert. Ein altes Kirchenschiff als BĂŒhnenbild im RĂŒcken, klatschende und tanzende Menschen vor sich, aus den Boxen dröhnen Kinderstimmen gleich eines Kirchenchors und Frontsau Chris selbst eingepackt in einen ĂŒberdimensionalen Maulkorb. Eine wirklich agonoizewĂŒrdige Show, die sich auch durch das gesamte Set zieht. Ob Staatsfeind, Blutrausch oder auch Bis das Blut gefriert, Agonoize fĂŒhren ihre JĂŒnger gekonnt durch das energiegeladene und vor Blut trotzende Set. Gierig strecken die ersten Reihen immer wieder lĂŒstern die Arme nach vorne, um von Chris durch einen Schwall Blut erlöst zu werden. Einziges wirkliches Manko ist, dass Agonoize so langsam mal wieder neues Material durch die Boxen schremmeln sollten. Die Zeit dafĂŒr ist reif! Mehr als reif.

Setlist Agonoize:
01. A King returns
02. I am
03. I against me
04. Staatsfeind
05. Opus Dei
06. Bis das Blut gefriert
07. Vollrauschfetischist
08. Kind der Nacht
09. Glaubenskrieger
10. Femme Fatale
11. Schaufensterpuppenarsch
12. Paradox
13. Pornomagcenterfold
14. Koprolalie

Als besonderes Highlight vom E-Tropolis Festival 2014 kann man ganz sicher die Band PouppĂ©e Fabrikk nennen. Eine Band, die man nicht oft sieht, die ihre Hochzeit schon vor einigen Jahren hatte und die dennoch einen ganz besonderen Charme versprĂŒht. Womöglich weil sie so gar nicht typisch Elektroband aussehen. Gerade Frontmann Henrik Björkk mit Vollbart und hellem Straßenoutfit fĂ€llt hier im Gegensatz zu den anderen SĂ€ngern doch sehr aus dem schwarzen Konzept. Die krĂ€ftigen EBM-Beats und ein Barrikaden einreißender Henrik bringen ordentlich Stimmung in den kleinen Saal. Ein charismatischer Auftritt der im GedĂ€chtnis bleibt und definitiv nach Wiederholung schreit.

Wo genau die Unterschiede zwischen Rabia Sorda und Hocico liegen kann man sicherlich nicht an SĂ€nger Erk Aicrag ausmachen. Eben dieser Erk versuchte wieder einmal einen neuen Streckenrekord auf der BĂŒhne aufzustellen, wofĂŒr er allerdings nicht wirklich belohnt wird. Eher zaghaft bewegen sich die Körper in der Turbinenhalle zu dem Aggrosound von Hocico. Sicherlich auch stellenweise der Austauschbarkeit der Songs geschuldet, die einen einfach mehr als ĂŒberrollen. Mit Bite me, Dead trust oder auch Forgotten Tears gab es auch musikalisch gesehen keine Überraschungen.

So mancher wird beim Anblick der gesamten Band Apoptygma Berzerk gedacht haben „oh, eine Gitarre – ich sehe eine Gitarre“. Eben diese hatte sich Angel, der zeitweise mal nicht in der Band mitwirkte, um den Hals gehĂ€ngt. Trotz all der bandinternen Wechsel oder auch schon mal des ein oder anderen stilistischen Soundwechsels, blieben Apoptygma Berzerk jedoch immer glaubhaft. An diesem Abend in der Turbinenhalle in Oberhausen schmetterten die Norweger ein atemraubendes und schweißtreibendes Oldschool Set durch die Boxen. Keine wĂŒnschen bleiben hier unerfĂŒllt. Ob es nun Kathy’s Song, Love Never Dies, Unicorn, Until the end of the World oder auch das recht neue Major Tom Cover war, Apoptygma lassen dabei fast jede HĂŒfte kreisen und so manches Herz schneller schlagen. Das ein Set auch ohne viel Schnick-Schnack funktioniert bewiesen die Mannen um Stephen L. Groth verdammt eindrucksvoll. Ein Auftritt der auch gerne der Letzte des Abends hĂ€tte sein können.

Diesen letzten Auftritt des Abends durften jedoch Die Krupps bestreiten. Eine Band, die wirklich schon lange auf hohem Niveau unterwegs ist und somit dieser Position mehr als wĂŒrdig war. Gerade ihre aktuelle neue Scheibe The Machinists of Joy lĂ€sst sĂ€mtliche EBM Herzen höher schlagen. Reichlich Videokameras hatten Die Krupps im GepĂ€ck, um diesen heutigen Auftritt fĂŒr die Nachwelt auf DVD zu pressen. Und hier muss man ganz klar sagen, dass dies wohl eher eine unspektakulĂ€re Filmdarbietung werden wird. Bis auf SĂ€nger JĂŒrgen Engler passierte eher so gar nichts auf der BĂŒhne. Und auch die Lichtshow ließ zu wĂŒnschen ĂŒbrig. Nichtsdestotrotz haben Die Krupps ihre AnhĂ€nger fest im stampfenden Schritt gefangen. Dawning of Doom oder auch Blick zurĂŒck im Zorn – welcher eindrucksvoll als Opener des gesamten Sets genommen wurde, waren schon die Highlights des Sets, wobei dies jeder fĂŒr sich sicher anders sehen wird.

Setlist Die Krupps:
01. Blick zurĂŒck im Zorn
02. Dawning of Doom
03. Risikofaktor
04. Im falschen Land
05. Essenbeck
06. Amboss
07. The Machinists of Joy
08. Part of the machine
09. IndustriemÀdchen
10. Schmutzfabrik
11. Robo Sapien
12. Metal Machine Music
13. To the Hilt
14. Nazis auf Speed
15. Fatherland
16. Machineries of Joy (z)
17. Crossfire (z)

Ja, der Pott kann gegen Berlin anstinken. Aber gewaltig. Das E-Tropolis Festival 2014 kann fĂŒr sich einen gelungen Umzug verbuchen, der sich sicherlich auch in Zukunft auszahlen wird.

Wir haben fĂŒr euch eine Bildergalerie zum Festival zusammengestellt, die ihr hier oder durch Anklicken der Bilder erreichen könnt:

Bildergalerie: E-TROPOLIS FESTIVAL 2014 in Oberhausen (22.02.2014)

Fotos: Michael Gamon

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Weitere Fotos des Events gibt es hier

Geschrieben von
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