E-TROPOLIS FESTIVAL – Oberhausen, Turbinenhalle (18.03.2017)

E-TROPOLIS FESTIVAL - Oberhausen, Turbinenhalle (18.03.2017)
Front 242, © Dietmar Grabs
Geschätzte Lesezeit: 4 Minute(n)

Zum vierten Mal seit dem Umzug aus Berlin fand das E-Tropolis Festival in der Oberhausener Turbinenhalle statt und dürfte für die Veranstalter wieder in die Schublade mit der Aufschrift „Erfolg“ gelegt werden. Wie in den letzten drei Jahren war der Komplex mit zwei Hallen und seinen zahlreichen Zwischenräumen gut gefüllt, der Termin für 2018 (17. März) steht bereits fest.

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Und wie in den Vorjahren konnte sich bereits der erste Act des Tages nicht über zu wenig Interesse beschweren. Zur Morgenmuffel-verträglichen Zeit um 14 Uhr ließen die Sachsen von Amnistia ihren politisch aufgeladenen „Bodywave“ mit entsprechenden Backing-Videos auf die ersten Anwesenden los und hinterließen musikalisch sicher nicht den schlechtesten Eindruck.

Setlist AMNISTIA @ E-Tropolis Festival 2017
01. Bursting Into Life
02. Dawn
03. Self-Defence
04. Abyss
05. I.M.G.
06. Money
07. Faceless
08. More

Apropos Eindruck hinterlassen: Wenn dies an diesen Festivaltag einer Gruppe gelang, dann Wulfband. Das schwedische Newcomer-Brutalo-EBM-Projekt gab endlich sein NRW-Livedebüt – und was für eines. Der Typ mit Bankräubermaske am Schlagwerk und der Typ mit Wischmob vor dem Gesicht am Mikro (ihre Namen und Identitäten halten die beiden seit jeher geheim) brachten 30 Minuten lang kaum verständliche und völlig schwachsinnige deutschsprachige Texte sowie pure Energie auf die Stage. Dabei unterstützt von einer perfekt auf den Sound abgestimmten, hektisch flackernden Lichtshow. Leider gab es während des Auftritts technische Probleme mit dem Drumset, was den Schwung zwischenzeitlich ein wenig herausnahm. Egal: Die Pogo-Fraktion hatte ihre Freude. Alle anderen ließen sich mitreißen – oder starrten so verwirrt wie gebannt in Richtung Bühne.

Setlist WULFBAND @ E-Tropolis Festival 2017
01. Jetzt
02. SMF
03. Aggressivität
04. Was für ein Fest
05. Panik
06. Attentat
07. Weg
08. 3,2,1 Nein

Ganz andere musikalische Schiene dann auf der großen Stage. Und lyrisch auch eher weniger Wulfband-Dadaismus als vielmehr ein großer Sack voll „Hass mich, fick mich, Gott ist tot“. Die Cyber-Fraktion kam mit Centhron zum ersten von insgesamt drei Malen voll auf ihre Kosten.

Melodische Klänge am späten Nachmittag

Im Anschluss wurde es wieder melodischer. Cryo folgten auf der kleineren Stage auf ihre schwedischen Kollegen, mit denen sie sinnvollerweise gemeinsam anreisten, in Halle 1 spielten In Strict Confidence eins ihrer zuletzt immer populärer werdenden Vintage Sets. Was bedeutet: Keine echten Drums, keine Gitarren und zum Leidwesen vieler keine wunderschöne Nina De Lianin am zweiten Mikrofon. Dafür aber ganz viele tolle Songs aus den frühen Jahren der Bandgeschichte. Etwas ungewohnt war es zwar schon, Engelsstaub im Refrain mal mit männlicher Stimme zu hören, dies tat dem Spaß aber keinen Abbruch. Das uralte Kiss Your Shadow setzte dann nach 40 Minuten einen viel zu frühen Schlusspunkt. Mal sehen, wann Dennis Ostermann auch sein kürzlich erschienenes Album The Hardest Heart auf die Bühne bringt…

Setlist IN STRICT CONFIDENCE @ E-Tropolis Festival 2017
01. The Truth Inside Of Me
02. Seven Lives
03. Prediction
04. Zauberschloss
05. Industrial Love
06. Engelsstaub
07. Kiss Your Shadow

Im Anschluss war die Devise: Schnell nach nebenan. Denn The Invincible Spirit aus Hannover lieferten einen bockstarken Auftritt, wenn nicht sogar den stärksten des Tages ab. Ewige Klassiker wie die Überhits Provoke you und Push, als auch die Stücke von 2015-er Comeback-Longplayer Anyway kamen im Live-Line-Up mit Keyboarderin Anja einfach perfekt rüber. Heimlicher Höhepunkt: die wunderschöne Coverversion von Joy Divisions Gänsehaut-Ballade Atmosphere.

Der Frühabend mit Solitary Experiments und Solar Fake auf Bühne 1, sowie Tyske Ludder und X-RX auf Bühne 2 verlief ohne große Besonderheiten, den beständigen Fangemeinden hat’s gefallen – kein Wunder, sind doch alle vier Acts mittlerweile konstanter Bestandteil der einschlägigen Festivals. Wie schon auf der kurz vorher absolvierten Tour ließ Solar Fake-Frontmann Sven Friedrich mit einer speziellen Coverversion aufhorchen. Diesmal gab es Somebody Told Me von The Killers auf die Ohren.

Setlist SOLAR FAKE @ E-Tropolis Festival 2017
01. Not What I Wanted
02. Under Control
03. Reset To Default
04. Here I Stand
05. Observer
06. All The Things You Say
07. I Don’t Want You In Here
08. I Hate You More Than My Life
09. More Than This
10. Parasites
11. Somebody Told Me (The Killers-Cover)
12. Where Are You
13. If I Were You

Für den nächsten echten Aha-Effekt sorgte gegen 20 Uhr Olli von Agonoize, dummerweise eher unfreiwillig. Er wollte seinen Fans ganz nahe sein – beachtete dabei allerdings nicht, dass zwischen Bühnenrand und Publikum noch ein Fotograben liegt. Dieser war aufgrund der folgenden Kunstblut-Show zur Sicherheit mit einer Plane abgehängt, Olli stieg auf eben diese Plane – und schwupps, weg war er. Sah nicht gesund aus, den folgenden Auftritt zog „Germany’s most extreme electro act“ aber in aller Professionalität und wieder mit vielen Showelementen durch.

Setlist AGONOIZE @ E-Tropolis Festival 2017
01. Resolution
02. Opus Dei
03. Schaufensterpuppen
04. Deutsch
05. For The Sick And Disturbed
06. Blut Sex Tod
07. Bloodqueen
08. Femme Fatale
09. Gottlos
10. Sacrifice
11. Glaubenskrieger
12. Staatsfeind
13. Koprolalie
14. I Was Made For Lovin You (KISS-Cover)
15. Bis das Blut gefriert

Mehr Melodien, dafür aber ähnliche Partystimmung zeitgleich in Halle 2. Faderhead bewies trotz Problemen mit seinen In-Ears einmal mehr, dass in ihm mehr steckt als nur der Tanz Zwo Drei Vier-Partykasper. Fröhliches Rumgehüpfe in den vorderen Reihen, ordentlicher Bewegungsdrang mit mehr Standfestigkeit im hinteren Bereich. Und nach einem knapp 60-minütigen Querschnitt durch seine Karriere spielte der Hamburger ganz am Ende dann doch wieder den Tanz Zwo Drei Vier-Partykasper. Wäre ja aber auch irgendwie komisch ohne diesen mit Abstand bekanntesten aller Faderhead-Songs.

Covenant beweisen Mut zum Experiment

Als komisch dürften viele unterdessen die Setlist bezeichnen, welche der dritte und größte aller schwedischen Acts an diesem Samstag darbot. Covenant kamen mit wenigen Minuten Verzögerungen, alle warteten auf die Hits – und was machen Eskil Simonsson, Daniel Jonasson und Daniel Myer? Sie spielen Replicant, Shelter und Edge Of Dawn vom 1994er-Debütalbum Dreams Of A Cryotank, eine Remix-Version von Go Film sowie die eher komplexen Cold Reading und Morning Star vom gewollt experimentellen aktuellen Album The Blinding Dark. „I think this is the right time to play these songs“, sagte Eskil und wirkte dabei kein bisschen reumütig. Warum auch? Die „Die hard“-Fan-Fraktion hat dieser erfrischende Festivalauftritt sicherlich erfreut. Am Ende rissen bei We Stand Alone ohnehin alle wieder die Hände in die Luft und sangen kräftig mit.

Setlist COVENANT @ E-Tropolis Festival 2017
01. Monochrome
02. Bullet
03. I Close My Eyes
04. Cold Reading
05. Figurehead
06. Edge Of Dawn
07. Shelter
08. Replicant
09. Go Film (Remix)
10. Ignorance & Bliss
11. Call The Ships To Port
12. Morning Star
13. We Stand Alone

Für viele hieß es dann, schnellstmöglich den Schauplatz zu wechseln. Die Ruhrpottjungs von Neuroticfish wurden frenetisch bejubelt und genossen ihr „Heimspiel“ vor gewohnt sangesfreudigem Publikum in vollen Zügen. Nach dem abschließenden They’re Coming To Take Me begann in Halle 2 die Aftershowparty, auf großer Bühne durfte dann noch ein wenig Pioniersarbeit bewundert werden.

Setlist NEUROTICFISH @ E-Tropolis Festival 2017
01. Rose
02. Silence
03. Former Me
04. Bomb
05. Behaviour
06. Wake Me Up
07. Suffocating Right
08. Agony
09. Is It Dead?
10. Civilized
11. A Greater Good
12. M.F.A.P.L.
13. I Don’t Need The City
14. Somebody
15. Velocity
16. Can’t Stop A Riot
17. Need
18. Illusion Of Home
19. They’re Coming To Take Me

Wobei die klassische EBM, welche der Headliner Front 242 in den 80ern produziert hat, nichts mehr mit dem zu tun hat, was live begutachtet werden kann. Leider, denken viele. Wer sich auf das Spektakel mit wabernden Synthies, zahlreichen nicht immer nötigen Noise-Layern und dem Berliner Tim Kroker am „Klackzeug“ (von „Schlag“zeug kann ja bei Front 242 schon ewig keine Rede mehr sein) vorurteilsfrei einlässt, bekam das gewohnte Set aus den Vorjahren in einwandfreier Qualität geboten.

Setlist FRONT 242 @ E-Tropolis Festival 2017
01. Happiness
02. Moldavia
03. Body To Body
04. 7Rain
05, Take One
06. Together
07. Triple XXX Girlfriend
08. Quite Unusual
09. Funkahdafi
10. U-Men
11. Commando Mix
12. Religion
13. Headhunter
14. Im Rhythmus bleiben
15. Welcome To Paradise
16. Punish Your Machine

Und so ging das vierte E-Tropolis im Herzen des Ruhrpotts zu Ende. Auffällig in diesem Jahr neben allen erfreulichen Umständen: die vor allem auf Stage 2 immer wieder aufblitzenden technischen Probleme. Daran sollte im März 2018 ebenso gearbeitet werden wie am immer noch zu spärlichen Gastroangebot und der wieder einmal viel zu kleinen Händlermeile. Zudem wünscht sich so manche(r) für das kommende Jahr sicher ein wenig mehr Bühnenaction. Bei dieser Ausgabe war die Anzahl der „reinen Laptop-Acts“ schon auffällig hoch. Erste Bestätigungen sollen bald schon veröffentlicht werden.

Fotos: Dietmar Grabs

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