NICK CAVE & THE BAD SEEDS – DĂŒsseldorf, MEH (12.11.2013)

Geschätzte Lesezeit: 4 Minute(n)

Er ist wieder da und besser als je zuvor! Nick Cave ist mit seinen Bad Seeds auf Deutschland- und Europatour und das versprach bereits im Vorfeld ein kĂŒnstlerischer Hochgenuss zu werden. Doch bevor der Großmeister sich die Ehre gibt, obliegt es seinem Support Shilpa Ray, uns in die richtige Stimmung zu versetzen. Und das macht die Shilpa Ray and her Happy Hookers Frontfrau auch solo sehr gut. Alle Augen sind alleine auf sie gerichtet, als sie kurz vor 20 Uhr die BĂŒhne betritt und ihren Platz hinter ihrem einzigen Instrument des Abends einnimmt, einem Indian Harmonium. Ihre bluesige Stimme hallt durch die gesamte Halle, ein wirklich starkes Organ, das sie selbst perfekt mit dem Song Oh My Northern Soul beschreibt. Sie wirkt im hellen Lichtkegel auf der BĂŒhne wie eine gezĂ€hmte Ausgabe von Dresden Dolls‘ Amanda Palmer, die jederzeit auszubrechen droht. Neben den dĂŒsteren Molltönen des Harmoniums sorgen auch die Texte von Songs wie Nocturnal Emissions fĂŒr das gewisse verruchte Etwas und begleiten uns fĂŒr knapp 35 Minuten bevor das Feld fĂŒr diejenigen bereitet ist, auf die heute alle warten: Nick Cave & The Bad Seeds!

Mit lautem Jubel werden die Mannen um den australischen Charismatiker begrĂŒĂŸt und legen mit We No Who U R noch recht verhalten, aber schon beeindruckend los. Gleich nach diesem ersten Song kommt Nick seinen Fans ganz nah und klettert kurzzeitig auf die Balustrade zum Zuschauerraum, bevor Jubilee Street angestimmt wird und am Ende furios ausklingt. Bedrohlich klingt der tiefschwarze Bass nun bei Tupelo und die krĂ€ftigen DrumschlĂ€ge bohren sich in unsere Körper. LĂ€ngst ist auch klar, dass Nicks Stimme in Topform ist und uns tief im Innersten packt. Versuche dieser Invasion zu entkommen sind zwecklos, wozu auch die stets perfekte Lichtuntermalung beitrĂ€gt. Immer wieder beugt er sich ĂŒber seine JĂŒnger, die ihre HĂ€nde dem Meister entgegenrecken, ihn anbeten und stĂŒtzen. Alles wirkt geradezu magisch und damit dieses GefĂŒhl niemals nachlĂ€sst, wird das Niveau hochgehalten, denn nun folgt jener Track, dessen unnachahmliche AtmosphĂ€re bereits unzĂ€hlige (Horror-) Filme so schauerlich schön untermalte: Red Right Hand. Hier können sich die Bad Seeds dann auch zeitweise vollends austoben, nicht zum letzten Mal an diesem Abend. Nick quittiert die Stimmung mit einem „Danke schön“ in perfektem Deutsch, was wir nur unererseits dankbar zurĂŒckgeben können.

Auch wenn von den GrĂŒndungsmitgliedern nach dem Ausstieg von Mick Harvey 2009 endgĂŒltig nur noch Nick Cave selbst dabei ist, kann er sich auf seine Band durch und durch verlassen, denn auch die Bad Seeds 2013 sind eine Ansammlung begnadeter Musiker, allen voran natĂŒrlich Multiinstrumentalist Warren Ellis, mit dem Cave auch bereits diverse Filmscores komponiert hat und der folgerichtig heute auf der BĂŒhne auch gesondert vorstellt wird. Nick Cave selbst ist Ă€ußerst publikumsnah, interagiert sehr viel und erwidert Liebesbekundungen mit einem charmanten „I love you too“. Und auch bei seinen Texte improvisiert er gekonnt und schafft es sogar Miley Cyrus darinmit einzubinden.

Das Hauptaugenmerk liegt bei der Push The Sky Away-Tour natĂŒrlich auf dem neuen Album, von dem immerhin 6 der 9 Tracks gespielt wurden. Und auch wenn man auf Tracks des The Good Son-Albums leider komplett verzichten muss, gehört doch so mancher Klassiker und auch die ein oder andere versteckte Perlen der Vergangenheit zum Set. Die Band beeindruckt dabei sowohl bei den etwas lauteren, als auch bei den vielen leisen Momenten, bei denen Nicks Stimme natĂŒrlich noch klarer zur Geltung kommt. FĂŒr die passende instrumentale Begleitung sorgt er beizeiten sogar wie bei God is in the House oder Watching Alice am Piano selbst und lĂ€dt zum TrĂ€umen ein.

Die Schlussphase leitet das Ă€ußerst mitreißende The Mercy Seat ein, ganz sicher fĂŒr viele ein absolutes Highlight, das zu Recht mit viel Beifall bedacht wird. Hier entlĂ€dt sich scheinbar all die Spannung, die sich zuvor im Publikum aufgestaut hatte, als viele eher andĂ€chtig lauschten und wie pahypnotisiert der Darbietung folgten, statt auszurasten. Stagger Lee scheint den Anwesenden dann wieder etwas Ruhe zu gönnen, doch immer stĂ€rker und dichter baut sich die AtmosphĂ€re des Songs auf, der am Ende fast Albtraumartige AuswĂŒchse offenbart. Da kommt das blau untermalte Push The Sky Away als letzter Song des Mainsets zur Beruhigung gerade recht. Doch falls die Band dachte, dass sie sich danach klammheimlich wegstehlen kann, so hat sie die Rechnung ohne den Wirt das Publikum gemacht. Nachdem sich Cave und seine Bad Seeds recht lange bitten lassen, werden die ZugabewĂŒnsche immer lauter und nachdrĂŒcklicher bekundet und die Halle droht kurz zu zerbersten. Die Zuschauer wollen mehr und sollen das auch dank tosendem Applaus bekommen! Wieder ist es -dieses Mal bei We Real Cool– jener bedrohliche Bass der uns sofort tief in die Welt der Bad Seeds aufnimmt, bevor es mit Papa Won’t Leave You Henry richtig tanzbar wird. FĂŒr den Abschluss sorgt danach mit der Ballade Give Us A Kiss ein ganz neuer Song, der noch einmal alle melancholischen StĂ€rken der KĂŒnstler offenbart.

Einziger Wehrmutstropfen eines ansonsten perfekten Abends war, dass natĂŒrlich einige weitere Klassiker fehlten und man sogar mit Do You Love Me, Jack The Ripper und Deanna auf drei tolle Songs im Vergleich zum Konzert in Hamburg am Sonntag verzichten musste. Aber bei solch tollen Musikern, einer derart dichten AtmosphĂ€re mit stimmungsvollem Licht und einem so großartigen SĂ€nger mag man bei immerhin zwei vollen Stunden Spielzeit nun wirklich nicht meckern!

Setlist Nick Cave & The Bad Seeds:
01. We No Who U R
02. Jubilee Street
03. Tupelo
04. Red Right Hand
05. Mermaids
06. From Her To Eternity
07. West Country Girl
08. God Is In The House
09. Watching Alice
10. Into My Arms
11. Higgs Boson Blues
12. The Mercy Seat
13. Stagger Lee
14. Push The Sky Away
15. We Real Cool (Z)
16. Papa Won’t Leave You, Henry (Z)
17. Give Us A Kiss (Z)

Autor: Michael Gamon

Geschrieben von
Mehr von Sparklingphotos.de

TORUL & EGOAMP – Oberhausen, Kulttempel (11.10.2015)

EGOamp wurde von Asmodi Caligari und Cesare Insomnia gegrĂŒndet. Das Projekt wird...
Weiterlesen