Manchmal entstehen die spannendsten Abende genau dort, wo ursprünglich etwas ganz anderes geplant war. Als das Unity Festival in der Oberhausener Turbinenhalle abgesagt werden musste, standen nicht nur Fans plötzlich ohne Festival da – auch mehrere bereits angekündigte Acts hatten den 19. September fest in ihren Kalendern stehen. Doch statt den Termin einfach verstreichen zu lassen, entstand kurzerhand eine Alternative: Das Cold Temple Festival V holte IAMX, Auger, Blackbook und IAmImperfect in den intimeren Kulttempel und machte aus der Notlösung eine Electronic Edition mit ganz eigenem Charakter.
Vier internationale Acts, kurze Umbaupausen und eine Bühne, auf der sich Instrumente, Technik und Leinwände dicht an dicht drängten, rückten Musiker und Publikum noch näher zusammen. Dazu kamen Fans aus verschiedenen Ländern: Gerade IAMX hatten einige von ihnen nach Oberhausen gelockt, während auch Blackbook Unterstützung aus den Niederlanden mitgebracht hatten. Statt Distanz entstand so von Beginn an jene unmittelbare Nähe, die einem solchen Abend ihren ganz eigenen Reiz verleihen kann.
Und vielleicht lag gerade darin der besondere Reiz dieser fünften Cold-Temple-Ausgabe: Was ursprünglich als Reaktion auf eine Absage entstanden war, bekam im Kulttempel plötzlich eine eigene Identität. Ob sich das hochkarätige Ersatzprogramm am Ende tatsächlich als mehr als nur ein Plan B erweisen würde, mussten nun vier sehr unterschiedliche Acts zeigen. Mit einer kleinen Verzögerung öffneten sich an diesem Abend die Türen des Kulttempels. Wer früh dran war, bekam sogar noch einen Teil des Soundchecks von IAmImperfect mit – und kurz darauf eine Szene, die beinahe schon sinnbildlich für die angenehm entspannte Atmosphäre des Abends stand. Vor der Bühne wurde zunächst per Absperrband ein schmaler Graben von vielleicht 50 Zentimetern Breite angeordnet. Kaum war das Publikum pflichtbewusst ein Stück zurückgewichen, verschwand das Band samt des Abstandes auch schon wieder. Die Hintergründe blieben rätselhaft, der Unterhaltungswert dafür umso größer.
Viel Bewegungsfreiheit wartete wenig später auch auf der Bühne nicht. Zwischen dem bereits aufgebauten Equipment der vier Acts blieb in der Mitte gerade einmal eine etwa zwei Meter breite Lücke – und die gehörte um 19:30 Uhr IAmImperfect. Die Band aus Sheffield befindet sich hierzulande noch ganz am Anfang und war erst wenige Tage zuvor im Rahmen der gemeinsamen Tour mit Auger in Deutschland unterwegs gewesen. Dass Sänger Paul Jackson an diesem Abend ausgerechnet ein Auger-Shirt trug, wirkte beinahe wie ein kleines Symbol dafür, wie gut diese Verbindung bereits funktionierte. Musikalisch brauchte das Duo jedenfalls kaum Anlaufzeit. Schon mit „Surviving Is Not Living“ gelang ein erstaunlich souveräner Einstieg. Der Song stammt von der im Mai veröffentlichten EP „Ghosts“, auf der IAmImperfect immer wieder den Unterschied zwischen bloßem Funktionieren und wirklichem Leben ausloten. Eingängige Synthflächen trafen auf Gitarren, klare Melodien auf einen modernen elektronischen Unterbau – catchy, professionell und unmittelbar genug, um auch jene mitzunehmen, die IAmImperfect zuvor vermutlich noch nie gehört hatten. Bereits beim ersten Song wurde mitgeklatscht.
Bei „Conversion Therapy“ wechselte Paul zwischendurch an ein kleines Standkeyboard und zog sich stärker in den Song zurück. Mit geschlossenen Augen sang er konzentriert und gefühlvoll, während Kelly Dorset an der Gitarre mit deutlich routinierterem Auftreten und gekonnten Posen Akzente setzte. Mit „Malediction“ folgte ein noch unveröffentlichter Neuzugang, der sich erstaunlich selbstverständlich zwischen die bereits bekannten Stücke schmiegte. Bei „The Fallen“ begann Paul schließlich, den begrenzten Bühnenraum zunehmend offensiver zu nutzen. Vorsichtig arbeitete er sich an Instrumenten und Equipment vorbei, winkte lachend den Fans am Bühnenrand zu und wurde mit jedem Song sichtbar lockerer. Besonders aufhorchen ließ „Old Wounds“. Der Song kreist um alte Verletzungen, innere Dunkelheit und den Versuch, sich aus ihr wieder herauszuarbeiten – und ausgerechnet hier zeigte Pauls Stimme neue Facetten. Zwischen seinem sonst glasklaren Gesang blitzten angeraute, beinahe harsche Vocals auf, die dem Stück zusätzliche Intensität verliehen. Dieser Kontrast stand IAmImperfect ausgesprochen gut und ließ erahnen, welches Potenzial noch in der weiteren Entwicklung der Band steckt. Zum Ende hin bedankte sich der Fronter herzlich bei Pluswelt Promotion, dem Kulttempel, der Crew und ausdrücklich auch bei den Gästen, die so früh gekommen waren, um einer hier noch weitgehend unbekannten Band ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Mit „Static & Feeling“ wurde es noch einmal etwas kantiger, während Paul mittlerweile deutlich gelöster agierte und versuchte, den wenigen freien Raum auf der Bühne für sich zu nutzen.
Nach rund 30 Minuten blieb vor allem eines hängen: IAmImperfect wirkten frisch, sympathisch und angenehm ungekünstelt. Nicht jede Bewegung saß bereits mit der Selbstverständlichkeit jahrelanger Bühnenerfahrung, doch genau darin lag ein Teil ihres Charmes. Zum Abschluss machte das Duo noch ein gemeinsames Foto mit dem Publikum – und hinterließ das Gefühl, hier einer Band begegnet zu sein, deren Weg gerade erst richtig beginnt. Anfang Januar kehren IAmImperfect gemeinsam mit Auger in den Kulttempel zurück. Es dürfte spannend werden zu sehen, wie viel sich bis dahin bereits verändert hat.
Setlist IAMIMPERFECT – Oberhausen, Kulttempel:
- Surviving Is Not Living
- Conversion Therapy
- Malediction
- The Fallen
- Old Wounds
- Static & Feeling
Weblinks IAMIMPERFECT:
Facebook: @iamimperfectband
Instagram: @imperfect.in.disarray
Blackbook – zwischen Fechtkunst und Tanzfläche
Pünktlich um 20:15 Uhr wurde es eine Spur theatralischer. Zu einem Intro betraten Albert den Dekker und Matthias Kräutli in Lederjacken und mit Fechtmasken die Bühne. Blackbook sind in der Schweiz beheimatet, Albert hat jedoch niederländische Wurzeln – und so waren an diesem Abend auch Freunde und Bekannte aus den Niederlanden nach Oberhausen gekommen. Arm in Arm präsentierten sich die beiden ihrem Publikum und eröffneten damit eine kleine Welt, deren Bildsprache ebenso unverkennbar zu Blackbook gehört wie ihr melodischer Synthpop. Ihre Masken sind dabei mehr als bloßes Accessoire: Schon rund um „Confessions Of The Innocent“ spielte die Band mit dem Bild eines Fechtkampfes zwischen Emotion und Melodie. Während Albert sein Gesicht bald zeigte, bewies Matthias hinter dem Schlagzeug deutlich mehr Leidensfähigkeit: Er sollte seine Maske tatsächlich das gesamte Set über tragen.
Mit „Nobody Loves You“ nahm das Spektakel Fahrt auf. Auf der Leinwand hinter dem Duo wechselten fortan passend zu den Songs die Visuals, immer wieder wurden auch Lyrics eingeblendet. Albert suchte dagegen vom ersten Moment an den direkten Kontakt nach vorn, klatschte gemeinsam mit der Menge und begrüßte den Kulttempel: „Hallo Oberhausen, schön, dass ihr da seid. Wir sind Blackbook aus der Schweiz.“ Dass es auf der Bühne längst ebenfalls heiß herging, zeigte sich wenig später ganz praktisch – Alberts Lederjacke musste weichen. „Different“ nahm als Midtempo-Nummer zunächst etwas Schwung aus dem Set, bevor „Suffer in Silence“ den unverkennbaren 80er-Einschlag wieder stärker nach vorne holte. Rundherum wurde längst mitgesungen, während Albert sich mit geschlossenen Augen von der Musik treiben ließ. Überhaupt funktionierte Blackbooks Synthpop an diesem Abend auffallend körperlich: Pulsierende Beats, große Melodien und eingängige Refrains wanderten unmittelbar in die Beine. Selbst wenn sich unter der glänzenden Oberfläche Melancholie verbarg, wurde Stillstehen zunehmend zur Herausforderung. Bei „Haunted Love“ genügte schließlich schon der Titel als Spielball zwischen Bühne und Saal: Albert gab „Haunted Love“ vor, das Publikum spiegelte es ihm zurück.
Spätestens bei „Out With A Bang“ hatte auch der Sänger jede Zurückhaltung abgelegt. Albert schüttelte wild den Kopf, tanzte losgelöst über die Bühne und wollte wissen: „Oberhausen, geht’s euch gut? Seid ihr bereit?“ Die Antwort folgte mit „Addicted“. Bewegung ging durch die Menge, Woohoo-Rufe wurden laut – und selbst Matthias begann hinter seinem Schlagzeug mitzutanzen. Dass Blackbook neben aller Inszenierung auch eine ausgesprochen humorvolle Seite besitzen, zeigte sich wenig später bei einer kleinen Publikumsumfrage. Wer war schon beim letzten Auftritt im April dabei? Wer erinnerte sich sogar noch an den Dezember? Und vor allem: Gab es auch diesmal Hexen im Saal? Mindestens eine hatte Albert bereits am Merchstand entdeckt – passend dazu warteten dort neuerdings „Beautiful Witch“-Shirts. Damit war die Überleitung zu „My Beautiful Witch“ perfekt. „Bewitch me, enchant me“ heißt es darin, während der Song mit Hexenromantik, Verführung und Verzauberung spielt. Albert unterstrich einzelne Textpassagen mit passenden Armbewegungen und machte aus dem ohnehin eingängigen Stück einen der charmantesten Momente des Sets.
Mit „Everybody Is A Nobody“ folgte einer jener Songs, bei denen Blackbook ihre besondere Stärke ausspielen: Hinter einem Refrain, der sich beinahe unverschämt schnell im Kopf festsetzt, lauert der kritischere Blick auf Selbstdarstellung, gesellschaftliche Widersprüche und die vermeintliche Bedeutung des Einzelnen. Im Kulttempel interessierte zunächst vor allem die unmittelbare Wirkung – der Song kam hervorragend an und hielt die Stimmung mühelos oben. Deutlich bissiger wurde es bei „Lab Rats“. Das Stück reduziert den Alltag auf die ernüchternde Endlosschleife „Work, eat, sleep – repeat“ und zeichnet den Menschen als Versuchstier eines Systems, in dem Funktionieren zum Selbstzweck geworden ist. Matthias verließ dafür zwischenzeitlich seinen Platz und übersetzte die harte Arbeit mit vollem Körpereinsatz in eine kleine pantomimische Einlage. Ein ebenso amüsanter wie treffender Kontrast zum gesellschaftskritischen Unterbau des Songs. „Normal“ stellte anschließend die Frage, ob überhaupt noch etwas zu spüren sei, bevor „You Are Strange“ das Anderssein endgültig zur Tugend erklärte. „Seid ihr strange?“, rief Albert in den Raum – und traf damit offensichtlich einen Nerv. Denn hinter dem eingängigen Synthpop steckt eine denkbar passende Botschaft: Anderssein nicht als Makel zu begreifen, sondern als etwas, für das niemand um Erlaubnis bitten oder sich entschuldigen muss. Der große Applaus sprach für sich.
Nach 45 kurzweiligen Minuten kündigte Albert schließlich „My Darkest Memory“ als letzten Song an. Noch einmal gingen die Arme nach oben, aus dem Publikum ertönte ein begeistertes „Hammer!“, bevor Matthias mit einem Drumsolo seinen eigenen Moment bekam. „Meine Damen und Herren in Oberhausen, bitte Applaus für den Mann mit der Maske“, forderte Albert – woraufhin sich der so Angesprochene artig verbeugte. Und dann schloss sich der Kreis: Auch Albert setzte die Fechtmaske wieder auf. Gemeinsam standen Blackbook schließlich so vor dem Publikum, wie sie 45 Minuten zuvor gekommen waren, und verneigten sich Arm in Arm. Ein stilvoller Abgang für einen Auftritt, der gezeigt hatte, warum die Schweizer längst nicht mehr nur auf eingängige Synthpop-Melodien setzen müssen. Zwischen Melancholie und Tanzbarkeit, Augenzwinkern und gesellschaftskritischen Untertönen hatten sie den Kulttempel gut im Griff.
Setlist BLACKBOOK – Oberhausen, Kulttempel:
- Intro
- Nobody Loves You
- Different
- Suffer In Silence
- Haunted Love
- Out With A Bang
- Addicted
- My Beautiful Witch
- Everybody Is A Nobody
- Lab Rats
- Normal
- You Are Strange
- My Darkest Memory
Weblinks BLACKBOOK:
Facebook: @blackbook
Instagram: @blackbook.music
Bandcamp: Bandcamp
Auger – mit jeder Faser
Mit dem nächsten Umbau erweiterte sich auch der Platz auf der Bühne – und das war dringend nötig. Schließlich gehört Kyle J. Wilson nicht zu den Frontmännern, die sich dauerhaft hinter ihrem Mikrofon verstecken. Um 21:20 Uhr kehrten mit Auger zudem alte Bekannte an genau jenen Ort zurück, an dem für uns 2023 alles begonnen hatte. Beim Industrial Pop Festival waren die Briten damals als weitgehend unbeschriebenes Blatt auf die Bühne gekommen – und als eine der größten Überraschungen des Abends wieder herunter. Seitdem kreuzten sich unsere Wege immer wieder und längst hat sich auch bei Auger einiges verändert. So hat sich im Live-Line-up einiges getan. Hinter einem akustischen Schlagzeug nahm Alex Platz, während seit diesem Sommer die gerade einmal 19-jährige Paula an der Gitarre dabei ist. Kyle selbst lebt mittlerweile in Berlin. Optisch blieb er dagegen einer alten Tradition treu: Zum schwarzen Kilt kombinierte er diesmal einen kurzärmeligen schwarzen Pullover, dessen Glitzersteine im Bühnenlicht funkelten.
„Where Do We Go?“ bedeutete Vollgas ab der ersten Sekunde. Elektronische Flächen, Rockgitarren und eine dieser großen Auger-Melodien trafen auf einen Kyle, der bereits durch die ersten Takte hüpfte. Auf der Leinwand erschienen die Lyrics, vor der Bühne war die Reaktion unmittelbar. „I wanna see all the hands. All the way to the back, to the merch. Are you with me?“ Jubel und Pfiffe lieferten eine klare Zusage. „Dark Clouds“ schob den elektronischen Anteil stärker nach vorn. Kyle wiegte die Hüften von einer Seite zur anderen und ließ sich mit zunehmendem Druck des Songs immer stärker von der Musik mitreißen. „Take my hand and don’t let go“ – diese wenigen Worte nahm er schließlich ganz wörtlich und griff strahlend nach den Händen, die sich ihm aus der ersten Reihe entgegenstreckten. Als der Jubel anschließend anstieg, legte er sich bedächtig eine Hand aufs Herz und schien die Reaktion kurz abzuspeichern.
Bei „Sound Of The Machine“ kam schließlich jenes tiefe Timbre zum Vorschein, das Auger seit jeher einen beträchtlichen Teil ihrer Wirkung verleiht. Dunkle Elektronik und Gitarrendruck schoben sich übereinander, während Kyle seine Songs mit jeder Faser seines Körpers zu spüren schien – und sie genauso performte. Genau diese Hingabe hatte uns bei der ersten Begegnung mit Auger so begeistert. An diesem Abend war sie wieder mit voller Wucht da. Die Rockversion von „Too Soon“ hielt die Ausgelassenheit hoch. Ganz ungefährlich war Kyles Bewegungsdrang allerdings nicht, denn einiges vom Equipment des späteren Headliners IAMX verwandelte die Bühne noch immer in einen kleinen Hindernisparcours. „We’re trying not to fall over. There’s a lot of things here. It’s very impressive“, kommentierte er die Situation lachend. Für „You Are By Nature“ brauche es nun allerdings reichlich Energie – und vor allem müsse gesprungen werden.
Und genau das wurde unumgänglich. Jetzt erwischte es endgültig auch die hinteren Reihen. Kyle sprang unaufhaltsam in die Höhe, die Menge zog mit und die Energie schien sich mit jedem Takt zu vermehren. Dabei stand die ausgelassene Livewirkung in bemerkenswertem Kontrast zum Text, der mit Wut, Zerstörung und Befreiung wesentlich düsterere Bilder zeichnet. Vor allem aber besaß der Song diese Melodie, die sich schon auf Platte festsetzt und live noch einmal wesentlich fetter aus den Boxen kam. Irgendwann war kaum noch auszumachen, wer hier eigentlich wen weiter antrieb.
„Pretty When You Cry“ nahm das Tempo anschließend zunächst etwas zurück. Elektronisch geprägtes Midtempo und Drumpads bestimmten den Anfang, ehe das Stück im Mittelteil überraschend rockig aufbrach. Dabei wanderte der Blick auch zu Paula an der Gitarre. Die gerade einmal 19-Jährige komplettiert erst seit diesem Sommer das Live-Line-up und bildete zum herumwirbelnden Kyle noch einen sympathischen Gegenpol: ruhig, konzentriert und ganz bei ihrem Instrument. Dass Kyle einer so jungen Musikerin die Möglichkeit gibt, mit Auger auf Tour Bühnenerfahrung zu sammeln, ist eine wunderbare Sache – und macht neugierig darauf, wie Paula mit wachsender Routine nach und nach noch mehr Raum für sich entdecken wird.
Denn dann kam er: „Libra“. Ausgerechnet jener Song, der bei unserer ersten Begegnung 2023 endgültig dafür gesorgt hatte, dass Auger für mich nicht länger irgendeine Band aus England waren. Schon damals entwickelte das Stück live eine enorme Dynamik, und drei Jahre später hatte es nichts von seiner Wirkung verloren. „Why can’t we align what we can’t see?“ Dann nahm sich die Instrumentierung zurück und überließ Kyle beinahe vollständig den Raum. Eindringlich führte er durch die leisen Sekunden des Songs, bis nur noch die Frage blieb, wo eigentlich alles schiefgegangen war. Und dann brach die Musik wieder los. Was eben noch eindringlich und beinahe intim gewirkt hatte, entlud sich plötzlich mit brachialer Wucht. Kyle tobte sich endgültig auf der Bühne aus und für einen Moment war sie wieder vollständig da: diese rohe Begeisterung, mit der Auger uns 2023 vollkommen unvorbereitet erwischt hatten. Manchmal braucht es eben genau diesen einen Song, um sich daran zu erinnern, warum eine Band einen einst so gepackt hat.
„My Guardian“ führte anschließend weit zurück zu den Anfängen. Kyle kündigte ihn als ersten Auger-Song überhaupt an, bevor das herrlich tanzbare Stück die Fans wieder in Bewegung versetzte. Zwischendurch stellte er seine Mitstreiter vor und ließ keinen Zweifel daran, wie gerne er zurück im Kulttempel war: „I love this venue so much and its wonderful people.“ Einen ganz anderen Zauber entwickelte wenig später „The Old Arcade“. 2024 hatten wir den Song an gleicher Stelle noch als unveröffentlichten Neuzugang erlebt, inzwischen ist er zum Titelstück des aktuellen Albums geworden. Kyle blieb ganz bei sich und schien zunächst vollkommen in den Song einzutauchen. Seine Stimme rückte nach vorn, warm, tief und voller Gefühl, und plötzlich hing der Kulttempel an seinen Lippen. Doch auch dieses Stück verweigerte sich der Ruhe auf Dauer. Schicht um Schicht wuchs die Intensität, bis sich die anfängliche Melancholie mit voller Wucht entlud und Kyle schließlich headbangend in der Musik versank. Wärme und Wucht, Gänsehaut und Entladung lagen hier erstaunlich nah beieinander. Für uns eines der weiteren Highlights dieses Sets.
Mit „Start Again“ und „Stress“ sank das zuvor enorme Energielevel anschließend etwas ab. Vielleicht sogar ein wenig zu deutlich, denn nach „Libra“ und „The Old Arcade“ fühlte sich diese Phase wie ein kleiner Bruch in der Dramaturgie an. Doch Auger hatten noch einen Trumpf in der Hinterhand. „Oxygen“. Schon bei unserer ersten Begegnung war diese sehnsuchtsvolle Hymne einer jener Auger-Songs gewesen, bei denen man sich wünschte, der Moment möge doch bitte ein wenig länger dauern. Auch diesmal legte die Band zum Finale noch einmal alles hinein. Kyles dunkle Stimme, die große Melodie, diese Mischung aus Melancholie und Aufbruch – „Oxygen“ bündelte noch einmal vieles von dem, was Auger live ausmacht. „Thank you so much. You’ve been so wonderful, I really appreciate it“, verabschiedete sich Kyle. Um 22:20 Uhr war nach einer Stunde Schluss, ein gemeinsames Foto mit dem Publikum durfte jedoch nicht fehlen. Lange müssen sich die Fans ohnehin nicht gedulden: Im Januar kehren Auger als Headliner in den Kulttempel zurück, IAmImperfect sind dann erneut mit von der Partie.
Vielleicht war es gerade dieser Abend, der uns noch einmal vor Augen führte, warum Auger 2023 an genau diesem Ort zu einer unserer großen Entdeckungen wurden. Zwischendurch, als sich die Band im Umbruch befand, war etwas von jener ungebremsten Leidenschaft in den Hintergrund gerückt, die uns damals so begeistert hatte. Doch 2026 ist sie längst wieder da. Kyle springt, tanzt, tobt, sucht die Nähe zum Publikum und verliert sich zugleich immer wieder vollkommen in seiner Musik. Auch im Kulttempel waren diese Spielfreude, Hingabe und Wärme vom ersten Song an zu spüren.
Setlist AUGER – Oberhausen, Kulttempel:
- Where Do We Go?
- Dark Clouds
- Sound Of The Machine
- Too Soon (Rock Version)
- You Are By Nature
- Pretty When You Cry
- Libra
- My Guardian
- So Pure
- The Old Arcade
- Start Again
- Stress
- Oxygen
Weblinks AUGER:
Webseite: auger.band/
Facebook: @AugerOfficial
Instagram: @auger.band
YouTube: AUGER Youtube Channel
IAMX – kontrolliertes Chaos in Reinform
Um 22:45 Uhr erlosch das Licht im Kulttempel. Pünktlich. Wer IAMX kennt, weiß: Das war bereits eine kleine Überraschung. Völlige Stille legte sich über den Raum, ehe unter Jubelschreien zunächst Gözde Düzer alias Aux Animaux am Bass und Jon Siren am Schlagzeug die Bühne betraten. Ihnen folgte ein weiterer Musiker an kleinem Keyboard und Drumpad. Moment mal – Daniel Armand? Tatsächlich stand der Sänger von JE T‘AIME diesmal nicht wie gewohnt als IAMX-Techniker hinter den Kulissen. Als Jon während der laufenden Tour aufgrund einer anderen musikalischen Verpflichtung bei einem Konzert verhindert war, war Daniel kurzerhand an Drumpads eingesprungen. Offenbar funktionierte diese spontane Erweiterung so gut, dass IAMX anschließend einfach zu viert weitermachten. Und so gehörte Daniel auch im Kulttempel ganz selbstverständlich zum Bühnenbild.
Einer fehlte noch. Chris Corner schlich sich beinahe spielerisch ins Geschehen – allerdings in einer Erscheinung, mit der unauffälliges Auftauchen praktisch unmöglich war. Sein Gesicht verschwand hinter einer kunstvoll ornamentierten Maske, aus der zwei lange, spitz zulaufende Ohren weit über seinen Kopf hinausragten. Dazu eine kurze schwarze Jacke mit voluminösen Ärmeln, Handschuhe und darunter kaum mehr als schwarze Unterwäsche unter einer Netzstrumpfhose: irgendwo zwischen Fabelwesen, Fetisch und düsterer Haute Couture. Auch Aux Animaux war längst Teil dieser ganz eigenen Bildsprache. Schwarz und Rot, Netz, Harness-Details und ein hoch aufragender schwarzer Kragen trafen auf zwei hochgebundene Zöpfe. Ihr Make-up griff bewusst clownartige Elemente auf: ein niedlicher Punkt auf der Nasenspitze, kräftig blau eingefasste Augen – irgendwo zwischen verspielter Überzeichnung und düsterer Groteske. Ein Look zwischen Punk, Fetisch und Theatralik, der sich perfekt in die bizarre Ästhetik von IAMX einfügte und spätestens dann vollkommen lebendig wurde, wenn sie mit dem Bass nach vorn stürmte und wild den Kopf schüttelte. Hinter ihnen öffnete sich die typische visuelle Welt einer IAMX-Show. Eine große Leinwand dominierte den Hintergrund, zwei seitlich schräg gestellte Projektionsflächen rahmten das Geschehen ein. Aufwendige Visuals überzogen die Flächen und wurden über den Abend hinweg selbst zum Bestandteil der Inszenierung. Klassisches Frontlicht dagegen? IAMX leben von Schatten und Licht, das die Bühne vor allem von hinten durchdringt, Konturen hervorhebt und Gesichter eher erahnen als vollständig erkennen lässt.
„Disciple“ setzte diese Welt schließlich in Bewegung. Aux Animaux warf sich mit wildem Headbanging in den Rhythmus, Chris bewegte sich zwischen Mikrofon und Bühnenrand, Jon trieb von hinten und Daniel fügte dem Live-Sound eine zusätzliche elektronische Ebene hinzu. Wer IAMX kennt, war innerhalb weniger Sekunden wieder mittendrin. Nur etwas störte den Hausherrn dieser Parallelwelt: zu viel Licht von vorn! „A little less front light, please. Remember my phone call here“, bat Chris noch vor „North Star“. Dann setzte der Song ein und die Ekstase nahm längst Fahrt auf. Doch das Frontlicht blieb. Mitten im Song wurde aus der höflichen Bitte deshalb eine unmissverständliche Ansage: „Lights down!“ Für einen kurzen Moment beschlich mich die Sorge, Chris könnte irgendwann einfach von der Bühne verschwinden und nicht mehr zurückkehren. Doch er zog durch – und als es vor ihm endlich merklich dunkler wurde, entspannte sich der Frontmann sichtlich.
Wer bis dahin noch nie ein IAMX-Konzert erlebt hatte, dürfte ohnehin einiges zu verarbeiten gehabt haben. Einer Freundin, die an diesem Abend zum ersten Mal dabei war, war die anfängliche Irritation jedenfalls anzusehen. Und vielleicht ist genau das die natürlichste Reaktion auf dieses wilde Gefüge aus elektronischem Druck, Rock, Körperlichkeit, Masken, Bildern und hemmungsloser Bewegung. Eine IAMX-Show folgt ihren eigenen Regeln. Kontrollierte Inszenierung und völliges Loslassen sind dabei kaum voneinander zu trennen. Wer diese Welt bereits kennt, braucht dagegen keine Eingewöhnungszeit. Vor der Bühne war längst kaum noch jemand stillzuhalten.
„You feel good? You feel fucking good?“ Mit „The X ID“ wurde es anschließend kühler und maschineller. Nun tauchte auch Jon hinter seinem Schlagzeug maskiert auf, wie gewohnt mit freiem Oberkörper und diesmal mit auffälligem Halsschmuck. Längst hatte sich auch Daniel optisch vollständig in diese bizarre IAMX-Welt eingefügt. Sein Gesicht verbarg er hinter einer dunklen, langgezogenen Tiermaske mit hoch aufragenden Ohren, die deutlich archaischer wirkte als Chris’ filigranes Fabelwesen. Und während Jon den Rhythmus vorantrieb, wurde immer deutlicher, was die neue Viererkonstellation auch musikalisch mitbrachte: Aux Animaux und Daniel ergänzten Chris mit ihren Stimmen. Drei Sänger auf einer IAMX-Bühne – eine Konstellation, die Wirkung zeigte. Gerade in den dichteren Passagen gewann der Sound dadurch zusätzliche Ebenen, ohne dass Chris’ unverwechselbare Stimme ihre Dominanz verlor.
Ganz ohne kleine Genussmomente wollte sich der Frontmann die Reise durch seine eigene Parallelwelt offenbar ebenfalls nicht zumuten. Dass Chris auf der Bühne gelegentlich einem Glas Rotwein zuspricht, kennt man bereits. Diesmal lautete die Devise allerdings klotzen statt kleckern: Er setzte gleich die Flasche an und genehmigte sich einen ausgesprochen kräftigen Schluck. „Thank you. It feels like home.“ Chris öffnete seine Jacke und gab den Blick auf ein schwarzes Tanktop mit dem IAMX-typischen {X} frei. Viel Zeit zum Durchatmen blieb ohnehin nicht. Jon begann, die Menge mit seinem Drumspiel anzutreiben. Wer „Aphrodisiac“ kennt, wusste, was das bedeutete. Eskalation! Der Song trägt den Exzess bereits in seiner DNA. Dunkler elektronischer Puls, obsessive Sinnlichkeit und das permanente Spiel mit Begehren und Kontrollverlust werden live noch einmal körperlicher. Chris stampfte, sprang und warf sich in den Rhythmus, Aux Animaux bearbeitete ihren Bass mit derselben entfesselten Energie und Jon trieb das Ganze unerbittlich weiter. IAMX spielten „Aphrodisiac“ nicht einfach – sie schienen den Song kollektiv auszuleben.
Und genau hier war er wieder, dieser Gedanke, der mich bei Konzerten dieser Band zuverlässig begleitet: Mehr kann eigentlich nicht gehen. Mehr Intensität, mehr körperliche Verausgabung, mehr Wahnsinn lässt sich kaum auf eine Bühne packen. Das Problem an dieser Theorie? IAMX widerlegen sie bei jeder Begegnung mit herrlicher Regelmäßigkeit. Vielleicht erklärt das auch, warum das {X}-Logo inzwischen mein Handgelenk ziert. Für mich ist es längst mehr als ein Bandlogo. Inspiriert von Chris Corners immer wieder vermitteltem Einfach-mal-machen-Gedanken erinnert es mich daran, manches weniger zu zerdenken, Dinge zuzulassen und auszuprobieren. Und manchmal entstehen daraus Verbindungen, mit denen man überhaupt nicht gerechnet hat. Beim letzten IAMX-Konzert lernte ich eine total sympathische Frau kennen, die dasselbe Zeichen bereits auf der Haut trug. Aus einer zufälligen Begegnung entwickelt sich eine Freundschaft – und an diesem Abend standen wir wieder gemeinsam vor der Bühne. Musik verbindet eben manchmal weit über den Moment hinaus, in dem das Saallicht wieder angeht.
Für die jubelnden Fans gab es einen Luftkuss. Chris legte sich die Hand aufs Herz und atmete tief durch. Und das war vermutlich auch bitter nötig. Schließlich folgte ausgerechnet „After Every Party I Die“ – ein Songtitel, der an diesem Punkt beinahe wie eine Zustandsbeschreibung wirkte. Doch an Erholung war nicht zu denken. Der treibende elektronische Puls packte den Körper unmittelbar, während sich über der Härte des Beats diese eigentümliche IAMX-Mischung aus Verletzlichkeit, Begehren und völliger Hingabe entfaltete. Ein Song, bei dem bloßes Zuschauen keine Option ist. „Oh, my fucking people!“ Pure Hingabe auf beiden Seiten. Mittig in der ersten Reihe streckten sich die Hände der Hardcore-Fans nach Chris’ Beinen, während er die Nähe längst nicht nur zuließ, sondern immer wieder suchte. „Now I’m ready!“ – und seine Jacke wich endgültig. „Grass Before The Scythe“ rückte jene dunkle Sinnlichkeit nach vorn, die IAMX mindestens ebenso gut beherrschen. Der Song besitzt etwas Schwebendes und zugleich Unheilvolles: Nähe und Vergänglichkeit liegen dicht beieinander, als läge über dem intimen Moment bereits der Schatten dessen, was ihn beenden könnte. Chris ließ seiner Stimme mehr Raum, während die Elektronik darunter eher zog als drängte. Und ausgerechnet in dieser Atmosphäre fanden er und Aux Animaux immer wieder Gelegenheit, spielerisch miteinander herumzualbern. Kleine Gesten und Blicke brachen die Schwere für Sekunden auf.
„There is something beautiful and you fucking know it!“ Viel schöner hätte Chris den nächsten Stimmungswechsel kaum ankündigen können. „Break The Chain“ lebt von treibenden, druckvollen Beats und einer Struktur, die sich stetig steigert. Dabei schwingt etwas Befreiendes mit – dieses Drängen nach vorn, das Lösen innerer Fesseln, das sich nicht nur in den Lyrics, sondern unmittelbar im Rhythmus widerspiegelt. Und während der Song immer weiter in seiner Dramatik wuchs, sank Chris schließlich auf die Knie. Drama gehört schließlich nicht nur zum Leben, sondern ganz bewusst auch zu einer IAMX-Show. Aux Animaux und Daniel ergänzten seine Stimme und verliehen dem Stück mit ihren Backing Vocals zusätzliche Tiefe.
Dann erklangen die vertrauten deutschen Worte. Chris selbst sang die beinahe kindlich verspielte Einleitung: „Kinder und Sterne küssen und verlieren sich, greifen leise meine Hand und führen mich.“ Melodisch und fast märchenhaft schwebten die Zeilen durch den Kulttempel – ein kurzer Moment trügerischer Leichtigkeit. Denn „I Come With Knives“ kennt keinen behutsamen Übergang. Der Song kippt. Aus der verträumten Einleitung wird schlagartig kompromisslose, fast manische Dringlichkeit, getragen von einem Rhythmus, der wie ein Puls durch den Raum fährt und sich unmittelbar im Körper fortsetzt. Chris sprang auf der Stelle, Aux Animaux schüttelte wild den Kopf und streckte ihm herausfordernd die Zunge entgegen, was dieser prompt erwiderte. Vor der Bühne geriet die Menge in eine einzige pulsierende Bewegung. Daniel verfiel in jene ausladenden seitlichen Bewegungen, die man von JE T‘AIME kennt, bevor er wie von Sinnen auf sein Drumpad eindrosch. Als Chris und die Fans schließlich „I come with knives!“ aus voller Kehle herausschrien, schienen Musik, Bühne und Menge endgültig miteinander zu verschmelzen.
Der Moment hinterließ Spuren. Kaum war der letzte Ton verklungen, sank Daniel zu Boden und blieb für einige Sekunden rücklings liegen. Kurze Systemwiederherstellung. Die konnte vermutlich nicht nur er gebrauchen. „Thank you for coming out tonight. It’s short notice. Much appreciated. Much love.“ Nach all der Raserei war es Zeit, den Puls wenigstens für einen Moment herunterzufahren – auch wenn das Herz noch immer viel zu schnell schlug. „Exit“ lieferte den denkbar stärksten Kontrast. „Hold me like you mean it / Tonight I need to feel your skin on my skin.“ Chris sang die Zeilen voller Gefühl über zunächst beinahe mechanisch wirkenden Klangflächen. Nähe und Entfremdung, Verlangen und Kontrolle lagen hier unangenehm dicht beieinander. Doch „Exit“ kannte wenig Gnade. Allmählich verdichtete sich der Klang wieder, Chris verausgabte sich zunehmend und auch die Menge ließ sich zurück in den Sog ziehen. Aux Animaux legte sich auf die Bühne. Chris kniete sich über sie, hielt ihr den Mund zu, strich ihr das Haar aus dem Gesicht und schob ihr schließlich die Finger zwischen die Lippen. Ein Moment zwischen Kontrolle und Vertrauen, der die Spannung des Songs plötzlich körperlich sichtbar machte. Durchaus irritierend – und gleichzeitig genau jene Form von Grenzspiel, die Teil dieser eigensinnigen IAMX-Welt ist.
Nachdem Chris seine Mitstreiter vorgestellt hatte, verschwand schließlich auch seine Maske. Stattdessen zog er sich eine Kapuze über den Kopf und legte eine kompakte schwarze E-Gitarre mit kantigem Korpus um. Mit „Nightlife“ übernahm anschließend der Beat. Düster, lasziv und getrieben von jenem elektronischen Puls, der unmittelbar in die Beine fuhr, entlud sich die Spannung nun auf ganz andere Weise. Chris und Aux Animaux jammten miteinander – und nach der Intensität von „Exit“ war Bewegung plötzlich das einzig vernünftige Ventil. „Are you truly happy now? Can you motherfucking show it to me?“ „Happiness“ ist einer jener Tracks, in denen man sich mit geschlossenen Augen auf einer Tanzfläche verlieren kann. Doch live entfachte er weitaus mehr als das. Aus dem zunächst dunkleren, treibenden Unterbau öffnete sich plötzlich diese beinahe schwerelose Melodie, über die sich Chris’ überraschend lieblicher Gesang legte. Er wiederholte „liars“ und „happiness“ beinahe mantraartig, ließ die Worte kreisen und sich verdichten – bis sich vor der Bühne dieses wunderbar losgelöste Gefühl ausbreitete, das „Happiness“ live entwickeln kann. Aus Dunkelheit wurde Leichtigkeit, aus der Suche nach Glück für einige Minuten tatsächlich ein Gefühl davon. „I fucking love you!“
Bevor es weiterging, verlangte allerdings Aux Animaux’ Bass nach etwas Zuwendung. Der Gurt brauchte tatsächlich Unterstützung – und Daniel bewies erneut, dass man einen Techniker niemals unterschätzen sollte, nur weil man ihm inzwischen ein Instrument gegeben hat. Weißes Panzertape regelte. Kurzerhand bastelte er damit die benötigte Verlängerung – und siehe da: Sie hielt. „We have one more and then we fuck off. You did incredible. As always, meine schönen deutschen Leute. I love you so fucking much. Oldschool!“ Und oldschool wurde es tatsächlich. Mit „Kiss + Swallow“ griff IAMX weit zurück in die eigene Geschichte. „Echo, echo“ – und schon spielte Chris mit seiner Stimme, ließ sie tatsächlich im Echo zurückkommen, verzerrte sie und wechselte zwischen unterschiedlichen Effekten. Pure Coolness und gleichzeitig ein schönes Beispiel dafür, wie sehr IAMX ihre Songs auch live als formbares Material begreifen.
Doch glücklicherweise war danach noch nicht Schluss. „Thank you so much. You’re fucking gorgeous. Yes, yes. One more. You fucking sinner.“ „No Maker Made Me“ bekam die Aufgabe, diesen Abend endgültig zu beschließen – und hätte dafür kaum besser gewählt sein können. Herrlich skurrile Sound- und Stimmeffekte trafen auf einen starken Kontrast aus Reduktion und purer Wucht: Zurückgenommene Passagen kippten in druckvolle, beinahe brachiale Einsätze. Jons Drumming ging durch Mark und Bein, während sich die eindringlichen Synths wie ein Sog aufbauten. Chris setzte zu einem hohen Sprung an, Aux Animaux schleuderte ihren Kopf heftig im Takt und Daniel war längst vollkommen Teil dieses wilden Gefüges. Alles wirkte leicht entrückt, exzessiv und jederzeit kurz vor dem Kontrollverlust. Genau in diesem Spannungsfeld entfaltet eine IAMX-Show ihre ganz eigene Faszination. „I fucking love you. Thanks, babies!“ Daniel winkte noch einmal in die Menge, dann verließen IAMX zügig die Bühne und verschwanden in die Nacht.
Eine der spannendsten Erkenntnisse dieses Abends lag allerdings in der neuen Konstellation: IAMX zu viert funktionierten erstaunlich selbstverständlich. Daniel fügte dem ohnehin dichten Live-Sound mit Keyboard, Drumpad und Stimme weitere Ebenen hinzu, ohne das bestehende Gefüge zu überladen. Vor allem aber brachte er eine eigene körperliche Energie mit auf die Bühne. Seine ausladenden Bewegungen, sein beinahe manisches Spiel am Drumpad und die sichtbare Freude an diesem kontrollierten Wahnsinn passten ausgesprochen gut zu IAMX. Gleichzeitig veränderte seine Präsenz das Zusammenspiel auf der Bühne. Und mittendrin blieb Chris jener Fixpunkt, um den dieser ganze Irrsinn kreiste. Vier Menschen, drei Stimmen und erstaunlich viel Raum für jeden Einzelnen – diese Konstellation entwickelte eine Dynamik, die man nach diesem Abend nur ungern wieder missen möchte. Ausgerechnet eine pragmatische Lösung hatte damit etwas hervorgebracht, von dem man nach diesem Abend nur hoffen konnte, dass es nicht bei einem Tourkapitel bleiben würde.
Wenn aus Plan B plötzlich genau der richtige Plan wird
Zurück blieb ein Kulttempel, der innerhalb weniger Stunden vier erstaunlich unterschiedliche Facetten elektronischer Musik erlebt hatte. IAmImperfect hatten mit sympathischer Unbekümmertheit eröffnet, Blackbook zwischen Melancholie und Tanzfläche vermittelt, Auger jene Leidenschaft entfacht, die uns einst genau hier für die Band eingenommen hatte, und IAMX schließlich alles in jene exzessive Parallelwelt gezogen, in der Musik, Bilder und Körperlichkeit kaum noch voneinander zu trennen waren.
Und trotzdem musste die Nacht noch nicht enden. Während die anderen Bands am Merch für Fotos, Autogramme und warme Worte zur Verfügung standen, konnten auf der Aftershowparty auch die letzten Reserven vertanzt werden. Spätestens jetzt stellte sich die Frage vom Beginn eigentlich gar nicht mehr. War dieses kurzfristig entstandene Cold Temple Festival tatsächlich nur Plan B gewesen? Nach vier Bands, zahlreichen Begegnungen, großen Emotionen und einem IAMX-Finale, das den Kulttempel noch einmal vollständig auf links gedreht hatte, fühlte es sich längst nicht mehr danach an. Manchmal entsteht aus einer Absage eben nicht weniger, sondern etwas, das es ohne sie niemals gegeben hätte …
Herzlichen Dank an Pluswelt Promotion und den Kulttempel für den Mut an der richtigen Stelle und die wunderbare Umsetzung.
Was für eine Nacht! <3
Setlist IAMX – Oberhausen, Kulttempel:
- Disciple
- North Star
- The X ID
- Aphrodisiac
- After Every Party I Die
- Grass Before The Scythe
- Break The Chain
- I Come With Knives
- Exit
- Nightlife
- Happiness
- Kiss + Swallow
- No Maker Made Me
Weblinks IAMX:
Webseite: www.iamxmusic.com/
Facebook: @IAMXOFFICIAL
Instagram: @iamx
YouTube: YouTube
