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MERA LUNA, Tag 2 – Hildesheim, Flugplatz Drispenstedt (09.08.2026)

IAMX at M’era Luna 2026 © Sandro Griesbach

Hildesheimer Hitzeschlacht in Schwarz, Teil zwei. 33 Grad – da kommt beim Durchschnitts-Goth doch Freude auf! Muahahaha. Einige Stunden, bevor die UV-Strahlung so richtig durchschlagen sollte, begannen wir den zweiten Mera Luna-Tag mit einem Vortrag von Lydia Benecke. Die Kriminalpsychologin und Straftätertherapeutin informierte über die Verflechtungen in der Geschichte „Wuthering Heights“, die kürzlich in einer neuen Verfilmung die Leinwände der Welt eroberte. Die 45 Minuten im proppevollen Hangar vergingen wie im Flug und Benecke erklärte in gewohnt charmant-witziger Art, warum man dem Originalroman aus dem 19. Jahrhundert unbedingt den Vorzug gegenüber des 2026er-Films von Emerald Fennell geben sollte. Es sind Happenings wie diese, die Festivals einen besonderen Charakter geben – für die Fashion Shows, die Workshops, den alljährlichen „Crypt Talk“ oder auch die kleinen aber feinen Auftritte verschiedener Spielleute auf dem Mittelaltermarkt gilt dasselbe.

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Herzstück des Mera Luna bleibt aber natürlich das Live-Programm auf Main und Club Stage. Dank einer kleinen Verzögerung bei Lydias Vortrag verpassten wir die ersten zwei Musikacts Final Selection und Synthattack. Los ging es also mit Sotiria. Die hat vor wenigen Jahren noch lupenreinen Schlager gesungen und damit bei vielen Goths nicht gerade den leichtesten Stand – wie leider auch zahlreiche unverschämte und beleidigende Kommentare während des Arte-Youtube-Livestreams einmal mehr zeigten. Nun will die frühere „Eisblume“ wieder in der schwarzen Szene Fuß fassen und wurde vom Team um Henning Verlage und Justin Balk mit offenen Armen empfangen. Wem diese Namen nichts sagen, dem sei gesagt: Die Herren kümmern sich bevorzugt um Produktionen und Co-Songwriting bei Acts wie Eisbrecher, Unheilig, Bülent Ceylan oder Joachim Witt. Entsprechend dort lässt sich auch Sotiria verorten, die viele Stücke ihres aktuellen Albums „Meine Liebe ist Gift“ spielte. Live übrigens mit besagtem Justin Balk an der Gitarre und Eisbrecher-Mitglied Rupert Keplinger am Bass. Die Performance? Selbstbewusst und stimmstark. Vor dem Titelsong, eigentlich eine Kollabo mit Alexander Wesselsky, kündigte sie an: „Hier sind sowieso immer genug Männer auf der Bühne, also mache ich den jetzt einfach mal alleine“ . Das Gleiche gilt für „Weiß wie Schnee“, eigentlich zusammen mit Peter Heppner aufgenommen. Sotiria bewegte sich dabei gerne auf den von Saltatio Mortis mitgebrachten Steg im Foto&Security-Graben, den alle Hauptbühnen-Bands am Sonntag nutzen durften, um dem Publikum etwas näher zu kommen. Zum Ende sollten die Fans dann noch die unvermeidliche „Eisblume“ auf die Ohren bekommen (Zitat Sotiria: „Das Cover spaltet manche Leute, aber Subway To Sally freuen sich immer, wenn sie sehen, wie zu ihrem Lied gefeiert wird.“) und mit „Tanzen Richtung Untergang“ setzte ein kraftvoller Uptempo-Track den Schlusspunkt. Gute Werbung in eigener Sache für die Clubtour im Oktober!

Die unselige „Goth oder nicht Goth genug“-Diskussion hätte man einige Meter an der Club Stage auch führen können. Seltsamerweise tut dies bei Acts wie Eisenfunk aber fast niemand. Was ist an Tracks wie „Super Action Handlungsheld“, zu dem Schauspieler in Superman-, Batman- und Deadpool-Kostümen über die Bühne hüpfen, bitte Goth? Vom ewigen Überhit „Pong“, der mit seinen 35 Millionen Aufrufen bei Youtube gefühlt größer ist als die Szene, mal ganz zu schweigen. Das ist gut ausproduzierter Techno-Trance-Sound mit kraftvollen Vocals, der einfach Spaß macht. Nicht mehr und nicht weniger. Und genau deswegen ist es auch gut so, dass die Truppe um Michael Mayer nach mehr als zehn Jahren Pause wieder da ist und hier und dort ein paar Auftritte spielt. Voll war es zur frühen Mittagsstunde vor der Club Stage, der Applaus verdientermaßen lautstark. Nur „Super Space Invaders“ hätte gern noch im Set sein dürfen.

Zeitgleich lieferten Stahlmann auf der Hauptbühne ihr typisches NDH-nach-Schema-F-Set, spannender da schon die Rückkehr einer weiteren lange Zeit verschollenen Band. Jesus on Extasy verzeichneten Ende der 2000er-Jahre mit Songs wie „Assasinate Me“ oder „Neochrome“ einige Achtungserfolge und durften zweimal beim Mera Luna auftreten. Anfang der 2010er brach die Industrial-Rock-Formation aber auseinander und wurde erst im Vorjahr von Frontmann Dorian Deveraux wiederbelebt. Weitere Mitglieder von damals sind nicht mehr mit dabei – dem Spaß sollte dies aber keinen Abbruch tun. Mit einem herzlichen „Was geht, Gang? Schön, nach 17 Jahren wieder hier zu sein“ begrüßte der Sänger die Fans. Die Setlist beinhaltete bevorzugt Songs des Comeback-Albums „Between Despair And Disbelief“, die Genre-Fans gut reingehen müssten. Für einen ungewollten Lacher sorgte Dorian während „Wide Awake“, als er mitten im Song kräftig ausrutschte, dabei aber das Mikro festhielt und in einer Mischung aus Halbspagat und Liegeposition einfach weiter sang. „Das war total Absicht“ , sagte er schelmisch. Ähm, nein, war es nicht. Dafür aber lustig. Am Ende gab es mit besagtem „Assassinate Me“, „Alone“ und „Neochrome“ noch drei Klassiker vom Debütalbum „Holy Beauty“, danach lauten Applaus und ein Versprechen, „dass es nicht wieder 17 Jahre bis zum nächsten Mal dauern wird.“ Da hoffen wir drauf. Vorab hoffen wir aber vor allem, dass die lange geplante gemeinsame Tour mit KMFDM im März 2027 nach zweimaliger Verschiebung endlich stattfinden kann. Daumen drücken für Sascha Konietzkos Gesundheit!

Durchaus ärgerlich war für Industrial-Rock-Liebhaber die Überschneidung mit den musikalisch ähnlich gelagerten Skynd. Der True-Crime-beeinflusste Sound hat einfach etwas Packendes und Einzigartiges – in sengender Mittagshitze auf der großen Bühne wie im klimatisierten Club. Immer gerne wieder! Das gilt auch für Then Comes Silence. Niemand schreibt im 21. Jahrhundert schönere, schnörkelosere Gothrock-Songs als die Schweden um Sänger Alex Svensson. Die sind mittlerweile wieder zum Quartett angewachsen, neu am Keyboard ist niemand Geringeres als Agent-Side-Grinder-Tastenmann Johan Lange. Mit Recht kündigte Svensson den neuen Song „Feed The Beast“ vom im Oktober erscheinenden Album „Requiem Ballroom“ mit den Worten „Den können wir nun spielen, jetzt wo wir Johan haben“ an. Gleiches gilt für das auf einer eingängigen Synth-Melodie basierenden zweiten neuen Track „Judgement Day“, der beim Mera Luna Live-Premiere feierte. Abgesehen davon gab es ein lupenreines Best-of-Set, bei dem das mit einem sagenhaft guten Riff ausgestattete „Strangers“ die lautesten Reaktionen zog.

Svensson machte zudem eine treffende Feststellung: „This here is the best spot at this festival with the nice ceiling.“ Ja, die breite runde Überdachung der Club Stage bewahrte bei nunmehr 33 Grad wohl so manch Gast vor dem hitzebedingten Umkippen. Der Ausgewogenheit dieses Artikels zuliebe hieß es dann aber mal wieder: zurück zur Hauptbühne! Da standen die nächsten skandinavischen Goth-Rocker auf der Bühne.  Und The 69-Eyes-Sänger Jyrki ließ es sich selbst bei dieser Hitze nicht nehmen, im schicken schwarzen Sakko aufzutreten. Der Mann lebt den Scheiß! In Sachen Setlist gab es ausreichend Festival-taugliche Klassiker, die schon 20+ Jahre auf dem Buckel haben – von „Feel Berlin“ über „Dance d’Amour“ bis zum unvermeidlichen „Lost Boys“. Runde Sache, das. Auch L’Âme Immortelle setzten im Anschluss bevorzugt auf Altbewährtes und die großen Hits der auch kommerziell erfolgreichen „Gezeiten“-Ära Mitte der 2000er-Jahre.

Unterdessen gab’s nebenan Dark Wave von Clan of Xymox und Future Pop von Neuroticfish, bevor Aesthetic Perfection leider zunächst mit einigen Tonproblemen zu kämpfen hatten und hinten raus zwei Songs streichen mussten. Für „Summer Goth“ blieb aber immerhin Zeit – für Tage wie diese hat der in ein weiß-buntes Strandhemd gewandete Daniel Graves das Stück vermutlich geschrieben. An Energie mangelte es allerdings nicht – der Wahl-Österreicher und seine Band gaben sichtbar ihr Bestes.

Qualitativ gehörte der Sonntagnachmittag aber vorrangig einer Person. Floor Jansen kehrte nach elf Jahren zum Mera Luna zurück. War die Holländerin seinerzeit mit Nightwish auf dem Headliner-Slot geparkt, gab es nun eine knappe Dreiviertelstunde ab 16.30 Uhr. Die wurde aber bestmöglich genutzt. Um’s kurz zu machen: Diese Frau singt alles und jeden an die Wand! Mal zärtlich, mal kraftvoll, stets bombensicher mit ganz viel Ausdruck. Eine Wohltat für den Ohren. Dazu gab es sympathische Zwischenansagen („The sun is sneaking at us like a litte motherf****er“ / „My make-up is running down badly …but that’s a first world problem, right? „) und eine sehr ausgewogene Setlist. Zwei Stücke vom ersten Soloalbum „Paragon“, zwei vom kommenden neuen Album, das Floors Aussagen zufolge bald terminiert und 2027 auch von einer Deutschland-Tour begleitet wird, je ein Song ihrer alten Bands ReVamp und After Forever und – darüber freuten sich viele Anwesende sicher besonders – gleich drei Nightwish-Kracher. Spätestens beim Doppelpack aus „Amaranth“ und „Nemo“ sprang sicher auch beim letzten Betrachter der Funke über. Ein großartiger Auftritt, ein absolutes, wenn nicht das Highlight dieses Festivals!

Lacrimosa – endlich wieder mit der wieder genenesen Anne Nurmi am Mikro, wie schön – kniffen wir uns danach. Der Sinn stand doch eher nah griffigem Industrial Rock. Und eigentlich, wie bereits in diesem Text weiter oben erwähnt, hätte es nun nach neun langen, zehrenden Jahren endlich zum großen Comeback von KMFDM kommen sollen. Gut, mit den Krupps konnte immerhin ein stilistisch passender Ersatz gefunden werden. Mit dem zurückgekehrten Marcel Zürcher an der Gitarre spielte die Kultband aus Düsseldorf quasi exakt dasselbe Set wie bei jeder Show der vergangenen zehn Jahre. Wer das Treiben der Truppe um die Ur-Mitglieder Jürgen Engler und Ralf Dörper sonst nicht zu intensiv verfolgt, freute sich über einen energischen Auftritt mit fast allen wichtigen Hits der vergangenen 35 Jahre von „Machineries of Joy“ über „Metal Machine Music“ und „To The Hilt“ bis hin zum „Amboss“ und der „Schmutzfabrik“. Hier gabs wirklich nix zu meckern – es sei denn, man ist Die-Hard-Fan, der sich die Rückkehr des einen oder anderen seltener gehörten Song ins Liveset wünscht. Die Gangart war derart energisch, dass es Zürcher beim abschließenden „Bloodsuckers“ gar fertig brachte, sich mit seinen Gitarrensaiten im Mikrofonkabel zu verheddern. So etwas sieht man auch nicht alle Tage. „Unsere erste Tour mit DAF ist nun 45 Jahre her. Die Maschine läuft noch immer und ist nicht totzukriegen„, verkündete Engler mit Recht stolz – und schickte auch liebe Genesungsgrüße zu KMFDM nach Hamburg.

„Erste Tour 45 Jahre her“ kommt ungefähr auch bei OMD hin – wenngleich die Briten noch drei Jahre früher anfingen, wenn wir es ganz genau nehmen. Im Rahmen ihrer „Summer of Hits“-genannten Europa-Tour machten Andy McCluskey, Paul Humphreys & Co. auch beim Mera Luna Halt. Mit dem smarten Schachzug, einen ihrer größten Hits namens „Electricity“ direkt an zweiter Stelle zu spielen, lockerten OMD direkt mal die Tanzbeine der Alt-Goths bei nun langsam aber sicher abschwellender Hitze. Gänsepelle bei „Maid of Orleans“, später Partystimmung bei „Locomotion“ und natürlich dem abschließenden „Enola Gay“. Die Synthiepopper versprühen auch nach fast fünf Dekaden noch eine unverwechselbare Aura. Wer zufällig im Westen Deutschlands wohnt oder einen Trip nicht scheut, dem sei das Tourabschlusskonzert am 1. September im Rahmen des Zeltfestivals Ruhr an der Stadtgrenze Bochum-Witten wärmstens empfohlen.

Wie Electropop ebenfalls klingen kann, zeigte sich im Anschluss beim Headliner an der Club Stage: Druckvoller, intensiver und vor allem: sexuell aufgeladener. Chris Corner, Aux Animaux und Jon Siren, besser bekannt als IAMX, lieferten einmal mehr eine ganz spezielle Art von Peep Show. Softpornöse Videoeinspielungen, spärlich bekleidete Bandmitglieder, Corner in glitzernder Fetischmaske und Songs wie „Sailor“, „The X ID“ oder „Aphrodisiac“, denen ohnehin schon eine gewisse Laszivität innewohnt – das alles gab es auf Augen und Ohren. Chris fragte die Crowd mittendrin „Are you living your best life?“ – um den verhaltenen Reaktionen ein entschlossenes „I demand it! Exercise that skill!“ entgegenzusetzen. Zwischendurch legte sich das IAMX-Mastermind noch mit der Technik an („Turn the f***in‘ frontlights off! „) und widmete den Klassiker „The Alternative“ seinem erst wenige Wochen zuvor verstorbenen Vater. Mit dem pumpenden „No Maker Made Me“ ging das Mera Luna 2026 an Bühne zwei zu Ende. Wer dabei war, sah einen mitreißenden Auftritt voller Emotion und Hingabe, IAMX untermauerten einmal mehr ihren Sonderstatus in der Szene.

Den umjubelten Schlusspunkt auf der Mainstage setzten Saltatio Mortis. Sänger Alea bewies dabei Entertainer- und Storyteller-Qualitäten. Er sprach über den schicksalshaften Tag „vor 26 Jahren, als ich diesen Typen auf einem Mittelaltermarkt in die Arme gelaufen bin und wir ins Gespräch kamen, weil wir einem Dudelsack vom selben Instrumentenbauer hatten.“ Auch erinnerte er an den ersten Auftritt der Band beim Mera Luna anno 2004. „Es war mittags, die Sonne knallte, ein paar von Euch waren da.“ Jetzt waren es ein paar mehr. Es ergibt zweifellos spektakuläre Bilder, wenn weit mehr als 10.000 Fans zum „Spielmannsschwur“ im Takt mit den Armen wehen oder zu „Vogelfrei“ den vielleicht größten Circle Pit der Festivalgeschichte öffnen. „Damals auf den Mittelaltermärkten sagten uns alle, dass es mit unseren Plänen nicht funktionieren würde. Jetzt schaut euch um, wie gut es funktioniert hat.“ Jep, hat es. Zu Hymnen wie „Loki“, „Prometheus“ oder „Wo sind die Clowns“ pfefferte es auch noch jede Menge Pyro – es war ja den ganzen Tag über schließlich noch nicht warm genug. Ein würdiger Abschluss für das Mera Luna 2026.

Vom einen oder anderen Makel in Sachen Soundqualität und den auf Festivals ewig unverschämten Gastropreisen mal abgesehen erlebten 25.000 Fans in Hildesheim also einmal mehr ein erfüllendes Wochenende. Viele von ihnen werden 2027 wiederkommen. Erste Bands stehen auch schon fest – für Vorfreude bitte hier klicken. 😉

Weitere Fotos findet Ihr in unseren Galerien:

Fotos: M’ERA LUNA 2026 – Bands -MainStage- Sonntag (09.08.2026)

Fotos: M’ERA LUNA 2026 – Bands -ClubStage- Sonntag (09.08.2026)

Fotos: M’ERA LUNA 2026 – Impressionen Sonntag (09.08.2026)

MERA LUNA, Tag 1 – Hildesheim, Flugplatz Drispenstedt (08.08.2026)

 

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