PROPHECY FEST 2019 – Balve, Balver Höhle (Samstag, 14.09.2019)

DARKHER © Thomas Papenbreer
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Das Prophecy Fest ist wie in jedem Jahr das Zusammenspiel der Veranstalter, zu denen die unermüdlich über das Gelände hetzenden Martin Koller, Andreas Schiffmann und Stefan Belda gehören, Marco Steinmetz und sein Team vom Merch, die ganzen Jungs und Mädels von der Technik, die nicht zu zählenden Helpings Hands und die vielen Ehrenamtlichen des Festspielvereins Balver Höhle e.V.. Das funktioniert wie immer so erstaunlich, dass man sich als Gast wie auf einem Familientreffen fühlt, zu dem man immer wieder gern hinfährt.

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Schon ab neun Uhr morgens gibt es für die Leute vom Campingplatz Frühstück. Man hat über die Jahre das Angebot an veganem Essen immer wieder erweitert. Alle sind freundlich, nie ist jemand genervt, obwohl die dargebotene Musikrichtung sicherlich nicht unbedingt immer den Geschmack der Vereins-Menschen trifft. Teilweise haben die sich sogar mit Shirts des Labels ausgestattet, um sich an die angereiste Fan-Schaar anzupassen. Man erkennt sich wieder und freut sich mittlerweile sogar aufeinander.

LASTER (NL)

Mit „obskurer Tanzmusik“ starten wir musikalisch in den zweiten Tag. Es ist 13:00 Uhr, „verdammt früh“, wie die Künstler von Laster treffend bemerken, die den Reigen heute eröffnen. Es wäre vermessen zu behaupten, dass alle schon wieder da wären. Die Reihen sind anfangs noch etwas licht, was sich aber während des Vortrags der Niederländer ziemlich flott ändert. Die hatten im April mit Het Wassen Oog ihren Einstand bei Prophecy Productions und mit einer Melange aus Post-Rock, Black-Gaze, Black Metal, Avantgarde-Pop und Jazz eine Perle eklektischen Spiels mit verschiedensten Stilen vorgelegt. Die Visualisierung eines verborgenen Unwohlseins durch die vielgestaltige Sprache der Musik – das ist das Ziel von Laster. Dies deutet bereits im Vorfeld ein Gesamtkonzept an, das live entweder wunderbar funktioniert oder furchtbar nach hinten losgehen kann.

Wir sollten nicht enttäuscht werden. Wie seltsame Vögel staksen die Musiker mit ihren charakteristischen Masken über die Bühne und verbreiten schon optisch eine groteske wie fesselnde Stimmung. Der Sound ist vielschichtig und bietet eine Bandbreite zwischen klaustrophobischer Beklemmung, in denen sich Gitarrenwände garniert mit verzweifelten Screams kaskadenhaft um einen herum auftürmen und verspielten Jazz-Episoden, die das Ganze ad absurdum führen und für virtuose Schlaglichter beinahe schon wahnsinnigen, aber doch überlegt platzierten Spotts sorgen. Wie ein riesiger Magnet zieht der Gig immer mehr Besucher an. Zu Recht. Mir ist musikalisch bisher noch nichts Vergleichbares untergekommen.

TCHORNOBOG (USA)

Auf diese Form doppelten Bodens verzichtet der Amerikaner Markov Soroka. Der ging vor grad mal drei Monaten mit gleich drei Projekten beim Label unter Vertrag. Tchornobog ist eins davon (Drown und Aureole heißen die beiden anderen). Wer mit slawischer Mythologie (oder wenigstens mit Neil Gaimans Roman American Gods) vertraut ist, dem dürfte Tchornobog (oder Tschernobog) als düsterer oder schwarzer Gott, als Gegenspieler von Bjelobog, dem lichten und weißen Gott, bekannt sein. Die Vielschichtigkeit mythologischer Spielarten beiseite lassend, spiegelt Soroka in seiner Vision von Tchornobog das Sündhafte, das Chaos, Elend und Leid in einer introspektiven durchaus weltlichen Perspektive. Und welches musikalische Vehikel eignet sich dazu besser als das des Blackend Death Metal?

Das selbstbetitelte Album jedenfalls wurde von Kritik und Underground überschwänglich gefeiert und bildet nun das Set. Für das visuelle Rahmenprogramm sorgt der Meister mit Augenbinde und einer Schüssel (Kunst-?) Blut. Letzteres lässt er sich unheilvoll aus dem Mund laufen und ich frage mich unwillkürlich, wo jetzt, in diesem Moment eigentlich der nette Herr von der Lokalpresse ist. Währenddessen wird auf der Bühne ein wahres Inferno chaotisch-böser Finsternis abgebrannt. Die Stücke reihen sich aneinander wie ein einziges harsches Band fieberhafter Vernichtung. Keine Pause, keine Ansagen, kein Applaus. Am Ende: Erlösung.

FEN (GB)

Das Signing der britischen Post-Black Metal Institution Fen trieb so manchen die Tränchen der Freude in die Augen, ebenso wie die Zusage der Band, Teil vom diesjährigen Line-Ups zu werden. Und so gilt es für die folgenden 45 Minuten die Stellschrauben für die Aufmerksamkeit etwas schärfer anzuziehen, denn die Briten setzen mehr auf sprödes Understatement. Klänge, die ob ihrer kargen Majestät wie gemacht zu sein scheinen für die steinzeitlichen Felsen, durchziehen die Höhle und werden von den kalten Wänden zurückgeworfen. Die atmosphärischen Post Black Metal Kompositionen, die als Studioaufnahme noch einmal fesselnder wirken, kommen durch die Vorortabmischung etwas breiig herüber. Vor allem die exzellente Bass-Arbeit von Grungyn setzt hier ein formendes Kontrastgerüst, zwischen die kalt-grauen Brachialwände. Insgesamt bleibt eher wenig vom Auftritt der Briten hängen, umso mehr freue ich mich auf das neue Studioalbum, das hoffentlich noch in diesem Jahr erscheinen wird.

YEAR OF THE COBRA (USA)

Völlig andere Töne und deswegen eine willkommene Abwechslung liefern im Anschluss an diese leicht unterkühlte Distanziertheit Amy Tung Barrysmith (Bass, Vocals) und Jon Barrysmith (Schlagzeug) aus Seattle. Die konnten sich in den letzten Jahren, allein bewaffnet mit Rhythmuswerkzeug, einen überzeugenden Namen in der Stoner-Doom-Szene machen. Ein paar Bedenken hatte ich schon, dass das Duo auf der großen Bühne ein wenig verloren wirken könnte. Doch die zerstreuten sich sehr schnell angesichts der hitzigen staubtrockenen Brachialgewalt, die das Paar dort auf die Bühne bringt. Trotz der prägnanten Wucht hat die Musik von Year Of The Cobra nichts Grobschlächtiges. Sie reizt vielmehr die Intensität der Klanggravität der beiden Instrumente aus, die sie wie zwei Säulen tragen.

Zusammen mit der ausdrucksstarken Stimme von Amy Tung Barryschmith, die elegisch, kraftvoll und zerbrechlich zugleich ist, scheint mir der Sound der Band die Quintessenz amerikanischen Stoner-Dooms zu sein, der das Genre auf seinen kleinsten gemeinsamen Nenner bringt und von dort aus zu ungeahnter neuer Kreativität entfaltet. Das geht an die Substanz: Jon Barrysmiths drischt auf sein Schlagzeug, das zur Mitte der Bühne geschoben wurde, als gebe es kein Morgen mehr. Und was Amy Tung, deren Art zu spielen auch schon mit der von Lemmy Kilmister verglichen wurde, da mit ihrem Bass macht, ist jenseits von Gut und Böse. Die gnadenlose Abfolge von Dampfhammer-Hooks und gleisenden Killer-Riffs werden mich jedenfalls heute den ganzen Abend nicht mehr loslassen.

VEMOD (NOR)

Von den Prophecy-Neulingen kommen wir jetzt zu einem echten Phänomen auf dem Fest. Die norwegische Band Vemod absolviert heute ihren dritten Auftritt im Rahmen der Festival-Reihe. Und das ist einerseits für das Festival selbst einzigartig, andererseits insofern bemerkenswert, als dass sich die Band insgesamt in puncto Live-Präsenz eher zurück hält. Bei ihrem 2016 auf dem Label erschienen Album Venter På Stormene handelt es sich um ein Re-Release ihres 2012 erschienenen Debüts. Auf neues Material der als visionär geltenden Band warten wir seit dem hoffnungsvoll. Der Grund, warum Vemod immer wieder ins Line-Up des Festes integriert werden, sind die ungeheure Intensität des Klangkonzeptes der Band aus Trondheim, ihr visionäres Songwriting und die atmosphärisch durchdachten Live-Auftritte.

Besonders gefreut habe ich mich, dass man die Norweger in diesem Jahr innerhalb der Running Order etwas weiter vorn platziert und nicht wie die Jahre zuvor komplett an den Schluss gesetzt hatte. So waren die grauen Zellen noch einigermaßen frisch und man konnte dem Ganzen relativ unverbraucht (bzw. so unverbraucht man nach knapp zwei Tagen und zehn Band in Dauerbeschallung eben so ist) widmen. Vemod treten am liebsten auf einer abgedunkelten Bühne auf. Auf der Leinwand im Hintergrund werden stecknadelkopfgroße Sternenlämpchen projiziert. Die Scheinwerfer werfen nachtblaue Träume zwischen uns und die Künstler. Zusammen tauchen wir ein in eine Welt aus breiten Ambientflächen und düster-schwarzem Ästhetik-Metal. Draußen mag es noch hell sein. Drin in der Höhle hat die Zeit aufgehört zu existieren. Jeder einzelne von uns ist eine astronomische Einheit, ein Partikel Sternenstaub schwereloser Verzückung.

DARKHER (GB)

Ich hatte Jayn Maiven im Rahmen des WGT in diesem Jahr schon einmal live gesehen. Bei dem Auftritt im Mai unter der Kuppel des Volkspalastes (auf den Prophecy-Künstler allem Anschein nach ein Abo haben) war die Künstlerin noch allein gewesen. Entsprechend verloren und etwas substanzlos wirkte die Performance von Darkher, die ihre Anziehungskraft vornehmlich aus einem sich unheilvoll zusammenbrauenden Spannungsbogen gespenstischer Wetterlagen zieht. Ich war sehr erleichtert zu sehen, dass die Künstlerin heute mit einem Drummer angereist war, der nun das entsprechende Stützkorsett für die dröhnenden, sich auftürmenden, von fernen Stürmen kündenden Riffs aus Jayns Gitarre bilden sollte.

In diesem Inferno klagt ihre Stimme fragil und unstet, aber doch so voller Präsenz wie das Flüstern des Windes zwischen den Gemäuern alter englischer Kirchenruinen. So erschafft sie die erhabene und tröstende Schönheit von Tod und Verfall, durch die innewohnende Erkenntnis, dass diese nicht das Ende, sondern Teil eines Ganzen sind. Die Live-Kombination aus zwei Personen scheint mir für das Konzept die ideale Besetzung zu sein. Jayn Maiven wird so zur authentischen Mittlerin zwischen den Welten. Sie ist wie sanfter Regen auf moosbewachsenen Grabsteinen, flüchtiger Nebel am Morgen nach der Schlacht und klagender grauenvoll-schöner ätherischer Banshee. Im Set finden sich vornehmlich noch Songs aus Realms. Vor allem über das griffige Wars habe ich mich sehr gefreut. Aber es gab auch Neues zu hören, was mich hoffnungsvoll in die darkhersche Zukunft blicken lässt.

EMPYRIUM (D)

Die Verbindung zwischen Prophecy Productions und Empyrium ist originär. Darauf bin ich an anderen Stellen schon sehr oft, sehr ausführlich eingegangen. Es ist daher nur verständlich, dass die Band um Ulf Theodor Schwadorf und Thomas Helm auch in diesem Jahr wieder der (heimliche) Headliner ist und das obwohl sich Auftritte der Band in den letzten Jahren vom raren und gesuchten Gut, schon beinahe zur Routineveranstaltung gewandelt haben. Im gesamten Bereich vor und neben der Bühne ist bereits eine viertel Stunde vor Beginn des Konzertes kein Durchkommen mehr. Wer noch etwas sehen möchte, muss sich fast zu den Jungs und Mädels vom Merch-Stand gesellen, die ihr Lager ganz weit im hinteren Teil der Höhle bezogen haben.

Empyrium sind heute auch in ihrer kompletten Live-Besetzung angetreten, was ich besonders schön finde, da den Songs ohne die Stimme von Thomas Helm doch ein wenig der Zauber fehlt. Präsentiert wird ein Blend aus dem Set der Heralds Of The Fall Tour, was die starke Präsenz von Songs Of Moors And Misty Fields Stücken erklärt, und dem klassischen Empyrium Programm. Gerade in den ruhigeren Passagen sorgen nervige Rückkopplungen immer wieder dafür, dass man sich nicht allzu sehr auf die Musik einstellt. Was wirklich sehr bedauerlich ist, da Empyrium-Songs sehr von ihrer Haltung und Atmosphäre leben und gerade deswegen sehr viel verloren geht. Trotzdem bleiben Mourners oder The Blue Mists Of The Night (gerade der!) großartige Stücke. Live ist eben immer noch live und Gremlins darf man niemals unterschätzen.

BETHLEHEM (D)

Und dann war es am Ende doch noch passiert: Der ambitionierte, straffe Zeitplan (möglicherweise auch ein Ergebnis der 2017er Umfrage), der den Künstlern lediglich 30 Minuten für Ab-und Aufbau und den kompletten Soundcheck zubilligte, wurde von Bethlehem gerissen. Nicht viel, zehn Minuten vielleicht nahmen sich die Künstler länger Zeit, um ihren Fans ein bestmögliches Konzert zu bieten. Man munkelt, die Höhle stehe trotzdem immer noch.

Bethlehem sind Ikonen, Helden und Legenden. Seit ihrem selbstbetitelten Album haben sie mit Onielar eine Frontstimme, die noch mehr zu diesem Status beträgt. Zusammen mit dem unerschöpflichen kreativen Geist eines Jürgen Bartsch stehen Bethlehem in dieser Besetzung so authentisch dafür, wofür Bethlehem immer schon standen und scheinen so unverrückbar, dass es zukünftig für mindestens noch 20 weitere Alben reichen wird.

Eröffnet wird mit Niemals Mehr Leben vom aktuellen Album Lebe Dich Leer. Onielar kreischt und growlt so beeindruckend, dass die gesprochenen Passagen dazwischen noch verstörender wirken. Die Performance ist ebenfalls reduziert und verstörend: Eine wohldosierte, unterschwellig groteske Understatement Untoten-Gestik hinter der die Musik nicht zurücktritt. Die steht wie immer für sich selbst: Ein entsetzenerregendes Monument grenzenauslotender Ästhetik, die Geister spaltet und Kenner bindet.

Eine Stunde lang gehen wir zusammen durch die bethlehemschen Schaffensphasen, wo Die Dunkelheit Darbt, werden Zeuge von Aberwitzige Infraschall-Ritualistik An Gestrandeten Sinnen und lesen im Tagebuch einer Totgeburt. Zwischendurch erhalten wir einen Eindruck, dass jenseits des ganzen lebensverneinenden Wahnsinns unglaublich sympathische aufgeschlossene Leute auf der Bühne stehen.

Grenzenloses Entsetzen birgt die Tatsache, dass die vierte Edition des Prophecy Festes nun schon wieder vorbei ist. Erst 2021 (man hält sich an den Zwei-Jahres-Zyklus) werden wir im September wieder nach Balve reisen. Da feiert Prophecy Productions 25. Geburtstag auf dem Fest.

Geschrieben von
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