MINISTRY / 3TEETH: Oberhausen, Kulttempel (09.07.2019)

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Schon erstaunlich, was Musiker manchmal auf sich nehmen, um ja keine Konzerte absagen zu m├╝ssen. Dass die Industrial-Metal-Legende Ministry mit der nicht ganz so legend├Ąren Industrial-Metal-Band 3Teeth tats├Ąchlich das Konzert in Oberhausen und danach noch zwei weitere Gigs in Prag und Budapest spielte, ist mehr als bemerkenswert. 3Teeth-Drummer Justin Hanson brach sich im Laufe der Tour einen Fu├č, Ministry-Bassist Paul D’Amour ÔÇô ja, wirklich der, der mal bei Tool war ÔÇô den rechten Arm. Das betroffene K├Ârperteil dick in Schlingen eingepackt, hielten beide tapfer bis zum Ende durch. Respekt! So stand einem erfolgreichen Konzertabend mit fetten Riffs auf satten Beats nichts mehr im Wege. Ein guter Belastungstest f├╝r die neue Musikanlage im Kulttempel, die an diesem Abend Premiere feierte.

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3Teeth, aus Kalifornien stammend, nutzten direkt mal die Gelegenheit, Teile ihres p├╝nktlich zur Tour erscheinenden neuen Albums Metawar vorzustellen. Wie die Platte klingt, k├Ânnen diejenigen, die den Vorg├Ąnger Shutdown.exe kennen, schon erahnen. Denn der damals angedeutete Trend setzt sich fort. Nun sind S├Ąnger Alexis Mincolla und seine vier Kollegen endg├╝ltig dabei angekommen, den Marilyn-Manson-Sound der fr├╝hen 2000er-Jahre m├Âglichst originalgetreu zu kopieren ÔÇô nur mit etwas gehaltvolleren Texten, als denen, die Brian Warner seinerzeit ver├Âffentlichte (man denke nur an lyrischen D├╝nnschiss der G├╝teklasse Kaboom-Kaboom, Doll-Digga-Buzz-Buzz-Ziggety-Zag oder This Is The New Shit).

Stimmlich zeigte Mincolla immer mal wieder Schw├Ąchen, T├Âne halten d├╝rfte in diesem Leben wohl nicht mehr die St├Ąrke des Frontmanns werden. Das kann er mit viel nat├╝rlichem Charisma zumindest in Teilen wiedergutmachen, k├Ânnte aber ein Grund daf├╝r gewesen sein, warum Teile des Publikums im gut gef├╝llten Club doch eher verhalten auf den in der Theorie so perfekt passenden Support reagierten. Fakt ist: 3Teeth sind anno 2019 ein absolut solider Industrial-Metal-Act mit vielen guten Songs, kommen damit aber ziemlich genau 25 Jahre zu sp├Ąt. Mitte der 90er w├Ąre das hier der hei├česte Schei├č gewesen. Wer vor allem durch das selbstbetitelte, noch deutlich elektronischere Deb├╝talbum vor vier Jahren mit Stampfern wie Dust oder dem Set-Closer Master Of Decay auf das Quintett aufmerksam wurde und mit Marilyn-Manson-Zwillingen eher wenig bis gar nichts anfangen kann, kann die Band wohl getrost abhaken.

Setlist 3TEETH @ Oberhausen, Kulttempel (09.07.2019)

01. Divine Weapon
02. Affluenza
03. Exxxit
04. American Landfill
05. President X
06. Dust
07. Slavegod
08. Atrophy
09. Pit Of Fire
10. Tabula Umbra
11. Master Of Decay

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Gegen 21.15 Uhr sprach dann Amerikas bekanntester Toupettr├Ąger zum Oberhausener Publikum. Al Jourgensen benutzte die Samples aber nat├╝rlich nur, um jedem der Anwesenden nochmal vor Augen zu f├╝hren, wie l├Ącherlich im Regelfall das ist, was der Mann mit der tendenziell orangenen Hautfarbe so von sich gibt. Der Einstieg in die erste Ministry-Konzerth├Ąlfte, die ganz simpel gehalten aus nicht mehr und nicht weniger als dem kompletten aktuellen Album AmeriKKKant bestand. Entsprechend hielten sich die Fans noch mit wilden Moshpits zur├╝ck, schlie├člich ist die Platte mit Groovern wie Victims Of A Clown, Twilight Zone oder Wargasm ├╝berwiegend im Midtempo gehalten. So konnten sich die Anwesenden aber auch ein wenig besser auf andere Dinge als Bewegungssport konzentrieren ÔÇô zum Beispiel auf das fantastisch-pr├Ązise Gitarrenspiel von Sin Quirin, der st├Ąndig den direkten Kontakt zu den Fans suchte. Auch D’Amours Bass brummelte trotz gebrochenem Arm m├Ąchtig, fast schon zu m├Ąchtig.

Nach einer Dreiviertelstunde nahm sich ÔÇ×Uncle AlÔÇť dann Zeit f├╝r eine l├Ąngere Rede. Zum einen forderte er dazu auf, den Trumps, Orbans, Salvinis dieser Welt und ihren Gefolgsleuten im t├Ąglichen Leben so viel Paroli zu bieten wie m├Âglich ÔÇô zum anderen bedankte er sich beim Publikum, dass es sich auf das Spielen der aktuellen Platte in voller L├Ąnge einlie├č. Nun wollen er und die Band sich mit einigen, nun ja, ÔÇ×doggy treatmentsÔÇť (frei ├╝bersetzt: ÔÇ×Hunde-LeckerlisÔÇť) bedanken, damit wiederum 45 Minuten sp├Ąter alle gl├╝cklich und zufrieden nach Hause gehen.

Viele Klassiker zum Ausrasten

Dass dieser Wunsch voll in Erf├╝llung ging, wundert niemanden, der sich die Setlist anschaut (siehe unten). Drei Volltreffer von The Land Of Rape And Honey, drei Volltreffer von Psalm 69 inklusive dem eeeeeeeewig nicht live gespielten Top-Hit Jesus Built My Hotrod plus Thieves plus eine gro├če ├ťberraschung in Form des fast elf Minuten langen Revolting-Cocks-Cover No Devotion sollten folgen. Ein heftiger Moshpit entstand in der Mitte des Kulttempels, wer nicht mittendrin stand (bzw. sprang), lie├č die Matte wirbeln oder holte die Luftgitarre raus. Kurzum: Das machte einen Heidenspa├č.

Al Jourgensen ist im vergangenen Jahr 60 geworden. Bei seiner Drogenhistorie eigentlich ein Wunder. Heute wirkt der geb├╝rtige Kubaner drahtig und fit. Kaum zu glauben, dass hier jemand auf der B├╝hne stand, der sich zu seinen ÔÇ×bestenÔÇť Zeiten nach eigenen Angaben mehr als 20 Tag Koks-Heroin-Gemische in den K├Ârper jagte. Jourgensen wollte Ministry schon oft beerdigen und kam doch immer wieder zur├╝ck. Und nach diesem Konzert hofft wohl jeder der Anwesenden, dass sich das endg├╝ltige Karriereende des Industrial-Metal-Pioniers noch ein wenig hinzieht.

Setlist MINISTRY @ Oberhausen, Kulttempel (09.07.2019)

01. I Know Words
02. Twilight Zone
03. Victims Of A Clown
04. TV5/4Chan
05. We’re Tired Of It
06. Wargasm
07. Antifa
08. Game Over
09. AmeriKKKa
10. The Missing
11. Deity
12. Stigmata
13. Jesus Built My Hotrod
14. Just One Fix
15. N.W.O.
16. Thieves
17. No Devotion

Weblinks MINISTRY

Homepage: www.ministryband.com
Facebook: www.facebook.com/WeAreMinistry

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