AMANDA PALMER – Essen, Colosseum Theater (19.09.2019)

Doctrine.design Steffen Seth Prohn
Geschätzte Lesezeit: 4 Minute(n)

Der Gong erklingt im Foyer des Essener Colosseum Theaters und die Zuschauer bewegen sich gemĂ€chlich zu ihren SitzplĂ€tzen. Kurz darauf erlöschen die Lichter im Saal und lediglich das einsame Piano auf der BĂŒhne erscheint in blaues Licht gehĂŒllt. Die Spannung im Saal ist fĂŒhlbar als die ersten Akkorde der wohlbekannten Ukulele erklingen, doch die KĂŒnstlerin nirgends auf der BĂŒhne zu erblicken ist.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Bei den ersten Tönen des Radiohead Klassikers Creep drehen sich plötzlich alle Köpfe im Publikum nach hinten um. Von einer dunklen Ecke am hintersten Ende aus beginnt Amanda Palmer ihren Einmarsch durch das Publikum in Richtung BĂŒhne. Die Augen des Publikums sind fest auf sie gerichtet. Schließlich lĂ€sst sich Palmer bei den letzten Wiederholungen des Chorus tatkrĂ€ftig – wenn auch noch etwas verhalten – vom Publikum unterstĂŒtzen. Doch das hat die Amerikanerin an sich gar nicht nötig, denn sowohl den geballten Weltschmerz als auch die hohen Töne des Songs meistert sie beim ersten Anlauf perfekt.

Als nĂ€chstes folgt die erste Eigenkomposition des Abends. Mit In My Mind liefert Palmer eine gelungene Überleitung in die bevorstehende Show, von der eine intensive Auseinandersetzung der KĂŒnstlerin mit ihren Lebensentscheidungen und diversen SchicksalsschlĂ€gen zu erwarten ist. Das Publikum ist darauf eingestellt, dass dies eher eine Talkshow/Therapiesitzung als ein gewöhnliches Konzert werden wird. Doch es ist wie immer im Leben: Gerade, wenn man denkt, man weiß, was auf einen zukommt, kommen die Dinge ganz anders.

Nachdem Palmer die Ukulele auf der BĂŒhne abgelegt hat, verkĂŒndet sie, dass sie selbst heute nicht in der Stimmung fĂŒr ihre ĂŒbliche Show sei und erklĂ€rt: „I am Amanda Fucking Palmer, I can do whatever I want.“ FĂŒr den heutigen Abend bedeutet dies statt ausfĂŒhrlichen Geschichten ĂŒber sexuelle Übergriffe und Abtreibungen gibt es den Total Request Live! Bereits vor Konzertbeginn ist sie durch das Foyer gezogen und hat verschiedene SongwĂŒnsche des Publikums auf einer Liste gesammelt, die sie am heutigen Abend alle beabsichtigt zu spielen.

Danach geht es auch sofort los. Mit einem Cover von dem Die Ärzte Hit Schrei Nach Liebe („in the style of Tori Amos”) mit einem Interlude von Madonnas Like a Prayer beweist sie einmal mehr ihre sehr guten Deutschkenntnisse. Nach einem weiteren Publikumswunsch Astronaut (A short History of nearly nothing) folgt mit einer Coverversion von Kurt Weills die SeerĂ€uber-Jenny ein persönliche Wahl Palmers gefolgt von ihrem eigenen Hit The Killing Type. Palmer prĂ€sentiert sich dem Publikum als „artists in his natural habitat“ als sie mit einem aus dem Publikum geliehenen Stift die gewĂŒnschten Lieder nach und nach in eine Playlist umformt, die immer wieder auch Platz fĂŒr monologische EinschĂŒbe aus der eigentlich Show einrĂ€umen. In Kurzform berichtet Palmer auf diese Weise ĂŒber ihre Einstellung zu radical compassion und den Tod ihres besten Freunds Anthony.

Ehrlich erklĂ€rt sie dem Publikum, dass sie das GefĂŒhl hat, ihre Show wĂŒrde in Deutschland irgendwie nicht so lustig sein wie in den Staaten – ob dies an der Sprachbarriere und an einer anderen Art von Humor liegt, könne sie jedoch nicht sagen. Es folgt eine anekdotenhafte Beschreibung ihrer ersten Abtreibung als Überleitung in ihren Song Oasis, wobei sie den Publikumschor scherzhaft als ihre „abortion Beatles“ bezeichnet. Anschließend folgert sie aus dieser humoristischen Umsetzung dieses schwierigen Themas, dass es die Aufgabe der Kunst an sich sei, „to make light to get through the dark – because without humour we’re fucked“. Das Publikum hat Palmer dabei voll und ganz auf ihrer Seite. Wenn auch etwas vereinzelt und hier und da etwas verhalten, herrscht insgesamt eine sehr entspannte und vertraute Stimmung.

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Es folgen ihre Songs Runs In The Family, Ampersand und Drowning In The Sand als erster Song des neuen Albums. Zu letzterem erlĂ€utert sie die skurrile Entstehungsgeschichte, die auf einem MissverstĂ€ndnis zwischen einem ihrer Social Media Posts ĂŒber Taylor Swift basierte.

In Anlehnung an die negativen Auswirkungen des Klimawandels bekommt ihr Cover des Gauzone-Songs EisbĂ€r einen sehr bitteren Nachgeschmack. Die melancholische Stimmung verfestigte Palmer direkt im Anschluss mit der Anekdote zur Entstehung ihres Songs Machete, den sie fĂŒr die Beisetzung ihres besten Freundes geschrieben hatte. Um die Stimmung wieder etwas zu heben, erzĂ€hlt sie eine amĂŒsante Geschichte ĂŒber ihren Sohn Ash und berichtet ĂŒber die Ambivalenz, die sie stets gegenĂŒber der Entscheidung gehegt hat, ob sie ĂŒberhaupt Kinder haben sollte. In der originalen Show wĂ€ren dafĂŒr wohl 20 Minuten draufgegangen, das Essener Publikum kam mit etwa fĂŒnf davon.

Mit A Mother’s Confession kamen nicht nur Palmer selbst, sondern wohl zumindest den Eltern im Saal die TrĂ€nen, aber wie hat es Palmer so treffend formuliert: „Our job as artists is not necessarily to make you comfortable.“ Mit Voicemalil For Jill folgt als vorletztes Lied der zweite Song vom neuen Album, das sie ja eigentlich mit dieser Tour promoten wollte. Es schließt sich eine weitere bemerkenswerte Anekdote ĂŒber eine Fehlgeburt an, die Palmer völlig allein in einem Yoga-Hotel zur Weihnachtszeit durchgezogen hat. Dieses fĂŒr sie befreiende GefĂŒhl der inneren StĂ€rke artikulierte sie dann in der deutschsprachigen Version des Disney-Hits Lass Jetzt Los (Willemijn Verkaik/ Die Eiskönigin), das zu einem gelungenen Abschluss der Show fĂŒhrte und das Publikum mit einem GefĂŒhl der Freiheit entließ.

Gefolgt von Zugaberufen liefert Palmer mit The Ride dann noch einen Song vom neuen Album, mit dem Sie dem Publikum vermitteln wollte: „We make light and it is very dark out there. Don’t feel useless: make light!“.

Das fast dreistĂŒndige Konzert war jede Minute wert. Palmer und das Publikum haben es geschafft, die AtmosphĂ€re einer Studentenparty in das Essener Colosseum Theater zu projizieren und die Zeit nur so verfliegen zu lassen. Im Anschluss gab es noch eine Foto-Op fĂŒr Palmers Patreons und die Möglichkeit sich mit ihr im Foyer auszutauschen und Autogramme zu erhaschen.

Fazit: Amanda Palmer ist ihr Geld wert. Das Publikum war derart eingebunden, dass selbst die sonst so lĂ€stige Handy-Fotografie wĂ€hrend des Konzertes bis auf einzelne Ausnahmen ausblieb. Hier und da wurde fĂŒr den Sitznachbarn und leisem Tuscheln schnell ĂŒbersetzt, was die KĂŒnstlerin gesagt hat. Aber das sind minimale Störungen, die hier sicherlich ihren Platz haben. Auch Palmers Werbeeinlagen fĂŒr ihren Patreon Account haben bei einer KĂŒnstlerin, die bei keinem Label unter Vertrag ist wohl ihre Berechtigung und wurden nicht negativ aufgenommen. Sie ist und bleibt eben Amanda Fucking Palmer.

Setlist AMANDA PALMER – Essen, Colosseum Theater (19.09.2019):

01. Creep (Radiohead Cover)
02. In My Mind
03. Schrei nach Liebe (Die Ärzte Cover, mit „Like A Prayer“ (Madonna))
04. Astronaut (A Short History of Nearly Nothing)
05. Die SeerÀuber-Jenny (Kurt Weill Cover)
06. The Killing Type
07. Oasis
08. Runs In The Family
09. Ampersand
10. Drowning in the Sound
11. EisbÀr (Grauzone Cover)
12. Machete
13. A Mother’s Confession
14. Voicemail for Jill
15. Lass jetzt los (Willemijn Verkaik Cover)
16. The Ride (Z)

Weblinks AMANDA PALMER:

Homepage: amandapalmer.net
Facebook: www.facebook.com/amandapalmer
Twitter: www.twitter.com/amandapalmer

Autorin: Carla Lassing

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