WAVE-GOTIK-TREFFEN (WGT) 2018 ‚Äď Sonntag 20.05.2018

Geschätzte Lesezeit: 14 Minute(n)
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agra-Treffenpark

18:25 Uhr – XENTURION PRIME (N)

Die Synth-Pop, EBM, Futur-Pop Formation Xenturion Prime ist der zweite Act am dritten WGT-Tag in der Agra-Halle. Die ist schon sehr gut gef√ľllt und erwartet das Trio aus Norwegen mit freudiger Erwartung. F√ľr Xenturion Prime, die ihren Stil als „Scandinavian Powersynth“ bezeichnen, ist es der erste Auftritt beim WGT, der erste √ľberhaupt in Deutschland, aber von Aufregung scheint keine Spur zu herrschen. Bjorn Marius Borg, Hasse Mattsson, Cathrine R√§is√§nen tragen ziemlich stylische, √ľberdimensional gro√üe, transparente Kunststoffbrillen mit integrierten LEDs, die in Intervallen programmiert, im Takt zur Musik, in verschiedenen Farben aufleuchten. Das gibt dem ganzen Auftritt einen coolen spaceigen Look. Mit kraftvollen Synthesizern, teils poppigen, teils atmosph√§rischen und sehr eing√§ngigen Nummern kommt man schnell in Versuchung mitzusingen und mitzuklatschen. Xenturion Prime, Ihr d√ľrft gern mal wieder vorbeischauen! (DS)

19:40 Uhr – ELEGANT MACHINERY (S)

Als n√§chstes gibt es gewichtigen Besuch aus Helsingborg. Und der hat was zu feiern. Nach Jahren nervenaufreibender On-Off- und wieder On-Beziehung begehen Elegant Machinery dieses Jahr auf dem WGT ihr 30(!)-j√§hriges B√ľhnenjubil√§um. Die Band ist sichtlich aus dem H√§uschen, das Publikum, das gef√ľhlt in der Pause einmal durchgewechselt hat, auch. Scheinbar sind nun fast ausschlie√ülich Fans anwesend: Jeder neue Song wird schon bei den ersten Takten herzlich begr√ľ√üt und textsicher nach Hause begleitet. Alle wippen und schaukeln mit, als h√§tten sie eine Choreographie einstudiert. Soviel Fan-Support hilft der Band auch souver√§n mit einigen technischen Problemen, die mitten im Set auftauchen, umzugehen. Die werden sehr sympathisch √ľberspielt und sind schnell vergessen. Im Wesentlichen gibt es Synth-Pop vom Allerfeinsten, bei dem die Schweden unter Beweis stellen, warum sie im Bereich dunkler Elektro-Mucke zu den Export-Schlagern Skandinaviens geh√∂ren. Im Hintergrund laufen originelle Videos auf einer √ľbergro√üen Leinwand, mit denen die Stimmungen der jeweiligen St√ľcke aufgegriffen und sehr √ľberzeugend weiter getragen werden. (DS)

20:55 Uhr – SOLITARY EXPERIMENTS (D)

Frankfurt, oder? Jetzt aber mittlerweile Berlin, auf jeden Fall aber schon fast 25 Jahre gibt es Solitary Experiments. Insgesamt 14 Alben sind w√§hrend der Zeit entstanden, wenn man wirklich alle abendf√ľllenden Langrillen mitz√§hlt. Die Aktuellen darunter sind Remixes von 2015: Heavenly Symphony und Memorandum – neues Material l√§sst bei dem Quintett demnach auch schon l√§nger auf sich warten. Aber ausgiebig auf Tour sind sie, wie die Get Your Flag-Aktion, die schon l√§nger durch die sozialen Medien geht und viel Zuspruch bei den Fans findet, beweist. Dass Solitary Experiments Elektro und Future-Pop machen, muss man eigentlich auch keinem mehr erz√§hlen, daf√ľr ist die buntgemischte Menge an f√§hnchenschwenkenden Enthusiasten in der brechendvollen Agra auch einfach zu gro√ü. Das Objekt der Begierde indes wagt heute Abend ganz namensuntypisch wenig Experimente und liefert einfach nur eine gro√üartige Show ab. Zur Freude der Fans, versteht sich. Die H√§nde (und auch die Handys) sind oben, jeder neue Song wird bejubelt und es wird selbstverst√§ndlich mitgesungen. Die Band, mit ihren roten Hemden wie immer farblich exakt aufeinander abgestimmt, feiert ihrerseits ihre Fans und beteuert immer wieder, dass man nur hier sei, weil es uns alle gibt. So viel Liebe! (DS)

Setlist SOLITARY EXPERIMENTS @ agra-Treffenpark, 20.05.2018 :

01. Trial And Error
02. Immortal
03. Pale Candle Light
04. I Am
05. No Salvation
06. Delight
07. Crash And Burn
08. Point Of View
09. Rise And Fall
10. Epiphany
11. Stars

22:20 Uhr – DE/VISION (D)

Institutionen im Bereich Elektro, ja das Genre kommt langsam in die Jahre, sind De/Vision schon l√§ngst. 14 Studioalben, EPs, Compilations nicht mitgerechnet. Die neue Scheibe Citybeats steht schon in den Startl√∂chern. Die dazugeh√∂rige Tour f√ľr den Herbst ist auch schon l√§ngst geplant. Nein, bei den M√§nnern aus Berlin stellen sich wohl vorerst noch keine Alterserscheinungen ein. Und weil man als Szene-Urgestein zur Prominenz geh√∂rt, geh√∂rig Publikum zieht, ist es dann auch die Agra und einer der besten Slots des Sonntag-Abends. Au√üerdem wird der Futur-Pop Legende die Ehre zuteil, sich von Mark Benecke ank√ľndigen zu lassen. Die Stimmung ist entsprechend ausgelassen in der vollen schwitzigen Betonhalle, obwohl man sich sowohl auf der B√ľhne, als auch im Publikum eher zur√ľckhaltend bewegt. Gespielt wird ein typisches Festival-Set aus Klassikern mit wenig √úberraschungen und Experimenten. (DG)

00:35 Uhr – THE JESUS AND MARY CHAIN (GB)

Sie waren eine der ersten Bandbest√§tigungen des diesj√§hrigen WGT und gleichzeitig vielleicht die gr√∂√üte Sensation: The Jesus And Mary Chain. Die braucht man nun wirklich keinem mehr vorstellen. In den 80er waren die Br√ľder William und Jim Reed die ungekr√∂nten K√∂nige des Post-Punk und Noise-Pop, die mal so nebenbei mit ihrem Album Psychocandy (1985) den Shoegaze mitbegr√ľndeten und in einem Atemzug mit Genre-Legenden wie The Cure oder Bauhaus genannt werden. Ihre Bandgeschichte ist gezeichnet, so ambivalent wie ihre Musik: voller Zorn und zauberhafter Melodien. Gegr√ľndet 1983, zerstritten 1997, vers√∂hnt 2007, ihr aktuelles Album Damage And Joy (2017) nach 20 Jahren Schweigen, immer noch eine Sensation. Jetzt touren die Schotten wieder flei√üig und schauen auch auf der Agra vorbei. Keine Frage, sie sind der Headliner: das zweite Mitternachts-Spezial des Festivals. Es ist voller als tags zuvor. Man beginnt p√ľnktlich. Das Publikum, viele „Goths der ersten Stunde“ sind darunter, lauschen der Darbietung wie gespannte Federn. Die startet mit einer ausgekl√ľgelten Lichtshow, bis auf S√§nger Jim Reid bewegt sich nicht viel auf der B√ľhne. Das ist auch nicht weiter schlimm, denn schlie√ülich hat man sich wegen der Musik versammelt. Und da hat sich seit den 80ern als die Br√ľder ihr Publikum mit noch mit infernalisch schlechten Konzerten als Manifestationen ihres gerechten Zorns auf die Menschheit √ľberzogen hatten, zum Gl√ľck einiges ge√§ndert. √úber eine Stunde gab es eine erlesene Auswahl aus der Diskografie der Schotten: April Skies, Darklands, Head On, Just Like Honey, Teenage Lust ‚Ķ Himmlisch! (DS)

Felsenkeller / Naumanns

19:10 Uhr – PYOGENESIS (D)

Wir landen im Felsenkeller, um uns am heutigen Abend gleich zweimal ausf√ľhrlich in Jugenderinnerungen zu w√§lzen. Das erste Mal soll schon gleich vonstatten gehen, aber wir m√ľssen uns noch etwas gedulden, denn wir befinden uns circa 25 Minuten hinter dem Zeitplan. Pyogenesis stehen auf dem Plan. Bilder werden wach an die Stuttgarter, die uns, zum gr√∂√üten Teil noch als das Jahrtausend ein anderes war, mit ihrer Mischung aus Death Metal und Punk Rock heimsuchten und Platten wie Twinaleblood (1997), Unpop (1997) und She Makes Me Wish I Had a Gun (2002) rausbrachten. Nach letzterer war es lange, lange ruhig, bis 2015 A Century In The Curse Of Time und 2017 A Kingdom To Disappear erschienen und gierig aufgenommen wurden. Bandvorsitzender Flo V. Schwarz √§u√üert sich zwar etwas verwundert, das zu so fr√ľher Stunde schon so viele ihren Weg in den Felsenkeller gefunden haben, so richtig glauben mag man ihm das aber nicht. Das liegt zum einen daran, dass Pyogenesis durchaus mehr Publikum gew√∂hnt sein d√ľrften und zum anderen schlicht an der Tatsache, dass die Location grad mal zu zwei Dritteln voll ist. Die Band performt rasant schnelle St√ľcke und setzt auf Mitsing-Hymnen vergangener Tage, was wohlwollend aufgenommen wird. Die ganze Performance wirkt auf mich etwas konzeptlos und hektisch, man will sehr viel zeigen, das dann aber m√∂glichst auf einmal. Einmal st√ľrzt Flo Schwarz sogar √ľber sein (oder das seines Kollegen?) Gitarrenkabel der L√§nge nach hin. Etwas weniger Berufsjugendlicher, etwas mehr Understatement h√§tte dem Auftritt sicherlich gut getan. (KS)

20:40 Uhr – DOOL (NL)

Auf kaum einen anderen Auftritt auf dem diesj√§hrigen WGT habe ich mich so sehr gefreut, wie auch den der niederl√§ndischen Band Dool. Die Progressive-Rocker/Metaller r√§umten im letzten Jahr mit ihrem Deb√ľt Here Now There Then und ihren Live-Auftritten, die etwas von vernichtenden Hurricans haben, so ziemlich alles ab, was ging. Bemerkenswert beim line-up, dass die Saitenfraktion bei Dool personnel gleich viermal (drei Gitarren, ein Bass) besetzt ist. Das stellt den Soundcheck jedesmal, so auch heute (das ist keine √úberraschung) vor ganz besondere Herausforderungen. Aber die Niederl√§nder lassen sich nicht aus der Ruhe bringen, nein, sie scheinen das meiste sogar selbst in die Hand zu nehmen. So verz√∂gert sich der Zeitplan nicht noch weiter. Dool entern die Stage mit Vantablack (ein Song: schw√§rzer noch als schwarz): Was f√ľr ein Brett! Was f√ľr eine Band! Was f√ľr eine Frau! Was f√ľr eine R√∂hre! Ryanne van Dorst und ihre M√§nner sind perfekt aufeinander eingespielt und scheinen ihre Songs zu atmen. B√∂se Zungen behaupten Here Now There Then sei als Alibi aufgenommen wurden, damit man eine Berechtigung h√§tte, live zu spielen. Fakt ist, dass die Songs auf der B√ľhne erst richtig wirken. Fakt ist au√üerdem, dass Dool im Moment zu den sehenswertesten Bands auf internationalen B√ľhnen √ľberhaupt geh√∂ren. Denn dort sind sie wie entfesselt. Ausf√§lle, wie als das Kabel von Jon van de Zande den Geist aufgibt und w√§hrend des Songs getauscht werden muss, fallen √ľberhaupt nicht auf. Zwischen den Songs prostet van Dorst dem Publikum schwei√ügebadet zu: „We are Dool from the Netherlands and we are playing for you the songs of life and death!“. Die kommen fast alle vom aktuellen Album: The Alpha, She Goat, Oweynagat… F√ľr einen ganz besonderen Moment sorgen Dool mit ihrer Version vom Killing Joke Klassiker Love Like Blood. So h√∂ren sich Rockstars an und so sehen Rockstars aus! (KS)

22:20 Uhr – TIAMAT (S)

Mit ihrem 1994 erschienen Album Wildhoney haben Tiamat den Gothic Metal aus der Taufe gehoben und dabei Musikgeschichte geschrieben. Heute sind die unbestrittenen Headliner im Felsenkeller und das obwohl das letzte Album The Scarred People schon sechs Jahre zur√ľckliegt und Johan Edlund schon einmal seinen R√ľckzug aus der Band bekannt gegeben hat. Totgesagte leben ja bekanntlich am l√§ngsten und auf dem WGT werden sie stets mit offenen Armen empfangen, da man hier seine Legenden liebt, hegt und pflegt. In den Felsenkeller passt kein Mensch mehr. Drau√üen hat man l√§ngst zugesperrt. Drinnen pumpt man nur noch panisch den schweren, hei√üen Dunst in die Lungenfl√ľgel, das Atmen hat man aufgegeben. Auch auf der B√ľhne ist kein Silberstreif am Horizont in Sicht. Johan Endlund verbreitet bleierne Hoffnungslosigkeit mit brachialen, donnernden Riffs, schleppenden Drums und suizidalen, heiseren Schreien. Der Felsenkeller wird zu Luzifers Dachboden, nur mit noch weniger Licht. Tiamat werden frenetisch bejubelt. Alle, Band und Publikum, scheinen ihr Letztes zu geben, sich v√∂llig zu verausgaben. Die Zeit dehnt sich, scheint stillzustehen, kumuliert auf einen Punkt und pl√∂tzlich w√§hnt man sich wieder mitten in den 90ern, als man beim blassen Mondlicht zu den Kl√§ngen von Wildhoney mit dem Teufel getanzt hat. Und pl√∂tzlich hat Zeit keine Bedeutung mehr. Es gibt eine Zugabe. Man stolpert in die Nacht und atmet durch. (KS)

Heidnisches Dorf / Torhaus Dölitz

17:00 Uhr – SULD (MNG)

Suld machen Metal und kommen aus der inneren Mongolei. Das reicht dicke f√ľr den Exotenbonus, der dazu f√ľhrt, dass wohl keine andere Band mehr Pressetermine auf dem diesj√§hrigen WGT hat, die hinaus in den Mainstream t√∂nen. Und ja, ich geb‚Äôs ja zu, wegen diesem Exotenbonus bin ich auch da. Es interessiert mich einfach zu h√∂ren, wie Metal-Bands von √ľberall rund um den Globus klingen. Eben nicht nur aus dem Europ√§ischen Raum oder US-Amerika, sondern auch aus L√§ndern, in denen es der Metal schwer hat, um nicht zu sagen, in denen es sogar gef√§hrlich ist, diese Art von Musik zu machen oder auch zu nur anzuh√∂ren. Das gilt nun gl√ľcklicherweise nicht f√ľr die Mongolei, aber auch da d√ľrfte Metal nun nicht grad zu den vorherrschenden Musikstilen geh√∂ren. Suld kombinieren ihn mit Elementen traditioneller einheimischer Musik. Eines ihrer Mitglieder spielt eine mongolische Pferdekopfgeige. Das alles verleiht der Musik einen fern√∂stlichen Touch, obwohl in den Songs auch die vertrauten Riffs und Blasts zu finden sind, wenn auch die Songs vielleicht eher im Hard Rock als im Metal, vielleicht am ehesten noch im Folk-Metal anzusiedeln sind, wenn man das „mongolische Moment“ mit einbeziehen m√∂chte. Die Musiker sind furchtbar aufgeregt. Das merkt man ihnen an. Auftritte in Europa sind wohl eher selten und nun hat sich auch noch durch das abgesagte Konzert von Schandmaul der komplette Zeitplan nach hinten verschoben. Es gibt kurz Verwirrung bei der Band, die glaubt, gleich nach dem fr√ľhen Soundcheck ihren Auftritt absolvieren zu k√∂nnen. Fehlanzeigen – sie m√ľssen noch einmal runter von der B√ľhne. Ich sehe die Mitglieder im Backstagebereich von meinem Platz aus angespannt auf- und abgehen. Dann ist es endlich soweit. Suld werden mit empor gereckten Pommesgabeln und F√§usten empfangen. Die Besucher im Heidnischen Dorf sind begeistert √ľber weitgereiste Band, die das noch gar nicht so richtig glauben kann. Jeder einzelne Song, die im √ľbrigen alle Landessprache gesungen werden, wird gefeiert. Die Leute h√ľpfen und bangen was das Zeug h√§lt, trotz Hitze und Enge vor der B√ľhne. Am Ende ihres Sets werfen die Jungs noch einige Exemplare ihrer aktuellen CD City Nomad in die Menge. Mir bleibt eigentlich nur eins zu sagen: „In metal we are one world!“ (KS)

Grassimuseum

14:00 Uhr – 4. WGT WEINVERKOSTUNG

Schon fast traditionell treffen sich am Samstag die Freunde des Weines am Grassimuseum. Gastgeber sind dabei Thomas Rainer von Nachtmahr und Oswald Henke von Goethes Erben. Dabei entstehen meistens auch Bilder f√ľr Nachtmahr, die bereits Einzug auf das letzte Album gefunden haben. Nichtsdestotrotz kann man hier √ľber seinen selbst mitgebrachten Wein diskutieren, aber auch neue Sorten probieren und kennen lernen. Auf jeden Fall ein gelungene Start in den WGT-Samstag. (DS)

Non Tox

14:15 Uhr – REICHSFEIND (D)

Auch am dritten WGT-Tag startet man auf dem Non Tox √§u√üerst fr√ľh. Endlich hat sich die Sonne durchgesetzt und wir haben das Wetter, das uns die sch√∂nsten WGT-Erinnerungen zaubert. Ein paar Leute, eine recht √ľberschaubare Menge an Besuchern ist es erst, hat sich schon zu so fr√ľher Stunde auf das Gel√§nder verirrt. Hier steht schon Timo Revna alias Reichsfeind und hat mit seinem Auftritt begonnen. Die B√ľhne selbst ist daf√ľr recht spartanisch ausgestattet. Daf√ľr hat Reichsfeind aber eine Botschaft, die eng mit dem Namen seines Projektes verkn√ľpft ist: „Ein Name als Wort des Widerstands gegen ethnische, religi√∂se und politische Verfolgung; eine Anregung zur Reflexion. Die Welt ist nicht schwarz-wei√ü. Love music. Hate racism.“ Als musikalisches Vehikel seiner Botschaft hat sich der junge Mann aus Frankfurt harte Industrial-Sounds und sph√§rische Synth-Fl√§chen ausgesucht. Vor der B√ľhne wird getanzt. Ihm scheint es auch Spa√ü zu machen, obwohl er trotz Interaktionen mit den Besuchern die meiste Zeit der 45 Minuten dauernden Show hinter dem Mikrofon blieb. Insgesamt aber eine solide Leistung, die mit Applaus verabschiedet wird. (DS).

15:15 Uhr – CAISARON (D)

Caisaron hatte da ein bisschen mehr Pech mit dem Publikum. Dabei hatte sich das Elektro-Pop Trio aus Dresden etwas besonderes f√ľr ihren Auftritt einfallen lassen. S√§ngerin Angela Blackfield betrat w√§hrend des ersten Songs mit riesigen schimmernden Fl√ľgeln die B√ľhne, von denen sich anfangs von komplett verh√ľllt war. Nachdem auch S√§nger Frank auf die B√ľhne kam und beide den ersten Song absolviert hatten, umschloss sie diesen noch einmal komplett mit beiden Fl√ľgeln, so dass dieser nicht mehr zu sehen war. Durchaus sch√∂n anzuschauen und auch das Zusammenspiel und die Harmonie beider K√ľnstler w√§hrend dem √ľbrigen Auftritt war sehr gut und harmonisch. Der Elektropop, den Caisaron performen, ist eing√§ngig, treibend und tanzbar. Trotzdem bleibt das Publikum verhalten, vor der B√ľhne finden sich nur sehr wenige Menschen ein. Die meisten sitzen auf den B√§nken, die etwas weiter weg am Getr√§nkestand stehen,und verfolgen den Auftritt von dort. Und obwohl sich gegen Ende des Konzerts doch noch der eine oder andere vor der B√ľhne einfindet, um Caisaron zu unterst√ľtzen, kann man sie Band nur f√ľr ihre solide Performance und ihr Durchhalteverm√∂gen begl√ľckw√ľnschen. (DS)

16:15 Uhr – SYNTHATTACK (D)

Deutlich mehr Besucher, daf√ľr aber mit technischen Problemen zu k√§mpfen, haben nun SynthAttack. Das Platz vor der B√ľhne ist jetzt sehr gut gef√ľllt. Vor allem die gro√üe Anzahl an Cyber-Goths f√§llt ins Auge. Gerade die haben sich auf dem WGT in den letzten Jahren doch ein wenig rarer gemacht. Das Duo aus Hannover, das passend zum anwesenden Publikum vor allem f√ľr ihren AggroTech bekannt ist, hat sich zwei T√§nzerinnern als Support mitgebracht, die die Growd zus√§tzlich anheizen sollen. Als es dann schlie√ülich los geht, merkt man, dass die so unbedingt gar nicht notwendig gewesen w√§ren, denn die Leute feiern die harshen Voices und h√§mmernden Beats auch so und tanzen ausgelassen. Trotzdem machen beide und auch Martin und Nicole selbst noch zus√§tzlich richtig Stimmung und sorgen f√ľr Begeisterung in der Meute, die nun endlich aufgewacht zu sein scheint. (DS)

Stadtbad

18:20 Uhr – SPARK! (S)

Die wohl gr√∂√üte √úberraschung am Sonntag im Stadtbad ist die Reihung der Bands. Nachdem Akalotz mit Oldschool-EBM den Konzertabend gestartet haben, folgt sogleich die Band, die eigentlich Headliner sein sollte: Spark! Die Schweden haben sich mit ihrem innovativen Mix aus Pop und EBM in die Herzen ihrer Fans gespielt und das Stadtbad k√∂nnte kaum voller sein. Christer, auch bekannt von Biomekkanik, ist erst seit dem dritten Album als S√§nger an der Seite von Mattias, der Spark! schon 2007 ins Leben gerufen hat. W√§hrend ihrer ersten gemeinsamen Show hat Christer eine Clownmaske getragen, um zu verh√ľllen, wer der neue S√§nger der Band ist. Irgendwie scheinen die Jungs Gefallen an der Maske gefunden zu haben, denn mittlerweile sind ebenjene Masken in ihren Artworks und Videos zu finden und d√ľrfen selbstverst√§ndlich auch auf der B√ľhne nicht fehlen. So starten Spark! ihr Konzert maskiert, doch diesmal ist kein Spannungsaufbau n√∂tig. Sobald Christer die B√ľhne betritt, ist die Menge aus dem H√§uschen. W√§hrend sie nach der Reihe all ihre bekanntesten Songs spielen, gehen Pogo-Schubser in Umarmungen √ľber, die anwesende schwedische Fraktion gr√∂hlt sich die Seele aus dem Leib und obwohl es im Stadtbad kaum mehr Sauerstoff zum Atmen gibt, steht kein K√∂rper still. F√ľr die deutschsprachigen Fans haben Spark! einen ihrer Songtexte sogar auf Deutsch √ľbersetzt, damit sie „einmal verstehen worum es in den Lyrics √ľberhaupt geht“. Auch Tv√• Mot En, ein Vorgeschmack auf das kommende Album, kommt mehr als gut an und l√§sst Vorfreude auf neues Material der Schweden aufkommen. Jetzt hei√üt es also nur noch geduldig sein! (JB)

19:40 Uhr – STURM CAF√Č

Nach Spark! folgen sogleich die n√§chsten Schweden, Sturm Caf√©, womit es wieder zur√ľck zu Oldschool-T√∂nen geht. Verst√§ndnisprobleme beim deutschsprachigen Publikum gibt es hier nicht, denn die Texte sind auf Deutsch. Obwohl es nicht einfach ist, mit der Wahnsinnsshow mitzuhalten, die Spark! vorgelegt haben, schlagen sich Jonatan und Gustav tapfer. F√ľr dieses Konzert hat sich das Duo Verst√§rkung geholt: Patrik Linderstam, der die Jungs als Graphic Designer unterst√ľtzt, k√ľmmert sich um visuelle Effekte und Joakim Mohlund, der Vokalist bei Kommando XY ist, hilft am Schlagzeug und als zus√§tzliche Stimme aus. Die Performance k√∂nnte vor allem in Anbetracht des rammelvollen Stadtbads ein bisschen lebhafter sein, doch dieses kleine Minus machen Sturm Caf√© mit eing√§ngigen Songs wieder gut. Die Fans sind jedenfalls begeistert. (JB)

21:10 Uhr – VOMITO NEGRO

Mit Vomito Negro geht es musikalisch von EBM zu Industrial √ľber. Die belgische Band besteht seit 1983 und ist in den unglaublichen 35 Jahren ihres Bestehens zu einer festen Gr√∂√üe in der Szene gewachsen. Sp√§testens als Folterinstrumente auf die Leinwand hinter der B√ľhne projiziert werden ist klar, dass es hier nichts zum Lachen geben wird. Es kracht und knarrt, die Beats sind hart und hypnotisch. Gin Devo und Sven Kadenza sind nur sp√§rlich in Rot und Blau beleuchtet ‚Äď im Vordergrund stehen weiterhin die Projektionen, die in variierenden Bildern Tod und Verderben darstellen. Im Gegensatz zum diesj√§hrigen Auftritt beim WGT wirkt jener von 2014 wie ein heiterer und bunter Kindergeburtstag. Es ist erfrischend zu sehen, dass es Bands gibt, die sich trotz ihrer langj√§hrigen Karriere nicht auf ihrem Ruhm ausruhen, sondern ihre Fans immer wieder mit neuen Ideen √ľberraschen. So wird man bei diesem audiovisuellen Erlebnis vom d√ľsteren Universum von Vomito Negro verschlungen und wer das ganze Set durchgestanden hat, darf sich ruhig eine Verschnaufpause g√∂nnen, um wieder etwas Fr√∂hlichkeit und Lebenslust zu tanken. (JB)

22:40 Uhr – KLUTAE

Letzter Act des Abends ist Klutae ‚Äď ein Projekt des d√§nischen Musikers Claus Larsen, der sich schon als Leaether Strip einen Namen gemacht hat. Mittlerweile hat sich das Stadtbad auf etwa die H√§lfte des Fassungsverm√∂gens geleert. Wer jetzt immer noch tanzen kann, hat vor allem vor der B√ľhne gen√ľgend Platz daf√ľr. Zu sehen gibt es jedoch nicht viel, denn Claus macht auf der B√ľhne den Alleinunterhalter, was aber weder ihn noch die Handvoll tanzw√ľtiger Fans zu st√∂ren scheint. Auf die Ohren gibt es Songs aus dem gesamten Schaffenswerk von Klutae, vor allem aber vom 2017 erschienenen Album Black Piranha, das den gewohnten Industrial mit EBM-Elementen kombiniert. Nach einem kurzen Intermezzo mit einer Neuinterpretation des 60er-Hits Tequila, das etwas wie ein schlechter Scherz wirkte, bes√§nftigte Claus die verwirrten Gem√ľter zum Abschluss noch mit Songs von Leaether Strip, „weil das WGT Leaether Strip nicht buchen wollte“. Im Herbst ist √ľbrigens Leaether Strip auf der „30th Anniversary Tour“ unterwegs und wird unter anderen von And One und Rummelsnuff begleitet. (JB)

Westbad

19:10 Uhr – THE ARCH

Zeit f√ľr Waverock aus Belgien mit The Arch. Das Westbad ist zwar nur knapp zur H√§lfte gef√ľllt, doch k√∂nnen die Jungs aus Breendonk ihre Fans schon mal ein wenig zum Tanzen bringen und sp√§testens als die ersten T√∂ne von Babsi Ist Tot¬†erklingen, wei√ü wohl auch der Letzte hier im Saal, wer da aufspielt. Immer wieder peitscht S√§nger CUVG die Zuschauer nach vorne und so erfreut man sich vor allem nach einer guten Dreiviertelstunde an den Kl√§ngen von Ribdancer, bei dem nun noch mehr getanzt wird, w√§hrend CUVG seinen Fans auf der Absperrung noch einmal besonders nah kommt. Es w√§re ein gelungenes Finale gewesen, doch im Anschluss hei√üt es noch einmal No Tears (For The Creatures Of The Night), das im dr√∂hnenden Soundbrei leider vollkommen untergeht. Schade um den alten No More Klassiker, den Eindruck des Auftritts selbst soll dies aber nicht schm√§lern. (MG)

20:30 Uhr – THEN COMES SILENCE

Nach einer relativ kurzen Pause geht es weiter und auch wenn es bei Then Comes Silence im Anschluss nun noch immer aus der Soundanlage im Westbad dr√∂hnt, verstehen es die Schweden doch bestens, damit ordentlich Druck aufzubauen. Die Halle hat sich l√§ngst sp√ľrbar besser gef√ľllt und wird von den Gitarrenkl√§ngen und Bassl√§ufen der Nordm√§nner sichtbar mitgerissen. Mal bedrohlich, mal hart, brettern die Jungs aus Stockholm durch ihr rockiges Postpunk Set und d√ľrften nicht nur mit Strangers so manchen neuen Fan hinzugewonnen haben. Der stetig wachsende Applaus nach den Songs gibt ihnen jedenfalls Recht und verleitet sie heute sogar dazu, eine Zugabe zu geben, bevor sie mit besonders viel Jubel endg√ľltig verabschiedet werden. Ein starker Auftritt, man wird sich definitiv wiedersehen! (MG)

22:00 Uhr – ZERAPHINE (D)

In den letzten Jahren ist es leider sehr ruhig um die Band rund um Szene-Liebling Sven Friedrich geworden, der sich nach Erscheinen des letzten Zeraphine-Albums Whiteout¬†im Jahre 2010 prim√§r und sehr erfolgreich um sein Elektro-Projekt Solar Fake k√ľmmert. Gerade deshalb ist es f√ľr die treue Fangemeinde stets ein Highlight, die f√ľnf Herren live on stage zu sehen. Am WGT-Sonntag war es um 22:00 Uhr dann endlich soweit und ein bestens gelaunter S√§nger betrat samt Entourage die B√ľhne des Westbades. Urspr√ľnglich war der Auftritt f√ľr die Agra geplant, wurde jedoch kurzfristig umgelegt. Laut Friedrich kein Nachteil, da man jetzt ein volles Set spielen k√∂nne.

Und das tat die Band dann auch. Trotz ‚Äď oder vielleicht auch gerade mangels – neuer Titel bot die Band ein Portfolio all ihrer Evergreens und brachte so das treue Publikum zum Schwitzen, Tanzen und Mitsingen. Nach 19 Titeln Bandgeschichte wie Lieber Allein, Sterne sehen¬†oder Die Wirklichkeit und rund 1,5 Stunden Spielzeit sollte der Konzertabend dann ein Ende haben. Das begeisterte Publikum lie√ü Zeraphine jedoch nicht so schnell gehen und angesichts der Tatsache, dass man der Headliner des Abends war, durften auch noch zwei Zugaben folgen ehe die Security das Westbad in H√∂chstgeschwindigkeit leer fegte. So blieb so manch einem ein Erinnerungsfoto mit der Band verwehrt, was dem Gesamterlebnis jedoch keinen Abbruch tun sollte. (CS)

Foto / Author: Danny Sotzny (DS), Claudia Sonntag (CS), Dietmar Grabs (DG),  Joanna Babicka (JB), Katja Spanier (KS), Michael Gamon (GM), Thomas Papenbreer (TP), Thomas Bunge (TB)

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