MORRISSEY – Low In High School

Geschätzte Lesezeit: 3 Minute(n)

Unsere Bewertung:


7 Musik

8 Lyrics

9 Anspruch

8

Konnte mich die erste auf Morrisseys eigenen Label Etienne Records (BMG) erschienene Single Spent The Day In Bed Mitte September 2017 angesichts der eher einfachen Strukturen und Lyrics vor allem zu Beginn nur bedingt ĂŒberzeugen, so sorgte der Auftritt am 11.10.2017 im Berliner SchwuZ fĂŒr einige Sorgenfalten auf meiner Stirn. Eine starke Performance alter Hits wie Alma Matters oder Speedway gepaart mit einigen Tracks seines kommenden neuen Albums, die mich nur wenig zu ĂŒberzeugen wussten und „truly disapponted“ zurĂŒckließen. Nun ist der Tag des Releases gekommen und um es vorweg zu nehmen, es ist nicht wirklich enttĂ€uschend. Das zeigt sich schon beim Opener My Love, I’d Do Anything, denn hier weht ein leichter Your Arsenal-Wind, gepaart mit angedeuteten Big Band EinflĂŒssen, und gerade der stark verbesserte Gitarreneinsatz war das, was auch beim Berliner Auftritt schon positiv auffiel. Auch textlich geht Morrissey gleich in die Vollen und mit Zeilen wie „Teach your kids to recognize and despise all the propaganda / filtered down by the dead echelons mainstream media“ schlĂ€gt er in eine Ă€hnliche Kerbe, wie all jene, die derzeit die Nachrichtenspalten bestimmen, ganz gleich ob es sich dabei um den amerikanischen PrĂ€sidenten oder die BefĂŒrworter des Brexit handelt. Was uns gleich zum weiteren vieldiskutierten Problem mit dem Morrissey der Jetzt-Zeit bringt: Gerade in den letzten Monaten wurde die Liebe der Fans mit so mancher politischen Äußerung des britischen Barden auf eine harte BewĂ€hrungsprobe gestellt. Doch hier soll es, soweit das bei einem solchen KĂŒnstler möglich ist, der so viel Gewicht auf seine Texte legt, vornehmlich um die Musik gehen und die ist anders als befĂŒrchtet durchaus anstĂ€ndig und ihre Wirkung wĂ€chst mit jedem weiteren Hördurchlauf.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Sozialkritik oder Populismus?

Nach der starken Eröffnung folgt mit I Wish You Lonely ein typischer Morrissey Midtempo-Song neuester PrĂ€gung. Fans dĂŒrfen trotzdem kurz in Erinnerungen an jenen November schwelgen, der ein Monster hervorbrachte. Schön dĂŒster beginnt dafĂŒr Jacky’s Only Happy When She’s Up On The Stage, quasi Morrisseys Hymne zum bevorstehenden Brexit und auch wenn ich seine Faszination am Brexit, ebenso wie viele andere Lyricinhalte dieser Tage nicht nachvollziehen kann, so muss man Morrissey schon bescheinigen, dass er sein GespĂŒr fĂŒr starke und oft kryptische Texte nicht verloren hat. Ab und an verzichten könnte ich aber auch bei diesem eigentlich starken Song auf den einen oder anderen mittlerweile recht inflationĂ€r auftauchenden Trompeteneinsatz. Gleiches gilt fĂŒr den recht gewöhnungsbedĂŒrftigen Gesang im Refrain des nachfolgenden Home Is A Questionmark, das ansonsten gefĂ€llig daherkommt und im spĂ€teren Klimax richtig punkten kann. Es folgt die erste Single Spent The Day In Bed, an der sich bereits seit Erscheinen die Geister scheiden. Ist der simple Text nun Sozialkritik oder Populismus? Experimenteller wird es zum GlĂŒck bei I Bury The Living und Morrisseys Abrechnung mit den MilitĂ€rs. Dank vielfacher Dynamikwechsel und musikalischen Wendungen sicher der anspruchsvollste Song des Albums. Dass sich Morrisseys starke Aussagen oft hinter zunĂ€chst harmlosen Phrasen und unscheinbarer Musik verstecken wird bei In Your Lap deutlich, denn der Song im klassischen Klaviersound hat es textlich durchaus in sich. Bei The Girl from Tel-Aviv Who Wouldn’t Kneel lebt der Brite dafĂŒr mal wieder seine Zuneigung fĂŒr hispanische KlĂ€nge aus und ĂŒberrascht mit einem Flamenco zu politischen Aussagen („What do you think all these conflicts are for? / It’s just because the land weeps oil“).

Einen musikalischen Schritt in die Vergangenheit unternehmen wir danach mit All The Young People Must Fall In Love samt HĂ€ndeklatschen und ein wenig Lagerfeuerromantik. Kommt einem das nachfolgende When You Open Your Legs dank neuerlicher Trompeten durchaus eher spanisch vor, so verfĂŒgt es doch ĂŒber eine wundervolle Refrainmelodie, die man voller GlĂŒck herausschreien möchte, bevor es wieder gitarrenlastiger und zorniger zugeht, denn jetzt rechnet Morrissey in Who will Protect Us From The Police (am Beispiel der Ausschreitungen in diesem Jahr in Venezuela) mit der Polizei ab, mit der er bekanntlich ebenfalls einschlĂ€gige Erfahrungen gemacht hat. Und auch der letzte Track von Low In High School ist mit Israel natĂŒrlich noch einmal politisch, bevor wir wieder von vorne beginnen und uns immer weiter in das neue Werk hineinarbeiten und -fĂŒhlen.

Vor allem die “A-Seite” des neuen Morrissey Epos weiß wirklich zu gefallen und schlĂ€gt eine musikalische BrĂŒcke zwischen den diversen Phasen seiner Solokarriere. Songs mit echtem Klassikerpotential sucht man auf Low In High School zwar weitestgehend vergebens, aber damit mussten sich seine AnhĂ€nger ja schon ein wenig nach den letzten Veröffentlichungen abfinden. Es bleibt somit ein Album das polarisiert, vor allem was die kontroversen Texte angeht, aber sicher seine Daseinsberechtigung hat und alles andere als irrelevant ist.

Low in High-School

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Tracklist: MORRISSEY – Low In High School:

01. My Love I’d Do Anything For You
02. I Wish You Lonely
03. Jacky’s Only Happy When She’s Up On The Stage
04. Home Is A Question Mark
05. Spent The Day In Bed
06. I Bury The Living
07. In Your Lap
08. The Girl From Tel-Aviv Who Wouldn’t Kneel
09. All The Young People Must Fall In Love
10. When You Open Your Legs
11. Who Will Protect Us From The Police?
12. Israel

Geschrieben von
Mehr von Michael Gamon

Fotos: STEEL PANTHER

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