PHILLIP BOA & THE VOODOOCLUB – Köln, Essigfabrik (15.11.2014)

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Das Schönste an der Essigfabrik, zumindest fĂŒr mich, ist ja, dass sie ĂŒberhaupt nicht nach Essig riecht. Nun ja, ein vielleicht etwas alberner Einstieg, aber auch der will gemacht werden. Als Location fĂŒr Konzerte ist die Essigfabrik nĂ€mlich lediglich guter Durchschnitt in Köln, da gibt es wesentlich schönere Etablissements. Das konnte aber das Kölner Publikum nicht davon abhalten, in Scharen zum Konzert von Phillip Boa und seinem Voodooclub zu strömen. Anlass der Tour war ein neues, durchaus viel beachtetes Album, Bleach House und die damit einhergehende Vorstellung des neuen Materials. Das Publikum auf Konzerten von Phillip Boa ist ja etwas Besonderes. Mit einem Konzertbesuch ist es da nicht getan. Viele Besucher pilgerten schon seit den Achtzigern zu den Auftritten des Lieblings der deutschen Musikpresse und Enfant Terrible zugleich. LegendĂ€r die Zeiten, in denen Boa von seinem Publikum mit rhythmischen „Arschloch, Arschloch“-Sprechchören gefeiert wurde, wunderbar dokumentiert auf Live! Exile from Valletta Street. Diese Zeiten sind vorbei, aber ein Großteil des Publikums wird sich erinnern, denn ein Großteil war damals schon dabei. Einmal Boa, immer Boa.

Und bei diesem großartigen Publikum möchte ich mich an dieser Stelle dann auch gleich im Namen der Vorband entschuldigen. Es war rĂŒcksichtslos, dieses Familientreffen so plötzlich gegen 20 Uhr mit folkiger Gitarrenmusik zu unterbrechen. Thisell nennen sich die Ruhestörer, kommen aus Schweden und wurden fĂŒr dieses Konzert in Köln als Opener verpflichtet. Zugegeben, zwei sympathische Musiker, mit einer akustischen und einer elektrischen Gitarre bewaffnet und ruhigen Songs aus den schwedischen WĂ€ldern im GepĂ€ck, waren nicht unbedingt die beste Wahl, fĂŒr ein Publikum mit eindeutig verteilten Interessen und Sympathien. Gut also, dass sich kaum jemand beim Plausch mit seinem Nachbarn stören ließ und einfach etwas lauter geredet wurde. Dabei hĂ€tte sich das Zuhören unter UmstĂ€nden lohnen können, Thisell gaben ihr Bestes, aber an dem Abend an diesem Ort, sollte es nicht reichen. An dieser Stelle möchte ich mich dann im Namen des Publikums bei Thisell entschuldigen, better luck next time, guys!

Nach der obligatorischen Umbaupause war es endlich soweit, der Meister bat zur Messe. Es hatte ja eine wichtige VerĂ€nderung in der Band gegeben, Boas langjĂ€hrige BĂŒhnen- und zeitweilige Lebenspartnerin Pia Lund hatte sich aus der Band verabschiedet, da sie ein Leben auf Tour nicht mehr fĂŒr altersgerecht hielt. Stattdessen stand nun also Pris, nicht neben, aber schrĂ€g hinter Herrn Boa auf der BĂŒhne. Und es ging direkt richtig los, mit Kill the Future vom neuen Album. Das Schönste an Phillip Boa ist ja das große Selbstbewusstsein, die SelbstverstĂ€ndlichkeit, mit der er alte und neue Songs in seinem Set mischt. WĂ€hrend viele Musiker ja gerne ihr neues Material vorstellen möchten, auf das sie ja so unglaublich stolz sind und dabei dann gerne auf die Hits verzichten, die man ja schon so oft gehört und gespielt hat, ist sich Phillip Boa seines imposanten Back-Katalogs bewusst und gibt der anwesenden Familie, was sie braucht. Und so war es dann auch spĂ€testens beim zweiten Song um meine journalistische Distanz geschehen. Annie Flies The Love Bomber mit VerstĂ€rkung alles anwesenden GĂ€ste, das hatte schon was. Und so ging es fröhlich weiter, Das fantastische The One Who Howls At The Moon vom neuen Album, eine sehr zurĂŒckgenommene Version von Fine Art In Silver, selbst Perlen wie Deep In Velvet
 Und so werden dann nĂ€mlich auch aus den neuen Songs Klassiker, ein Status den zum Beispiel When The Wall Of Voodoo Breaks vom letzten Loyalty bereits erreicht hat, wenn man die Publikumsreaktionen richtig deutet. Überhaupt, textsicher waren wir ja alle, begeistert sowieso, und trotzdem machte es richtig Freude, die Begeisterung zu erleben, vor und auch auf der BĂŒhne. Phillip Boa wirkte geradezu jugendlich, der Funke sprang im Prinzip schon beim Betreten der BĂŒhne ĂŒber und verlosch ĂŒber den gesamten Abend nicht. Wie auch bei der Setlist, die gespickt war mit Hits aus drei Jahrzehnten, die dabei aber nie alt oder nach Nostalgie klangen. Phillip Boa ist sein eigenes Genre, seine Musik unterlag nie einer Mode, war nie zeitgemĂ€ĂŸ, daher ist ihr Reiz auch zeitlos und ungebrochen.

Der Voodooclub spielte sich die Seele aus dem Leib, Pris entpuppt sich als mehr als ebenbĂŒrtiger Ersatz fĂŒr Pia, die Akustik passte und die Essigfabrik war an diesem Abend ein passender Veranstaltungsort (der nicht nach Essig roch). Und das ist viel wert


Phillip Boa gehört immer noch zu den besten und interessantesten deutschen Musikern und seine Konzerte gehören fĂŒr mich persönlich, zum Besten, was ich in diesem Jahr sehen, hören und erleben durfte.

Setlist PHILLIP BOA & THE VOODOOCLUB:
01. Kill the Future
02. Annie Flies the Love Bomber
03. The One Who Howls at the Moon
04. Fine Art in Silver
05. I Dedicate My Soul to You
06. Ueberblendung
07. Deep in Velvet
08. Til the Day We Are Both Forgotten
09. Bleach House
10. Love on Sale
11. Icons of Anarchy
12. This Is Michael
13. Chronicles of the Heartbroken
14. Atlantic Claire
15. Diana
16. Are You the One From Heaven
17. Container Love
18. Baby Please Go Home (Z)
19. Albert is a headbanger (Z)
20. When the Wall of Voodoo Breaks (Z)
21. And Then She Kissed Her (Z)
22. Molly’s Lips (ZZ)
23. Standing Blinded on the Rooftops (ZZ)
24. Kill Your Ideals (ZZ)

Phillip Boa & The Voodooclub:

Thisell:

Fotos: Jan Focken

Geschrieben von
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