DIE NERVEN – Leipzig, Conne Island (05.11.2022)

Fotos: DIE NERVEN
Die Nerven, © Claudia Helmert
Geschätzte Lesezeit: 3 Minute(n)

Für Flüssigkeiten und Schwingungen

Realitätsflucht, die hinhaut: In beinahe drei Stunden überrollen die Stuttgarter Zweilaster und Die Nerven das Publikum im Leipziger Conne Island. Als genialen Dilettanten ohnegleichen und mit irrem Punktreiben reizen sie die Idee von perfekten Konzertabenden aus.

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Scheiblettenkäsesehnsucht

Durch die Herbstfrische, vorbei am tanzenden Grilldude im erleuchteten Innenhof des Leipziger Conne Island, zieht es direkt in den Konzertsaal. Dort angekommen lassen die Musiker:innen nicht lange auf sich warten und übertönen das Raunen, das von den zahlreichen, dicht an dicht gedrängten Musikbeigesterten ausgeht. Das Stuttgarter Duo Zweilaster eröffnet den Abend. Das Schlagzeughumpeln rhythmisiert die Gitarrenflächen. Vereinnahmend dilettantisch erzählen die beiden von der “Sunsetavantgarde”, “Pisse in der Disse” oder berufen such auf “Rette mich Deutschland, ich brauch’ Dich!”. Anfänglich zurückhaltend lethargisch, zynisch dann zumeist keck, humorvoll wuppen sie rotzige Punkklänge in den Konzertraum. Angeheitert von allen Absurditäten, die dort einprasseln, wippt, klatscht, jubelt das Publikum den beiden entgegen – nicht zuletzt als sie ihre neue Kassette “Scheiblettenkäse & Sehnsucht” anpreisen.

Da fällt die Überleitung leicht, denn jene produzierte Julian Knoth (u.a. Bass bei Die Nerven)…

Beben

In die gellende Ode an die Freude raunt der Eröffnungstrack – Europa – der jüngst erschienen und selbstbetitelten Die Nerven-Platte durch das Leipziger Conne Island. Die Verbindung wirkt, obgleich sich die Folgetracks Ich sterbe jeden Tag in Deutschland, Keine Bewegung, Alles reguliert sich selbst auch musikalisch stimmig ineinanderfügen. Sie ebnen den Weg, auf dem sich die Zuhörer:innen spannen, dicht an dicht drücken und wackeln. Vor und auf den Tribünen springt, rotiert und tänzeln die euphorisierten Publikumsreihen an und miteinander. Alles bebt vor Energie während der brachiale Musiklaster Die Nerven durch die Boxen brummelt, wabert und dröhnt. Das treibende Trio, dessen Wurzeln im improvisierten Noise liegen und unter anderem jüngst von einem Konzert berichteten, dessen Spielzeit von Handmeldung im Publikum abhängig sind, haben zu einem fulminant Ganzen zueinander gefunden: Max Rieger hinter der säuselnden, tosende Gitarrenwänden, der lässig bewegte Julian Knoth hinter der surrenden Basskarosse und Kevin Kuhn – der Wilde der Mimik und Rhythmik – am flirrenden, emsigen Schlagzeugmotor. Zwischen diese unvergleichlichen Energie, die von der ersten Sekunde vom Publikum aufgenommen, in Mitsingchören zurückgeworfen, bisweilen herausgefordert werden, befeuern Jubel und Applaus der begeisterten Zuhörer:innen den Konzertabend. Kuhns Songwunsch zum 302. Liveabend ertönt nach Zustimmung Knoths am Bass – klar: Ace of Spades. Bestimmt nur halb so laut wie es der Originalinterpret performt hätte, sei’s drum. Die Euphorie ist perfekt, der Schweiß tropft vom Nebenmann*frau.  Dass für den Track Der letzte Tanzende keine Stille aufzukommen vermag, spricht nur für unerschöpfliche Freude über die dichte Klangpfade, welche die Stuttgarter in Punk, Rock, bisweilen Jazz oder Metal verstrudeln. Wie im Fluge vergehen die Konzertminuten, die final als kumulierte Hitze in die Nacht dampfen. Strahlende Augen, tosender Applaus der Konzertbesucher:innen und einige Zugaben sprechen für die Erzählungen von der besten Liveband.

Setlist DIE NERVEN – Leipzig, Conne Island (05.11.2022)

00. Ode an die Freude (Intro)
01. Europa
02. Ich sterbe jeden Tag in Deutschland
03. Keine Bewegung
04. Alles reguliert sich selbst
05. Barfuß durch die Scherben
06. Niemals
07. 15 Sekunden
08. Der Erde gleich
09. Ace of Spades (Motörhead Cover)
10. Ein Tag
11. Der letzte Tanzende
12. Angst
13. Frei (Z)
14. Albtraum (Z)
15. 180 ° (ZZ)

Die letzte Rockband Europas

Die Gruppe Die Nerven fand sich 2010 in Esslingen und ist zur Zeit dort, wo Popkultur entsteht: Im Kunstkollektiv, zwischen dem Gitarrenwummern auf der vernebelten Bühne nebenan oder als Teil der Produktion von Albumcharterfolgen. Julian Knoth, Kevin Kuhn und Max Rieger hieven ihre jeweiligen Inspirationen, Klänge und Musikgeschichten in das irre Konglomerat aus Eifer, Lust und Wut. Die Nerven ist das Trio, das die wabernden Postpunkwellen schlägt, die in den letzten Jahren über den deutschsprachigen Raum schwappen. Das fünfte und selbstbetitelte Studioalbum ist die frische Schaumkrone auf dem Meer, ach, sie sind der reißende Strom der musikalischen Gegenwart Gut-Gekleideter.

Weblinks DIE NERVEN

Bandcamp: https://dienerven.bandcamp.com
Facebook: http://www.facebook.com/deinemutteralter
Instagram: https://www.instagram.com/dienerven/
Spotify: https://spoti.fi/2MG7SXA
Youtube: http://www.youtube.com/user/nomercyforbobross

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