IDLES – Köln, Palladium (21.03.2024)

IDLES
Geschätzte Lesezeit: 4 Minute(n)

Punk ist politisch. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben. Man kann die zwei nicht voneinander trennen und ein Versuch dessen, droht schnell zu scheitern, gerade bei einer Band, die sich stets so deutlich äußert wie die Idles. Sie schrecken sowohl in ihren Texten, als auch außerhalb ihrer Musik nicht vor linken Kampfbegriffen und Forderungen, wie man sie aus Punk-Kreisen seit Beginn des Genres kennt, zurück: Hart links positioniert stehen sie bekanntermaßen für Antifaschismus, Antikolonialismus, bekämpfen toxischen Maskulinismus und Homophobie, sind explizit gegen Kapitalismus und Ausbeutung, für eine Vereinigung der Arbeiterklasse gegen jede Form der Ausbeutung, und natürlich auch gegen Militär und Krieg und jede Form von struktureller Gewalt. Sie sind klar der Free Palestine-Bewegung zuzuordnen und sie bringen nicht nur auf Social Media diese Position unambig zum Ausdruck. Und somit überrascht es auch nicht, dass ihre Fans tendenziell durchaus ähnliche Einstellungen vertreten. Zugegeben, das Gros der Fans ist natürlich primär Fanatiker des brachialen Sounds der Musik, und vielleicht bei Dingen wie LGBTQIA+-Themen vorne dabei – aber es ist eine sichere Aussage, dass die meisten zum Thema Nahost eine neutrale Position einnehmen. Ergo, innerhalb der hiesigen Fangemeinschaft herrscht im Ganzen gesehen Ruhe und Frieden, dominiert von den friedensliebenden Absichten der Ceasefire-rufenden Free Palestine-Anhängerschaft, angeführt von der Band selbst, die aber kritisch angemerkt auch die Gegenseite durchaus mehr mit ins Kalkül ziehen und die Gräueltaten der terroristischen Hamas explizit deutlicher aus diesem Weltbild ausschliessen könnte.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

All dies sorgte wohl bereits bei den letzten paar Konzerten der Tour dafür, dass die Organisatoren möglichen Ausschreitungen zwischen den Fans schon frühzeitig durch Erhöhen der Security und das Einführen von Verboten und einem härteren Durchgreifen entgegentreten wollten. Man hört von Rauswürfen, Flaggenverboten und einer allgemein strengeren Atmosphäre, bedingt durch die deutlich präsentere Security. All dies sollte man auch im Palladium zu spüren bekommen. Es begann auch hier mit einem allgemeinen Verbot aller Flaggen, wo oft der Hinweis im Raume steht, dass dies durchaus einen antidemokratischen Akt darstellen könnte, so man denn die Freiheit sich politisch auszudrücken, als Grundrecht begreift. Die Security durchsuchte sämtliche Taschen der Besucher, inklusive die der Journalisten, ohne Ankündigung auf Flaggen, Fahnen und sonstige Gefahrenquellen, ging dabei aber undiskriminierend zuwerke, denn das Verbot betraf sowohl Israel-, als auch Palästina-Flaggen. Eine vorherige, klare Ankündigung dieser Aktion oder zumindest eine Verschriftlichung der Regulierung wäre hier sicher hilfreich und deeskalierend gewesen. Desweiteren fiel in der Halle dann auch die deutlich höhere Zahl an Security-Kräften auf, die einem ein wenig den Eindruck einer militarisierten Zone vermittelte. Die Stimmung war dadurch fühlbar angespannter und das minderte die sonst lockere Konzertstimmung vieler gewaltig.

Doch kommen wir nun endlich zur Musik, denn die sorgte am heutigen Abend für so manches Highlight!

Los ging es mit Ditz! Die 2016 gegründete Post-Punk-Band gab eine perfekte Kombi mit Idles ab. Vom Sound her irgendwo zwischen Idles selbst und Gilla Band einzuordnen, bestach ihr Auftritt durch einen rotzig-lauten Noise-Punk-Sound und einem Crowd-Work, das für eine Vorband eigentlich schon zu gut war! Bandleader Callum hat es extrem gut verstanden, die Menge zu bewegen: Moshpits, Moshcircles, Wall of Death gezielt geformt, das muss gekonnt sein! Auch der eine oder andere Gang durch die Menge blieb nicht aus, während der Gesang es vermochte, zur selben Zeit die Wut der gesamten Gesellschaft mit der lethargischen Gleichgültigkeit eines Kurt Cobain zu paaren. Die antipatriarchiale Wucht, welche die Band in die Menge presste, lässt auf eine große Zukunft für sie hoffen.

Weblinks DITZ:

Webseite: https://ditzband.com
Facebook: https://www.facebook.com/ditzband
Instagram: https://www.instagram.com/ditzband
YouTube: https://www.youtube.com/c/DITZband
Twitter: https://twitter.com/ditzband
Spotify: https://open.spotify.com/artist/3oSKgWx1dqjhidhnhpGbfJ

Nun war es Zeit für den Hauptact: Idles sollte man eigentlich in einer kleineren Location besser genießen können. Der Garagenpunk-Sound passt vom Kontext her eher in die kleine Kneipe um die Ecke oder den anarchistischen Geheimtipp-Club in der Stadt nebenan. Aber dafür sind die Jungs jetzt viel zu big, und das sei ihnen schließlich auch gegönnt! Ihre wichtigen Messages gehören von einem möglichst breiten Publikum gehört.

Das Set selbst war tatsächlich den Umständen entsprechend richtig gut. Es war laut und energetisch, wie man es von Idles erwarten würde. Mit knapp zwei Stunden Länge war auch vom Umfang her nichts zu kritisieren. Ein guter Mix aus allen fünf Alben, dazwischen kleine Anekdoten und politische Schlachtrufe. Die Stimmung war während des Konzertes hingegen zwar genial, aber man merkte eine gewisse Grundanspannung, so als würden alle etwas befürchten, was passieren könnte, aber nie eintreffen würde. Es dauerte auch nicht lange, bis die Band das erste Mal “Viva Palestina! Ceasefire now!” rief, was mit etwas Vorsicht leiser aus dem Publikum zurück-echote, deutlich weniger Enthusiasmus als die Dringlichkeit des Aufrufs es wohl benötigt hätte. Direkt nach dem ersten Aufruf zog die Security die Fotografen aus dem Graben und brach deren journalistische Tätigkeit verfrüht ab, auch wenn zumindest in meinen Augen keine Aufruhr erkennbar war. Wie zu erwarten war, blieb dann aber auch der Rest des Konzertes ohne größere Zwischenfälle. Es war die Rede von nur einem Hausverbot wegen einer reingeschmuggelten Israel-Flagge. (Auf Nachfrage bei Prime Entertainment wurde uns bestätigt, dass eine Person mit Flagge gebeten wurde, diese auszugeben, aber anschliessend das Konzert zu Ende sehen konnte.) Hätte es aber keine zusätzliche Maßnahmen gegeben, wäre das Konzert mutmaßlich wohl noch friedlicher verlaufen, mit ein paar Palästina-Flaggen und mehr Freiheit für Fans und Journalisten – und einer noch heiteren Stimmung, denn schließlich hat man ja auch nicht der Band dazwischengefunkt, wenn sie zwischen jedem zweiten Song nach einem freien Palästina rief. Die Band zog somit auch ihr Ding durch und gab nicht klein bei bei ihren Forderungen und ihrer aggressiver Attitüde.

Setlist IDLES

01. IDEA 01
02. Colossus
03. Gift Horse
04. Mr. Motivator
05. Mother
06. Car Crash
07. I’m Scum
08. 1049 Gotho
09. The Wheel
10. Jungle
11. When The Lights Come On
12. Gratitude
13. Divide & Conquer
14. POP POP POP
15. Benzocaine
16. Roy
17. Samaritans
18. Grace
19. Crawl!
20. The Beachland Ballroom
21. Never Fight A Man With A Perm
22. Dancer
23. Danny Nedelko
24. Rottweiler

Weblinks IDLES:

Webseite: https://www.idlesband.com
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Twitter: https://twitter.com/idlesband
Spotify: https://open.spotify.com/artist/75mafsNqNE1WSEVxIKuY5C

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