BOY HARSHER @ Köln, Gloria (22.08.2022)

Boy Harsher © Sandro Griesbach
Boy Harsher © Sandro Griesbach
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Es gibt sie noch, die bestens besuchten Konzerte kleiner Bands in intimen Locations. Auf einem bekanntlich unattraktiven Montagabend verkauften Boy Harsher den schicken Kult-Club Gloria im Herzen Kölns aus. Rund 400 Menschen kamen so zusammen, die Mischung war dabei interessant. Klar, den Großteil machten typische Goths in klassischem schwarzen beziehungsweise Joy-Division- oder Neubauten-Bandshirt-Outfit aus. Dazu gesellten sich aber auch einige Vertreterinnen und Vertreter der bekanntlichen großen Kölner Queer-Szene sowie einige Hippie-Hemd-Hipster – und zumindest letztere sieht man auf Konzerten artverwandter Gruppen sonst so gut wie nie. Soviel vorweg: Zur großartigen Stimmung beim Set von Jae Matthews und Augustus “Gus” Muller trugen jedenfalls alle ihren Teil bei.

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Doch zunächst verbrachte ein Teil der Anwesenden den 30-minütigen Auftritt von Kris Baha noch rauchend und/oder trinkend im Foyer. Schade, denn so verpassten sie eine wirklich tolle Solo-Performance des mittlerweile in Berlin lebenden Australiers, der mit seiner Vorliebe für die Farbe schwarz sowie Lack/Leder/Bondage-Kleidung auch perfekt ins Publikum gepasst hätte. Zwischen Mikro, Keys, Knöpfen und E-Drum-Station tobte sich Baha aus und präsentierte ein sehr tanzbares, retro-futuristisch klingendes Set, musikalisch irgendwo zwischen Wave, Electroclash und EBM angesiedelt. Mit seiner Gesangsstimme hätte er bei entsprechendem Geburtszeitpunkt wohl auch Karriere in einer 80er-New-Romantics-Band machen können. Sehr schade nur, dass es am Merch-Desk keine Tonträger, sondern nur eher minimalistisch gestaltete Kleidung von Kris Baha zu kaufen gab. Wer seine Musik zuhause wie unterwegs hören will, der erkunde bitte seine Bandcamp-Seite (Link siehe unten). Zudem seien hier ausdrücklich seine DJ-Sets auf dem Social-Media-Kanal “Hör Berlin” empfohlen, bei denen sich Baha überwiegend treibender EBM verschreibt.

Großzügig ausgestattet war hingegen das Angebot bei Boy Harsher. Viele CDs, Vinyl, gar Kassetten für Sammler und bemerkenswert kreativ gestaltete Shirts, einige von ihnen großflächig beidseitig bedruckt, mit grellbunten Motiven und Schriften im Film-noir-Plakat-Stil. Was ja auch perfekt zur aktuellen Veröffentlichung des Duos aus Massachusetts passt, handelt sich beim im Januar erschienenen Album The Runner um den Soundtrack zum gleichnamigen Horrorstreifen, der bei ausgewählten Tourterminen gar vor dem Konzert in kleinen Programmkinos in der jeweiligen Stadt gezeigt wurde. In Köln geschah dies leider nicht.

Umso schöner, dass das nach knapp 30 Minute Stille folgende Konzert sämtliche Erwartungen sprengte. Bei absolut perfekt ausgesteuertem Sound gaben Jae und Gus einen guten Querschnitt aus ihren LP- und EP-Veröffentlichungen zum Besten und das mit einer absolut leidenschaften Performance. Schwer nachzuvollziehen und wohl einmalig, wie es Boy Harsher gelingt, maschinelle Musik mit EBM-typisch monotonen Sequenzer-Basslines zu spielen, aber dabei eine derart sinnliche, erotische, ja laszive Atmosphäre zu kreieren. Ein Schlüssel dazu ist Matthews’ Stimme, die live verblüffenderweise exakt klingt wie auf Platte – außer in einigen Momenten, in denen sie zu kurzen hohen Shouts oder kurzem noch höherem Kieksen ansetzt. Was aber nie störend wirkt, eher jeweils als kurzer Emotions- und Energieausbruch einzuordnen ist.

Die klug zusammengestellte Setlist kombinierte die größten Club-Hits aus nun neun Jahren Bandgeschichte mit einigen Noise-Ausbrüchen im Stile alter Atari Teenage Riot und wenigen ruhigen Momenten. Diese, wie das Chris Isaak-Cover Wicked Game, hatte man zwischendurch auch nötig, weil Brecher wie Fate, Westerners oder Come Closer die Temperatur im Gloria in nahezu unerträgliche Höhen schießen ließ. Dazu kommt, dass einige Stücke durch Manipulation und Live-E-Drums von Muller noch treibender daherkommen als auf Platte, besonders auffällig beim spät gespielten Modulations, das seine Studiofassung von der Lesser Man-EP so locker in die Tasche steckt. Eigentlich hatte niemand im ausverkauften Raum Platz zum Tanzen – getanzt haben trotzdem alle. Zwischendurch richtete Jae einige Worte ans Publikum, “Problem” nur: Diese gingen größtenteils in ohrenbetäubenden Jubeleruptionen runter.

Nach etwas weniger als einer Stunde verabschiedete sich das Duo kurz von der Bühne. “Ey, die werden doch wohl noch Pain spielen?“, rief ein Fan laut fragend rein – es war natürlich eine rhetorische Frage. Das Lied, das seit seinem Erscheinen aus keiner guten Goth-Disco, keiner guten Gay-Disco und keiner guten Techno-Disco mehr wegzudenken ist und sogar bekannte deutsche Rapperinnen inspirierte, bildete wenig überraschend den krönenden Abschluss. Wenn man hier irgendwas kritisieren wollte, war es die kurze Spielzeit – wobei die natürlich mit Matthews’ Multipler-Sklerose-Erkrankung und damit zusammenhängender Erschöpfung zusammenhängen kann. Doch diese 65 Minuten waren pure Magie – so sexy klingen Cold Wave, Dark Wave und EBM bei keiner anderen Band. Gabi Delgado wäre stolz.

Setlist BOY HARSHER @ Köln, Gloria (22.08.2022)

01. The Ride Home
02. Give Me A Reason
03. Morphine
04. Fate
05. Westerners
06. Come Closer
07. Tower
08. Wicked Game
09. Tears
10. LA
11. Modulations
12. I Understand
13. Pain

Hinweis: Die Fotos stammen vom Konzert in Frankfurt (Zoom) am 24.08.2022.

Weblinks KRIS BAHA

Bandcamp: https://krisbaha.bandcamp.com/music
Facebook: www.facebook.com/krisbaha
Instagram: www.instagram.com/krisbaha

Weblinks BOY HARSHER

Homepage: https://boyharsher.lnk.to/website
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Bandcamp: https://boyharsher.bandcamp.com

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