Das Wetter blieb weiter wankelmütig und so startete auch der Festivalsamstag mit der bangen Frage, ob es wohl trocken bleiben würde. Und man wagte sich wieder nicht ohne entsprechenden Regenschutz in der Tasche auf’s Gelände.
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Vor der Utopia Stage war es für den Nachmittag schon ungewöhnlich voll, als The Pretty Reckless (musikalisch irgendwo zwischen Hard-Rock, Post-Grunge und Blues) ihr Set starteten. Sängerin Taylor Momsen setzte zu 100 % auf das Motto „Sex sells!“ und erschien im düsteren Lolita-Look. Mit kurzem schwarzem Negligé, Netzstrümpfen und Smokey-Eye Make-Up hätte man die zierliche Blondine eher in einem verrauchten Nachtclub verortet.
Selbstsicher nahm die Frontfrau vom ersten Song „Death by Rock and Roll“ an die ganze Bühne ein, kam auf den Steg vor und setzte lasziv tanzend ihre Reize ein. Rockröhre ist das erste Wort, was einem in den Sinn kommt, wenn man die kraftvolle, rauchige Stimme von Momsen hört. Bekannt wurde sie aber zunächst vor allem als Schauspielerin in der Serie „Gossip Girl“, bevor ihre musikalische Karriere richtig Fahrt aufnahm.
Das The Pretty Reckless aber weit mehr als das Nebenprojekt eines bekannten Fernseh-Stars sind, zeigt sich an ihren Charterfolgen und den Gigs, die sie im Vorprogramm so prominenter Bands wie AC/DC und The Rolling Stones landen konnten. Neben den überaus erfolgreichen Hits „Make Me Wanna Die“ und „Heaven Knows“ hatte die Rockband mit „For I Am Death“ und „When I Wake Up“ zwei neue Stücke vom kommenden Album „Dear God“ dabei, die beim Publikum sehr gut ankamen.
Mit Bury Tomorrow trat an der Mandora einer der Fanlieblinge an. Die Engländer machen sich alles andere als rar und gelten dank ihrer regelmäßigen Touren als absolute Live-Institution. Dies brachte ihnen auch eine starke Verbundenheit zur deutschen Fanbase ein und sie nennen Deutschland selbst scherzhaft ihre zweite Heimat.
Der moderne Metalcore der Jungs um Frontmann Daniel Winter-Bates lebt vom Kontrast zwischen seinen aggressiven Shouts/Growls und dem melodischen Klargesang von Keyboarder Tom Prendergast, der seit dem Ausstieg von Jason Cameron das zweite Mikro übernimmt. Mit unfassbarer Energie rissen sie alles mit sich und so ließen Moshpits, Crowdsurfer und ausgelassene Stimmung nicht lange auf sich warten. „I know you’re hungover, I know, it’s cold. But take your friends on your shoulders”, gönnte er den Fans keine Verschnaufpause und leistete auch selber vollen Einsatz, als er sich auf den Knien die Seele aus dem Leib schrie.
Der Fronter sprach sich für eine diverse, inklusive und respektvolle Szene aus und betonte, das noch Luft nach oben sei: „Metal has a long way to go“. Anschließend forderte er die Besucher auf, sich gegenseitig in die Arme zu nehmen, aufeinander Acht zu geben und gemeinsam einen besonderen Moment zu erleben. Zum Song „Black Flame“ ließ sich Daniel eine Zahl von 1 bis 10 nennen und forderte nach der Antwort „9“ 900 Crowdsurfer ein, die er alle am Barrier abklatschen wollte.
Als die Show langsam zu Ende ging verriet der Shouter noch ein Geheimnis und kündigte eine kommende Headliner-Tour an. Vor dem letzten Stück „Death (ever colder)“ holte er schließlich noch Applaus für die folgenden Bands auf der Mandora ein, betonte dann aber „for the next 4 minutes you fuckers are mine“ und die Fans gaben nochmal alles.
Ausnahmegitarrist Tom Morello versammelte am frühen Abend eine beachtliche Crowd vor der Main-Stage. Seine außergewöhnliche Spieltechnik brachte dem Musiker Platz 18 auf der berühmten „100 Greatest Guitarists of All Time“-Liste des Rolling Stone Magazins ein. Doch Morello ist nicht nur für sein musikalisches Talent bekannt. Musik und Politik sind für ihn untrennbar miteinander verbunden und so nutzt er seine Bekanntheit, um sich konsequent für soziale Gerechtigkeit, Arbeiterrechte und Antirassismus einzusetzen. Er hat einen Harvard-Abschluss in Politikwissenschaften und gründete mit Serj Tankian von System of a Down die Organisation „Axis Of Justice“.
Für das umjubelte Set auf der Utopia hatte er neben seinen Solo-Stücken diverse Coverversionen und einige Hits seiner ehemaligen Band Rage Against The Machine im Gepäck. Insbesondere „Killing in the Name“ wurde von den Fans frenetisch gefeiert.
Frankreich hat in Sachen Metalcore einiges zu bieten und mit Landmvrks fanden sich am Samstagabend durchaus prominente Vertreter auf der Mandora ein. Zwei etwa 5 Meter große, römisch anmutende Statuen zierten die Bühne – wohl angelehnt an das Cover des aktuellen Albums „The Darkest Place I’ve Ever Been”. 2024 hatten die Jungs am Nürburgring bereits ordentlich abgeliefert und das sollte sich nun wiederholen.
„Creature” spielte sofort sämtliche Stärken des Frontmanns Florent Salfati aus – rasanter Rap, kraftvolle Shouts/Growls und ein extrem melodiöser Klargesang. So entfesselte der Song ab der ersten Sekunde eine unbändige Energie auf und vor der Bühne, Arme wurden gereckt, es wurde gemosht und lauthals mitgesungen. Landmvrks hatten genau den richtigen Titel ausgesucht um ihr Set zu eröffnen. Das Tempo setzte sich so fort, Flo band die Fans von Anfang an mit ein animierte sie zum Mitsingen, Crowdsurfen, Hüpfen.
„Do you guys wanna hear more songs from the new album tonight?”, erkundigte sich der Sänger, „This one is called ;A Line In the Dust.‘” und wie schon beim Opener hatte man das Gefühl, dass die Crowd schon recht firm im neuen Material war. So tat es der Stimmung keinen Abbruch, dass fast die Hälfte der Songs an diesem Abend vom aktuellen Tonträger stammten und auch Salfati zeigte sich sichtlich zufrieden mit der Resonanz.
Eine kurze Atempause gab es, als der Fronter das Set für eine kleine Graffiti-Performance unterbrach. Auf schwarzer Leinwand entstand ein „V“, vermutlich eine römische 5, wie auch auf dem neuen, fünften Album der Franzosen zu sehen.
Bei „Say no word“ unterstützte Marc Zelli von Paleface Swiss mit einer Growl-Einlage und ein kurzer Schauer zauberte einen Regenbogen an den Himmel. „I’ve got a soft song for you to cool it down a little bit. If you know the words, please sing it with me.”, wurde es zu „Suffocate“ kurz kuschelig. Florent spielte zunächst allein auf der Gitarre und in den Pits wurde geschunkelt statt geschubst.
„Thank you all so much!” applaudierte der Fronter der Crowd und die Jungs aus Marseille entließen die Fans mit „Self-Made Black Hole“ und dem Wunsch nach einem baldigen Wiedersehen. Den Aufstieg auf die zweite Bühne haben die Franzosen zurecht absolviert.
Während auf der Utopia Three Days Grace die 2000er Nostalgie beflügelten, ging es an der zweiten Bühne mit Horror-Metalcore weiter.
Die Shows von Ice Nine Kills sind ein solches Spektakel, dass das Hirn zwischenzeitlich überfordert ist mit dem was optisch und akustisch auf es eindrischt. Hier handelt es sich nicht um bloße Konzerte, sondern um die aufwendige Inszenierung eines Grusel-Dramas. Als Inspiration dienen ihnen fast ausschließlich berühmte Horror-Klassiker und so startete das Set mit Hannibal Lecter, der gut verpackt von zwei Polizisten auf die Bühne gefahren wurde.
Über die Lautsprecher konnte man eine Szene aus „Das Schweigen der Lämmer“ hören, bevor die Band in Anzügen mit blutigen Einstecktüchern die Stage enterte. „Are you fucking ready Deutschland?“, hieß Frontmann Spencer Charnas die Crowd willkommen und intonierte „Meat & Greet“. Die Boxen am Bühnenrand loderten und im Hintergrund fielen die beiden Polizisten Hannibal dem Kannibalen zum Opfer. Ohne Umschweife wurde zu „Wurst Vacation“ munter weiter gemetzelt. Mit Schlachterschürze und Hackebeil bewaffnet, entledigte der Frontmann einen Gefesselten seiner Arme, um dann mit den blutigen Stümpfen herumzuwinken. Spätestens jetzt hatte man das Konzept der Bostoner Combo verstanden.
Das ist sicher nicht Jedermanns Sache, aber der Erfolg gibt Ice Nine Kills recht, wie man auch am gut gefüllten Platz vor der Bühne sah. Das Publikum hielt dem Regen stand und zum NOFX Cover „Linoleum“ strudelten die Pits um die Wette. Für große Überraschung sorgte dann noch ein Gastauftritt der ehemaligen Arch Enemy Sängerin Alissa White-Gluz. „I need you to make some noise for Alissa“, kündigte Spencer die prominente Unterstützung an, die mit ihm die aktuelle Single „Twisting the Knife” aus dem „Scream 7“-Soundtrack sang.
Während das Horror-Musical auf der Mandora noch in vollem Gange war, hatte auf der Main Stage bereits eine ganz andere Party ihren Lauf genommen. Electric Callboy waren angetreten den Ring in Schutt und Asche zu legen und das zum dritten Mal in Folge. Die Jungs aus Castrop-Rauxel sind ein gern gesehener Dauergast, denn mit ihrer kruden Mischung aus Metalcore, Eurodance und komplettem Wahnsinn sind sie ein Garant für beste Stimmung auf und vor der Bühne.
Dort war es ähnlich voll wie am Vortag bei Linkin Park nur deutlich bunter. Neonfarbene Ballonseideanzüge, bunte Tierkostüme und andere wilde Outfits stachen überall aus der dunklen Masse hervor. Das Gros der Leute wusste definitiv was sie hier erwartet und war vorbereitet. So war es auch nicht verwunderlich, dass mit „TANZNEID“, dem Titelsong des im August erscheinenden Albums, von der ersten Sekunde an alles in Bewegung geriet.
Wild entschlossen die Feierlaune oben zu halten, starteten Nico und Kevin wenig später eine Fitnesseinheit für die Ringrocker, natürlich mit Vokuhila und Jogginganzug. „Ihr Leute seht aus als wenn ihr ein geiles Workout braucht“ und „Wir wollen euch alle springen sehen… keiner ruht sich aus”, hieß es. Doch bei „Hypa Hypa“, „MC Thunder“ und „Pump It“ hätten sie sich die mahnenden Worte sparen können, denn es war ohnehin kollektives Ausrasten angesagt. Die Trainingsanzüge fielen und weiter ging es mit „Hurrikan“ und einer „schwofigen“ Runde Discofox. Der Aufforderung „wir möchten überall kleine Dancefloors sehen”, kamen die Fans gerne nach, wobei in den Mini-Pits nicht nur getanzt wurde.
„Bei Rock am Ring gibt es immer den einen Moment, wo man kurz davor ist, zu heulen.”, merkte Nico ob der tobenden Menge gerührt an und das sie schon als kleine Jungs davon geträumt haben auf der großen Bühne zu stehen. Ein kleiner Security-Einsatz vor der Bühne störte kurz die „romantic mood“ als Electric Callboy mit Klavier und Akustikgitarre „Everytime We Touch” anstimmen wollten. Doch dann wurden die Handylichter geschwenkt, man lag sich in den Armen und sang lauthals mit, bis der schmusige Einstieg ein donnerndes Ende fand und die Party wieder im vollen Gange war.
„RATATATA”, „Spaceman“ und „We Got the Moves” bildeten schließlich das Finale eines Sets, an dessen Ende wohl alle ihr Tages-Bewegungsziel erreicht hatten, denn live kann man sich der Energie dieser Combo kaum entziehen. Sie haben quasi ihr eigenes Genre erschaffen und das Konzept funktioniert, weil die Jungs aus’m Pott sich nicht zu ernst nehmen, stets für ein friedliches Miteinander eintreten und einfach furchtbar sympathisch sind.
Weniger klamaukig aber nicht minder sympathisch ging es derweil auf der Mandora zu, wo Marteria für Hip-Hop Kontrastprogramm sorgte. In gespannter Erwartung des gefeierten zweiten Headliners hatten sich Etliche schon einen Platz in den ersten Reihen gesichert. Und wenngleich zwischen Bad Omens und Materia musikalisch gefühlt Welten liegen, schaffte es der Rostocker auch die Freunde des düsteren Metalcore mitzunehmen.
Bereits zum vierten Mal war der Rapper bei Rock am Ring, bewegte sich entsprechend selbstverständlich über die Bühne und hatte die Crowd gut im Griff. „Wie krass das aussieht!… kommt alle mal auf die Bühne und guckt wie krass das aussieht“, witzelte er bei „MEINS!“ hoch erfreut über die feiernde Menge. Man merkte recht schnell, das Marten im Laufe seiner musikalischen Karriere einige eingängige Popsongs und Rap-Hymnen geschaffen hat, die weit über die Genre-Grenzen hinaus Bekanntheit erlangt haben. Besonders laut und textsicher erwies sich das Publikum bei „Kids (2 Finger an den Kopf)“. Alle hatten „Bock auf Feiern“ und wie sich herausstellte lässt es sich auch zu Hip-Hop hervorragend moshen und pogen.
Unter Alarm und blinkendem Licht wurde es etwas ernster: „Alle Fäuste hoch für euren Captain Europa!”, kündigte der Sänger einen Titel an, der die Politik und Doppelmoral der EU anprangert. Sinnbildlich für das Scheitern der europäischen Idee wurde ein Stern-Kreis angezündet, der universell für die Einheit, Solidarität und Harmonie zwischen den Völkern Europas steht. „Vergesst mich nicht, kämpft für mich!“, lautet die abschließende Botschaft des Songs aber, sich für die gemeinsame Sache einzusetzen.
„Ich vergess’ euch das nicht Leute, vielen, vielen Dank!“, schlug sich Marten bewegt auf die linke Brust und nahm das Publikum in „9 Leben (eins übrig)“ mit in seine turbulente Vergangenheit. „Lasst uns die Zeit nutzen, um geile Scheiße zu machen und nicht um Hass zu verbreiten!“, rief er der Menge zu. Gut ausgenutzt wurden dann auch die letzten Minuten des Sets. Vom Lichtermeer zu „Welt der Wunder“, über die „Lila Wolken“ aus tausenden Kehlen führten sie schließlich zum Abriss bei „Adrenalin“ mit Marten und Ruhrpott-Comedian Ryko im Moshpit.
Marteria hatte seine Aufgabe gut gemeistert, denn es wurden sogar „Zugabe“-Rufe laut und letzten Endes geht es bei einem Festival vor allem darum, die Leute gut zu unterhalten. Idealerweise über die Grenzen des eigenen Lieblingsgenres hinweg und Marten hat live mehr als genug Ausstrahlung und Energie, um auch diejenigen zu begeistern, die sich zu Hause nie seine Musik anhören würden.
Nach einmal Rave mit alles und scharf bei Electric Callboy kam der Headliner an der Utopia mit deutlich weniger Tamtam um die Ecke. Auf ein viertel Jahrhundert Bandgeschichte blicken Volbeat inzwischen zurück und haben mit ihrem „harten Elvis-Metal“, wie Metallica-Frontmann James Hetfield ihren Stil einmal taufte, eine große Fangemeinde um sich gescharrt. Der Mix aus Rockabilly, Country und harten Gitarrensounds spricht vom Rock’n’Roller bis zum klassischen Metalfan ein breites Publikum an.
Auf der Leinwand war lediglich das Bandlogo zu sehen und Sänger Michael Poulsen erschien standesgemäß im Motorsporttrikot am Ring. Andauernder Nieselregen gestaltete es für Band und Zuschauer etwas ungemütlich, aber man machte das Beste daraus und wenn es auf dem Steg zu nass wurde blieb der Frontmann eben mit seiner Gitarre auf der Bühne. Anfangs war die doch beachtliche Menge an Leuten ob der widrigen Umstände etwas zurückhaltend. „Alright beautiful people let’s see if you know this one“, motivierte sie aber bereits der zweiten Song „Lola Montez“ dazu die Fäuste zu recken und den Frontmann lautstark zu unterstützen, denn hier handelt es sich um einen absoluten Klassiker.
Und davon hatten die Dänen einige im Gepäck. „We’re going vintage now ok? Going back in time where there was no social media, no TikToks, or Facebook, or Instagram, or DingDong, or FlipFlop, or what the fuck it is all called – just good rocking chairs and vinyls“, verkündete der Sänger als er mit der Akustikgitarre auf dem Steg „Ring of Fire“ anstimmte. Direkt im Anschluss folgte „Sad Man’s Tongue“ und Poulsen scherzte, dass sie sich nicht damit rausreden würden inspiriert worden zu sein, sie hätten den Song schlichtweg bei Johnny Cash geklaut und der könne schließlich nichts mehr dagegen unternehmen.
Auch die Dauerbrenner „Guitar Gangsters & Cadillac Blood“ und der ultimative Volbeat-Song „Still Counting“ sorgten für Begeisterung und Mitsing-Momente. „See what kind of work you did for Volbeat tonight, thank you so much!“, bedankte sich der Frontmann bei den deutschen Fans für ihre jahrelange Unterstützung. Mit „Demonic Depression“, „By a Monster’s Hand“ und „In the Barn of the Goat Giving Birth to Satan’s Spawn in a Dying World of Doom“ hatten die Dänen aber auch drei Stücke ihres aktuellen Albums „God of Angels Trust“ dabei.
Für eindringliche Momente sorgten „Fallen“, den der Fronter für seinen verstorbenen Vater geschrieben hat, und „For Evigt“, den er seiner Frau und seinen Kindern widmete. Seine Familie schliefe vermutlich gerade im Tourbus hinter der Bühne erzählte Poulsen und heizte die Fans mit „alright let’s wake my kids up“ an. Die gaben ihr Bestes und konnten auch den dänischen Refrain problemlos intonieren.
„You were beautiful as ever… remember Volbeat loves you!“, verabschiedete sich Dänemarks Exportschlager schließlich mit einer Verbeugung. Die Jungs hatten eine verlässliche Performance hingelegt, der aber nach der Abriss-Party von Electric Callboy etwas die Dynamik fehlte.
Auch vor der Mandora Stage trotzte man dem Geniesel und ließ sich die gespannte Vorfreude nicht nehmen. Viele Bad Omens Fans harrten ja schon länger vor der Bühne aus und hatten das Regenequipment im Anschlag. Man vertrieb sich die Wartezeit mit kleinen Frotzeleien und zuppelte sich liebevoll gegenseitig die Ponchos zurecht, als der Niederschlag kurzzeitig mehr wurde.
Eigentlich hätte die Kombo aus Virgina schon 2024 ihr Ring-Debüt geben sollen, doch ein massives Burnout von Sänger Noah Sebastian zwang sie sämtliche Tourtermine und Festivalauftritte abzusagen. Gleichzeitig stellte die Band nahezu alle Social Media Aktivitäten ein. Die Nahbarkeit und permanente Internetpräsenz hatten zwar einerseits den rasanten Aufstieg der Jungs befeuert, andererseits aber auch dazu geführt, dass sich insbesondere Noah permanent beobachtet und unter Druck fühlte. Umso mehr freute sich die treue Anhängerschaft im letzten Jahr über die überraschende Tour und nun über den langersehnten Auftritt bei Rock am Ring. Das Warten hatte sich definitiv gelohnt, denn Bad Omens hatten das ganz große Besteck eingepackt! Keine abgespeckte Festival-Show, sondern das gleiche bildgewaltige Spektakel, das schon bei den Arena-Konzerten pure Begeisterung ausgelöst hatte.
Ganz oben über der Bühne schwebte eine LED-Installation aus mehreren Dreiecken, die im weiteren Verlauf maßgeblich für den visuellen Bombast sorgte. Aber zum Start gab es erst mal einen Videoeinspieler auf den großen Leinwänden, der die erwartungsvolle Stille unterbrach – der erste von insgesamt fünf, die das Set in einzelne Abschnitte unterteilte. Sie griffen die Bildästhetik aus den Videos zu den jüngsten Veröffentlichungen auf, zeigten teilweise bekannte Sequenzen daraus und erzählten eine Geschichte. In der Folge brandete Jubel auf und die ersten Töne von „Specter“ erklangen. Noahs Stimme setzte ein und auf der schwach erleuchteten Stage war er zunächst nur schemenhaft zu erkennen. Erst zum Ende des Songs flammten unter einem gewaltigen Schrei und Nebelfontänen alle LED-Elemente auf und offenbarten den Bühnenaufbau. Ein Einstieg, der einen mit offenem Mund zurückließ und für den ersten Gänsehautmoment sorgte.
Noch ehe man diesen ersten Eindruck auch nur ansatzweise verarbeitet hatte, brach die Gitarre auch schon wieder los und der Frontmann forderte brüllend die ersten Circle Pits. Rotes Licht und Pyro am Bühnenrand untermalten das musikalische Inferno von „Glass Houses“ und damit hatte man nicht nur mühelos zwischen sanfter Melodie und brachialer Härte gewechselt, sondern auch den Bogen gespannt von einem der neusten zu einem der ältesten Titel der Band. Die Songauswahl wirkte insgesamt wie aus einem Guss und einen Großteil des Sets bildeten Stücke vom aktuellen, wenn auch nicht mehr wirklich frischen, Erfolgs-Album „The Death of Peace of Mind“. Der gleichnamige Song überraschte live mit beeindruckenden Lasereffekten.
Mit „Dying to Love“ blieb es nach dem zweiten Videoeinspieler erst mal melancholisch, aber „Concrete Jungle“ und der „fucking king“ führte die Menge wieder in dynamischere Gefilde. „Are we fucking alive ?“, rief Noah und der frenetische Jubel der Fans war wohl Antwort genug. „Rock am Ring can I get a little circle pit going? Keep those feet moving. Circle, circle, circle. Move your ass!”, heizte er das Publikum bei „Nowhere to Go” weiter an. „Let’s keep the energy up… it’s time for metalcore after midnight“, gab es auch bei „Limits“ keine Pause für die Fans und der Frontmann selbst sprang und kreiselte ebenfalls über die Bühne.
„Artificial Suicide” eröffnete den dritten Songblock und nun gerieten auch Jolly und Nicholas wild moshend in Bewegung. Die Masse war ohnehin nicht mehr zu bremsen und schrie mit Noah um die Wette. Grüne Laser zuckten über den Platz, als mit „Left for Good“ die jüngste Veröffentlichung der Band angestimmt wurde, die sich aber so geschmeidig ins Repertoire fügt, dass man sie kaum als „neu“ wahrnimmt. Bei „Anything > Human“, den Bad Omens gemeinsam mit der Metalcore-Band Erra aufgenommen haben, setzte sich das Laserspektakel in blau und gelb fort und es wurde alles gezündet, was die Stage an Feuer zu bieten hatte.
Nach dem vierten Tape säuselte Noah, umkreist von roten Lasern „What It Cost“ ins Mikro, der mit dem Break und der Aufforderung „Bang your fucking heads!“ zu „The Villain“ überging. Bevor die Jungs ihren bis dato größten Hit „Just Pretend“ zum Besten gaben, nahm sich der Sänger dann kurz Zeit zum Plaudern und berichtete unter anderem, dass er die Anreise genutzt habe, um Deutsch zu lernen. Ein Versuch, der allerdings kläglich gescheitert war: „I just wanted you guys to know that I did try. I got nothing to say in German. Couldn’t do it. You win!”. „Does anyone know this song by chance?“, witzelte er dann und ergänzte: „Well, if you don’t, I want you to learn it. So, then, by the end you can sing along with us, okay?“. Außerdem forderte er die Crowd auf ihre Handylampen oder Feuerzeuge parat zu halten. Die Menge wurde zu einem riesigen Chor und verwandelte den Platz in ein endloses Lichtermeer.
Als letzter regulärer Titel läutete „Impose“ schließlich das nahende Ende ein und offenbarte in Form von Drum’n’Bass Sounds eine weitere Facette im musikalischen Kosmos von Bad Omens. Mit einem Knall, einem Schrei und jeder Menge Nebel fand der Song seinen Höhepunkt in einem gewaltigen schwarz-weißen Konfettiregen. Nach einer kleinen Pause, in der die Crowd ununterbrochen klatschte und „Bad Omens“ skandierte, erfolgte mit „Dethrone“ der finale Abriss. „I wanna see some diabolical fucking shit!”, rief der Fronter und die erfahrenen Fans wussten genau was zu tun war, wenn er „concrete“ brüllte und sie mit „jungle“ antworteten. Noah war aber noch nicht zufrieden und gab Anweisungen: „Oh no! I say ,concrete’, you say ,jungle’… Louder!… Fucking louder! I know there’s more of you than that.”, bis es auch der Letzte verstanden hatte. „This is De… fucking …throne! Tear this place to the fucking ground!”, brach der Song schließlich los. Noah growlte und schrie, warf sich auf die Knie und die Fans, moshten, circelten, sprangen und sangen als gäbe es kein Morgen.
Ein würdiges Ende für ein makellos durchinszeniertes Konzerterlebnis, welches durch seine technische Perfektion, aber vor allem auch mit der unfassbaren Aura des Bad Omens Frontmanns überzeugte.
Aufgrund von Foto-Restriktionen war es uns leider nicht möglich, Bilder von Bad Omens für Euch einzufangen.
Den kompletten Festivalbericht vom Freitag findet ihr hier:
Den kompletten Festivalbericht vom Sonntag findet ihr hier:
Weblinks ROCK AM RING:
Webseite: www.rock-am-ring.com/en
Facebook: @rockamring
Instagram: @rockamringofficial
