STEVEN WILSON – Dortmund, FZW (13.05.2012)

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"Imagine your football team has just won a big trophy", sagt der schm├Ąchtige Nerd mit den str├Ąhnigen Haaren und den nackten F├╝├čen irgendwann im Laufe des Abends mit einem Augenzwinkern. Angesichts der schwarzgelben Massen, die zeitgleich rund um das FZW bierselig feiern – und freundlicherweise die Anfahrtswege freigehalten haben – kann sich das in der gut gef├╝llten Halle sicher jeder gut vorstellen.

Doch kann man sich auch vorstellen, dass sich aus dem Trommler von Nena und den H-Blockx, dem Bassisten von Kajagoogoo und Kim Wilde und einem relativ unbekannten Gitarristen, der auf zahllosen YouTube-Videos nervige Skalen dudelt, eine gro├če Band formen l├Ąsst? Steven Wilson ist auf seiner ersten Solotour genau das eindrucksvoll gelungen, denn Marco Minnemann (dr), Nick Beggs (b, voc) und Niko Tsonev (git) bilden zusammen mit Keyboarder Adam Holzman (Miles Davis Band) und dem Holzbl├Ąser Theo Travis (David Sylvian, Robert Fripp) das perfekte R├╝ckgrat f├╝r Wilsons Kompositionen, die ├╝berwiegend vom aktuellen Album Grace for Drowning stammen.

An Evening with Steven Wilson verhei├čt die Aufschrift auf dem Ticket, was den Verzicht auf nervende Vorbands bedeuten soll. Die Geduld derer, die p├╝nktlich um 19 Uhr eintreffen, wird dennoch auf eine harte Probe gestellt. Volle 90 Minuten wabern die Kl├Ąnge von Wilsons Ambient/Drone-Projekt Bass Communion durch den Saal, w├Ąhrend ein transparenter Vorhang vor der B├╝hne mit ruhigen Filmsequenzen von Lasse Hoile beschienen wird.

Der Vorhang trennt auch noch die B├╝hne vom Publikum, als Minnemann hinter sein Drumkit klettert und zun├Ąchst alleine No Twilight Within the Courts of the Sun vom Deb├╝talbum Insurgentes anstimmt. Der Rest der Band steigt nach und nach ein, und im ausgedehnten jazzigen Intro wird bereits deutlich, dass Travis, der im Laufe des Abends das gesamte Spektrum von Fl├Âte ├╝ber Klarinette bis zum Saxophon bedienen wird, auch den "alten" Songs wunderbare neue Facetten gibt. Schlie├člich betritt der Meister unter gro├čem Jubel die B├╝hne und der 11-min├╝tige Opener endet im Wechselspiel aus heftigen Gitarreneruptionen und sanften Gesangspassagen. Es folgen die eing├Ąngigeren, k├╝rzeren Songs von Grace for Drowning. Klassische Songstrukturen treffen auf zuckers├╝├če Melodien; eine gro├če St├Ąrke Wilsons ist, dass es ihm gelingt, solch ruhige Nummern nicht kitschig klingen zu lassen.

Zum Finale des wuchtigen Instrumentals Sectarian, in dessen Mittelteil wieder hemmungslos gejazzt werden darf, f├Ąllt dann endlich der Vorhang, was beim Zuschauer den interessanten Eindruck bewirkt, jetzt endlich alles in HD zu sehen. Mit Remainder the Black Dog steht dann auch schon der erste der beiden Longtracks des aktuellen Albums auf der Setlist. Sp├Ątestens jetzt ist klar, dass die Band warmgespielt ist und im weiteren Verlauf des Abends keine Gefangenen gemacht werden. Nach der Achterbahnfahrt aus Prog, Jazz, Metal, Kakophonie und ruhigen Piano-, Gesangs- und Klarinettenpassagen sinkt man ersch├Âpft zur├╝ck und fragt sich, was einen da soeben ├╝berrollt hat.

Im Vergleich zum ersten Teil der Tour im vergangenen Herbst zeichnen sich die Musiker durch noch mehr Spielfreude und Improvisationen aus. Vor allem die Rhythmusgruppe ├╝berzeugt durch druckvolles Spiel und hohe Virtuosit├Ąt. Der wirklich gute, sehr differenzierte Sound im FZW sorgt ebenfalls f├╝r ein nahezu ungetr├╝btes H├Ârerlebnis. Lediglich Tsonev, nach Aziz Ibrahim und John Wesley bereits der dritte Gitarrist auf dieser Tour, spielt nicht ganz auf dem Niveau der restlichen Band. Das wirklich nicht sonderlich anspruchsvolle Intro von Harmony Korine klingt bei ihm jedenfalls irgendwie nach Sch├╝lerband.

Wilson wechselt -gerne auch mehrfach in einem Song- st├Ąndig zwischen der Rolle des Gitarristen, Keyboarders und Dirigenten. Er ist beseelt von der Musik und offensichtlich genauso angetan von der Qualit├Ąt seiner Musiker wie sein Publikum.

Die Ansage zum bisher unver├Âffentlichten St├╝ck Luminol sorgt leider daf├╝r, dass die seit Monaten schwelenden Aufl├Âsungsger├╝chte um Wilsons Hauptband Porcupine Tree verst├Ąrkt werden. Er erz├Ąhlt, wie er auf der Tour mit den Musikern zu einer echten Band zusammengewachsen ist, die auch in Zukunft bestehen soll und f├╝r die er bereits neue St├╝cke schreibt. Sein n├Ąchstes Projekt ist demnach sein drittes Soloalbum, welches Luminol enthalten wird.
Das neue St├╝ck entpuppt sich als eindrucksvolles Klanggewitter, das scheinbar nach dem Prog-Lehrbuch geschrieben wurde. Es wirkt insofern untypisch f├╝r Wilson, da bei seinen Kompositionen trotz der Komplexit├Ąt eigentlich immer das ├╝berragende Songwriting im Vordergrund steht. Bei Luminol tritt es dagegen weitestgehend zur├╝ck hinter eine Aneinanderreihung abgedrehter Parts, die haupts├Ąchlich der Profilierung der einzelnen Musiker dienen.

Den Abschluss des zweist├╝ndigen Konzerts bildet das 24-min├╝tige Herzst├╝ck von Grace for Drowning Raider II. Hier werden nochmals s├Ąmtliche Register gezogen, alle denkbaren musikalischen Genres durchschritten und unverbl├╝mt den Proghelden der 70er -allen voran King Crimson- gehuldigt.
Als Zugabe gibt es Get All You Deserve, das sehr fragil beginnt und – nachdem Mr. Wilson kurz die B├╝hne verlassen hat, um sich eine alberne Gasmaske aufzusetzen – in einer Noise-Orgie endet. Sehr sympathisch ist die gewohnt dem├╝tige Verabschiedung der Band vom restlos begeisterten Publikum.

Fazit: ein denkw├╝rdiger Abend f├╝r Dortmund, das an jenem Sonntag gleich zwei Meisterfeiern miterleben durfte. Ein derart atmosph├Ąrisch dichtes Konzert, bei dem keine Sekunde Langeweile aufkommt, mit der richtigen Mischung aus musikalischer Perfektion, Improvisation und Spielfreude erlebt man selten.

Sollte Porcupine Tree tats├Ąchlich Geschichte sein, bleibt als Trost, dass es mit dieser grandiosen Band definitiv weitergeht.

Setlist:
01. No Twilight Within the Courts of the Sun (Insurgentes)
02. Index (Grace for Drowning)
03. Deform to Form a Star (Grace for Drowning)
04. Sectarian (Grace for Drowning)
05. Postcard (Grace for Drowning)
06. Remainder the Black Dog (Grace for Drowning)
07. Harmony Korine (Insurgentes)
08. Abandoner (Insurgentes)
09. Insurgentes (Insurgentes)
10. Luminol (unver├Âffentlicht)
11. No Part of Me (Grace for Drowning)
12. Raider II (Grace for Drowning)
13. Get All You Deserve (Insurgentes) (Z)

Autor: Christian Galle
Fotos: Daniela Vorndran (www.black-cat-net.de)

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