SALTATIO MORTIS – Zirkus Zeitgeist

SALTATIO MORTIS – Zirkus Zeitgeist
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9 Bewertung

9

„Wer hat das Lachen abgestellt?“ Fragen Saltatio Mortis gleich beim Eröffnungstrack Wo sind die Clowns? und ja, ein bisschen mehr Spaß und Freude statt Lästereien und Schreckensmeldungen würde dem Blätterwald und uns Menschen manchmal durchaus gut tun. Es geht aber vor allem um eines der fundamentalen Probleme unserer Zeit: Alle funktionieren nur noch, Produktivität ist das höchste Gut, wer hat da schon noch Zeit, sich mal einfach im positiven Sinne etwas gehen zu lassen und einfach nur Spaß zu haben? Selbst Freizeitaktivitäten oder das private Surfen im Internet werden katalogisiert, es geht nicht um das, was man dabei empfindet oder erleben kann, sondern um Likes, Shares und die Klickquote, Sucht ähnliches „Abarbeiten“ statt Freude am Leben. In eine ähnliche Kerbe schlägt später auch Wir sind Papst („wir können alles, außer leben, denn unbeschwert, das sind wir nie“), quasi die neue Deutschland-Hymne in der praktischen Fußball-Mitgröhl-Verpackung. Schon früh wird also wieder deutlich: Saltatio Mortis sind zwar Spielleute, aber prangern auch stets Missstände in der Gesellschaft an. Wie kaum eine andere Band in der Szene wissen Sie genau zu beobachten und das Ganze dann in verständliche Worte zu fassen. Saltatio Mortis setzen vor allem auf der ersten Hälfte von Zirkus Zeitgeist den zuvor eingeschlagenen Weg weiter fort und werden von Album zu Album immer politischer und deutlicher. Dass das nicht jedem gefällt, planen die Spielleute auch gleich mit ein, thematisieren offen gegen sie selbst geäußerte Vorwürfe und versprechen jedoch zur gleichen Zeit, an ihrer straighten Linie festzuhalten (Geradeaus). Und auch sonst sind ihre Themen auf Zirkus Zeitgeist vielschichtig: Da bekommt die Kommerzialisierung der Weihnachtszeit (Willkommen in der Weihnachtszeit) genauso ihr Fett weg, wie die Teilnahmslosigkeit der Bürger bei wichtigen Fragen (Augen Zu). Oberflächlichkeit und Bedeutungslosigkeit wohin man sieht und dass das mittelfristig auch durchaus gravierende Konsequenzen nach sich ziehen kann, unterstreicht die Band durch die Verwendung einer ähnlichen Melodie wie beim verbotenen nationalistischen „Horst-Wessels-Lied“. Und auch vor dem schwierigen und zugleich hoffnungslosen Thema Krieg und dem leider oft billigend hingenommenen Verheizen junger Soldaten für eine fragwürdige Sache (Nachts weinen die Soldaten) machen Saltatio Mortis ebenso wenig Halt wie vor religiös beeinflussten Themen (Maria) oder der gerade wieder höchstaktuellen Nationalstolz- und Rassismus-Problematik (Wir Sind Papst).
Musikalisch geht es ebenfalls wieder durchaus abwechslungsreich zu, neben Mid-Tempo-Tracks gibt es auch sowohl ein paar Balladen (Abschiedsmelodie, Nachts weinen die Soldaten) als auch flottere Stücke wie Vermessung des Glücks oder Rattenfänger, es ist für jeden etwas dabei und natürlich sind Saltatio Mortis dank ihrer eingängigen Melodien nicht nur für Fans der Mittelaltermusik interessant, denn sie haben –zumindest was ihre regulären Alben der letzten Jahre angeht- längst ihren eigenen Stil entwickelt, der Rockmusik viel näher steht als dem üblichen Treiben auf einem Mittelaltermarkt.

Saltatio Mortis ist mit Zirkus Zeitgeist ein Album gelungen, das die Gratwanderung zwischen Systemkritik und Spaß an der Musik nahezu perfekt umsetzt und sicher viele zum Feiern und Nachdenken zugleich anregen dürfte.

Tracklist
01. Wo sind die Clowns
02. Willkommen in der Weihnachtszeit
03. Nachts weinen die Soldaten
04. Des Bänkers neue Kleider
05. Maria
06. Wir sind Papst
07. Augen zu
08. Geradeaus
09. Erinnerung
10. Trinklied
11. Rattenfänger
12. Todesengel
13. Vermessung des Glücks
14. Abschiedsmelodie

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