WAVE-GOTIK-TREFFEN (WGT) 2019 – FREITAG (07.06.2019)

Geschätzte Lesezeit: 13 Minute(n)

Das 28. Wave-Gotik-Treffen in Leipzig ist Geschichte. Und hier findet ihr einige Highlights mit Live-Photos und Berichten.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Wir haben f√ľr euch den Bericht wieder nach Locations und dann nach Uhrzeit sortiert.

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Clara-Zetkin-Park

14:00 Uhr Viktorianisches Picknick

Kein Wave Gotik Treffen geht so richtig los, ohne dass man sich stilecht mit ein paar Petit Four, angetan mit schwerem Brokat auf der gro√üen Wiese mitten im Clara Zetkin Park vor dem Musikpavillon niedergelassen hat. Und obwohl das Viktorianische Picknick immer noch kein offizieller Programmpunkt des Treffens ist, erfreut sich das kreativ-eitle Schlemmen konstanter Beliebtheit. Nun k√∂nnte man als scharfer und kritischer Beobachter der ganzen Szenerie schon fragen, wann das FotografInnen-Teilnehmenden Verh√§ltnis endlich kippt. Auch die Tatsache k√∂nnte nachdenklich stimmen, dass immer mehr Schaulustige, die sich zum Teil sehr aufdringlich und auch √ľbergriffig verhalten, die Festivalbesucher zu Alternativ-Veranstaltungen treiben, damit diese wieder ein Mehr-unter-sich und ein weniger Menschen-im-Zoo Gef√ľhl bekommen.

Ja, es gibt viel zu sehen: Erstaunliches, Erbauliches, M√§rchenhaftes, Fabelhaftes, Bizarres, Erotisches, Historisches, Fantastisches, Groteskes, Eklektisches, Elegantes, Utopisches und √ľberall Todessehns√ľchtige, die das Leben feiern. An vielen Gewandungen haben die Tr√§ger √ľber Jahre gearbeitet, das sieht man. Hinter manchen verbirgt sich ein generationen√ľbergreifendes Konzept. Einige Teilnehmende erkenne ich von zur√ľckliegenden VikPicks und staune √ľber ihre neuerliche scheinbar bodenlose unersch√∂pfliche Kreativit√§t. Ich treffe nordische Berserker, Vampire, Zeitreisende mit dampfenden Apparaturen, melancholische Meerjungfrauen, Ludwig den XIV. mit der Marquise de Pompadour, schmal geschn√ľrte viktorianische Witwen mit schlichtem schwarzem Taft, Sklaven in Lack, Neofolker in Uniform und Loden, kurz: Es geht durch alle Genres.

Jeder hat seine Picknickdecke, ein K√∂rbchen oder eine K√ľhlbox dabei. Bei manchen darf es etwas mehr sein und es werden Tische, Tafeln, Gro√ümutters gutes Sonntagsgeschirr, die edlen Siebenarmigen und das Silberbesteck aufgefahren. Eine Gruppe hat sogar ihren eigenen Butler dabei. Bereits um 14:00 Uhr f√ľllt sich der Park betr√§chtlich, es werden St√§nde f√ľr historische Fotografie aufgebaut, von √ľberall h√∂rt man Musik. Mit Feline & Strange, einem Elektro-Wave Trio aus Berlin, das auch f√ľr seine Cabaret-Einlagen bekannt ist, gibt es sogar Live-Musik. Bis in den sp√§ten Nachmittag konnte man es eigentlich so ganz gut im Clara-Park aushalten. (DS, KS) ¬†¬†¬†

agra-Treffenpark

Der agra-Treffenpark in Markkleeberg mit seinen gro√üen Hallen, wobei eine f√ľr die gro√üen Konzerte und Headliner vorgehalten wird und in der anderen der j√§hrliche Treffen-Markt stattfindet, und dem riesigen Zeltplatz ist das Herzst√ľck und zentraler Dreh- und Angelpunkt des Wave-Gotik Treffens. Kein WGT vergeht, ohne dass man sich nicht wenigstens einmal √ľber die neuesten Modetrends der Szene informiert, mit einem Becher Treffen-Met angesto√üen oder auf den ‚Äúschlechten‚ÄĚ Sound‚ÄĚ in der agra geschimpft h√§tte. Hier finden wir uns alle zusammen, hier gehen wir alle wieder auseinander. (KS)

19:00 Uhr¬†–¬†Das Ich (D)

Geben wir es einmal zu: Mit dem Legendenbegriff wird viel zu inflation√§r umgegangen. Aber hier hab ich eine, auf die man ihn ohne zu z√∂gern anwenden kann, ohne das Gef√ľhl zu haben, irgendwas √ľberzustrapazieren und jeder w√ľrde einem sofort recht geben. Stefan Ackermann und Bruno Kramm sind solche Legenden: F√ľr die Gothic-Szene und f√ľr das WGT erst recht. Denn sie z√§hlen zu jenen acht Bands, die 1992 das allererste WGT bestritten und sind seither zehnmal da gewesen. Nummer elf dr√§ut heut‚Äô. Da sind sie immer noch, so gut wie nie, so authentisch wie immer. Das Ich er√∂ffnen das 28. WGT im agra Park. Und wie das nunmal so ist: Wenn Legenden rufen, kommen sie in Scharen. Die Halle ist sehr voll, was selten der Fall ist, bei der allerersten Band des Abends.

Ackermann und Kramm treten mit drei Keyboardern auf und zeigen von der ersten Minute an vollen Einsatz. Das B√ľhnenbild enth√§lt Installationen, die alle Instrumente zu K√∂rperteilen eines riesigen Arachniden werden l√§sst. So zumindest mein Empfinden. Zu den herausragenden, wie auch bisweilen leicht verunsichernden Performances von Das Ich muss man eigentlich nicht mehr viel sagen: Die suchen in der Szene seit nunmehr 30 Jahren ihresgleichen. Kramm tr√§gt die gedrehten H√∂rner des Gefallenen, w√§hrend Ackermanns Haut von Kopf bis Fu√ü rot get√∂nt ist. Was K√∂rpersprache und Gestik angeht, kann man den S√§nger getrost wieder zwischen Leibhaftigen und Forensik einordnen. Das Publikum ist begeistert, was Bruno Kramm immer wieder dazu veranlasst mit ihm in Interaktion zu treten. Wo denn die Fans von Das Ich so herkommen, will er wissen, nachdem ein paar schwedische Schlachtenbummler in der ersten Reihe immer seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben: Russland und sogar aus den USA – ja, da m√ľsse er auch mal wieder vorbeikommen. (DS, KS) ¬†¬†¬†¬†

20:55 Uhr¬†–¬†Forced To Mode (D)

Durchatmen und die Gef√ľhle komplett einmal durchwechseln. Die zweite nun folgende Band des ersten Abends bedient v√∂llig andere Gem√ľter und schl√§gt deutlich poppigere T√∂ne an, als noch die Urgesteine von Das Ich. Was die WGT-Erfahrung angeht, sind Forced To Mode dann zum Vorg√§nger auch noch gegenteilig ausgestattet, denn sie sind waschechte Treffen-Jungfern. Die Band aus Berlin hat sich bereits einen Namen als ‚Äúbeste Depeche Mode-Cover Band Deutschlands‚ÄĚ gemacht. Es hat sich eine mehr als ansehnliche Menschenmenge in der Halle eingefunden, was allm√§hlich mit einem Tribut an Temperatur und Sauerstoffs√§ttigung gezahlt werden muss. Forced To Mode zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Sound ihrer Vorbilder beinahe identisch treffen und dort, wo die ‚Äú√§lteren‚ÄĚ Herren mit den Jahren m√∂glicherweise etwas zu routiniert geworden sind, immer noch tonnenweise Energie und frische Spielfreude auf die B√ľhne bringen. Ihr S√§nger Christian Schottst√§dt sieht obendrein aus wie eine ges√ľndere Version des 90er Jahre Dave Gahan. Was will man denn mehr, wenn man das Original nicht bekommen kann? Es gibt einen bunten Ausflug mit 15 Songs durch 40 Jahre sehr, sehr oft geh√∂rte Depeche Mode-Gassenhauer: Shake The Disease, Enjoy The Silence, Personal Jesus, Question Of Lust, Stripped, Behind The Wheel, Never Let Me Down Again – Ja, was soll denn da schiefgehen? Offenbar nichts, denn Forced To Mode scheinen hier einen Nerv zu treffen und Emotionen zu bedienen. (DS, KS)

22:40 Uhr –¬†H√§matom (D)

Der erste Treffentag auf der agra hatte mit H√§matom auch einen Vertreter der Neuen Deutschen H√§rte in der sehr bunt gemischten Running Order, bei den die Geh√∂rg√§nge angesichts der krassen Wechsel zwischen den aufgefahrenen Genres ordentlich durchgesch√ľttelt wurden, wenn man sich entschloss an der Stage zu verweilen. Wer den Rest der NDH-Familie bewundern m√∂chte, muss sich ja noch ein wenig bis zum Montag gedulden und zum Felsenkeller reisen. H√§matom befinden sich derzeit auf Jubil√§ums-Tour anl√§sslich ihres 15-j√§hrigen Bestehens. Kinder, wie die ‚Ķ ach ja. Deswegen sind die Jungs doch schon ziemlich bekannt und ziehen, wohl auch aufgrund ihrer au√üergew√∂hnlichen B√ľhnenshows sehr viel Publikum und Aufmerksamkeit. Bereits der Umbau der B√ľhne gestaltet sich etwas aufwendiger wegen der riesigen Lichtw√§nde, die H√§matom installieren lassen. Und obwohl man ja bei Festivals wegen des strengen Zeitplans bekanntlich nicht das ganze Lametta abbrennen kann, gibt es noch die eine oder andere ‚ÄúPyro-Einlage‚ÄĚ, wenn man Bassist West etwas genauer im Auge beh√§lt. Insgesamt sind gro√üe B√ľhnen, wie die in der Agra-Halle ein Segen f√ľr Bands wie H√§matom und ihre lebendigen und energiegeladenen Effektshows. Aber manchmal reichen selbst diese gro√üen B√ľhnen nicht aus, wie im Fall von S√ľd, der sich mit seinem Schlagzeug ungef√§hr zwei Minuten lang auf einer Mini-Plattform durch das Publikum tragen l√§sst und trotzdem keinen Takt seines Vortrags vers√§umt. Diese ungew√∂hnliche Form des ‚ÄúStage-Slidings‚ÄĚ ist definitiv das Highlight des Konzerts und Motiv f√ľr so manches Erinnerungsfoto. (DS, KS) ¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†

Heidnisches Dorf

Das im fr√ľhbarocken Stil im sp√§ten 17. Jahrhundert errichtete Torhaus D√∂litz bildet den Eingangsbereich des Heidnischen Dorfes. Das von viel Gr√ľn und alten B√§umen umschlossene Areal, das f√ľr zahlreiche historische und k√ľnstlerische Marktst√§nde, zwei B√ľhnen und allerlei Gastronomiebuden Platz bietet, ist ein wahrer Gl√ľcksgriff und k√∂nnte was Atmosph√§re und Angebot angeht die mit Abstand reizvollste Location des gesamten Wave Gotik Treffens sein. K√∂nnte ja, denn auch in diesem Jahr setzten sich Frust und Stress der vergangenen Jahre fort. Werden die Bands gr√∂√üer, wird die Schlange vor dem HeiDo l√§nger, bis zu 400 Meter lang. Besucher mit und ohne B√§ndchen treten mehr und mehr miteinander in Konkurrenz, die Nerven liegen blank. Man solle das Besucherkonzept, Tageskarten f√ľr 15 Euro zu verkaufen, √ľberdenken und bei gro√üen Headlinern Treffenbesuchern den Vortritt lassen. Immer mehr ‚ÄúB√§ndchentr√§ger‚ÄĚ √ľberlegen sich den Besuch auf dem HeiDo zweimal. Voll bleibt es trotzdem und so lang das so bleibt, wird sich wohl auch vorerst nichts √§ndern. (KS)

21:20 Uhr – In Extremo (D)

Die relativ sp√§te Ank√ľndigung, dass die wohl erfolgreichsten Mittelalter-Rocker nach 17 Jahren wieder einmal f√ľr einen Auftritt beim Wave Gotik Treffen vorbeischauen, war schon eine kleine Sensation. Als In Extremo 2002 zum letzten Mal auf dem Treffen waren, k√ľndigten sich ihre gr√∂√üten Erfolge mit dem Album Verehrt und Angespien zwar bereits an, lagen aber noch vor ihnen. Was dem Einen schier die Tr√§nen der Vorfreude in die Augen trieb, lie√ü den Anderen bereits Schlimmes vermuten: In Extremo im HeiDo? Das wird voll. Da muss ich Stunden vorher da sein, um √ľberhaupt reinzukommen. So kommt es dann auch. Bereits eine Stunde vor Beginn des Konzerts ist das Heidnische Dorf kn√ľppeldicke voll. Besucher (mit und ohne Festivalb√§ndchen) stehen bis zur Stra√üenbahnhaltestelle Schlange und es wird nur eingelassen, wenn jemand die Veranstaltungsst√§tte verl√§sst. Aber wer geht schon, wenn drinne In Extremo spielen? Der Frust ist entsprechend gro√ü. Vor der B√ľhne bekommen wir davon nat√ľrlich wenig mit.

Die Berliner Mittelalter-Rock Pioniere, die l√§ngst den Sprung in den Mainstream absolviert haben, sind f√ľr viele DAS Highlight des diesj√§hrigen Treffens. Die Stimmung ist entsprechend gehoben, ebenso wie die Zusammensetzung des Publikums vielf√§ltig ist. Der Auftritt selbst h√§lt wenig √úberraschungen bereit. In Extremo tun, was sie nun seit √ľber 20 Jahren tun: Sie rei√üen mit, bewegen, sie verbr√ľdern, sie unterhalten und halten dabei kaum jemanden auf seinem Platz. Es wird getanzt und textsicher mitgesungen, fast bis in die hintersten Reihen. Wir bekommen das Beste aus der Diskografie, eine perfekte Mischung aus Schwei√ü und Tr√§nen, aus Spott und Elegie. Bei Vollmond liegen sich die Liebenden den Armen, bei Frei Zu Sein schicken wir unseren Geist und unsere Sehnsucht auf eine Reise, bei Herr Mannelig gr√∂len wir mit. Drei Zugaben spielen die Spielleute. Anst√§ndig. (DS, KS) ¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†

Setlist IN EXTREMO @ WGT, Heidnisches Dorf (07.06.2019):
  1. Intro
  2. In diesem Licht
  3. Sängerkrieg
  4. Vollmond
  5. Störtebeker
  6. Gaukler
  7. Unsichtbar
  8. Quid pro Quo
  9. Rasend Herz
  10. Rotes Haar
  11. Frei Zu sein
  12. Herr Mannelig
  13. Feuertaufe
  14. Himmel & Hölle
  15. Moonshiner
  16. Liam (Z)
  17. Sternhagelvoll (Z)
  18. Pikse Palve (Z)

Schauspielhaus

Der Arbeitstag findet sein Ende, die Sommertemperaturen sprechen f√ľr sich – ich bin zuversichtlich mit meiner Abendplanung. Das sch√∂ne Schauspielhaus in der Leipziger Innenstadt ist so schnell gefunden, wie die Sympathien dort meinen Tag ausklingen zu lassen. Das klangvolle und visuelle Spektakel im dunklen, bestuhlten und stets gef√ľllte Saal erzeugen eine and√§chtig, ruhige Stimmung, die den Musizierenden wertsch√§tzendes Lauschen entgegenbringt. (CH)

18:00 Uhr – And The Golden Choir (D)

Er√∂ffnend performen And The Golden Choir stimmungsvoll melodiehafte Popmusik, die namensgebend den Fokus auf die stimmliche St√§rke zu richten scheint. And The Golden Choir sind einige Livemusiker um Tobias Siebert, Produzent von u. a. Me And My Drummer, Phillip Boa, Enno Bunger oder Slut, der sich freudig nach jedem H√§ndeklatschen bedankt. Rausch und Eindruck verschaffen die wabernden Melodien. Die warme Stimme schwebt √ľber allem, und klingt langsam nach der Darbietung, die etwas mehr als eine Stunde dauern soll, aus. Die Gruppe, die sich √ľber die B√ľhne verteilt, gl√§nzt im hallenden Applaus des Saals und den scheinenden Lichtabstimmungen. (CH)

19:30 Uhr РJungstötter (D)

Wenige Umbauminuten lassen den Halbkreis aus den vier Musikern und Fabian Altst√∂tter erkennen. Der ehemalige Kopf von Sizarr bezaubert seit diesem Fr√ľhjahr mit seinem Songwriting-Talent, Einfallsreichtum, der vereinnahmenden Stimme als Jungst√∂tter und der neuen Platte Love Is. Ich glaube, es war viel los – das sollte jedoch, im Zuge dessen, dass sich alles schnell und gut um einen herum vergessen l√§sst, keine Rolle spielen. Zentrum waren hier die Melodien, das gute Gef√ľhl und die Klangf√ľlle, die sich vor den Lichtkulissen auft√ľrmten und dem Zuh√∂renden √ľberst√ľplten. ‚ÄúKrass‚ÄĚ, ‚ÄúBravo‚ÄĚ und obgleich der √ľberraschend spontanen Ergriffenheit leicht verz√∂gerten Applaus, gab das Publikum wohlwollend zur√ľck. Trotz dass es abgedroschen wirken k√∂nne, lobte der junge S√§nger mit der warmen Stimme seine Zuh√∂rerschar als sch√∂nstes Publikum seiner Karriere des Auftretens. (CH)

22:40 Uhr –¬†Jonathan Bree (GB)

Das Ringen der Theaterglocke passiert zum dritten Mal, alle technischen Herausforderungen scheinen beseitigt, die B√ľhne ist dunkel w√§hrend im Hintergrund die Videoprojektionen leuchten. Jonathan Bree verzaubern im Lichtkegel das Leipziger Schauspielhaus mit der wirkungsvollen Mischung aus Bildgewalt und L√§ssigkeit, denn alles wirkt, ohne sich aufzudr√§ngen – das gesichtslose, puppenhafte √Ąu√üere, die flie√üenden Handlungen der beiden T√§nzerinnen im bemerkenswerten Einklang mit der Bewegtbildkulisse. Zus√§tzlich melodisiert sich der tiefe Hall der sch√∂nen Stimme – mal mit Princess Chelsea bei Say You Love Me Too, zumeist jedoch im Solo – √ľber Schlagzeug und Gitarre hinweg, die kontinuierlich treiben, da kaum Pausen zwischen den Songs Platz finden. Es ist d√ľster, warm und faszinierend. (CH)

Volkspalast

Traditionell wird der Volkspalast zum WGT gern mit Bandprojekten bespielt, die sich im Dunstkreis von Neofolk, Neoklassik, Dark-Ambient, Military-Industrial in Stile klassischer Cold Meat Industry Bands bewegen. Zum Teil kann man diese Klassiker auch heute noch dort bewundern. Kurzum der Volkspalast bietet auf dem WGT alles, was sich gut in seine martialische Kulisse einf√ľgt oder durch entsprechend ausstaffierte Menschen in Sinne dieses Ambientes erweitert wird. In diesem Jahr, so mein Eindruck, scheint die Bandauswahl am Freitag nicht ganz so stringent an dieses Konzept angepasst zu sein. Gekommen sind sie aber trotzdem wieder alle, wir auch. Leider etwas sp√§ter als geplant erreichen wir das Pantheon auf dem alten Messegel√§nde und m√ľssen den ersten Programmpunkt, The Lust Syndicate, von der Liste streichen. Das Dark Electro/Industrial Projekt von Spiritual Front Vordenker Simone Salvatori dr√∂hnt und h√§mmert bereits bedrohlich unter der Kuppel, als wir ankommen. Obwohl der Volkspalast zu dieser recht fr√ľhen Nachmittagsstunde noch nicht so gut bef√ľllt ist, scheinen die Anwesenden ziemlich genau zu wissen, um wen es sich vorn auf der B√ľhne handelt und dass der ziemlich genau wei√ü, was er da tut. Wir werden The Lust Syndicate wiedersehen, dann hoffentlich auf einem dankbareren Slot. (KS)

Volkspalast Kantine

Wie jedes Jahr beim WGT treten die K√ľnstler im Volkspalast auf den beiden B√ľhnen, der Kuppelhalle und der Kantine alternierend auf. Das erm√∂glicht ein beinahe l√ľckenloses Programm und einen schnellen √úbergang zwischen beiden Locations.

16:35 Uhr –¬†St. Michael Front (D)

Das 28. Wave Gotik Treffen wird in der Kantine in diesem Jahr von dem Hamburger Anthropop/Misanthropop Duo St. Michael Front er√∂ffnet und gleich mit dem ersten Highlight geadelt. Diese hatten im April 2018 mit ihrem Album End Of Ahriman eine subversiv buntes Bonbonglas aus schr√§ger Spiritualit√§t und dem Seiltanz auf dem exaltierten Wahnsinn gefangen im verst√∂rend skurrilen Nimbus eines merkw√ľrdigen Wandererweckungszirkels garniert mit dem enzyklop√§dischen Wissen an allem, was B-Movies, Aleister Crowley, Comics, Rudolf Steiner und Artverwandten (?!) so aufzubieten wissen. Musikalisch verneigt man sich vor Ennio Morricone, diversen Horrorfilm-Soundtracks und Komponisten der gro√üen Orchester der zweiten H√§lfte des 19. Jahrhunderts – von Wagner bis Mahler. Das klingt so verr√ľckt, wie es genial ist und so kann die Front an diesem Nachmittag eine ansehnliche Gefolgschaft um sich scharren, die ihrem Meister, damit daran auch blo√ü keine Zweifel aufkommen, ein ‚ÄúWir sind die J√ľnger!‚ÄĚ entgegen ruft. Der antwortet mit h√∂hnischem Grinsen und schneidend w√∂lfischem Schnarren: ‚ÄúJa, Ihr seid die J√ľnger ‚Ķ und j√ľnger!‚ÄĚ.

Er√∂ffnet wird mit f√ľnf neuen Songs (sehr mutig auf einem Festival!) in deutscher Sprache. ‚ÄúDamit Ihr auch sch√∂n alles versteht!‚ÄĚ, t√∂nt es von der B√ľhne und ich bekomme irgendwie Angst, dass ich nach der Show abgefragt und bei Versagen mit einem indischen Tuch erw√ľrgt werde. Die neuen St√ľcke f√ľgen dem frontschen Potpourri eine weitere selbsterkorene Facette hinzu: Gothic-Schlager. Das scheint aufzugehen. Alles wird sofort mitgesungen und ist wohl eher dem dornig melancholischen Repertoire der ab- und tiefgr√ľndigen Alexandra zuzuordnen, als Helene Fischer, die im schwarzen Plastikkorsett und angeschraubten Vampirjackettkronen durch die Arena flattert. N√§chstes Jahr gibt’s dann das neue Album. Ick froi mir! Die zweite H√§lfte gestalten St. Michael Front gewisserma√üen als Wunschkonzert mit ihren ‚Äúalten‚ÄĚ Liedern. Once, Doom Of Your Living Room, Lucky Prince, Bootlicking For A Dream etc. werden wie von einem Schwamm aufgesogen. Fanservice at its best. (KS)

18:55 Uhr – Coph Nia (S)

Das schwedische Dark Ambient/Post Industrial Projekt um Mikael Ald√©n kann bereits auf drei absolvierte Auftritte im Rahmen des WGT zur√ľckblicken, wobei der letzte schon zw√∂lf Jahre in der Vergangenheit liegt. Sichtlich bewegt er√∂ffnen Coph Nia nach einem scheinbar endlosen Intro ihr Set mit den Worten ‚ÄúIt‚Äôs an honor to be back‚ÄĚ und das WGT atmet im Volkspalast zu ersten Mal an diesem Abend ein St√ľck Genre-Geschichte. Coph Nia starteten ihre Karriere beim schwedischen Label Cold Meat Industry und sind somit schon automatisch eine lebende Legende. Die zeichnet sich durch ein wohltuend unpr√§tenti√∂ses Auftreten aus und durch eine atmosph√§risch dichten, beklemmend d√ľsteren mit eisig donnernden, bald sph√§risch filigranen Melodien versehenen Vortrag aus. Mikael Ald√©ns charismatische Stimme rezitiert gesprochenes Wort, deren verborgene Botschaften sich im verklausulierten Text sich nicht immer sofort erschlie√üen. Die Kantine ist beinahe vollst√§ndig gef√ľllt, Leipzig hat offenbar ein gutes Ged√§chtnis, hier ticken die Uhren anders. Sehr sch√∂n. (KS)

Volkspalast Kuppelhalle

17:40 ¬†Uhr –¬†Darkher (GB)

Mit ihrem 2016 erschienen Album Realms legte Jayn H. ein musikalisch tiefsch√ľrfendes, wie emotional packendes Deb√ľt vor. Ein besonderes Kennzeichen f√ľr das Songwriting der S√ľdengl√§nderin ist das Zusammenspiel ihrer ausdrucksstarken und doch so fragilen verletzlichen Stimme und dem bedrohlichen, dr√∂hnenden, anschwellenden Gitarrensound. Darkher wird in ihren Songs zu einem zarten Licht der Zuversicht in einer naturalistischen, aber lebensfeindlichen Umgebung. Als ich Jayn das letztes Mal live gesehen habe, trat sie mit kompletter Bandbesetzung auf, heute wirkt Darkher allein mit ihrer Gitarre unter der Kuppel doch schon etwas verloren. Und so m√§andern auch ihre Songs, denen ohne vollst√§ndige Instrumentierung etwas der Druck und die Struktur fehlt, etwas unschl√ľssig durch den fast vollst√§ndig gef√ľllten Saal. Hinzu kommt, dass die K√ľnstlerin √ľber die Distanz von mehreren Minuten mit starken R√ľckkopplungen zu k√§mpfen hat und immer wieder hilfesuchend auf den betreffenden Verst√§rker blickt, bevor sich jemand von der Crew berufen f√ľhlt, das Problem zu beheben. Schwache Leistung und wirklich √§rgerlich, wenn sich die Aufmerksamkeit auf eine einzige Person und ihren ruhigen Vortrag b√ľndelt. Im Set stehen nach wie vor The Kingdom Field und Realms im Vordergrund. Ghosttears und Hollow Veil hallen gespenstisch durch die Kuppelhalle und Jayn wirkt wie ein zerbrechlicher Banshee. Foregone kommt ohne die m√§chtigen Gitarrenw√§nde im Mittelteil etwas substanzlos her√ľber. Mit Immortal hat Darkher auch einen neuen Song im Gep√§ck, was auf neues Material aus West Yorkshire, seinen schwarzen turmhohen Gewitterwolken und d√ľsteren uralten Kirchenruinen hoffen l√§sst. (KS)

20:00 Uhr – Camerata Mediolanense (I)

Das musikalische Spektrum des italienischen K√ľnstlerkollektivs Camerata Mediolanense reicht von Post Punk bis Barock. Unter der k√ľnstlerischen Leitung von Elena Previdi einer Musikwissenschaftlerin und ausgebildeten Cembalistin vereinen die Mail√§nder Tradition und Moderne unter der Verwendung der Lyrik von Petrarca oder Dante Alighieri. Heute sind die Camerata mit zwei S√§ngerinnen, drei Percussionisten, einem Pianisten und Elena Previdi angereist, die an den Keyboards zu finden sein wird oder ebenfalls Piano spielt. Alles muss bis auf das letzte Haar aufeinander abgestimmt werden, was bereits den Soundcheck zu einer Herausforderung macht. Die Italiener er√∂ffnen mit Dolci Ire und obwohl sich nicht alle K√ľnstler √ľber den Monitor h√∂ren k√∂nnen, was die Performance bei derartig komplexen Songstrukturen erheblich erschwert, sind sofort alle Bedenken wie weggewischt. Das wird ein traumhaftes, lebendiges und kraftvolles Konzert. F√ľr ihre heutige Interpretation von Mi Voui erntet Carmen D’Onofrio vom Publikum Begeisterungsst√ľrme, die das Konzert f√ľr mindestens eine Minuten unterbricht. Das Duett zu Pace Non Trovo zwischen Desir√©e Corapi (anmutig und grazil) und 3vor (intensiv und sehr maskulin), das ebenfalls vom aktuellen Album Le Vergini Folli stammt, bewegt bis in die hintersten Reihen. √úber die Distanz von knapp einer Stunde werden Camerata Mediolanense f√ľr mich eines der nachhaltig pr√§gendsten Konzerte des 28. WGT abliefern. (KS)

Moritzbastei

23:10 Uhr – La Scaltra (D)

‚ÄúFind the beauty in darkness ‚Ķ or just dancing with ghosts‚ÄĚ. Als Fans des Goth/Post-Goth Rock Labels Solar Lodge beobachten wir La Scaltra beinahe seit ihrer Gr√ľndung im Jahr 2015 und ihrer Deb√ľt-EP Ghosts (2016). Die Band beschreibt ihren Stil als Gloomy Witch Wave Rock und kombiniert Elemente aus klassischem Goth und amerikanischen Death Rock, unaufgeregten, tanzbaren Dark Wave mit stiller, unpr√§tenti√∂ser, warmer Melancholie und der zutiefst subjektiv erinnernden √úberzeugung, dass es diese Art von Musik und Neigung zur Dunkelheit war, die einen damals ‚Äúschwarz‚ÄĚ gemacht hat. Mich zumindest. Deswegen hatte ich auch sofort einen Draht zu den Damen (und dem einen Herren) aus dem Pott und ein eigent√ľmlichen Gef√ľhl von Verbundenheit. La Scaltra headlinen an diesem Abend die Moritzbastei, entsprechend voll ist das alte etwas enge und sehr dunkle Gem√§uer des ehemaligen Studierendenklubs der Universit√§t Leipzig. In einer Woche wird das zweite Studioalbum The Third Eye (14.06.) erscheinen, von dem es f√ľnf Songs auf die Setlist geschafft haben. Ein besonderes Highlight ist f√ľr mich an diesem Abend Toxicated, da hier das unvergleichliche, komplement√§re Wechselspiel zwischen beiden S√§ngerinnen, bei dem Dae Widows zarter, fl√ľchtiger Gesang die warme, klare Hauptstimme von Aeleth Kaven wie ein sanfter Wind umspielt oder dieser wie ein fernes Echo antwortet, besonders exemplarisch herausgearbeitet wurde. Die neuen Songs kommen insgesamt sehr gut an. Klassiker, wie Holidays oder Chained Hysteria werden bereits w√§hrend der ersten Takte erkannt und begeistert willkommen gehei√üen. Die hartn√§ckigen Schwaden des dichten B√ľhnennebels diffundieren nur widerwillig mit der dr√ľckend warme Luft, in der sich dicht an dicht die hingerissenen Nachtschw√§rmer wiegen. Mir pers√∂nlich f√§llt auf, dass sich La Scaltra im Verlauf ihrer doch noch jungen Geschichte zu einer hervorragenden Live-Band entwickelt haben, die sich durch ein hohes Ma√ü an Authentizit√§t, Sympathie und Einzigartigkeit auszeichnet und sicher noch sehr viel vor hat. Besser kann f√ľr uns der erste Festival-Tag nicht enden. (KS)

FotografIn/AutorIn: Claudia Helmert (CH), Danny Sotzny (DS), Katja Spanier (KS), Thomas Papenbreer (TP)

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