SOMMERBÜHNE AM PANOMETER , Leipzig (22.07.-15.08.2021)

Fotos: SHELTER BOY
Shelter Boy, © Claudia Helmert
Geschätzte Lesezeit: 6 Minute(n)

Wie gesagt: Eine ganz und gar liebenswerte Auswahl an Künstler:innen bringt der Zusammenschluss der beiden Connewitzer Konzerthäuser Werk 2 und UT Connewitz auf die sommerliche Bühne des Panometers Leipzig. Mit dem 22. Juli starteten drei Wochen kulturelle Vielfalt: Film, Literatur, Livemusik – hier kommt nur Gutes zusammen (und diese Auswahl erst!). Um nur eine kleine Auswahl zu präsentieren:

Tanzstilmanöver und 100 Instastories für A friend
SOMMERBÜHNE AM PANOMETER , Leipzig (22.07.-15.08.2021)
Shelter Boy, © Claudia Helmert

Und dann startete die Woche, mit einem Montag, von dem man sonst nicht viel erwartet, wohlgesonnen mit guter Livemusik in hübscher Kulisse: Die Sterne werden glitzern und der für die kühlen Abendminuten umgebundene (sonst-)Winterpullover unnötiger Ballast sein. Am Anfang sind verschränkte Arme (wir haben uns die Bewegungen zu Livemusik auf Zeit abgewöhnen müssen) und schaukelnde Oberkörper (nicht selten leicht schneller als der Rhythmus es vorschrieb). Träge, aber warm zeigt sich der Sonnenuntergang, der durch die teils eingebrochenen Fensterscheibenquadrate bricht während die klangvolle Lässigkeit um Shelter Boy in Open Air Qualität schallt. Ein Sektkonzert und trotzdem herrlich, wenn auch anhaltend distanziert und die großen, nicht zu überwindenden Lücken zwischen den Zuhörenden das Konzerterlebnis anders wahrnehmen lassen. Es gleicht eher einem verhaltenen für-sich genießen statt der gemeinsamen Ekstase (aber das kommt bestimmt noch, irgendwann). Bis dahin sind wir sowieso über jede Kultur, die stattfinden darf, unheimlich glücklich. Besonders, wenn es sich gut wackeln lässt: Jahrmarktvoiceover und bunte Lichter, es könnte kaum schöner sein! Durch die Dunkelheit wabern Say Yes Dog, anhaltend tanzbar und ausgelassen. Dann guckt man sich so um, eben weil man nicht in diesen Kollektivrausch kommt, und während der kurzen technischen Störung auch nicht so recht weiß, wie man sich verhalten soll und sieht, wie sich ein paar Menschen am rechten Bühnenrand umarmen, einfach so, nicht für eines der angehend verstaubenden, selbstdarstellerischen Mobiltelefonaufnahmen (zumal im Dunkeln!). Dann wieder tanzen, wackeln, tanzen, Toilette besuchen, tanzen, wackeln, tanzen im flackernden Licht und Rhythmus und alles ist schön und dann pünktlich 22 Uhr Schluss. Die Grillen zirpen und das gute Gefühl überlegt sich noch ein angemessenes Geräusch!

Die umfassenden visuellen Eindrücke der Auftritte von Say Yes Dog und Shelter Boy könnt ihr in der Fotogalerie nachschauen.

SOMMERBÜHNE AM PANOMETER , Leipzig (22.07.-15.08.2021)
Lesebühne Schkeuditzer Kreuz, © Claudia Helmert
Freier Eintritt für Verkehrsschilder

Wolkenverhangen zeigt sich der Himmel und malt die Wände des Leipziger Panometers grau an, Regencapes rascheln durch die bestuhlten Reihen im kreisrunden Inneren und während sich eine Schicht Plastik über das Publikum legt, verzaubert Julius Fischer mit frischer Musik die Unruhe: Lokalkultur zum Mittwoch – die Lesebühne Schkeuditzer Kreuz guckt glücklich in die ebenso ausgelassene Schar Kulturinteressierter. Endlich wieder auftreten und die im Stillen generierte Kunst dem direkten Feedback des Publikums entgegenwerfen (yes!) und diese Wertschätzung, die einem da um die Ohren peitscht! Abwechselnd unterhalten Hauke von Grimm, Marsha Richarz, Julius Fischer, Kurt Mondaugen, Franziska Wilhelm und der lässige abendbesondere Zusatzgast Jean-Philippe Kindler (tiergeräuschinteressiert) abwechselnd mit den kleinen Alltagsbetrachtungen und irgendwie Familienwahrnehmungsbezug. Das geht solange bis man sich in Zeitvergessenheit gelesen hat und der 22 Uhr Schluss nicht jedne der  Künstler:innen erneut lesen lässt, schade, aber schön wars sowieso!

Liebe mich zärtlich

… schallt es in rosagefärbten Licht durch den Kuppelbau des Leipziger Panometers auf der Geschichte mit der Oma, welche die Musik wertschätzt,

SOMMERBÜHNE AM PANOMETER , Leipzig (22.07.-15.08.2021)
Albertine Sarges, © Claudia Helmert

aber den englischen Text nicht zu verstehen weiß: Elvis auf Deutsch, modern und warm. Mit zwirbeligen Gitarrenmelodien verzaubert die zumeist grinsende Albertine Sarges die Musiklandschaft und die Umherstehenden sowieso. Langsam wippt die (coronakonform mit Abstand verteilte) Masse im Takt des viel zu kurz – weil viel zu schönen – andauernden Auftrittes, auf den frischen Klanglandschaften und denkt auch bei den eher spokenwordigen Passagen mit. Flinker Umbau, meine Begleitung erzählt mir was vom Pferd und von Gitarren, wie Look von Instrument und Person harmonieren oder nicht, von Sound und Feeling und dann kommt Ilgen Nur (ganz oben dabei, wenn es um Inspiration für die Schuhwahl geht – ganz ohne Geschlechterklischeegedanken ists mir das einfach in Erinnerung geblieben). Beinahe ohne Ansagen wummert der solide Indiesound unter dem Nachthimmel, aber die Stille zum Instrumentenwechsel oder während des Umstimmens, muss man eben aushalten können. Dafür folgt viel von dem neuen Stoff, schönes Licht und werschätzender Applaus.

Die Momentaufnahmen der Auftritte von Albertine Sarges und Ilgen Nur könnt ihr in der Fotogalerie bestaunen.

Feel free to come on stage
SOMMERBÜHNE AM PANOMETER , Leipzig (22.07.-15.08.2021)
Voodoo Beach, © Claudia Helmert

Charisma ist soviel Wert und John Moods hat es einfach! Blau gekleidet schwingt er sich mit seiner Unbeschwertheit durch zauberhafte Synthiesounds, für die er gar keine Band braucht. Zum Albumrelease von So Sweet So Nice eröffnet er den Konzertdonnerstag am Panometer. Dass es regnet, lässt die Leute nur dichter zusammenrücken und vor die Bühne treten und der Künstler schätzt die Nähe, bittet sogar die Bühne zu zertanzen – wer denn möchte?! (Langsam langsam, man weiß noch nicht so recht, wie man sich bei Livemusik verhält (dank langer Pandemiepause), und dann gleich auf die Erhebung? Never, dann lieber Füße wippend nach unten gucken und dennoch alles unbeschwert finden.) Weil alles so schön ist, schiebt die Wertschätzung auf allen Seiten die Regenwolken für einen bunten Bogen zur Seite und jener glänzt durch die offene Kuppel des Leipziger Panometers heute besonders! Einen Umbau später erwarten uns die drei wohlgelaunten von Voodoo Beach. Jene nutzen die komplette Bühnenbreite für ihre Spielfreude, gewollte Bewegungen und die düster wabernden Herbstmusiken. Wohlig in die Dunkelheit des Konzertabends, passender kann man sich eine klangvolle Begleitung kaum ausmalen. Ists einmal düster, wirken auch die Beleuchtungsideen um so stärker und genau die lassen die Stimmungen der Gruppe Die Kerzen erst richtig strahlen: Gewählt gekleidet, in großen Jacken trotz warmer Temperaturen, nutzen die Musiker:innen die Bühne als Chance erstmalig neue Stücke zu erproben. Läuft, das Postpandemiepublikum findet alles gut!

Wie gehabt, die ausschweifenderen visuellen Eindrücke von John Moods, Voodoo Beach und Die Kerzen lassen sich in der Fotogalerie entdecken.

Doc Martens und Joy Division Shirt
SOMMERBÜHNE AM PANOMETER , Leipzig (22.07.-15.08.2021)
Warm Graves, © Claudia Helmert

Das schönste Publikum von allen besuchten Konzerten der fantastisch kuratierten Konzertreihe zeigen sich bei Warm Graves, die bisher nur eine Platte releasten, die aber umso spannender ist! Tief hallen die Töne durch das Rund des Leipziger Panometers, wenig verhalten und in gut aussehender Gesellschaft wirkt die Resonanz, das Wabern wundervoll. Grün-blaues Licht bricht sich in den überschwappenden Nebelschwaden während es sich leicht in den atmosphärischen Klangbetten der Lokalhelden verweilen lässt. An die Musikwand anschließend, macht sich im Gegenlicht Flying Moon in Space ins Dunkle. Wir sind in einer Explosion! Kribbeln baut sich auf und entlädt sich, in verzwirbelten Worten und harten Klänge, es riecht nach Gras und alles flackert. Die Kombo publizierte Ende des vergangenen Jahres ihre erste Platte und wirken schon so groß – vermutlich von den gesammelten Erfahrungen während ihres Schaffens mit Dolphins, Lovely Heroin, Creams oder Hologram Hug. Wummst schön und die Zuhörenden zappeln herrlich mit den Bühnenreizen um die Wette!

Die Fotogalerie enthält weitere Aufnahmen von Warm Graves und Flying Moon in Space.

Wie Goethe eins sagte
SOMMERBÜHNE AM PANOMETER , Leipzig (22.07.-15.08.2021)
DŸSE, © Claudia Helmert

Ein wohlverdientes “Ausverkauft!” ragt über dem Veranstaltungsflyer hinaus, das Versprechen vielen Menschen zu begegnen, die meisten davon langhaarig, wird gehalten. Personen aus verschiedenen Schubladen, ohne selbst an Schubladen zu glauben (vermutlich) macht alles spannend.  Makata-o, das verschwitzte Duo mit den großen Tönen, eröffnet den Abend, stellt sich dem headbangbegeisterten Publikum entgegen. Wer nicht wackelt, steht in der meterlangen Schlange am einzigen Getränkeausschank der Open Air Location, aber der großen Beschallung entkommt man so oder so nicht. Die Sonne geht unter, die Mückendichte nimmt zu, der Umbau ist kurz, die Stimmung ausgelassen und mit den erstel Trommeschlägen verstummen die Unterhaltungen im runden Raum der Zuhörer:innen: Eine Wucht! Diese Energien, diese Spielfreude, Schlag auf Schlag, Mitsingchöre (bitte was? ohne gibts keinen Musik-Start!) – DŸSE sind am Start! Gut gelaunt, voller Geschichten, quirligen Gitarrenmelodien und vereinnahmende Drums erzählen sie aus Weimar und von Goethe, dem Haifisch, den Zähnen, den Höllenjungen und alles was in und zwischen den Zeilen ihrer Klangkonstruktionen zu finden ist oder sein könnte. Im Strom von all dem vergeht die Zeit (wie bei allem Schönen) zu schnell und plötzlich bemerkt man, am Maskenträger:innen-Moshpit stehend, wie es dunkel geworden ist und das Zeitlimit keine Zugaben erlaubt. Der Applaus lässt sich nicht so leicht stoppen, Freude passiert dann am Merchstand weiter, wo die Künstler, dem glücklichen Publikum entgegenstrahlen. Wundervoll!

Weitere visuelle Eindrücke von Makata-O und DŸSE sind in der Fotogalerie zu finden.

Weblinks Sommerbühne am Leipziger Panometer:

Homepages: www.werk-2.de // utconnewitz.de // www.panometer.de
Instagram: www.instagram.com/werk2leipzig/ // www.instagram.com/utconnewitz/ // www.instagram.com/panometer/

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