ARCHIVE (mit Axiom Film) – Köln, E-Werk (06.03.2015)

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Ein kleines, aber wichtiges GestĂ€ndnis zum Anfang: Ich bin bei Archive nicht objektiv. FĂŒr mich gehören Archive zu den besten Bands, die ich jemals live hören und sehen durfte. Das heißt, ich besuche nach Möglichkeit jede Tour und auf jeder Tour wĂŒrde ich gerne mehrere Konzerte sehen. Leider ist dies nicht immer möglich und auch auf dieser Tour konnte ich wegen zeitlicher Unvereinbarkeit nur das Konzert in Köln besuchen. Bereits im Vorfeld wurde angekĂŒndigt, dass es statt Vorband dieses Jahr den ungefĂ€hr 40minĂŒtigen Film Axiom geben wĂŒrde. Ein Projekt, welches die Band im vorigen Jahr fertig gestellt hat, ein Film zur Musik von Archive, ein Film, der Ideen aus der Welt von Archive visuell umsetzt. Meiner Meinung nach ist dabei leider nur ein ziemlich langer Videoclip entstanden, denn weder die Musik kann vollstĂ€ndig ĂŒberzeugen, noch ist Film an sich sonderlich originell. Daher war es vielleicht auch nicht die beste Idee, Axiom, als Vorfilm zu zeigen. Die wenigsten Zuschauer waren aufmerksam genug, die Leinwand eh nicht groß genug, Bild und Ton dazu noch leicht versetzt, ein Experiment, dass in meinen Augen nicht ĂŒberzeugte. Aber das alles spielte ab 21 Uhr keine Rolle mehr. Die Halle hatte sich gut gefĂŒllt, die Erwartungen an Archive waren groß und wurden auch dieses Mal nicht enttĂ€uscht.

Ein kurzes PlÀdoyer und einige sachdienliche Beweise, warum Archive wahrscheinlich die beste Band der Welt sind:
Archive verbindet elektronische Elemente mit „richtigen“ Instrumenten. Wurde Archive Anfang der Neunziger noch in die Schublade mit dem dicken Aufkleber Trip-Hop gesteckt, es war ja auch die große Zeit von Portishead, Tricky, den Sneaker Pimps und Massive Attack, so wurde im Laufe der Jahre doch deutlich, dass die Schublade nicht mal ansatzweise passte. Beziehungsweise war die Schublade einfach zu eng, zu klein, fĂŒr das, was die beiden kreativen Köpfe Darius Keeler und Danny Griffiths schaffen wollten.

Archive lebt und hat in Form von Darius gar ein pumpendes Herz, wie er an seinen Keyboards steht und seine Mitstreiter immer wieder anfeuert, dirigiert, eine Faust in der Luft, eine Hand an den Tasten, ein wildes Herz am linken BĂŒhnenrand. Zum Ausgleich sitzt auf der rechten Seite Danny Griffiths, ruhig an seinem Keyboard, das Yin zu DariusÂŽ Yang. Angetrieben wird Archive von Smiley, lĂ€chelnd, essend, lachend, scherzend an seinem Schlagzeug. Zusammen mit Steve Davis am Bass bildet er ein sehr festes, dabei ausgesprochen prĂ€zises Fundament, auf dem der Rest der Band sich austoben kann. Ein weiterer Held aus der zweiten Reihe, und der dritte Musiker im Schatten, ist Steve Harris an der Gitarre. Stand er auf der letzten Tour noch öfter im Vordergrund, beschrĂ€nkte er sich diesmal auf einen Platz im hinteren Bereich der BĂŒhne.

Das Gesicht, die Stimme, das Interface von Archive sind, auf dieser Tour, Holly Martin, seit 2012 als SÀngerin dabei, Dave Pen und Pollard Berrier. Auch hier liegt die Kraft von Archive in der Möglichkeit, die Stimmung und Stimme von Song zu Song zu variieren.

Dave Pen, kraftvoll, beinahe rockig, ihm gehörte der Opener Feel it vom neuen Album. Er bewegt sich immer so ĂŒber die BĂŒhne, als wĂŒsste er nicht wohin mit seinen langen Armen und Beinen. Immer in Bewegung, fast etwas spinnenartig lehnt er ĂŒber seinem Mikrofon, bearbeitet die Trommeln oder greift auch mal zur Gitarre. Pollard Berrier ist hier der ruhige Pol, weniger rockig, aber nicht weniger intensiv, die Augen geschlossen; sein erster großer Auftritt ist das fantastische Dangervisit. Pollard bleibt fast den ganzen Abend ĂŒber auf der BĂŒhne, wenn er nicht singt, dann spielt er die Gitarre. Und wie Dave Pen ist auch Pollard ein exzellenter Musiker, der sich das Instrument nicht aus Eitelkeit oder als Requisit umhĂ€ngt, sondern tatsĂ€chlich darauf spielt.
Und dann ist da natĂŒrlich Holly Martin, in diesem Jahr die einzige weibliche Stimme bei Archive. Sie wirkt immer etwas verloren. Wie ein Kind, das eigentlich nur singen möchte und ganz ĂŒberrascht ist, woher die ganzen Leute im Publikum kommen und dass diese Leute sie hören wollen. Ihr erster Song ist Kid Corner, ebenfalls vom neuen Album Restriction, direkt gefolgt von You make me feel, bei dem dieses Mal Pollard (statt Maria Q, die in diesem Jahr nicht dabei ist) die zweite Stimme ĂŒbernimmt.

So bekommt jeder der SĂ€nger seinen Raum, den er fĂŒllen kann. All das fĂŒhrt dazu, dass ein Konzert von Archive nur selten langweilig wird. Stimmungen wechseln sich noch viel mehr ab, als dies bei anderen Bands der Fall ist.
Und dann sind da die Songs, die trotz ihrer KomplexitĂ€t live gespielt werden wollen. An die Stelle von Soli treten bei Archive rhythmische Spannungsmomente, die Spannung baut sich schichtweise auf, um sich dann, oft nach einem rhythmischen Break, zu entladen. Ein Effekt der dafĂŒr sorgt, dass selbst der hĂŒftsteifste Besucher irgendwann den Drang in sich verspĂŒrt, der Musik nachzugeben und sich zu bewegen.

Überhaupt, die Konzerte von Archive werden immer voller, trotz der Tatsache, dass Archive auf dem hauseigenen Label erscheinen, keine Hits in den Charts haben und „Musik zum Mitdenken“ machen
 Vielleicht eine subjektive Beobachtung, aber beim letzten Konzert im Kölner E-Werk war es möglich, locker vor der BĂŒhne zu stehen und sich die Band anzuschauen. Dieses Mal war es dann doch schon um einiges enger vor der BĂŒhne, insgesamt eine sehr erfreuliche Entwicklung, bedeutet es doch nichts weniger, als dass QualitĂ€t sich durchsetzen kann. Besondere Höhepunkte waren unter anderem der tolle Doppelpack von With us until weÂŽre dead, bestehend aus Conflict und Violently, das perfekte Paar, direkt gefolgt vom sagenhaften End of our days


Es gab leider nur eine Zugabe, aber die hatte es in sich. Eine schier endlose Version von Lights, hypnotisch, magisch, kraftvoll. Das gesamte Konzert dauerte an diesem Abend fast zwei Stunden, dazu kann noch der Vorfilm, ein langer, ein spannender, ein toller Abend im Kölner E-Werk.
Am Ende stand der Dank von der BĂŒhne, der Applaus des zufriedenen Publikums und die Erkenntnis, dass ich wieder mal mehrere Konzerte hĂ€tte besuchen wollen
 Dann halt im nĂ€chsten Jahr, auf der nĂ€chsten Tour,

Setlist ARCHIVE:
01. Feel It
02. Kid Corner
03. You Make Me Feel
04. Dangervisit
05. Black And Blue
06. Sleep
07. Blood in Numbers
08. Bullets
09. Ruination
10. Crushed
11. Conflict
12. Violently
13. End of Our Days
14. Third Quarter Storm
15. Ride in Squares
16. Bridge Scene
17. Ladders
18. Numb
19. Lights (Z)

Bilder des Konzerts befinden sich in unserer Konzertfotos-Sektion (Bildkommentare sind durch Anklicken der Sprechblase möglich) oder direkt durch Anklicken der Fotos bzw. Galerieverweise.

Fotos: Michael Gamon