WAVE-GOTIK-TREFFEN (WGT) 2018 – Sonntag 20.05.2018

WAVE-GOTIK-TREFFEN (WGT) 2018 – Sonntag 20.05.2018
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agra-Treffenpark

18:25 Uhr – XENTURION PRIME (N)

Die Synth-Pop, EBM, Futur-Pop Formation Xenturion Prime ist der zweite Act am dritten WGT-Tag in der Agra-Halle. Die ist schon sehr gut gefüllt und erwartet das Trio aus Norwegen mit freudiger Erwartung. Für Xenturion Prime, die ihren Stil als “Scandinavian Powersynth” bezeichnen, ist es der erste Auftritt beim WGT, der erste überhaupt in Deutschland, aber von Aufregung scheint keine Spur zu herrschen. Bjorn Marius Borg, Hasse Mattsson, Cathrine Räisänen tragen ziemlich stylische, überdimensional große, transparente Kunststoffbrillen mit integrierten LEDs, die in Intervallen programmiert, im Takt zur Musik, in verschiedenen Farben aufleuchten. Das gibt dem ganzen Auftritt einen coolen spaceigen Look. Mit kraftvollen Synthesizern, teils poppigen, teils atmosphärischen und sehr eingängigen Nummern kommt man schnell in Versuchung mitzusingen und mitzuklatschen. Xenturion Prime, Ihr dürft gern mal wieder vorbeischauen! (DS)

19:40 Uhr – ELEGANT MACHINERY (S)

Als nächstes gibt es gewichtigen Besuch aus Helsingborg. Und der hat was zu feiern. Nach Jahren nervenaufreibender On-Off- und wieder On-Beziehung begehen Elegant Machinery dieses Jahr auf dem WGT ihr 30(!)-jähriges Bühnenjubiläum. Die Band ist sichtlich aus dem Häuschen, das Publikum, das gefühlt in der Pause einmal durchgewechselt hat, auch. Scheinbar sind nun fast ausschließlich Fans anwesend: Jeder neue Song wird schon bei den ersten Takten herzlich begrüßt und textsicher nach Hause begleitet. Alle wippen und schaukeln mit, als hätten sie eine Choreographie einstudiert. Soviel Fan-Support hilft der Band auch souverän mit einigen technischen Problemen, die mitten im Set auftauchen, umzugehen. Die werden sehr sympathisch überspielt und sind schnell vergessen. Im Wesentlichen gibt es Synth-Pop vom Allerfeinsten, bei dem die Schweden unter Beweis stellen, warum sie im Bereich dunkler Elektro-Mucke zu den Export-Schlagern Skandinaviens gehören. Im Hintergrund laufen originelle Videos auf einer übergroßen Leinwand, mit denen die Stimmungen der jeweiligen Stücke aufgegriffen und sehr überzeugend weiter getragen werden. (DS)

20:55 Uhr – SOLITARY EXPERIMENTS (D)

Frankfurt, oder? Jetzt aber mittlerweile Berlin, auf jeden Fall aber schon fast 25 Jahre gibt es Solitary Experiments. Insgesamt 14 Alben sind während der Zeit entstanden, wenn man wirklich alle abendfüllenden Langrillen mitzählt. Die Aktuellen darunter sind Remixes von 2015: Heavenly Symphony und Memorandum – neues Material lässt bei dem Quintett demnach auch schon länger auf sich warten. Aber ausgiebig auf Tour sind sie, wie die Get Your Flag-Aktion, die schon länger durch die sozialen Medien geht und viel Zuspruch bei den Fans findet, beweist. Dass Solitary Experiments Elektro und Future-Pop machen, muss man eigentlich auch keinem mehr erzählen, dafür ist die buntgemischte Menge an fähnchenschwenkenden Enthusiasten in der brechendvollen Agra auch einfach zu groß. Das Objekt der Begierde indes wagt heute Abend ganz namensuntypisch wenig Experimente und liefert einfach nur eine großartige Show ab. Zur Freude der Fans, versteht sich. Die Hände (und auch die Handys) sind oben, jeder neue Song wird bejubelt und es wird selbstverständlich mitgesungen. Die Band, mit ihren roten Hemden wie immer farblich exakt aufeinander abgestimmt, feiert ihrerseits ihre Fans und beteuert immer wieder, dass man nur hier sei, weil es uns alle gibt. So viel Liebe! (DS)

Setlist SOLITARY EXPERIMENTS @ agra-Treffenpark, 20.05.2018 :

01. Trial And Error
02. Immortal
03. Pale Candle Light
04. I Am
05. No Salvation
06. Delight
07. Crash And Burn
08. Point Of View
09. Rise And Fall
10. Epiphany
11. Stars

22:20 Uhr – DE/VISION (D)

Institutionen im Bereich Elektro, ja das Genre kommt langsam in die Jahre, sind De/Vision schon längst. 14 Studioalben, EPs, Compilations nicht mitgerechnet. Die neue Scheibe Citybeats steht schon in den Startlöchern. Die dazugehörige Tour für den Herbst ist auch schon längst geplant. Nein, bei den Männern aus Berlin stellen sich wohl vorerst noch keine Alterserscheinungen ein. Und weil man als Szene-Urgestein zur Prominenz gehört, gehörig Publikum zieht, ist es dann auch die Agra und einer der besten Slots des Sonntag-Abends. Außerdem wird der Futur-Pop Legende die Ehre zuteil, sich von Mark Benecke ankündigen zu lassen. Die Stimmung ist entsprechend ausgelassen in der vollen schwitzigen Betonhalle, obwohl man sich sowohl auf der Bühne, als auch im Publikum eher zurückhaltend bewegt. Gespielt wird ein typisches Festival-Set aus Klassikern mit wenig Überraschungen und Experimenten. (DG)

00:35 Uhr – THE JESUS AND MARY CHAIN (GB)

Sie waren eine der ersten Bandbestätigungen des diesjährigen WGT und gleichzeitig vielleicht die größte Sensation: The Jesus And Mary Chain. Die braucht man nun wirklich keinem mehr vorstellen. In den 80er waren die Brüder William und Jim Reed die ungekrönten Könige des Post-Punk und Noise-Pop, die mal so nebenbei mit ihrem Album Psychocandy (1985) den Shoegaze mitbegründeten und in einem Atemzug mit Genre-Legenden wie The Cure oder Bauhaus genannt werden. Ihre Bandgeschichte ist gezeichnet, so ambivalent wie ihre Musik: voller Zorn und zauberhafter Melodien. Gegründet 1983, zerstritten 1997, versöhnt 2007, ihr aktuelles Album Damage And Joy (2017) nach 20 Jahren Schweigen, immer noch eine Sensation. Jetzt touren die Schotten wieder fleißig und schauen auch auf der Agra vorbei. Keine Frage, sie sind der Headliner: das zweite Mitternachts-Spezial des Festivals. Es ist voller als tags zuvor. Man beginnt pünktlich. Das Publikum, viele “Goths der ersten Stunde” sind darunter, lauschen der Darbietung wie gespannte Federn. Die startet mit einer ausgeklügelten Lichtshow, bis auf Sänger Jim Reid bewegt sich nicht viel auf der Bühne. Das ist auch nicht weiter schlimm, denn schließlich hat man sich wegen der Musik versammelt. Und da hat sich seit den 80ern als die Brüder ihr Publikum mit noch mit infernalisch schlechten Konzerten als Manifestationen ihres gerechten Zorns auf die Menschheit überzogen hatten, zum Glück einiges geändert. Über eine Stunde gab es eine erlesene Auswahl aus der Diskografie der Schotten: April Skies, Darklands, Head On, Just Like Honey, Teenage Lust … Himmlisch! (DS)

Felsenkeller / Naumanns

19:10 Uhr – PYOGENESIS (D)

Wir landen im Felsenkeller, um uns am heutigen Abend gleich zweimal ausführlich in Jugenderinnerungen zu wälzen. Das erste Mal soll schon gleich vonstatten gehen, aber wir müssen uns noch etwas gedulden, denn wir befinden uns circa 25 Minuten hinter dem Zeitplan. Pyogenesis stehen auf dem Plan. Bilder werden wach an die Stuttgarter, die uns, zum größten Teil noch als das Jahrtausend ein anderes war, mit ihrer Mischung aus Death Metal und Punk Rock heimsuchten und Platten wie Twinaleblood (1997), Unpop (1997) und She Makes Me Wish I Had a Gun (2002) rausbrachten. Nach letzterer war es lange, lange ruhig, bis 2015 A Century In The Curse Of Time und 2017 A Kingdom To Disappear erschienen und gierig aufgenommen wurden. Bandvorsitzender Flo V. Schwarz äußert sich zwar etwas verwundert, das zu so früher Stunde schon so viele ihren Weg in den Felsenkeller gefunden haben, so richtig glauben mag man ihm das aber nicht. Das liegt zum einen daran, dass Pyogenesis durchaus mehr Publikum gewöhnt sein dürften und zum anderen schlicht an der Tatsache, dass die Location grad mal zu zwei Dritteln voll ist. Die Band performt rasant schnelle Stücke und setzt auf Mitsing-Hymnen vergangener Tage, was wohlwollend aufgenommen wird. Die ganze Performance wirkt auf mich etwas konzeptlos und hektisch, man will sehr viel zeigen, das dann aber möglichst auf einmal. Einmal stürzt Flo Schwarz sogar über sein (oder das seines Kollegen?) Gitarrenkabel der Länge nach hin. Etwas weniger Berufsjugendlicher, etwas mehr Understatement hätte dem Auftritt sicherlich gut getan. (KS)

20:40 Uhr – DOOL (NL)

Auf kaum einen anderen Auftritt auf dem diesjährigen WGT habe ich mich so sehr gefreut, wie auch den der niederländischen Band Dool. Die Progressive-Rocker/Metaller räumten im letzten Jahr mit ihrem Debüt Here Now There Then und ihren Live-Auftritten, die etwas von vernichtenden Hurricans haben, so ziemlich alles ab, was ging. Bemerkenswert beim line-up, dass die Saitenfraktion bei Dool personnel gleich viermal (drei Gitarren, ein Bass) besetzt ist. Das stellt den Soundcheck jedesmal, so auch heute (das ist keine Überraschung) vor ganz besondere Herausforderungen. Aber die Niederländer lassen sich nicht aus der Ruhe bringen, nein, sie scheinen das meiste sogar selbst in die Hand zu nehmen. So verzögert sich der Zeitplan nicht noch weiter. Dool entern die Stage mit Vantablack (ein Song: schwärzer noch als schwarz): Was für ein Brett! Was für eine Band! Was für eine Frau! Was für eine Röhre! Ryanne van Dorst und ihre Männer sind perfekt aufeinander eingespielt und scheinen ihre Songs zu atmen. Böse Zungen behaupten Here Now There Then sei als Alibi aufgenommen wurden, damit man eine Berechtigung hätte, live zu spielen. Fakt ist, dass die Songs auf der Bühne erst richtig wirken. Fakt ist außerdem, dass Dool im Moment zu den sehenswertesten Bands auf internationalen Bühnen überhaupt gehören. Denn dort sind sie wie entfesselt. Ausfälle, wie als das Kabel von Jon van de Zande den Geist aufgibt und während des Songs getauscht werden muss, fallen überhaupt nicht auf. Zwischen den Songs prostet van Dorst dem Publikum schweißgebadet zu: “We are Dool from the Netherlands and we are playing for you the songs of life and death!”. Die kommen fast alle vom aktuellen Album: The Alpha, She Goat, Oweynagat… Für einen ganz besonderen Moment sorgen Dool mit ihrer Version vom Killing Joke Klassiker Love Like Blood. So hören sich Rockstars an und so sehen Rockstars aus! (KS)

22:20 Uhr – TIAMAT (S)

Mit ihrem 1994 erschienen Album Wildhoney haben Tiamat den Gothic Metal aus der Taufe gehoben und dabei Musikgeschichte geschrieben. Heute sind die unbestrittenen Headliner im Felsenkeller und das obwohl das letzte Album The Scarred People schon sechs Jahre zurückliegt und Johan Edlund schon einmal seinen Rückzug aus der Band bekannt gegeben hat. Totgesagte leben ja bekanntlich am längsten und auf dem WGT werden sie stets mit offenen Armen empfangen, da man hier seine Legenden liebt, hegt und pflegt. In den Felsenkeller passt kein Mensch mehr. Draußen hat man längst zugesperrt. Drinnen pumpt man nur noch panisch den schweren, heißen Dunst in die Lungenflügel, das Atmen hat man aufgegeben. Auch auf der Bühne ist kein Silberstreif am Horizont in Sicht. Johan Endlund verbreitet bleierne Hoffnungslosigkeit mit brachialen, donnernden Riffs, schleppenden Drums und suizidalen, heiseren Schreien. Der Felsenkeller wird zu Luzifers Dachboden, nur mit noch weniger Licht. Tiamat werden frenetisch bejubelt. Alle, Band und Publikum, scheinen ihr Letztes zu geben, sich völlig zu verausgaben. Die Zeit dehnt sich, scheint stillzustehen, kumuliert auf einen Punkt und plötzlich wähnt man sich wieder mitten in den 90ern, als man beim blassen Mondlicht zu den Klängen von Wildhoney mit dem Teufel getanzt hat. Und plötzlich hat Zeit keine Bedeutung mehr. Es gibt eine Zugabe. Man stolpert in die Nacht und atmet durch. (KS)

Heidnisches Dorf / Torhaus Dölitz

17:00 Uhr – SULD (MNG)

Suld machen Metal und kommen aus der inneren Mongolei. Das reicht dicke für den Exotenbonus, der dazu führt, dass wohl keine andere Band mehr Pressetermine auf dem diesjährigen WGT hat, die hinaus in den Mainstream tönen. Und ja, ich geb’s ja zu, wegen diesem Exotenbonus bin ich auch da. Es interessiert mich einfach zu hören, wie Metal-Bands von überall rund um den Globus klingen. Eben nicht nur aus dem Europäischen Raum oder US-Amerika, sondern auch aus Ländern, in denen es der Metal schwer hat, um nicht zu sagen, in denen es sogar gefährlich ist, diese Art von Musik zu machen oder auch zu nur anzuhören. Das gilt nun glücklicherweise nicht für die Mongolei, aber auch da dürfte Metal nun nicht grad zu den vorherrschenden Musikstilen gehören. Suld kombinieren ihn mit Elementen traditioneller einheimischer Musik. Eines ihrer Mitglieder spielt eine mongolische Pferdekopfgeige. Das alles verleiht der Musik einen fernöstlichen Touch, obwohl in den Songs auch die vertrauten Riffs und Blasts zu finden sind, wenn auch die Songs vielleicht eher im Hard Rock als im Metal, vielleicht am ehesten noch im Folk-Metal anzusiedeln sind, wenn man das “mongolische Moment” mit einbeziehen möchte. Die Musiker sind furchtbar aufgeregt. Das merkt man ihnen an. Auftritte in Europa sind wohl eher selten und nun hat sich auch noch durch das abgesagte Konzert von Schandmaul der komplette Zeitplan nach hinten verschoben. Es gibt kurz Verwirrung bei der Band, die glaubt, gleich nach dem frühen Soundcheck ihren Auftritt absolvieren zu können. Fehlanzeigen – sie müssen noch einmal runter von der Bühne. Ich sehe die Mitglieder im Backstagebereich von meinem Platz aus angespannt auf- und abgehen. Dann ist es endlich soweit. Suld werden mit empor gereckten Pommesgabeln und Fäusten empfangen. Die Besucher im Heidnischen Dorf sind begeistert über weitgereiste Band, die das noch gar nicht so richtig glauben kann. Jeder einzelne Song, die im übrigen alle Landessprache gesungen werden, wird gefeiert. Die Leute hüpfen und bangen was das Zeug hält, trotz Hitze und Enge vor der Bühne. Am Ende ihres Sets werfen die Jungs noch einige Exemplare ihrer aktuellen CD City Nomad in die Menge. Mir bleibt eigentlich nur eins zu sagen: “In metal we are one world!” (KS)

Grassimuseum

14:00 Uhr – 4. WGT WEINVERKOSTUNG

Schon fast traditionell treffen sich am Samstag die Freunde des Weines am Grassimuseum. Gastgeber sind dabei Thomas Rainer von Nachtmahr und Oswald Henke von Goethes Erben. Dabei entstehen meistens auch Bilder für Nachtmahr, die bereits Einzug auf das letzte Album gefunden haben. Nichtsdestotrotz kann man hier über seinen selbst mitgebrachten Wein diskutieren, aber auch neue Sorten probieren und kennen lernen. Auf jeden Fall ein gelungene Start in den WGT-Samstag. (DS)

Non Tox

14:15 Uhr – REICHSFEIND (D)

Auch am dritten WGT-Tag startet man auf dem Non Tox äußerst früh. Endlich hat sich die Sonne durchgesetzt und wir haben das Wetter, das uns die schönsten WGT-Erinnerungen zaubert. Ein paar Leute, eine recht überschaubare Menge an Besuchern ist es erst, hat sich schon zu so früher Stunde auf das Geländer verirrt. Hier steht schon Timo Revna alias Reichsfeind und hat mit seinem Auftritt begonnen. Die Bühne selbst ist dafür recht spartanisch ausgestattet. Dafür hat Reichsfeind aber eine Botschaft, die eng mit dem Namen seines Projektes verknüpft ist: “Ein Name als Wort des Widerstands gegen ethnische, religiöse und politische Verfolgung; eine Anregung zur Reflexion. Die Welt ist nicht schwarz-weiß. Love music. Hate racism.” Als musikalisches Vehikel seiner Botschaft hat sich der junge Mann aus Frankfurt harte Industrial-Sounds und sphärische Synth-Flächen ausgesucht. Vor der Bühne wird getanzt. Ihm scheint es auch Spaß zu machen, obwohl er trotz Interaktionen mit den Besuchern die meiste Zeit der 45 Minuten dauernden Show hinter dem Mikrofon blieb. Insgesamt aber eine solide Leistung, die mit Applaus verabschiedet wird. (DS).

15:15 Uhr – CAISARON (D)

Caisaron hatte da ein bisschen mehr Pech mit dem Publikum. Dabei hatte sich das Elektro-Pop Trio aus Dresden etwas besonderes für ihren Auftritt einfallen lassen. Sängerin Angela Blackfield betrat während des ersten Songs mit riesigen schimmernden Flügeln die Bühne, von denen sich anfangs von komplett verhüllt war. Nachdem auch Sänger Frank auf die Bühne kam und beide den ersten Song absolviert hatten, umschloss sie diesen noch einmal komplett mit beiden Flügeln, so dass dieser nicht mehr zu sehen war. Durchaus schön anzuschauen und auch das Zusammenspiel und die Harmonie beider Künstler während dem übrigen Auftritt war sehr gut und harmonisch. Der Elektropop, den Caisaron performen, ist eingängig, treibend und tanzbar. Trotzdem bleibt das Publikum verhalten, vor der Bühne finden sich nur sehr wenige Menschen ein. Die meisten sitzen auf den Bänken, die etwas weiter weg am Getränkestand stehen,und verfolgen den Auftritt von dort. Und obwohl sich gegen Ende des Konzerts doch noch der eine oder andere vor der Bühne einfindet, um Caisaron zu unterstützen, kann man sie Band nur für ihre solide Performance und ihr Durchhaltevermögen beglückwünschen. (DS)

16:15 Uhr – SYNTHATTACK (D)

Deutlich mehr Besucher, dafür aber mit technischen Problemen zu kämpfen, haben nun SynthAttack. Das Platz vor der Bühne ist jetzt sehr gut gefüllt. Vor allem die große Anzahl an Cyber-Goths fällt ins Auge. Gerade die haben sich auf dem WGT in den letzten Jahren doch ein wenig rarer gemacht. Das Duo aus Hannover, das passend zum anwesenden Publikum vor allem für ihren AggroTech bekannt ist, hat sich zwei Tänzerinnern als Support mitgebracht, die die Growd zusätzlich anheizen sollen. Als es dann schließlich los geht, merkt man, dass die so unbedingt gar nicht notwendig gewesen wären, denn die Leute feiern die harshen Voices und hämmernden Beats auch so und tanzen ausgelassen. Trotzdem machen beide und auch Martin und Nicole selbst noch zusätzlich richtig Stimmung und sorgen für Begeisterung in der Meute, die nun endlich aufgewacht zu sein scheint. (DS)

Stadtbad

18:20 Uhr – SPARK! (S)

Die wohl größte Überraschung am Sonntag im Stadtbad ist die Reihung der Bands. Nachdem Akalotz mit Oldschool-EBM den Konzertabend gestartet haben, folgt sogleich die Band, die eigentlich Headliner sein sollte: Spark! Die Schweden haben sich mit ihrem innovativen Mix aus Pop und EBM in die Herzen ihrer Fans gespielt und das Stadtbad könnte kaum voller sein. Christer, auch bekannt von Biomekkanik, ist erst seit dem dritten Album als Sänger an der Seite von Mattias, der Spark! schon 2007 ins Leben gerufen hat. Während ihrer ersten gemeinsamen Show hat Christer eine Clownmaske getragen, um zu verhüllen, wer der neue Sänger der Band ist. Irgendwie scheinen die Jungs Gefallen an der Maske gefunden zu haben, denn mittlerweile sind ebenjene Masken in ihren Artworks und Videos zu finden und dürfen selbstverständlich auch auf der Bühne nicht fehlen. So starten Spark! ihr Konzert maskiert, doch diesmal ist kein Spannungsaufbau nötig. Sobald Christer die Bühne betritt, ist die Menge aus dem Häuschen. Während sie nach der Reihe all ihre bekanntesten Songs spielen, gehen Pogo-Schubser in Umarmungen über, die anwesende schwedische Fraktion gröhlt sich die Seele aus dem Leib und obwohl es im Stadtbad kaum mehr Sauerstoff zum Atmen gibt, steht kein Körper still. Für die deutschsprachigen Fans haben Spark! einen ihrer Songtexte sogar auf Deutsch übersetzt, damit sie “einmal verstehen worum es in den Lyrics überhaupt geht”. Auch Två Mot En, ein Vorgeschmack auf das kommende Album, kommt mehr als gut an und lässt Vorfreude auf neues Material der Schweden aufkommen. Jetzt heißt es also nur noch geduldig sein! (JB)

19:40 Uhr – STURM CAFÉ

Nach Spark! folgen sogleich die nächsten Schweden, Sturm Café, womit es wieder zurück zu Oldschool-Tönen geht. Verständnisprobleme beim deutschsprachigen Publikum gibt es hier nicht, denn die Texte sind auf Deutsch. Obwohl es nicht einfach ist, mit der Wahnsinnsshow mitzuhalten, die Spark! vorgelegt haben, schlagen sich Jonatan und Gustav tapfer. Für dieses Konzert hat sich das Duo Verstärkung geholt: Patrik Linderstam, der die Jungs als Graphic Designer unterstützt, kümmert sich um visuelle Effekte und Joakim Mohlund, der Vokalist bei Kommando XY ist, hilft am Schlagzeug und als zusätzliche Stimme aus. Die Performance könnte vor allem in Anbetracht des rammelvollen Stadtbads ein bisschen lebhafter sein, doch dieses kleine Minus machen Sturm Café mit eingängigen Songs wieder gut. Die Fans sind jedenfalls begeistert. (JB)

21:10 Uhr – VOMITO NEGRO

Mit Vomito Negro geht es musikalisch von EBM zu Industrial über. Die belgische Band besteht seit 1983 und ist in den unglaublichen 35 Jahren ihres Bestehens zu einer festen Größe in der Szene gewachsen. Spätestens als Folterinstrumente auf die Leinwand hinter der Bühne projiziert werden ist klar, dass es hier nichts zum Lachen geben wird. Es kracht und knarrt, die Beats sind hart und hypnotisch. Gin Devo und Sven Kadenza sind nur spärlich in Rot und Blau beleuchtet – im Vordergrund stehen weiterhin die Projektionen, die in variierenden Bildern Tod und Verderben darstellen. Im Gegensatz zum diesjährigen Auftritt beim WGT wirkt jener von 2014 wie ein heiterer und bunter Kindergeburtstag. Es ist erfrischend zu sehen, dass es Bands gibt, die sich trotz ihrer langjährigen Karriere nicht auf ihrem Ruhm ausruhen, sondern ihre Fans immer wieder mit neuen Ideen überraschen. So wird man bei diesem audiovisuellen Erlebnis vom düsteren Universum von Vomito Negro verschlungen und wer das ganze Set durchgestanden hat, darf sich ruhig eine Verschnaufpause gönnen, um wieder etwas Fröhlichkeit und Lebenslust zu tanken. (JB)

22:40 Uhr – KLUTAE

Letzter Act des Abends ist Klutae – ein Projekt des dänischen Musikers Claus Larsen, der sich schon als Leaether Strip einen Namen gemacht hat. Mittlerweile hat sich das Stadtbad auf etwa die Hälfte des Fassungsvermögens geleert. Wer jetzt immer noch tanzen kann, hat vor allem vor der Bühne genügend Platz dafür. Zu sehen gibt es jedoch nicht viel, denn Claus macht auf der Bühne den Alleinunterhalter, was aber weder ihn noch die Handvoll tanzwütiger Fans zu stören scheint. Auf die Ohren gibt es Songs aus dem gesamten Schaffenswerk von Klutae, vor allem aber vom 2017 erschienenen Album Black Piranha, das den gewohnten Industrial mit EBM-Elementen kombiniert. Nach einem kurzen Intermezzo mit einer Neuinterpretation des 60er-Hits Tequila, das etwas wie ein schlechter Scherz wirkte, besänftigte Claus die verwirrten Gemüter zum Abschluss noch mit Songs von Leaether Strip, “weil das WGT Leaether Strip nicht buchen wollte”. Im Herbst ist übrigens Leaether Strip auf der “30th Anniversary Tour” unterwegs und wird unter anderen von And One und Rummelsnuff begleitet. (JB)

Westbad

19:10 Uhr – THE ARCH

Zeit für Waverock aus Belgien mit The Arch. Das Westbad ist zwar nur knapp zur Hälfte gefüllt, doch können die Jungs aus Breendonk ihre Fans schon mal ein wenig zum Tanzen bringen und spätestens als die ersten Töne von Babsi Ist Tot erklingen, weiß wohl auch der Letzte hier im Saal, wer da aufspielt. Immer wieder peitscht Sänger CUVG die Zuschauer nach vorne und so erfreut man sich vor allem nach einer guten Dreiviertelstunde an den Klängen von Ribdancer, bei dem nun noch mehr getanzt wird, während CUVG seinen Fans auf der Absperrung noch einmal besonders nah kommt. Es wäre ein gelungenes Finale gewesen, doch im Anschluss heißt es noch einmal No Tears (For The Creatures Of The Night), das im dröhnenden Soundbrei leider vollkommen untergeht. Schade um den alten No More Klassiker, den Eindruck des Auftritts selbst soll dies aber nicht schmälern. (MG)

20:30 Uhr – THEN COMES SILENCE

Nach einer relativ kurzen Pause geht es weiter und auch wenn es bei Then Comes Silence im Anschluss nun noch immer aus der Soundanlage im Westbad dröhnt, verstehen es die Schweden doch bestens, damit ordentlich Druck aufzubauen. Die Halle hat sich längst spürbar besser gefüllt und wird von den Gitarrenklängen und Bassläufen der Nordmänner sichtbar mitgerissen. Mal bedrohlich, mal hart, brettern die Jungs aus Stockholm durch ihr rockiges Postpunk Set und dürften nicht nur mit Strangers so manchen neuen Fan hinzugewonnen haben. Der stetig wachsende Applaus nach den Songs gibt ihnen jedenfalls Recht und verleitet sie heute sogar dazu, eine Zugabe zu geben, bevor sie mit besonders viel Jubel endgültig verabschiedet werden. Ein starker Auftritt, man wird sich definitiv wiedersehen! (MG)

22:00 Uhr – ZERAPHINE (D)

In den letzten Jahren ist es leider sehr ruhig um die Band rund um Szene-Liebling Sven Friedrich geworden, der sich nach Erscheinen des letzten Zeraphine-Albums Whiteout im Jahre 2010 primär und sehr erfolgreich um sein Elektro-Projekt Solar Fake kümmert. Gerade deshalb ist es für die treue Fangemeinde stets ein Highlight, die fünf Herren live on stage zu sehen. Am WGT-Sonntag war es um 22:00 Uhr dann endlich soweit und ein bestens gelaunter Sänger betrat samt Entourage die Bühne des Westbades. Ursprünglich war der Auftritt für die Agra geplant, wurde jedoch kurzfristig umgelegt. Laut Friedrich kein Nachteil, da man jetzt ein volles Set spielen könne.

Und das tat die Band dann auch. Trotz – oder vielleicht auch gerade mangels – neuer Titel bot die Band ein Portfolio all ihrer Evergreens und brachte so das treue Publikum zum Schwitzen, Tanzen und Mitsingen. Nach 19 Titeln Bandgeschichte wie Lieber Allein, Sterne sehen oder Die Wirklichkeit und rund 1,5 Stunden Spielzeit sollte der Konzertabend dann ein Ende haben. Das begeisterte Publikum ließ Zeraphine jedoch nicht so schnell gehen und angesichts der Tatsache, dass man der Headliner des Abends war, durften auch noch zwei Zugaben folgen ehe die Security das Westbad in Höchstgeschwindigkeit leer fegte. So blieb so manch einem ein Erinnerungsfoto mit der Band verwehrt, was dem Gesamterlebnis jedoch keinen Abbruch tun sollte. (CS)

Foto / Author: Danny Sotzny (DS), Claudia Sonntag (CS), Dietmar Grabs (DG),  Joanna Babicka (JB), Katja Spanier (KS), Michael Gamon (GM), Thomas Papenbreer (TP), Thomas Bunge (TB)

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